Litauens Aufstieg unter Großfürst Gediminas (ca. 1275-1341) und seinen Nachfolgern

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

Wenn es um die viel beschworene „Krise des 14. Jahrhunderts“ geht, so verkörpert Litauen gewissermaßen das Kontrastprogramm zu England und Frankreich: „Welche Krise?“ – Ein solcher Titel würde eigentlich auch gut zu Litauen passen. Im Land selbst ist das 14. Jahrhundert schließlich alles andere als „ein etwas vernachlässigtes Jahrhundert“, um diese Formulierung aus dem Tagungsprogramm aufzugreifen. Eine weitere Aussage, die dort zu lesen ist, trifft allerdings ohne weiteres auch im vorliegenden Fall zu: dass es ein „dramatisches Jahrhundert“ war, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird. Wollte man der Geschichte Litauens im 14. Jahrhundert ein Etikett verpassen, dann vielleicht das eines „Heldenzeitalters“. Es findet sich tatsächlich in der älteren deutschsprachigen Fachliteratur. Diese ist bei uns aber bis heute eine Lektüre für Spezialisten geblieben. Um den zitierten Ausdruck leicht abzuwandeln, so ließe sich behaupten, Litauen insgesamt ist hierzulande „ein etwas vernachlässigtes Land“.

 

I.

 

Daher erscheinen auch einige allgemeine Vorbemerkungen notwendig, was den Ort Litauens auf einer historischen Landkarte Europas anbelangt. Nach einem kurzen Rückblick auf die Vorgeschichte des 14. Jahrhunderts sollen die wichtigsten Stationen und Merkmale des „Heldenzeitalters“ skizziert werden, bevor die Frage nach Bedingungen und Ursachen jenes Aufstiegs diskutiert werden kann. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf den Beginn des 15. Jahrhunderts.

Das Litauen von heute wird zusammen mit Lettland und Estland zum Baltikum gerechnet.

Dies, obwohl seine Geschichte doch wenigstens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts einen völlig anderen Verlauf nahm. Sprachlich sind die Litauer mit den Letten verwandt, beide sprechen „baltische“ Sprachen, während das Estnische mit dem Finnischen verwandt ist. Historisch gesehen verbindet Lettland aber weit mehr mit Estland als mit Litauen. Die beiden nördlichen Republiken im Baltikum, das früher so genannte „Alt-Livland“ sind lange unter deutschem Einfluss gewesen und bis heute protestantisch geprägt. Litauen dagegen ist katholisch, und für seine Geschichte ist die Nachbarschaft, die enge Verbindung zu Polen ausschlaggebend gewesen.

Tatsächlich hat Litauen eine Vergangenheit, die weit vor das 20. Jahrhundert zurückreicht – anders als das heutige Estland und Lettland, die als selbständige Staaten erst nach dem Ersten Weltkrieg auf die Landkarte Europas gelangten. Litauen dagegen kann auf ein gleichnamiges Großfürstentum zurückblicken, und das war tatsächlich groß, zählte auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung um 1430 nahezu eine Million Quadratkilometer. Es erstreckte sich „von Meer zu Meer“, also von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, reichte im Osten fast bis vor die Tore Moskaus, während es im Süden und Westen an den Staat des Deutschen Ordens, dem späteren Ostpreußen, grenzte.

Dass solch ein Riesenreich nicht als Staat im heutigen Sinne anzusprechen ist, leuchtet ein.

