„hauptstat unsers Landes ze Beyrn“

Straubing unter den Herzögen von Bayern-Straubing-Holland

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

Tulpen, Käse, Windmühlen, Meer und Grachten – Brezen, Leberkäs, Wald, Fluss und Gäu: Ungefähr 800 Kilometer liegen zwischen den Niederlanden und Niederbayern. Auf den ersten Blick haben die beiden Landschaften nicht viel gemeinsam. Und doch kann man in der Kirche St. Jakob in Straubing einem Mann in holländisch-burgundischer Mode begegnen, auf der gotischen Grabplatte des Kaufmanns Ulrich Kastenmayr. Umgekehrt grüßen zum Beispiel in der Oude Kerk von Delft die vertrauten weißblauen Rauten aus den Kirchenfenstern. Fast 75 Jahre lang, von 1353 bis 1425, gingen die heute niederländischen Provinzen Nord- und Südholland, Seeland und Friesland, das belgisch-französische Hennegau und ein Teil Niederbayerns ein Stück des Wegs gemeinsam: im „Herzogtum Bayern-Straubing-Holland“.

 

Entstehung des Herzogtums

 

Wie kam diese ungewöhnliche Verbindung zwischen Nord und Süd im mittelalterlichen Europa zustande? Ludwig IV., römischer Kaiser, deutscher König und wittelsbachischer Bayernherzog, betrieb eine energische Hausmachtpolitik. So wurden unter seiner Herrschaft die Mark Brandenburg und die Grafschaft Tirol wittelsbachisch. Als im September 1345 Wilhelm IV., der letzte Graf von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, starb, griff Kaiser Ludwig auch hier zu. Er hatte in zweiter Ehe Margaretha, die älteste Schwester Wilhelms, geheiratet. Sie erbte nun nicht nur Hennegau, ein Lehen des Bistums Lüttich, sondern ihr Mann übertrug ihr auch die Reichslehen Holland, Seeland und Friesland. Nach dem Tod Ludwigs kam es 1349 unter seinen sechs Söhnen zur zweiten großen bayerischen Landesteilung. Ludwig V. wurde zusammen mit Ludwig VI. und Otto V. Oberbayern, Brandenburg und Tirol zugesprochen. Stephan II., Wilhelm I. und Albrecht I. erhielten Niederbayern.

Bereits am 3. Juni 1353 teilten diese drei aber im Regensburger Vertrag „ir land, ir lewt, pirg, stet und gemainleichen all ir gült, die zu dem Nidern Bayern gehoren“ unter sich auf. Stephan wurde Herrscher im südwestlichen Teil Niederbayerns mit Landshut als Residenzstadt. Den nordöstlichen Teil Niederbayerns mit Straubing als Zentrum bekamen seine Halbbrüder Wilhelm und Albrecht, die zudem als Erben der mütterlichen Länder Hennegau, Holland, Seeland und Friesland galten. Das Herzogtum „Niederbayern-Straubing-Holland“ beziehungsweise „Bayern-Straubing-Holland“ war begründet.

Das neue Herzogtum war ein zersplittertes Territorium. Es bestand im Norden aus dem agrarisch bestimmten Hennegau und den Küstengrafschaften Holland und Seeland, deren Aufstieg zu einer See- und Handelsmacht sich gerade anbahnte. Hier lagen aufstrebende Städte wie Amsterdam, Delft, Rotterdam, Gouda, Haarlem, Dordrecht, Leiden oder Middelburg. Dazu kam noch die Herrschaft (West)Friesland.

Der bayerische Teil des neuen Herzogtums zog sich an der Donau entlang von Kelheim, Straubing nach Vilshofen und Schärding, umspannte den Bayerischen Wald (Cham, Furth im Wald, Kötzting, Viechtach, Regen) und dehnte sich nach Simbach, Landau an der Isar, Dingolfing und Langquaid aus. Zum Herzogtum gehörten auch der Herzogshof, die Münze und die Juden zu Regensburg. Es war ein überwiegend fruchtbares Bauernland, durch das sich wichtige Verkehrs- und Handelswege zogen.

Wilhelm und Albrecht regierten zwar gemeinsam, teilten sich die Arbeit aber gewissermaßen auf: Wilhelm konzentrierte sich auf den Norden, was auch seine Heirat mit der englischen Königsnichte Mechteld von Lancaster unterstrich, und überließ seinem jüngeren Bruder Albrecht die Regentschaft in Niederbayern. Albrecht richtete sich auf die Herrschaft in Niederbayern ein, etablierte sich nach anfänglichen Differenzen mit Adligen und Bürgern. Und er begann Straubing zur herzoglichen Residenz auszubauen.

