I.
Als Franz Joseph am 18.August 1830 zur Welt kam, war mit einiger Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, dass er einmal den Thron der Habsburgermonarchie besteigen würde. Sein Großvater Franz II / I. regierte noch für fünf Jahre, aber die Thronfolge sollte – nicht zuletzt nach dem Wunsch Metternichs – nach dem Grundsatz der Legitimität an dessen ältesten Sohn Ferdinand übergehen. Erzherzog Ferdinand hatte große gesundheitliche Probleme, einen Wasserkopf und litt unter der in der Familie Habsburg-Lothringen häufigen Epilepsie. Man nahm – zurecht, wie sich zeigen sollte – an, dass er keine Kinder zeugen würde und so war sein jünger Bruder Franz Karl, der Vater Franz Josephs, der nächste in der Thronfolge. Auch er war nicht sehr gut für einen Herrscher geeignet, aber er hatte mit der bayerischen Prinzessin Sophie eine willensstarke Partnerin, die gezielt darauf hinarbeitet, ihren Sohn zum Herrscher zu machen.
Zwar gab es schon vor dem Jahre 1848 erste Überlegungen, Kaiser Ferdinand I. zum Rücktritt zu bewegen und durch Franz Joseph, sobald dieser das richtige Alter erreichen würde, zu ersetzen, all das beschleunigte sich aber enorm durch den Ausbruch der Revolution des Jahres 1848. Die Kunde von den Februarunruhen in Paris verbreitet sich rasch in Deutschland, wo sie lokale kleine Revolutionen auslöste und erreichte schließlich auch die Habsburgermonarchie. Am 13.März führten die Ereignisse in der Wiener Innenstadt und noch wichtiger in den Vorstädten dazu, dass Metternich, dessen System der brutalen Unterdrückung und Bespitzelung der Menschen verhasst war, floh. Die Revolution hatte gesiegt. Im Laufe des Jahres verstärkte sich allerdings die Radikalität der Revolutionäre und die kaiserliche Familie musste zuerst nach Innsbruck und dann nochmals nach Olmütz / Olomouc in Mähren fliehen.
Dort vollzog sich dann am 2. Dezember 1848 – kurz nach der gewaltsamen Niederwerfung der Revolution in Wien – der Herrscherwechsel, Ferdinand trat zurück, Franz Karl verzichtete und damit war Franz Joseph Herrscher der Habsburgermonarchie. Aber ganz so einfach war die Sache nicht, denn Ungarn war noch voll in der revolutionären Phase, und auch in Italien flackerten 1849 wieder Aufstände gegen die habsburgische Herrschaft auf.
Damit trat ein Problem in den Vordergrund, das Franz Josephs Leben stark beeinflusste. Er war der Herrscher eines multinationalen Gebildes, in dem ein Dutzend Sprachen gesprochen wurden. Der identitätsstiftende, auf der Grundlage der Sprache beruhende Nationalismus, der sich ab dem späten 18. Jahrhundert entwickelte, erschwerte die Lage in der ohnehin aus unterschiedlichen Territorien mit ebenso unterschiedlichen Rechtsgefügen bestehenden Habsburgermonarchie erheblich.
Diese nationalen Konflikte während der Revolution prägten auch die frühe Regierungszeit Kaiser Franz Josephs, ebenso wie die deutsche Frage, Probleme, die in den Kriegen um die italienische und die deutsche Einigung 1859 und 1866 mündeten.
II.
Welche Einstellung hatte Franz Joseph zu diesen drei Nationen, den Italienern, den Ungarn und den Deutschen, die das politische Geschehen bis 1867 prägten?