Es handelte sich vielmehr um ein eher lockeres Gefüge, zusammengesetzt aus sehr unterschiedlichen Herrschaftsbereichen. Die Vorfahren der heutigen Litauer stellten ohnehin nur eine kleine Minderheit dar. Lange hielten sie an ihrer ursprünglichen Religion fest; die Taufe nahmen sie erst an der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert an. Die überwiegende Mehrheit der Untertanen bildeten Ostslaven, also Vorfahren der heutigen Ukrainer und Weißrussen. Diese hatten zunächst die Bevölkerung der Kiever Rus‘ gebildet, manchmal auch verkürzt als Altrussland bezeichnet. Jene erste Herrschaftsbildung auf ost-slavischem Gebiet hatte 988 die Taufe nach byzantinischem Ritus angenommen, war also christlich, genauer: griechisch-orthodox. Unter dem Ansturm der Mongolen Mitte des 13. Jahrhunderts zerbrach nun jenes Herrschaftsgefüge. Dabei griffen die Mongolen keineswegs in die religiösen Verhältnisse ein. Privilegien für Klöster blieben oder wurden sogar ausgebaut. Alles was die neuen Herrscher verlangten, waren – neben politischem Gehorsam – immense Abgaben, welche umso mehr zur Verarmung oder bestenfalls Stagnation beitrugen, als Investitionen in den unterworfenen Gebieten unterblieben.

Dies machte es für Teilfürsten der ehemaligen Kiever Rus‘ attraktiv, sich den litauischen Großfürsten zu unterstellen. Auch diese versicherten, am inneren Gefüge neu gewonnener Länder nichts ändern zu wollen. Eine günstige Gelegenheit bot sich, als die einstmals so mächtige Goldene Horde allmählich an Einfluss verlor. Sie spaltete sich in mehrere Teile auf. Für Litauen am wichtigsten wurde das Khanat auf der Krim. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts trat Moskau als Konkurrent hinzu, das sich seinerseits berufen fühlte zur „Sammlung der russischen Erde“.

 

II.

 

Nach diesem kleinen Ausblick auf das spätere Mittelalter gilt es nun zur Ausgangslage um 1300 zurück zu kehren. Wenn eingangs davon die Rede war, dass Litauen im Gegensatz zu anderen Gebieten des heutigen Baltikums auf eine Tradition der Eigenstaatlichkeit zurückblicken kann, stellt sich Frage nach den Ursachen. Gängige Antworten verweisen zunächst auf die naturräumliche Lage. Litauen erscheint auf der Landkarte als ein vielfach in sich gegliedertes Gebiet, das Angriffe von außen erschwerte, allerdings auch Verkehr und Handel beeinträchtigte. Dabei handelte es sich um vergleichsweise fruchtbare Landstriche. Anders als das heutige Lettland oder Estland blieb Litauen mit seinem kleinen Küstenstreifen ein Binnenland. Die früher so genannte „Aufsegelung“ Alt-Livlands, seine Eroberung von See her, ließ sich in Richtung Süden nicht weiter fortsetzen. Aber auch auf dem Landweg konnte Litauen nicht eingenommen werden.

Der Deutsche Orden im späteren Ostpreußen scheiterte an dieser selbst gesetzten Aufgabe, auch noch, nachdem sich ihm der Schwertbrüderorden in Alt-Livland 1237 angeschlossen hatte. Beide Zweige jenes Ritterordens gehörten zu den Hauptgegnern Litauens, das ihnen gegenüber in erster Linie auf Bewahrung des territorialen Besitzstandes bedacht war. Diese im Wesentlichen defensive Ausrichtung verlieh der Nachbarschaft im Westen einen anderen Charakter als das Verhältnis Litauens zu Moskau oder den Tataren.

Die Situation ständiger äußerer Bedrohung begünstigte den Zusammenschluss der durch kleine Täler, durch Flüsse und Sümpfe getrennten baltischen Stämme. Ihre Vereinigung war das Verdienst des Mindaugas Mitte des 13. Jh. Seine Herrschaft hatte das Land soweit gefestigt, dass Litauen ein ernsthafter Partner Roms wurde, als die Frage einer Annahme der Taufe anstand. Grundsätzlich konnte es zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Sollte es die Taufe nach römischen oder nach griechischem Ritus annehmen? Auch wenn wir über den Weg der Entscheidungsfindung nicht unterrichtet sind, steht das Ergebnis doch fest: 1253 wurde Mindaugas nach seiner Taufe mit Segen des Papstes zum König gekrönt. Allerdings war dies nicht nur die erste, sondern zugleich auch die letzte Königskrönung in Litauen überhaupt. Nur rund ein Jahrzehnt konnte sich Mindaugas seiner neuen Würde erfreuen;

1263 wurde er von Verwandten ermordet. Ob Litauen erster und einziger König damals überhaupt noch das Christentum vertrat, ist in der Forschung umstritten.