 

Entwicklung im Norden

 

Albrechts Zeit in Straubing endete aber unerwartet rasch. Denn 1357 wurde Wilhelm infolge eines Schlaganfalls regierungsunfähig. Die Stände Hennegaus und Hollands riefen seinen Bruder Albrecht als Statthalter und „Ruuward“ (Ruhewahrer) in ihr Land. Albrecht vertauschte die Straubinger Residenz konsequent mit dem Norden, der ihm wohl eine politisch und wirtschaftlich bedeutsamere Zukunft zu bieten schien. Er wurde „Regent in einem Wespennest“, in dem nicht nur aufsässige Friesen für Ärger sorgten. Vor allem der Konflikt zwischen den Kabeljauen, den aufstrebenden Städten, und den Haken, hinter denen sich vor allem der alteingesessene Adel verbarg, erzeugte innenpolitische Unruhe. Albrecht gelang es aber, die Spannungen durch eine ausgleichende Politik, durch wirtschaftliche Förderung der Städte und politische Einbeziehung der Adelsgeschlechter allmählich abzubauen.

Er wählte das ländliche Haghe, ursprünglich ein Jagdsitz der Grafen von Holland, zu seiner Residenz und legte damit den Grundstein für das heutige Den Haag, Sitz der niederländischen Regierung und der königlichen Familie. Albrechts Hof wurde zum lebendigen Zentrum, wo einheimische, französische, burgundische und verstärkt bayerische Einflüsse zusammentrafen. Man stand im intensiven kulturellen Austausch mit den führenden Residenzen Europas und prägte den „internationalen Stil“ des 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts mit. Als zum Beispiel Albrechts Ehefrau Margarethe von Liegnitz-Brieg starb, musste der Bildhauer „Jan die Bayer“ in Brüssel geeignete Meister suchen, „die mynre vrouwen tumme in den Haghe maken zouden“ („die das Grabmal meiner Herrin in Den Haag machen sollten“). Ein Maler namens Jacob van Mynnechen (Jakob aus München) verzierte dann das Grabmal, das leider seit dem Abbruch der Haager Hofkapelle verschwunden ist.

Dieses Beispiel zeigt schon die Mobilität, die damals in Europa herrschte. Künstler, Musikanten, Sänger, Schauspieler, Pilger, Soldaten, Studenten, Handwerker, Kaufleute und Händler waren unterwegs. So traten Musiker aus Holland im Straubinger Herzogsschloss auf, ließ sich ein Goldschmied Hans aus Seeland in Straubing nieder, machte der niederbayerische Kaufmann Ulrich Kastenmayr im Norden reiche Geschäfte. Für die Regierung eines territorial so zersplitterten Gebildes wie des Herzogtums Straubing-Holland war zudem ein ständiges Hin und Her von Boten, Diplomaten und Verwaltungsleuten unabdingbar. Geleitbriefe und Vereinbarungen mit den jeweiligen Territorialherren, durch deren Gebiete man kam, schützten die Reisenden, die drei bis vier Wochen unterwegs waren. Erfahrene Gefolgsleute aus Niederbayern halfen Albrecht die marode holländische Verwaltung zu reformieren. In den im Nationalarchiv in Den Haag erhaltenen Rechnungen dokumentiert sich nicht nur der „neue Wind“ der bayerischen Schatzmeister, sondern auch die künstlerische Ausgestaltung, die man aus der niederbayerischen Tradition übernahm.

Gelegentlich besuchten die Fürsten selbst ihren niederbayerischen Landesteil. Als Beispiel einer Fürstenreise kann die Brautfahrt der „Königin von Böhmen“ dienen, die in Rechnungen gut dokumentiert ist. Die achtjährige Johanna reiste zusammen mit ihren Eltern Albrecht und Margarethe am 23. August 1370 in Den Haag zu ihrer Hochzeit mit dem neunjährigen Wenzel, Sohn von Kaiser Karl IV., ab. Neben großem Gefolge nahm man unter anderem auch Fässer von Räucheraal und Heringen als Freundschaftsgeschenke mit. Nach Stationen unter anderem in Rotterdam, Heusden, Eindhoven, Mons, Köln, Bingen, Mainz, Frankfurt, Miltenberg, Würzburg, Neustadt fand am 18. September in Nürnberg die Übergabe Johannas statt. Während die Braut in ihre neue Heimat Prag weiterfuhr, suchten die Eltern ihre zweite Residenzstadt Straubing auf. Am 28. Januar 1371 brachen sie dann von Straubing aus über Cham wieder in Richtung Norden auf.