Das Verhältnis Franz Josephs in seiner Kindheit und Erziehung gegenüber Italienern und Ungarn war relativ neutral, er hatte beide Sprachen gelernt und ist schon als Jugendlicher mit seinen Erziehern und seinen Brüdern in die italienischen Provinzen und nach Ungarn gereist, um Land und Leute kennenzulernen. Allerdings ist bei dieser, wie bei allen späteren Reisen festzustellen, dass Franz Joseph nicht wirklich Kontakt mit der Bevölkerung hatte und weder von der politischen Stimmung und den nationalen Problemen, wie auch von den sozialen Fragen, der Lage der Unterschichten, viel mitbekam. Man zeigte ihm einfach das, was die betreffenden lokalen Funktionäre ihm zeigen wollten.
Einen wesentlichen Einschnitt für sein Verhältnis zu Italien bildete natürlich die Revolution des Jahres 1848, in der es zum Krieg mit Sardinien-Piemont kam, an dem Franz Joseph sogar als junger Mann unter der Führung von Feldmarschall Radetzky teilnahm, er war beim Gefecht von Santa Lucia – allerdings nicht in vorderster Front kämpfend – dabei. Die nationale Frage war für ihn ein Ausdruck der Revolution, die er mit der Französischen Revolution von 1789 in Verbindung sah. Das prägte auch sein Verhältnis bis zum Krieg von 1859, den Einigungsgedanken begriff er nicht in seiner nationalen Dimension und mit einem Verständnis für die Forderungen, sondern im Sinne Metternichs, der ja einer seiner Erzieher war, in erster Linie als revolutionären Akt. Interessanterweise richtete sich Franz Josephs Abneigung, ja geradezu sein Hass, den er etwa in den Briefen an seine Mutter, Erzherzogin Sophie Ausdruck gab, aber stärker gegen den französischen Kaiser Napoleon III. als gegen die Italiener.
Während Franz Joseph, wie es seiner Erziehung entsprach, in seinen öffentlichen Auftritten eher zurückhaltend war, äußerte er sich über seine Gegner in den vertraulichen Briefen an seine Mutter durchaus heftig. So schimpfte am 2. Oktober 1860 über „die Räubereien des Garibaldi, die Diebstähle Viktor Emanuels, die noch nie dagewesenen Gaunerstreiche des Erzschuften in Paris, der sich selbst übertrifft.“ Auch in einem zweiten Schreiben nannte er Napoleon III. einen „Schuft“, in einem anderen die Italiener „Taschen- und Landräuber“.
Persönliche Einstellungen lassen sich bei Franz Joseph in seiner langen Regierungszeit allerdings nur schwer erforschen, er war leider kein Tagebuchschreiber und auch in seinen Briefen hat er nur seiner Mutter Dinge anvertraut, die er öffentlich nicht sagen durfte, ich verweise nur auf das vorhin zitierte Beispiel aus dem Jahre 1860. Die Briefe an Elisabeth und Katharina Schratt hingegen beschäftigen sich meist mit Jagd, Wetter und Theater, aber wenig mit Politik.
Langfristig weitaus bedeutungsvoller für die Monarchie, verlief seine Beziehung zu den Ungarn, die sich 1848 dramatisch verschlechterte und sich erst nach dem Ausgleich 1867 und der Krönung zum ungarischen König normalisierte. In Franz Josephs Erziehung hatte Ungarisch eine spezifische Rolle gespielt, neben den üblichen Fächern der Bildung wurden Sprachen, Militär, Recht und politische Instruktionen durch Wenzel Lothar Metternich in seiner Ausbildung besonders betont. Selbstverständlich war Ungarisch nur eine Sprache unter vielen, Französisch, Italienisch, Tschechisch, ein wenig Polnisch, Latein und Altgriechisch waren ebenfalls Unterrichtssprachen.
Die Ereignisse des Jahres 1848 veränderten die Gesellschaft der Habsburgermonarchie, das politische System, das Leben Franz Josephs und auch seine Beziehung zu Ungarn dramatisch. Die berühmte aufrüttelnde Rede von Lajos oder Ludwig Kossuth am 3. März 1848 beim ungarischen Landtag in Bratislava / Pressburg / Poszony und die Wiener Revolution vom 13. März 1848 waren in ihren Langzeitfolgen bis zum Jahre 1867 und darüber hinaus bestimmend.