Jedenfalls kam es nach dem Mordanschlag zu Wirren, bis sich schließlich ein neues Herrschergeschlecht durchsetzte: die Gediminiden. Der Name geht auf ihren Stammvater

Gediminas (um 1275-1341) zurück. Anzumerken ist, dass sich in der internationalen Forschung der Brauch durchzusetzen beginnt, Persönlichkeiten der litauischen Geschichte des Mittelalters einheitlich nach einer modernen, rekonstruierten litauischen Form zu benennen. Damit entfällt die Notwendigkeit, sich willkürlich für einen der zeitgenössisch überlieferten Namen entscheiden zu müssen (z.B. dt. Gedimin, poln. Giedymin, wßr. Hedymin). Quellen liegen in den verschiedenen Sprachen von Litauens Nachbarn vor: ost-slavische Chroniken aus dem Gebiet der ehemaligen Kiever Rus‘, deutsche und lateinische Chroniken des Deutschen Ordens, dessen interner Schriftverkehr ebenfalls eine Fundgrube für die Forschung darstellt. Aus Litauen selbst kommen nur ganz vereinzelt Schriftzeugnisse, und diese sind nie in litauischer Sprache, sondern immer in einer Sprache seiner Nachbarn gehalten, in Latein oder einer slavischen Varietät. Die Dichte der Überlieferung nimmt gegen unseres Beobachtungszeitraums, also Ende des 14. Jahrhunderts, deutlich zu. Erst dann nämlich gab es im Großfürstentum eine eigenständige Kanzlei. Zuvor wurden Schreiber immer nur für konkrete Vorhaben an den Hof geholt und nach getaner Arbeit sogleich wieder entlassen. Es handelte sich dabei meist um Franziskanermönche aus Riga. Für einen ungetauften Herrscher zu arbeiten, stellte für sie offenbar kein Problem dar.

Gediminas und seine Nachfolger korrespondierten mit den Mächtigen ihrer Zeit, verheirateten ihre Töchter, führten Krieg und schlossen Frieden, gelegentlich auch regelrechte Bündnisse – dies alles, ohne formal zum abendländischen Europa zu gehören, sofern man dieses heute noch mit einem christlichen gleichsetzen möchte. Insbesondere die Aussicht, Verdienste um die Christianisierung Litauens als letzter „heidnischer“ Macht auf dem Kontinent beanspruchen zu können, stellte ein diplomatisches Lockmittel für die Mächtigen Europas dar.

Die Großfürsten kokettierten mit der Annahme der Taufe, ohne sich letztlich dazu durchringen zu können. Ihnen stand wohl nicht nur das Schicksal des Mindaugas vor Augen. Stärker als jenes abschreckende Beispiel aus der Geschichte ließ sie wohl die Gegenwart zögern: Eine Annahme der Taufe bedeutete nicht einfach nur Christianisierung, sondern verlangte zugleich eine Entscheidung für den westlichen oder den östlichen Ritus. Orthodox, also letztlich dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel verbunden, war die Mehrheit der Untertanen, Katholisch die Glaubensrichtung des Deutschen Ordens. Unterstellte sich Litauen dem Papst, entzog man jenen „Kreuzrittern“ zwar die ideologische Daseinsberechtigung, stellte sich aber zugleich gegen die Mehrheit der Untertanen – nicht nur der jetzigen, sondern auch aller zukünftigen, die man auf dem Gebiet der ehemaligen Kiever Rus‘ noch zu gewinnen hoffte. Insofern war das Lavieren zwischen beiden Optionen, Rom und Byzanz, selbst eine Option als ein gewissermaßen „dritter Weg“ (das sogenannte Große Abendländische Schisma spielte aus diesem politischen Blickwinkel eine untergeordnete Bedeutung).