Unter Albrecht und seinen Nachfolgern erlebten die nördlichen Territorien einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Beim Herrschaftsantritt der bayerischen Herzöge bestimmten zwar noch weitgehend Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und Jagd den Lebensunterhalt der Bevölkerung. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelten sich aber vor allem in den Grafschaften Holland und Seeland die vielen, relativ kleinen Städte, gefördert durch herzogliche Privilegien, zu Wirtschaftszentren. Dordrecht wurde zum nördlichen Handelsknotenpunkt, ein bedeutender Stützpunkt im Rheinhandel. Das seeländische Middelburg etablierte sich als Vorhafen von Antwerpen. Leiden und Den Haag dominierten im Textilsektor. Delft, Haarlem und Gouda, wichtige regionale Marktstädte, investierten unter anderem in das Braugewerbe. Hopfen wurde nun nicht mehr importiert, sondern selbst angebaut. Um 1400 erlebte der bisher küstennahe und an kleine Absatzgebiete gebundene Fischfang eine kleine Revolution: Die Produktion des Salzherings ermöglichte die Ausdehnung der Fanggebiete und den Einsatz größerer Schiffe; Fischhandel und Schiffsbau blühten auf. Albrecht, obwohl im meerfernen Bayern aufgewachsen, fand sich im wasserbestimmten Norden rasch zurecht, förderte insbesondere die Deichgrafen-Ämter, die in einem vom Meer geprägten und bedrohten Land für den Schutz von Mensch, Vieh und Boden verantwortlich waren. Das „Hooghemraadschap“ (die Wasserbehörde) von Delfland führt bis heute das Wappen der Herzöge von Straubing-Holland als Hoheitszeichen.

Albrecht war aber nicht nur ein nüchterner Wirtschaftsreformer. Neben seiner Vorliebe für die Ritterkultur – und für junge Damen: Seine Söhne sollen ihn einmal als einen „auf junge Blätter gierigen alten Bock“ bezeichnet haben – prägte ihn auch eine tiefe Frömmigkeit. Sie schlug sich unter anderem in der Stiftung des Dominikanerklosters in Den Haag, der Förderung des Karmelitenklosters oder der St. Bavo-Kerk in Haarlem, in Wallfahrten zur Maria von s‘Hertogenbosch nieder. Auch der Bau der Niuwe Kerk in Delft, die seit 1584 als Grablege der Fürsten und Könige aus dem Haus Oranien-Nassau berühmt ist, wurde von Albrecht entscheidend mitgetragen.

1389 starb schließlich Albrechts Bruder Wilhelm, der als der „dolle graaf“ („verrückter Graf“) in Hollands Geschichte einging. Albrecht konnte nun offiziell titeln: „Wir Albrechts von gottes genaden pfallenzgrafe bey Rhein und herzog zu Bayrn, grave zu Henegau, zu Hollannde, zu Seland und der herlicheit zu Friesslanndt“. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich, um Neutralität nach innen und außen bemüht, auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Ansehens im In- und Ausland. Er hatte Heiratsbande und Bündnisse mit den Königen von England und Frankreich, mit den Herzögen von Burgund und Geldern, mit den Häusern Habsburg und Luxemburg geknüpft. Auch Albrechts Nachfolge war geregelt: Der älteste Sohn Wilhelm sollte im Norden herrschen, während der zweite Sohn Albrecht als Regent im niederbayerischen Landesteil vorgesehen war. Der jüngste Sohn Johann verstärkte als erwählter Bischof von Lüttich die Machtbasis des Herzogtums im Norden.

 

Entwicklung im niederbayerischen Landesteil

 

Wie war es inzwischen im niederbayerischen Landesteil weitergegangen? Nach Albrechts Weggang in den Norden geriet das Teilherzogtum Niederbayern-Straubing zum Nebenland, das überwiegend von Vitztumen (Stellvertretern des Herzogs) und Pflegern verwaltet wurde. Sie stammten aus so angesehenen Geschlechtern wie den Degenbergern, den Leuchtenbergern, den Ortenburgern oder den Nothaffts. Dies führte zu einer starken Stellung der „Landstände“. Diese hatten sich seit dem beginnenden 14. Jahrhundert als Vertreter des Adels, der Städte und Märkte sowie der Prälatenklöster, also der Klöster mit Grundbesitz und Gerichtsrechten, herausgebildet, um ihre Interessen gegenüber dem Landesherrn durchzusetzen. Sie hatten Sitz und Stimme in der „Landschaft“, der politischen Vertretung der niederbayerischen Untertanen.