Die Thronbesteigung Franz Josephs im Jahre 1848 wurde von den Ungarn nicht akzeptiert. Der ungarische General Artúr Görgey und Minister Ladislaus Csányi unterzeichneten eine Erklärung der königlich ungarischen Armee, in der es hieß: „Ohne Zustimmung der Nation darf sich bei Lebzeiten des gekrönten Landesfürsten niemand königliche Rechte anmaßen, noch weniger kann die Erbfolge mittelst privater Familien-Übereinkünfte abgeändert werden.“
Franz Joseph hatte also die Herrschaft in der Monarchie ohne jene über die Länder der Heiligen Stephanskrone übernommen, denn dort erreichte die revolutionäre Lage erst am 14. April 1849 beim Landtag in Debrecen in der großen calvinistischen Kirche ihren Höhepunkt, als Ungarn für unabhängig erklärt, das Haus Habsburg-Lothringen für ewig vom Throne Ungarns verstoßen und Kossuth zum Präsidialregenten Ungarns ausgerufen wurde.
Mittlerweile hatte allerdings die Konterrevolution in allen europäischen Staaten gesiegt und die Macht befand sich wieder fest in den Händen der alten Monarchien. So kam es zu einem Bündnis der konservativen Mächte, um die Revolution in Ungarn mit Hilfe von russischen Truppen zu beenden. Am 13.August 1849 musste schließlich General Görgey seine Armee bei Világos an die Russen übergeben. Kossuth und vielen anderen Revolutionären gelang die Flucht ins Osmanische Reich. Für alle liberal und konstitutionell Eingestellten, war mit der Niederlage der Ungarn die letzte Hoffnung auf Freiheit untergegangen.
III.
Das Königreich der Heiligen Stephanskrone wurde nun von einem schrecklichen Strafgericht heimgesucht und unter der militärischen Herrschaft von General Alexander von Haynau – der sich in Italien als Hyäne von Brescia durch besondere Grausamkeit für diese Aufgaben empfohlen hatte – seiner Rechte beraubt. Ideelle Grundlage war die so genannte Verwirkungstheorie, die besagte, dass die Ungarn durch ihr Verhalten 1848/49 alle Vorrechte verloren hatten. Feldmarschall Radetzky, unter dem Hayenau diente, hat diesen folgendermaßen charakterisierte: „Er ist mein bester General; aber er ist wie ein Rasiermesser; wenn man es benützt hat, muß man es in sein Futteral zurückgeben.“ Der Ministerrat am 20. August 1849 unter Vorsitz Kaiser Franz Josephs beschloss, „dass alle ungarischen Anführer, vom Stabsoffizier aufwärts, vor das Kriegsgericht gestellt werden sollten“. Haynau wurde allerdings aufgetragen, kein Todesurteil zu vollstrecken, das nicht in Wien bestätigt worden sei. Doch Haynau wollte sich in seiner Rachejustiz von niemandem behindern lassen. Der Kaiser und seine Minister gaben nach: „Es genüge, die vollzogenen Todesurteile anzuzeigen.“ Viele Revolutionäre, darunter Kossuth und Gyula Andrássy wurden in effigie gehängt, ihr Bild wurde an den Galgen genagelt. Erst am 26. Oktober 1849 befahl der Kaiser unter dem Einfluss Schwarzenbergs, dass keine Hinrichtungen wegen Revolutionsdelikten mehr stattfinden dürfen.