Im Innern fiel der Gegensatz zwischen einem Herrscherhaus mit seiner Naturreligion und den orthodox getauften Untertanen nicht weiter ins Gewicht: Gediminiden aus den litauischen Kernlanden, die mit politischen Aufgaben in den östlichen Gebieten betraut wurden, nahmen dort neben der Sprache auch den Glauben ihrer neuen Umgebung an.

Was bei dieser Herrschaftspraxis ins Auge fällt, ist zunächst die rein räumliche Ausdehnung, selbst wenn diese, wie erwähnt, in mehr oder weniger lockerer Form erfolgte. Ebenso ist daran zu erinnern, dass sich Litauens Expansion ausschließlich nach Osten und Süden erstreckte, während nach Westen und Norden, also gegenüber den Gebieten des Deutschen Ordens, lediglich defensiv der Gebietsstand gewahrt wurde. Die Erweiterung des Herrschaftsgebietes konnte militärisch, aber auch durch Erbschaft oder Heirat erfolgen. Nicht immer lässt sich dies so eindeutig bestimmen, wie im Falle Kievs: Die „Mutter der russischen Städte“ wurde 1320 erobert.

Heiratsverbindungen unterhielt das litauische Herrscherhaus sowohl nach Westen wie nach Osten. Eine Tochter des Gediminas wurde 1325 sogar Frau des polnischen Thronfolgers Kasimirs, des späteren Königs Kasimirs des Großen. Sie nahm vorher die Taufe nach römischen Ritus und einen christlichen Vornamen (Anna) an. Von einer Liebesheirat kann wohl schwerlich die Rede sein. Vielmehr flankierte die Hochzeit ein Bündnis ihrer Väter

gegen die Markgrafen von Brandenburg, was als heidnisch-christliche Koalition europaweit für Aufsehen sorgte. Andere Gediminiden-Prinzessinnen, die in das Moskauer Reich einheirateten, empfingen entsprechend die Taufe nach griechischem Ritus.

Im Bereich der auswärtigen Beziehungen haben die Gediminas-Briefe eine gewisse Berühmtheit erlangt. Die traditionell unter jenem Sammelbegriff aufgeführten Schriftstücke bieten das Bild einer diplomatischen Offensive zwischen 1322 und 1324.  Der Großfürst signalisierte Rom gegenüber seine Bereitschaft, den katholischen Glauben anzunehmen. Des Weiteren bekundete er Offenheit nicht nur für westliche Fachleute, sondern auch für Siedler aller Art samt ihren Familien. Günstige Bedingungen, darunter das Recht auf freie Religionsausübung, wurden zugesichert. Adressaten waren dabei namentlich aufgeführte Ostseestädte. Wenn auch der unmittelbare Erfolg jener Werbeaktion eher gering zu veranschlagen ist, so kann doch mit dem heute in Litauen lebenden und arbeitenden Cambridge-Historiker Stephen C. Rowell konstatiert werden, dass Gediminas jedem christlichen Fürsten ebenbürtig war.

 

III.