Für die „Fürsten in der Ferne“ (Dick de Boer) bedeutete ihr väterliches Stammland eine wichtige Finanzquelle und eine wertvolle, südliche Machtbasis in Königsnähe (Prag). Sie sicherten – ähnlich ihrer Politik im Norden – die Grenzen, bestätigten die Rechte der Städte, unterstützten den wirtschaftlichen Aufschwung, indem sie Zölle und Jahrmärkte verliehen, Steuern erniedrigten oder erließen, Handwerk und Handel schützten. Sie trugen zwar gemeinsame Landfriedensvereinbarungen und Münzordnungen für Bayern mit; sie hielten das Herzogtum Straubing aber aus den blutigen Querelen der wittelsbachischen Vettern heraus, die bei der bayerischen Landesteilung des Jahres 1392 zwischen den ehrgeizigen Herzögen von München, Landshut und Ingolstadt entstanden und „als regelrechter bayerischer Hauskrieg“ zu einem der „dunkelsten Jahrzehnte der bayerischen Geschichte“ (Wilhelm Störmer) führten.

 

Haupt- und Residenzstadt Straubing

 

Besonders förderten die Herzöge Straubing. Der Aufstieg Straubings zur Residenzstadt wurde durch den Weggang Albrechts zwar abgebremst und abgeschwächt. Die Stadt blieb trotzdem eine wichtige Nebenresidenz, in der die Herzöge bei ihren, wenn auch nicht zahlreichen, Aufenthalten in Bayern Hof hielten und in dem sie durchaus „repräsentieren“ wollten, wie das Herzogsschloss oder die Gründung des Karmelitenklosters bezeugen. Unbestritten war Straubing unter den Herzögen von Straubing-Holland aber „Straubing, unser hauptstat unsers landes ze Beyrn“, wie Herzog Albrecht 1366 in einer Urkunde formulierte: Es war das Verwaltungszentrum für den niederbayerischen Landesteil.

Die Zeit des Herzogtums Straubing-Holland war somit für Straubing eine Blütezeit, in der sich die Stadt „einer vorher nicht gekannten Weltläufigkeit und Weltoffenheit, eines vorher nicht gekannten höfischen Glanzes“ (Hubert Freilinger) erfreute. Und die Stadt gewann in diesen Jahren ihre bis heute charakteristische, im Kern spätgotische Gestalt. Die Anfänge fast aller bedeutenden Baudenkmäler fielen in diese Periode.

Albrecht gab 1356 das mächtige Herzogsschloss in Auftrag, das zugleich wehrhafte Residenz und Verwaltungszentrale wurde. Mitte 1368 errichteten die Beschuhten Karmeliten auf Bitten Albrechts in Straubing ein „Clösterl“ und eine Kirche. „Stadtcharakter“ erhielt Straubing auch durch die von Albrecht 1376 angeordnete Bepflasterung der Straßen. Er verlieh einen Pflasterzoll mit der Begründung und der Auflage: „daz wir an gesechen haben grozzen ungemach, müe und arbait, der von unflat und harbez (Dreck) wegen alle zeit in unsrer Stat zw Strawbing vor her gewesen ist und noch ist, und sein überain worden, daz wir mainen und wellen unser Stat zu Strawbing uber pflastern.“ Diese fortschrittliche Maßnahme, die vor allem mit Donaukieseln ausgeführt wurde, schlug sich fast unverzüglich im Namen „Steinergasse“ nieder, die als Teil einer der wichtigsten bayerischen Verbindungswege von Schongau über München und Landshut in Richtung Böhmen mitten in und durch die Stadt führte. Straubing war eine der ersten gepflasterten Orte Süddeutschlands, lag vor Städten wie Landshut, München und Regensburg. Dass die Herzöge von Straubing-Holland übrigens nicht nur die Förderung Straubings im Blick hatten, zeigt unter anderem, dass diese Bepflasterung kurz darauf auch für Deggendorf befohlen wurde.