Die Zerschlagung der Einheit des Königreiches Ungarn und die Unterteilung in neun Verwaltungseinheiten waren der Bevölkerung genauso verhasst, wie die Militärverwaltung. Einige Jahre später, von Anfang Juni bis Mitte August 1852, bereiste Franz Joseph Ungarn. Dieser Fahrt lag die Idee zugrunde, dass dadurch „der Kaiser … nach Möglichkeit die Wunden der Revolution selbst heilen (sollte).“ Die vielen schwarz gelben Fahnen und das Fehlen der ungarischen Trikolore vermittelten ihm den Eindruck, dass alle im Lande zufrieden seien. Doch hier täuschte der äußere Schein. So vermerkte der Feldmarschallleutnant Hugo Freiherr von Weckbecker der Franz Joseph begleitete: „Jeden Tag … festliche Einzüge, abendliche Illumination, zum Teil bei Jubel, zum Teil bei eisiger Kälte wie in Stuhlweissenburg, wo Kossuth noch viele Anhänger hatte.“
Der ungarische Politiker und Diplomat László Szőgyény-Marich kommentierte eine spätere Reise Franz Josephs trefflich: „Seine Majestät sah nichts in seinem wirklichem oder natürlichem Zustand, alles war künstlich; Probleme wurden vor ihm versteckt, Menschen und Dinge waren in festliche Kleidung gehüllt, der Kaiser besprach Dinge von öffentlichem Belang nur mit Beamten, die alles zu ihrem eigenen Vorteil im bestmöglichen Licht darstellten. Mit den unabhängig Denkenden diskutierte der Kaiser nur neutrale Themen, mit dem gewöhnlichen Volk hatte er überhaupt keinen Kontakt.“
Schon während der Ungarnreise 1852 waren Gerüchte über ein geplantes Attentat aufgetaucht. Dass nicht alle mit der Politik des Kaisers einverstanden waren, sollte sich am eindringlichsten im Jahr darauf zeigen. Am 18. Februar 1853 sprang bei einem Spaziergang Franz Josephs plötzlich ein junger Mann von hinten auf ihn zu und versuchte ihn mit einem scharfen, beidseitig geschliffenen Küchenmesser in das Genick zu stechen. Beim Attentäter handelte es sich um einen ungarischen Schneider namens János Libényi, der bei seiner Festnahme mehrfach Eljen Kossuth geschrien hatte.
Ein Ereignis verbesserte sicherlich langfristig die Beziehung Franz Josephs zu Ungarn. 1854 heiratete er die blutjunge Elisabeth Herzogin in Bayern, deren Erziehung in der Verlobungszeit unter anderem von dem Historiker Johann Graf Mailáth von Székhely, der Elisabeth vor allem die Geschichte der Habsburgermonarchie näherbringen sollte, beeinflusst war. Der zwar habsburgtreue, aber auch nationalstolze Ungar impfte Sissi eine Begeisterung für die Magyaren und ihre – gerade im Verhältnis zu der habsburgischen Dynastie – schwierige Geschichte ein, was die politische Anschauung der zukünftigen Kaiserin nachhaltig beeinflussen sollte.
Eine weitaus stärkere Einwirkung auf die Politik hatten die Ereignisse der Jahre 1859 und 1866, man spricht sehr berechtigt von einem Primat der Außenpolitik, die starke Auswirkungen auf die Innenpolitik hatte. Nach dem verlorenen Krieg 1859 in Italien und dem Verlust der Lombardei, war die Monarchie in einer tiefen Krise. Neben den finanziellen Problemen war vor allem der Prestigeverlust des Kaisers ausschlaggebend und Franz Joseph, der bis dahin absolutistisch regiert hatte, musste nun – sehr gegen seinen Willen – einen Schritt in Richtung einer Konstitutionalisierung des Staates und langfristig auch einen Schritt in Richtung der Versöhnung mit Ungarn gehen.
Die Verfassungsversuche des föderalistischen Oktoberdiploms 1860 und des zentralistischen Februarpatents 1861 waren nicht sehr erfolgreich. Ein Reichsrat trat zwar am 29. April 1861 zusammen, allerdings waren Widerstände und Abwesenheiten der Italiener, Tschechen und besonders der Ungarn kein gutes Zeichen für seine Wirksamkeit.