 

Gediminas’ Machtstellung übertrug sich auf seine Söhne Algirdas (um 1300–1377) und Kęstutis (um 1297–1382). Beide standen seit 1345 gemeinsam an der Spitze des Großfürstentums. Das immer wieder gern beschworene Bild brüderlichen Einvernehmens scheint hier tatsächlich einmal Realität geworden zu sein. Grundlage dieser Doppelherrschaft bildete eine klare Arbeitsteilung: Kęstutis kümmerte sich um die Beziehungen nach Westen

(und damit dem Deutschen Orden), Algirdas um die übrigen Nachbarn. In diesem Zusammenhang sei auf den Luxemburger Karl IV. verwiesen. Beide Brüder wurden Objekte seiner Missionspläne. Der Kaiser wartete Ende 1358 in Breslau auf das angekündigte Eintreffen der heidnischen Herrscher. Es erschienen allerdings nur Boten. Sie erklärten, dass vor einer Taufe nach römischem Ritus zunächst der Deutsche Orden Gebietsgewinne zurückgeben müsse.

So harmonisch sich offenbar auch die Zusammenarbeit von Algirdas und Kęstutis gestaltete:

Dieses Modell eines konfliktfreien Neben- und Miteinander innerhalb eines Herrscherhauses

ließ sich nicht auf die nächste Generation übertragen. Jogaila (um 1350–1434) und Vytautas (um 1350–1430), die Söhne von Algirdas bzw. Kęstutis, standen sich die längste Zeit ihres Lebens als Rivalen gegenüber, auch wenn sie zeitweilig befristete Bündnisse eingingen.        Das gespannte Verhältnis trat erstmals als einer der in Osteuropa häufigen Onkel-Neffen-Konflikte in Erscheinung. Im August 1383 wurde Kęstutis in Begleitung seines Sohnes von Gefolgsleuten Jogailas zunächst gefangengenommen, dann offenbar ermordet, sofern er seinem Leben im Kerker nicht selbst ein Ende setzte.

„Dramatisch“ blieb das 14. Jahrhundert für Litauen auch weiterhin. Eine aktive Rolle in den innenpolitischen Auseinandersetzungen spielte der Deutsche Orden. Dieser verstand es, Akteure in Litauen gegeneinander auszuspielen, und bot sich im Zweifelsfall immer als Zufluchtsort für unterlegene Protagonisten an. So war es Vytautas anders als seinem Vater gelungen, aus der Gefangenschaft Jogailas zu entkommen. Er floh nach Preußen, zum Deutschen Orden, wo er sich 1383 taufen ließ und den Namen Wigand annahm. Dies hinderte den Neophyten Vytautas nicht daran, heimlich Kontakt zu seinem Vetter zu suchen und sich mit ihm auszusöhnen. Hoffnungen auf eine führende Stellung in seiner alten Heimat erfüllten sich jedoch zunächst nicht.

Das Heft behielt nach wie vor Jogaila fest in der Hand. Er fasste den folgeschweren Entschluss zur Annahme der Taufe, und zwar nach römischem Ritus. Eine solche Gelegenheit schien sich so schnell nicht wieder zu bieten: Mit der Taufe winkte zugleich die Krone eines Nachbarlandes, nämlich Polens. Am 14. August 1385 wurde im heute weißrussischen Krewo,

nahe an der litauischen Schengen-Grenze, ein Vertrag unterzeichnet, der bis heute für Auseinandersetzungen sorgt. Im Kern jedenfalls, das lässt sich vereinfachend festhalten, schuf er die Grundlage für die polnisch-litauische Personalunion, die über Jahrhunderte hinweg Bestand haben sollte – anders als die manchmal zum Vergleich hinzu gezogene Kalmarer Union zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen (1397–1523).

 