Wirtschaftlich hatte sich Straubing seit seiner Gründung 1218 zwar nicht zu einer Fernhandels- und Manufakturstadt mit internationalen Beziehungen entwickelt, wie es zum Beispiel Regensburg war. Die Stadt war aber für das weite Umland, für den fruchtbaren Gäuboden und den Bayerischen Wald, zentraler Handels- und Marktort, der von den Stadtherren dementsprechend unterstützt wurde. Gut 50 Wochenmärkte und zwölf Jahrmärkte fanden hier statt – Herzog Johann III. verlieh 1409 zum Beispiel das wichtige Recht zu einem neuen Jahrmarkt: „das si ain mess machen sullen vnd mugen in vnsrer statt Straubing oder ausserhalben in dem purting.“ Für die Bevölkerung war gut gesorgt, auf den Märkten gab es Roggen, Weizen, Hafer, Kohl, Kraut, Rüben, Obst, Speck, Schmalz, Käse, Fisch, Mehl, Wein, Bier, Honig, Rinder, Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Heu, Salz, Garn, Flachs, Wachs, verschiedene Tuche, Hafnerware, Holz, Erz, Kupfer, Zinn, Bandeisen, Sensen, Mühlsteine, Baumaterialien wie Ziegelstein und Sand sowie Stroh und Getreide in Garben, wie aus einer Urkunde Albrechts von 1376 bekannt ist.

Die Straubinger Bürger waren bereit und imstande, auf der Basis politischen Friedens und wirtschaftlichen Wohlergehens die „Fürstenherrlichkeit“ ihrer Stadt (Hubert Freilinger) mitzutragen und mitzugestalten, durch entsprechende Wohn-, Nutz- und Kirchenbauten. Sie bauten weiter am 1316 grundgelegten Stadtturm, dem Wachtturm vor Feuer und Feind, einem selbstbewussten Wahrzeichen städtischer Eigenverantwortung inmitten des Marktplatzes. 1382 erwarben sie ein stattliches Kaufmannshaus und gestalteten es zum Rathaus um, unter anderem mit einem großen Versammlungs- und Festsaal. Nach einem Stadtbrand stifteten und finanzierten die Bürger 1393 die gotische Backsteinkirche St. Veit.

Vor allem aber erwuchs die neue Stadtkirche St. Jakob, deren Baubeginn in den Jahren nach 1400 anzusetzen ist. Gefördert von der Bürgerschaft und vom Augsburger Domkapitel, vielleicht angestoßen durch den Blick in die andere niederbayerische Residenzstadt Landshut, entwarf vermutlich Meister Hans von Burghausen, der als Architekt der dortigen Kirche St. Martin nachzuweisen ist, eine dreischiffige Hallenkirche. Sie wurde „zu einem der großen und epochalen Sakralbauten der bayerischen und süddeutschen Hallengotik“ und ist heute „als Denkmal von nationaler Bedeutung“ (Werner Schäfer) eingestuft. In einer Kapelle hinter dem Hochaltar befindet sich ein Meisterwerk spätgotischer Grabmalkunst: die Grabplatte des Ratsherrn und Kaufmanns Ulrich Kastenmayr.

Die Verbindung mit dem Norden blieb nicht ohne Spuren. Niederbayerische Boten, Verwaltungsleute und Soldaten brachten Kunde von burgundischer und holländischer Lebensart und Kultur nach Straubing. Die Herrscher selbst, im Mutterland mehr zu Hause als im väterlichen Bayern, führten hier neue Bräuche ein, zum Beispiel das „Papageienschießen“. Mit Pfeil und Bogen oder Armbrust schossen Fürsten, Adelige, Patrizier und Bürger auf einen hölzernen oder tönernen Vogel, der auf einem großen Holzgestell saß. Das Vogelschießen breitete sich in ganz Bayern aus.

Eine besondere Blütezeit Straubings begann im Jahr 1387 mit dem Antritt des Statthalteramtes durch Herzog Albrecht II. Für kurze Zeit wurde der niederbayerische Landesteil von einem Fürsten regiert und die Hauptstadt Straubing erhob sich für ein Jahrzehnt zur „wirklichen Residenz“. Aus den Landschreiberrechnungen wird das höfische Leben ersichtlich. Die Köche kauften ausgesuchte Speisen und Getränke, zum Beispiel „welschen“ Wein oder kostbare Gewürze wie Pfeffer, Ingwer und Safran. Fahrende Leute, Schauspieler und Musikanten sorgten für Unterhaltung; einheimische Pauker, Lautenspieler und Fiedler traten ebenso im Straubinger Herzogsschloss auf wie „des Romischen konig singer“, „des von Osterrich Herold“ oder „meins alten herrn pfeiffer von Hollande“.