Am Vorabend des Krieges mit Preußen im Jahre 1866, der eine erneute schwere Niederlage der Monarchie mit sich bringen sollte, versuchte Franz Joseph eine Lösung der ungarischen Frage zu finden. Zwei Veränderungen – die nicht unbedingt im primären Interesse Franz Josephs standen – resultierten daraus: der Ausgleich mit Ungarn und die Schaffung einer Verfassung für die „österreichische Reichshälfte“, deren offizieller Name nach 1867 „die im Reichsrat vertretenen Königreich und Länder“ oder etwas weniger formell Cisleithanien war.
Für die weitere Entwicklung trat nun ein Faktor ein, den man nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen sollte, die Rolle der Kaiserin Elisabeth in den ungarischen Angelegenheiten. Ihr Interesse und ihre Beteiligung an der kaiserlichen Politik und politischen Fragen waren bis dahin wenig deutlich hervorgetreten, erst mit ihrer Leidenschaft für die Ungarn wurde sie politisch aktiv. Elisabeth lernte Ungarisch und entfaltete großes Interesse an der Kultur und Politik Ungarns. Nach der Flucht des Palatins Stephan im Revolutionsjahr 1848 gab es keinen „ungarischen“ Habsburger, dem die ungarische Nation emotional verbunden war, eine Lücke, in die Elisabeth eintreten konnte, was ihren Mythos in Ungarn schuf. Ihr Gesellschafterin Ida von Ferenczy vermittelte Elisabeth den Kontakt mit den liberalen ungarischen Politikern, Franz Deák und Josef Eötvös, Kontakte, die der Wiener Hof, der den Magyaren reserviert bis ablehnend gegenüberstand, nicht zu schätzen wusste.
Die Wende in den Beziehungen zu Ungarn trat Ende Dezember 1864 ein. Der Initiator war Kaiser Franz Joseph – sicherlich auch von seiner Frau beeinflusst – der die Integrität und die Großmachtstellung seines Reiches und die Rechte seiner Dynastie wahren wollte. Während der Kaiser die Probleme in Italien und Galizien zur Außenpolitik rechnete, war Ungarn für ihn eine innere Frage, die auch eine Existenzfrage des Reiches darstellte.
Die Diskussion um den Ausgleich trat in die letzte entscheidende Phase als Franz Deák, mit dem Franz Joseph Kontakt aufgenommen hatte, zu Ostern 1865 in seinem Artikel im Pesti Napló Verhandlungen zu einem Ausgleich vorschlug. Seiner Meinung nach sollten sich die Ungarn mit dem ungarischen König über eine Verfassung einigen – während hingegen der radikalere Kossuth aus seinem Exil in Turin einen solchen Ausgleich verwarf.
Die Verhandlungen dauerten lange, aber letztendlich entstand das Ausgleichsgesetz – letztlich ein Vertrag zwischen dem König von Ungarn und der ungarischen Nation vertreten durch das Parlament – als ein Teilstück in den Verfassungsgesetzen, maßgeblich war der ungarische Gesetzesartikel XII.
Zentral war die Festlegung der Personalunion, die Franz Joseph zum Herrscher der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie machte, ergänzt durch eine Realunion. Für die Bereiche der Außenpolitik und für die gemeinsame Armee gab es auch gemeinsame Finanzen. Unmittelbare Folge des Ausgleichs war die Krönung Franz Josephs und seiner Frau in Budapest am 8. Juni 1867. Im Ausgleich kann ein Wendepunkt der Politik Franz Josephs gesehen werden, die ersten fast zwanzig Jahre seiner Regierung – überschattet von Konflikten aller Art – unterschieden sich stark von der weiteren Regierungszeit.
IV.