Die Frage, ob Litauen mit der immer enger werdenden Anlehnung an Polen letztlich seinen Untergang besiegelt habe, wird in national-litauischen Kreisen bis heute bejaht. Doch ist dies keine mehrheitsfähige Position, schon gar nicht in der Wissenschaft. Wie das polnisch-litauische Verhältnis rein rechtlich zu beurteilen ist, wird allerdings immer noch unterschiedlich ausgelegt. Aber genauso ist in praktischer Hinsicht unverkennbar, dass Litauens Stellung in jenem Bündnis sich im Laufe der Jahrzehnte nach Krewo fortlaufend stärkte. Und dies gilt ganz besonders für Litauens ranghöchsten Repräsentanten, eben Vytautas. Sein Einflussbereich erstreckte sich bis zu den Tataren, wo er ihm genehme Kandidaten zur Khanswürde verhalf. Freilich waren seine Interventionsversuche nicht immer von Erfolg gekrönt. An der Vorskla, einem Nebenfluss des Dnepr, erlitt er 1399 eine Niederlage gegen die Tataren. Selbst dieser militärische Misserfolg verdeutlicht immer noch das europäische Gewicht Litauens zu jener Zeit: Für den Feldzug hatte Papst Bonifaz IX. eigens einen Kreuzzugsaufruf erlassen, und neben polnischen Adligen befanden sich sogar Ritter des Deutschen Ordens in den litauischen Schlachtreihen.

In das Jahr 1410 fällt der glanzvolle, gemeinsam errungene Sieg Jogailas und Vytautas gegen den Deutschen Orden bei Tannenberg. Viel hätte nicht gefehlt, und es hätte nach Mindaugas

einen weiteren König in der Geschichte Litauens gegeben. 1429, ein Jahr vor seinem Tod, hatte Vytautas im wolhynischen Luck Gäste aus ganz Europa begrüßen dürfen. Angereist waren neben seinem Vetter Jogaila und ostslavischen Fürsten Gesandte aus Dänemark, der Moldau, der Tataren und selbst aus dem fernen Byzanz; doch prominentester Teilnehmer des Treffens war zweifellos der römische König und spätere Kaiser Sigismund. Besprochen wurden ganz allgemein Probleme Ostmitteleuropas, darunter auch die Lage des von den Hussitenkriegen betroffenen Böhmens.

Vytautas hinterließ keine männlichen Nachkommen. Insofern bedeutete es in erster Linie eine persönliche Ehrung, wenn ihm Sigismund nach Absprache mit dem Papst eine Königskrone zukommen lassen wollte. Jogailas anfängliche Zustimmung zur Rangerhöhung seines Vetters war jedoch einer Ablehnung gewichen, als einflussreiche polnische Ratgeber um den Bestand der Union fürchteten. Die Gesandten mit der Krone (wohl aus Augsburg oder Nürnberg) wurden so lange in Polen aufgehalten, bis ihre Mission gegenstandslos geworden war: Ende Oktober 1430 verstarb Litauens greiser Herrscher.

 

IV.

 

Für manche Historiker ist damit das Heldenzeitalter Litauens definitiv zu Ende, aber an dieser Stelle sollte vielleicht eher interessieren, wie es überhaupt zu diesem Höhepunkt hat kommen können, angesichts jener viel beschworenen „Krise des 14. Jahrhunderts“. Zunächst blieb das Land vom Wüten der Großen Pest verschont. Auch sonst genoss es die Gunst der Biologie. Obgleich von Mindaugas zu Gediminas keine verwandtschaftliche Linie führt, war dieser Stammvater eines neuen Geschlechts ebenso wie seine Kinder und Enkel mit einem langen Leben gesegnet. Ein Alter von rund 80 Jahren zu erreichen, das war selbst in Kreisen regierender Häupter Europas nur den wenigsten vergönnt. Nach der Biologie sollte sodann die Jurisprudenz zu ihrem Recht kommen. Anders als Polen oder die Kiever Rus‘ litt Litauen nicht an Erbteilungen, die zu einer folgenschweren Zersplitterung des Landes geführt hätten.

Ungeachtet aller Auseinandersetzungen innerhalb des Herrscherhauses war eine dynastische Stabilität erreicht. Die Gediminiden spielten für Litauen insofern die gleiche Rolle wie die

die Přemisliden für Böhmen, die Arpaden für Ungarn oder die Piasten für Polen. Mit Annahme der Königskrone im polnischen Krakau wurden die Gediminiden dann zu Ahnen einer neuen polnischen Dynastie, welche nach dem polnischen Namen von Jogaila (Jagiełło)

den Namen „Jagiellonen“ trägt. Von ihrem Ursprung her sind die Jagiellonen jedenfalls

ein litauisches Herrschergeschlecht.