Hohe Gäste von nah, zum Beispiel die Bischöfe von Regensburg und Passau, und fern, wie Albrechts Schwager Johann von Burgund, der 1395 auf seinem Weg nach Ungarn zum Kampf gegen die Türken durch Straubing zog, wurden festlich empfangen. Albrecht II., Mitglied des europäischen Hochadels, ritt zu Turnieren nach Landshut, Nürnberg oder Heidelberg, besuchte aber genauso gerne die Schützenfeste der Straubinger Bürger am Hagen oder die heimischen Badstuben, wo er sich von den „frawlein“ betreuen ließ und Bier und Obst genoss. Nicht wenig spendete Albrecht auch für sein Seelenheil. Oft wurden Almosen verteilt, zum Beispiel an einen „armen priester“, einen „armen pilgrein“, einen „gemainen frawlein das sich von dem leben keren wolt“, einen „armen menschen“.

Für seinen Vater erledigte Albrecht wichtige diplomatische Aufgaben, zum Beispiel in Prag und Wien, unter anderem begleitete er seine Schwester zur Hochzeit mit dem Habsburger Albrecht nach Wien. Obgleich er als Erbe und Fürst in Niederbayern vorgesehen war, blieb er – vielleicht auch auf Wunsch seines Vaters – mit den nördlichen Territorien und dem politischen Geschehen dort vertraut. So besuchte er gelegentlich den Haager Hof.

1396 stand Albrecht II. Vater und Bruder im Kampf gegen die aufständischen Friesen bei. Auf der Heimreise, auf der ersten Station in „seinem“ niederbayerischen Herrschaftsgebiet, in Kelheim, erlag er am 21. Januar 1397 einer Lungenentzündung, „und was ein junger, grosser, herlich man, in gütikait gros ze prüfen“, wie ihn ein zeitgenössischer Berichterstatter, der Augustinerchorherr Andreas von Regensburg, in seiner Chronik „der Fürsten zu Bayern“ rühmte.

Bestattet wurde Albrecht II. im Chor der Straubinger Karmelitenkirche. Sein eindrucksvolles Hochgrab ist übrigens das einzige erhaltene Grab eines Vertreters der Wittelsbacherdynastie Straubing-Holland.

 

Ende des Herzogtums

 

Sieben Jahre später, am 13. Dezember 1404, starb auch sein Vater Herzog Albrecht I., nachdem er 46 Jahre als „rechter heer“ und „eerlic“ („ehrlich“) regiert hatte, wie es in holländischen Quellen heißt. Mit dem Tod Albrechts, eines gar „großen Fürsten“ (Dick de Boer), spaltete sich das Herzogtum Bayern-Straubing-Holland auf. Den niederbayerischen Landesteil erbte, in Nachfolge seines verstorbenen Bruders Albrecht II., der jüngste Sohn Johann III., erwählter Bischof von Lüttich. Die nördlichen Territorien fielen seinem ältesten Sohn Herzog Wilhelm II. zu, der jedoch schon 1417 an einem Hundebiss verstarb. Er hatte seine Tochter Jakobäa als rechtmäßige Erbin in Holland, Seeland, Friesland und Hennegau eingesetzt. Jakobäas Onkel Johann III. erhob Einspruch. Es brach ein blutiger Erbfolgekrieg aus, in dem sich König Sigismund auf die Seite Johanns stellte und ihn mit den nördlichen Territorien belehnte – womit das Herzogtum Bayern-Straubing-Holland wieder vereint war. Johann hatte inzwischen sein Bischofsamt aufgegeben und Elisabeth, die Erbin der Grafschaft Luxemburg und Nichte Sigismunds, geheiratet. Dass Johann in dieser Zeit seine Herrschaft in Niederbayern, die er durch Vitztume wahrnahm, durchaus im Auge und offenbar gewisse Zukunftspläne hatte, zeigt der Um- und Ausbau des Straubinger Herzogsschlosses um 1422. Dieses wurde nicht nur gegen eventuell drohende Einfälle der böhmischen Hussiten verstärkt – die Anhänger des Reformators Jan Hus, der unter anderem die Rückkehr zur apostolischen Armut der Urkirche gefordert hatte, hatten nach dessen Verbrennung als Ketzer auf dem Konstanzer Konzil im Juli 1415 blutige Rache geschworen. Johann ließ auch einen prächtigen Saal schaffen. Er zählte zu den größten Sälen im mittelalterlichen Deutschland und gleicht dem älteren Rittersaal in der Residenz in Den Haag – was wiederum auf die herzogliche Wertschätzung Straubings als niederbayerisches Pendant zu Den Haag verweist.