Ein anderes nationales Problem seit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806, bei dem die Habsburgermonarchie wie in Italien ein Hindernis darstellte, war die deutsche Frage. Diese wurde nach dem Wiener Kongress – mit Ausnahme der kleindeutschen Episode im Jahre 1848 – stets im Sinne der großdeutschen Lösung entwickelt, das änderte sich nach 1861 erheblich. Unter Wilhelm I. in Preußen wurden Otto von Bismarck und das strategische Genie Helmuth von Moltke zu den Betreibern einer „kleindeutschen“ Lösung, das heißt der Vereinigung der Deutschen unter Ausschluss der Habsburgermonarchie und unter der Führung der protestantischen Hohenzollern. Auslöser für die Entscheidung, den Konflikt mit „Blut und Eisen“ wie Bismarck sagte, auszutragen, war der Streit mit Dänemark um Schleswig-Holstein 1863, der zum Krieg Preußens und Österreichs gegen Dänemark führte. Bei der Aufteilung der Beute zeigten sich erhebliche Spannungen zwischen Preußen und der Habsburgermonarchie. Zusammen mit Fragen der Reform des Deutschen Bundes führte das letztlich zum Krieg zwischen der Habsburgermonarchie, die mit den süddeutschen Staaten verbündet war, und Preußen, das seinerseits in Italien einen geradezu natürlichen Bundesgenossen gegen die Habsburgermonarchie gefunden hatte. Die entscheidende Schlacht fand 1866 bei Königgrätz/ Hradec Kralove statt. Moltke besiegte mit seiner besser ausgerüsteten und besser strategisch geführten Armee die Österreicher.
Dieser Krieg war auch für die italienische Einigung wichtig. Trotz der Erfolge am italienischen Kriegsschauplatz bei Custozza und des Sieges Wilhelm von Tegetthoffs in der Seeschlacht von Lissa endete der Krieg schnell. Venetien musste – wie schon vorher mit Napoleon III. vereinbart, gewissermaßen als dessen Preis für seine Neutralität – an Italien abgetreten werden, ohne dass damit aber die italienische Frage endgültig gelöst war. Noch verblieben das Trentino und Triest in Händen der Habsburger, weiterhin gab es ca. 600.000 bis 700.000 „unerlöste“ – daher der Name Irredenta – Italiener unter habsburgischer Herrschaft, die eine friedliche Nachbarschaft und die spätere Bündnispolitik behinderten.
Eine Tatsache ist von Interesse: während sonst die Habsburger hartnäckig an ihren Forderungen und Ansprüchen festhielten – man denke nur an den habsburgischen Titel, in dem noch lange verlorene, auch nie besessene Gebiete wie der des Königreichs Jerusalem auftauchten – scheint Franz Joseph nach 1866 seinen inneren Frieden mit den Verlusten der italienischen Provinzen und dem Einfluss auf die deutsche Frage abgeschlossen zu haben. Das Verhältnis mit Preußen bzw. dem deutschen Kaiserreich und Italien waren nicht durch Rachephantasien belastet, sondern führten in beiden Fällen langfristig zu einem Bündnis, dem Zweibund und dann dem Dreibund, der allerdings im Falle Italiens durch die Irredenta-Bewegung entsprechend belastet war. Außenpolitisch waren die deutsche und die italienische Frage nun nicht mehr von Bedeutung, der Balkan mit seinen ständigen Krisen stand im Mittelpunkt der politischen Orientierung Franz Josephs.
Mit dem Ausgleich mit Ungarn und der Entstehung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie war zwar ein gewichtiges Problem der Monarchie gelöst und die – im Laufe ihrer Geschichte immer wieder zu Aufständen gegen die Habsburger neigenden – Ungarn befriedigt, aber das nationale Problem nicht wirklich gelöst. Wirft man einen Blick auf eine Karte der Habsburgermonarchie, die eine Verteilung der verschiedenen Nationen zeigt, so wird klar, dass diese Frage nicht einfach zu lösen war, allzu sehr ineinander verzahnt stellt sich die Situation dar und jede Veränderung der Grenzen eines Kronlandes zu Gunsten einer Nation hätte zur Benachteiligung einer anderen, die jetzt eine (gegebenenfalls unterdrückten) Minderheit geworden wäre, geführt. Auf dieser territorialen Basis war der nationale Konflikt nicht lösbar.