Um bei dem Vergleich zu Polen, Ungarn und Böhmen zu bleiben, den Kernländern Ostmitteleuropas also, so verdankten sie ihre innere Konsolidierung nicht allein der Langlebigkeit einer Herrscherfamilie. Hier hatte sich zusätzlich ein gesellschaftlich übergreifendes Integrationsangebot durchgesetzt: nämlich die Idee von einem Land als eines unteilbaren Ganzen, das unabhängig von der Person des jeweiligen Monarchen existiere und über das dieser daher auch nicht über Belieben verfügen dürfe. Sinnbild dieser Idee war die Krone, im lateinischen Ausdruck der Zeit Corona regni. Im Falle Böhmens und Ungarns wurde jene abstrakte Idee der Krone mit einer konkreten Herrscherpersönlichkeit in Verbindung gebracht: als „Wenzelskrone“ bzw. „Stefanskrone“, benannt nach herausragenden Monarchen, welche zugleich als Heilige verehrt wurden.

Vor diesem Hintergrund treten die Defizite eines heidnischen Landes hervor. Über Möglichkeiten, sich den kirchlichen Propagandaapparat zunutze zu machen, verfügte Litauen vor 1386 nicht. Vytautas mochte in der späteren Geschichtsschreibung als so etwas wie ein säkularer Heiliger fungieren, aber obwohl er nachweislich viele Kirchen gestiftet hatte – formal kanonisiert wurde er nie; die Zeit für Heldenfiguren als dynastische Heilige gehörte in Europa offenbar der Vergangenheit an. Ein weiterer Nachteil der späten Christianisierung war ihre institutionelle Absicherung: Litauen vermochte es nicht, eigene Kirchenprovinz zu werden. Das 1387 neu gegründete Bistum Wilna war mit 226 000 Quadratkilometer das größte des Kontinents, blieb aber dem polnischen Erzbistum Gnesen (Gniezno) unterstellt.

Was die weltlichen Angelegenheiten im engeren Sinne anbelangt, so erweiterten sich nach der Taufe doch die Handlungsmöglichkeiten Litauens. Der Deutsche Orden mochte noch so sehr die Ernsthaftigkeit der Christianisierung seines Gegners in Zweifel stellen – letztlich drangen die Kreuzritter auf europäischer Bühne damit nicht mehr durch. In diesem Zusammenhang sei noch einmal an das Bündnis Gediminas mit Polen gegen Brandenburg erinnert, für das eine Tochter des litauischen Herrschers einstehen musste. Als heidnisch-christliches Bündnis gegen ein christliches Land sorgte es europaweit für Aufsehen, erwies sich aber als wenig tragfähig: Schon bald nach dem Tod Annas 1339 flammten erneut litauisch-polnische Konflikte auf.

Auch was die Schriftlichkeit anbelangt, bedeutete die Christianisierung eine Zäsur. Aus dem Ende des 14. Jahrhunderts datieren die Anfänge einer litauischen Kanzlei. Diese war allerdings – ebenso wie der übrige Verwaltungsaufbau des Landes – sehr viel stärker weltlich geprägt als anderswo in Europa. Hier spielte sicherlich der Wunsch eine Rolle, angesichts des katholisch-orthodoxen Gegensatzes nicht eine bestimmte Glaubensrichtung zu bevorzugen.