Im Norden kämpfte Jakobäa weiterhin um ihr Erbe. Nachdem Johann III. am Dreikönigstag 1425 einem Giftanschlag erlegen war, erhob sein Neffe Herzog Philipp von Burgund Anspruch auf Hennegau, Holland, Seeland und Friesland. Gegen diesen mächtigen Gegner, der von Johann zudem als Erbe eingesetzt worden war, konnte sich Jakobäa nicht behaupten. „Jacoba van Beieren“, wie sie in Holland genannt wird, die nie nach Bayern und Straubing gekommen war, verzichtete schließlich auf ihre Herrschaftsrechte; die „selbstbewusste, aber glücklose Fürstin“ (Theodor Straub) starb 1436. Holland, Seeland, Friesland und Hennegau aber gingen im Reich der burgundischen Herzöge auf, die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts konsequent ihre Machtbasis in Richtung Norden vergrößert hatten.

Übrigens: Kaum ein Niederländer weiß etwas über die Geschichte des Herzogtums Straubing-Holland. Jakobäa hingegen kennt fast jeder. Als „Weib in Rüstung“ überlebte „vrou Jacob“ in Geschichte, Literatur und Sage. Überall begegnen Straßen, die nach ihr benannt sind. Beliebtes Reiseziel vor allem im Frühjahr ist der „Keukenhof“ mit seiner Tulpenblüte, es war der „Küchenhof“ Jakobäas.

 

Aufteilung des niederbayerischen Landesteils

 

Die wittelsbachischen Vettern in Bayern interessierte die Nachfolge in den nördlichen Territorien nicht, um das niederbayerische Gebiet aber entbrannte 1425 ein heftiger Streit. In Bayern kannte man – im Unterschied zum Norden, wo Jakobäa mit Recht den Kampf um die Herrschaft aufnahm – keine weibliche Thronfolge. Hier waren also die bayerischen Wittelsbacher die rechtmäßigen Erben. Diese, untereinander verfeindet, hatten aber verschiedene Vorstellungen von der Aufteilung des Erbes:

Herzog Ludwig VII. der Bärtige von Bayern-Ingolstadt forderte als „eltist und wirdigst fürst von Bayrn“ das Gesamterbe. Sein Intimfeind Herzog Heinrich XVI. der Reiche von Bayern-Landshut verlangte eine Teilung nach den drei Linien. Die Herzöge Ernst I. und Wilhelm III. von Bayern-München wollten, dass alle Erben gleichen Grades berücksichtigt werden, also viergeteilt werde. Zudem erhob auch der Habsburgerherzog Albrecht von Österreich, Neffe des verstorbenen Herzogs Johann III., Anspruch auf ein Erbteil.

Die Auseinandersetzungen erhielten durch die Überfälle der böhmischen Hussiten Brisanz. So berichtete 1428 eine Quelle, dass die Gegend hinter dem Hohen Bogen, der „Winkhel durch die underthanen der Cron Behaim laider gantz und gar verderbt, zerschlaifft und verprennt worden, und darnach etlich Jar in verödung gelegen“. König Sigismund zog endlich die Verhandlungen um das Straubinger Erbe an sich. Die Straubinger Landstände hatten den König dringlich gebeten, er solle sich des Erbfalles annehmen, ansonsten „möchte um das Land, so seiner K. Gnaden Lehen sei, gar gekriegt und dasselbe ganz verderbt werden“.