V.
Viele Menschen, die sich des Problems bewusst waren, haben alternative Projekte entwickelt, die allerdings nie verwirklicht wurden. Der spätere Kanzler der Republik Österreich nach 1918 und nach 1945, Dr. Karl Renner, hat unter dem Pseudonym Synoptikus in einem Buch die föderalistische Neuordnung der österreichisch-ungarischen Monarchie verfochten, wobei er das Prinzip der Personalautonomie entwarf. Er forderte, dass die Minderheit nicht der Mehrheitsbevölkerung unterworfen sein dürfe.
Auch der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Berater entwickelten Vorstellungen zur Neugestaltung der Monarchie, bei der eine Schaffung von 15 neuen Gliedstaaten mit ethnisch-sprachlichen Grenzen, die Gesamtheit der „Vereinigte Staaten von Groß-Österreich“ bilden sollten. Dadurch sollten vor allem die „geschichtslosen Nationen“ wie die Slowaken oder die Ukrainer in eine ausgewogene Machtverteilung im Staat einbezogen werden.
Eine Realisierung dieses Konzepts hätte vor allem bei den Ungarn aber auch bei den Polen Widerstand hervorgerufen, auch die Frage der neuen Grenzen zwischen diesen Ländern hätte zu weiteren nationalen Konflikten geführt. Das Problem der Minderheiten wäre damit durch die Durchmischung der Ethnien im Gebiet der Habsburgermonarchie nicht gelöst worden.
Realpolitisch vergrämte der Ausgleich mit Ungarn 1867 die anderen Nationen des Staates, da z.B. die Tschechen in Böhmen gleiche Rechte für sich forderten. Die Schaffung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 hatte sechs Millionen Deutschsprachige und fünf Millionen Ungarn privilegiert, denen 18 Millionen Slawen und Rumänen gegenüberstanden, deren Gleichwertigkeit nicht anerkannt wurde. Der Nationalitätenkonflikt erreichte nach 1867 eine Schärfe, für die weder der Kaiser, der wenig konsequent war, noch die verschiedenen Ministerpräsidenten Österreich-Ungarns eine Lösung fanden.
Knapp nach 1867 machte Franz Joseph den ersten Versuch so etwas wie einen Ausgleich mit Böhmen durchzuführen. Im so genannten kaiserlichen Reskripts an den böhmischen Landtag vom 12. September 1871 sagte er „Eingedenk der staatsrechtlichen Stellung der Krone Böhmen und des Glanzes und der Macht bewusst, welche dieselbe Uns und Unseren Vorfahren verliehen hat, eingedenk ferner der unerschütterlichen Treue, mit welcher die Bevölkerung von Böhmen jederzeit Unseren Thron stützte, erkennen Wir gerne die Rechte dieses Königreiches an und sind bereit, diese Anerkennung mit Unserem Krönungseide zu erneuern.“ Doch dieses Projekt scheiterte nicht zuletzt am Konflikt der Deutschen und der Tschechen, die sich gegenseitig die Schuld am Nichtzustandekommen des in den Fundamentalartikeln angedachten Ausgleichs zuschoben.
VI.
Um das Nationalitätenproblem zu lösen gab es eine Reihe gescheiterter Versuche. Nur zwei markante Beispiele sollen stellvertretend genannt werden. In der Stadt Cilli/ Celje, damals in der Südsteiermark, heute in Slowenien gelegen, war die Mehrzahl der Bürger der Stadt deutschsprachig, während die ländliche Bevölkerung der umliegenden Gebiete ausschließlich Slowenisch sprach. In den 1890 Jahren stieg die Zahl der Kinder mit slowenischer Muttersprache, um eine Denationalisierung zu vermeiden, plant man eine slowenische Parallelklasse im Gymnasium zu Cilli einzurichten. Als im Budgetvoranschlag für 1895 die unselige Parallelklasse in Cilli auftauchte, führte dies zum Bruch der Koalition und Regierungschef Alfred Windisch-Grätz stürzte.