Andererseits ist es bemerkenswert, dass auch im weltlichen Bereich wesentliche Impulse

unmittelbar nach Annahme der Taufe erfolgten. Dies gilt für die Verleihung des sächsisch-deutschen Stadtrechts (zunächst 1387 an die Residenzstadt Wilna) ebenso wie für Privilegien für Juden (die ersten ergingen auch an Gemeinden im heutigen Weißrussland). Umschreiben lassen sich jene Vorgänge mit den Stichworten von Modernisierung oder mittelalterlichem Landesausbau. Sie blieben nicht ohne gesellschaftliche Folgen.

Die Grenzen zwischen den einzelnen sozialen Gruppen scheinen anfangs noch eher fließend

als scharf gezogen. Dies gilt selbst für das Verhältnis zwischen den mehrheitlich freien Bauern und dem im Entstehen begriffenen Adel, wobei letzterer insofern schon privilegiert war, als er keine Naturalabgaben zu leisten hatte. Landbesitz aber war noch kein Vorrecht

eines bestimmten Bevölkerungsteils. Hinsichtlich der Besitzgröße allerdings begann sich bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts eine Gruppe abzuheben. Sie erwarb zusätzliches Land oder erhielt solches, wohl zumeist für geleistete Dienste, aus der Hand des Herrschers – für eine bestimmte Zeit, bis zum Lebensende oder sogar mit dem Recht auf Weitervererbung. Die genauen Bedingungen lassen sich im Einzelnen nicht bestimmen.

Wenn oben von „wesentliche[n] Impulse[n]“ der Taufe die Rede war, so sollte damit nicht zuletzt die lange Dauer eines Prozesses angedeutet werden, welcher Litauen Ende des 14. Jahrhunderts auch formal Anschluss an das übrige Europa finden ließ.

Eine lange Tradition weist die Diskussion auf, welche Elemente der litauischen Herrschaftsorganisation autochthonen Ursprungs sind und welche sich auf Einflüsse von außen zurückführen lassen. Dabei kann es in heutiger Sicht allenfalls um die Bestimmung

des Mischungsverhältnisses gehen. Als ein Sinnbild hierfür mag ein Siegel des Kęstutis genügen. Dargestellt ist ein Krieger, mit einem Brustpanzer deutschen Ursprungs, einem typisch tatarischen Helm sowie, nicht zu vergessen, einem einheimischen, litauischen Schild.

Schließen möchte ich aber nicht mit einem Beispiel aus dem Bereich des Militärischen, auch nicht mit dem Drama der verhinderten Königskrönung 1429, sondern mit dem Bild einer Prozession. Es ist eine Darstellung, die seit einigen Jahren schon immer wieder gern in Abhandlungen zur Geschichte Litauens wie Europas aufgenommen wird. Datierungen weichen dabei voneinander ab. Sie reichen von „um 1400“ bis hin zu „1419-1436“. Jedenfalls markiert jenes Fresko in der Straßburger Kirche Jung St. Peter (St. Pierre Le Jeune) das Ende unseres Beobachtungszeitraums.

Die figürliche Darstellung zeigt den „Zug der Nationen zum Kreuz“. 15 namentlich gekennzeichnete Allegorien leisten dem Ruf des Christentums Folge. Sie bilden eine Prozession, die sich in zwei Gruppen gliedert, was ganz offensichtlich eine hierarchische Ordnung zum Ausdruck bringen soll: Auf Reiterinnen folgen Fußgängerinnen. Angeführt wird die Prozession von der „Germania“ hoch zu Ross. Dieser Allegorie des Reiches folgen weitere Reiterinnen, als letzte die „Polonia“. Den Schluss des Zuges bilden zwei Frauen zu Fuß. Noch hinter der „Oriens“ (die vermutlich die ostslavische Orthodoxie verkörpern soll), schreitet ganz am Ende die „Litavia“, also die Personifikation Litauens.

Hunderte von Kilometern westlich der Grenzen des Großfürstentums spricht das Bild eine beredte Sprache: Mochten auch Zweifel am christlichen Charakter des Landes bestanden haben – Litauens Anspruch auf einen Platz in Europa ließ sich nicht länger mehr ignorieren.

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