Am 26. April 1429 legte der königliche Schiedsspruch von Preßburg (heute Bratislava/Slowakei) eine „Teilung nach Köpfen“ fest, ganz im Sinne der Münchner Herzöge, zu denen König Sigismund zu dieser Zeit ein gutes Verhältnis hatte. Den Anspruch Albrechts von Österreich wies Sigismund zurück. Am 29. Juli 1429 wurden per Los Herzog Ludwig von Ingolstadt unter anderem Schärding, Dingolfing, Kirchberg und die Juden zu Regensburg zugesprochen. Herzog Heinrich von Landshut bekam neben anderen Orten Vilshofen, Hengersberg, Natternberg und Landau. Herzog Wilhelm von München erhielt unter anderem Kelheim, Dietfurt, Eschlkam, Furth, Kötzting, Cham und Deggendorf. „Das ander viertail, Straubing, die stat mit der vesten daselbs mit maut und kasten, Glayt, Vyscherey, Wysmad, Lehenschafft und mit dem lantgerichte daselbs und allen sein zugehoren“ sowie dazu Mitterfels, Bogen, Haidau, der Herzogshof und die Münze zu Regensburg gingen an Herzog Ernst von München. Ernst und Wilhelm verwalteten ihre Gebiete gemeinsam, die nun – aus Münchner Perspektive – als „Niderland“ bezeichnet wurden, wofür sich später auch der Begriff „Straubinger Ländchen“ einbürgerte. Der „Tailzedl“ von 1429 hielt das Ergebnis fest: „Nota wie man ainen tail an dem Nyderlannd in Beyrn in vier tail gemacht hat.“ Bei der Entscheidung, die noch dazu durch das Los dem Zufallsprinzip unterworfen war, stand die gleichmäßige Verteilung der Einkünfte im Vordergrund und nicht ein möglicher gebietsmäßiger Zusammenhang mit den Erben. Die territoriale Zersplitterung Bayerns hatte somit ihren Höhepunkt erreicht.

Die Aufteilung des niederbayerischen Landesteils war ein weiterer Schritt in der Entwicklung der drei Teilherzogtümer Bayern-Landshut, Bayern-Ingolstadt, Bayern-München zu eigenen, getrennten Territorialstaaten. Das Bewusstsein von einem seit Jahrhunderten stammesmäßig, sprachlich und landschaftlich gewachsenen „Land zu Bayern“, von den Wittelsbachern seit 1180 als „Fürsten“, als „Haus“ beherrscht, ging allmählich verloren. Und es war nur dem zufälligen Aussterben der einzelnen Linien, nach Straubing Ingolstadt und dann Landshut, zu verdanken, dass Anfang des 16. Jahrhunderts unter Albrecht IV. ein neues, einiges und unteilbares Herzogtum Bayern entstand, der bayerische Staat der Neuzeit.

Der niederbayerische Landesteil des Herzogtums Straubing-Holland spielte übrigens während des Bayerischen Erbfolgekrieges 1778/1779 noch einmal eine Rolle, als nach dem Tod des letzten bayerischen Wittelsbachers, Max III. Josef, im Jahr 1777 der österreichische Kaiser Josef II. – in Berufung auf den Anspruch Albrechts von Österreich, des Neffen Johanns III. – das Gebiet für sich beanspruchte und besetzte. Durch das Eingreifen des Preußenkönigs Friedrich II. kam es jedoch zum Frieden von Teschen, der nur das Innviertel mit Ried, Braunau und Schärding österreichisch werden ließ.

Straubing selbst verlor 1425 beziehungsweise 1429 seinen Rang als „altbayerische Residenzstadt“, auch wenn es die meiste Zeit nur als Nebenresidenz beziehungsweise Residenz auf Zeit gedient hatte. Die Bedeutung Straubings unter den Herzögen von Straubing-Holland lag auf ihrer Funktion als Hauptstadt für den niederbayerischen Landesteil. „Hauptstadt“ blieb Straubing, ein Wirtschafts- und Behördenzentrum mit dem Sitz des Viztums beziehungsweise – nach der Neugliederung Bayerns 1505 – mit dem Sitz der Regierung und des Rentmeisteramtes für einen Großteil Niederbayerns. Diese herausragende Stellung unter Bayerns Städten, die neben Straubing nur noch Ingolstadt, Landshut und München einnahmen, ging erst bei der Neugestaltung Bayerns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren. Landshut wurde nun Mittelpunkt eines geographisch neu definierten Regierungsbezirks Niederbayern. Geblieben ist das eindrucksvolle Gesicht Straubings, das in diesen knapp 75 Jahren entscheidend geprägt wurde.

Nicht vergessen darf man zuletzt, dass Straubing durch die Teilung 1429 Schauplatz eines berühmt-berüchtigten Ereignisses werden konnte: Herzog Ernst I. von Bayern-München sandte seinen Sohn Albrecht III. als Statthalter nach Straubing. Mit Albrecht kam seine unstandesgemäße Geliebte/Ehefrau Agnes Bernauer. Sie wurde am 12. Oktober 1435 zu Straubing in der Donau ertränkt. Aber dies ist wieder eine ganz andere Geschichte!

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