Ein anderer Versuch ging von Graf Kasimir Badeni, dessen Regierung der „starken Hand“ ebenfalls slawenfreundlich war, aus. Er gewann die Unterstützung der Jungtschechen und versuchte eine Sprachverordnung für Böhmen durchzusetzen, die unter anderem bestimmte, dass die Beamten in Böhmen innerhalb einer Frist von drei Jahren beide Sprachen perfekt erlernen müssten. Dabei waren die tschechischen Beamten, die Deutsch konnten, im Vorteil, während die Deutschen eine Erlernung der „minderwertigen“ tschechischen Sprache ablehnten. Unter dem Druck der Deutschnationalen, und der Straße musste Badeni zurücktreten, wieder war ein Versuch der Annäherung gescheitert.
Während das Problem in Böhmen bis zum Ende der Monarchie ungelöst blieb und letztlich in der Gründung der tschechoslowakischen Republik unter Masaryk und Benesch mündete, verlief das Verhältnis zu Galizien-Lodomerien ganz anders. Die polnischen Abgeordneten verweigerten nicht die Teilnahme am Parlament, sondern arbeiteten – geködert mit Steuergeschenken und Investitionen in ihrem Land – konstruktiv mit. Der Gewinn der Polen war die Unterdrückung der Ruthenen (Ukrainer) in ihrem Kronland, was deutlich macht, dass das Nationalitätenproblem auf regionaler Ebene andere Dimensionen hatte.
Eine der langfristig in der Zeit der Habsburgermonarchie wirksamen Fragen bot das Problem der Südslawen auf dem Balkan. Während die Slowenen und Kroaten, aber auch Serben und bosnische Muslime innerhalb der Monarchie lebten, gab es einen eigenen Staat der Serben, dessen Dynastie, die Obrenović bis 1903 den Habsburgern sehr positiv gegenüberstand. Der Wechsel der Dynastie zu den Karađorđević brachte die Serben in den Einflussbereich der Russen, des großen Gegners der Habsburgermonarchie auf dem Balkan. Die Vereinigung der südslawischen Völker, der Serben, Kroaten und Slowenen, die als eine Nation gesehen wurden – man sprach von troi imeni narod, der dreisprachigen Nation – war das erklärte Programm, das allerdings in zwei Varianten gedacht wurde. Erzherzog und Thronfolger Franz Ferdinand, der die Ungarn ebenso wie die Serben, Italiener und Juden hasste, bevorzugte die so genannte austro-slawische Lösung. Er wollte Serbien erobern und ein südslawisches Königtum unter der Führung der katholischen Kroaten innerhalb der Habsburgermonarchie errichten, der eine großserbische Lösung, die dann nach 1918 im Staat Jugoslawien bzw. seiner Vorläufer verwirklicht wurde, gegenüberstand.
Diese nationalen Spannungen führten zu den Schüssen von Sarajewo, die den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe, auslöste, die zum Zerfall der Monarchie führte. Das unlösbare Nationalitätenproblem Zentraleuropas wurde dadurch aber keineswegs gelöst, denn die Nachfolgestaaten waren keineswegs national einheitliche, sondern kleine multinationale Staaten. Der Zerfall der Tschechoslowakei und noch dramatischer Jugoslawiens nach 1989 hängen mit diesen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg eng zusammen. Nachwirkungen dieses nicht gelösten, oder auch nicht lösbaren nationalen Zwistes gehen bis in die heutige Zeit, wenn sie auch erfreulicher Weise nicht mehr dieselbe Dramatik haben wie unter Kaiser Franz Joseph.