„Wartet nicht auf die Zeit – die Zeit wartet nicht auf Euch!“

Caterina von Siena – Mystik und Kirchenreform

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

„Wartet nicht auf die Zeit – die Zeit wartet nicht auf Euch“ – dieser Satz kehrt in Caterinas Briefen mehrfach wieder. „Zeit“ ist etwas Kostbares, nicht nur wegen der Begrenztheit des irdischen Lebens, sondern weil sie die Gestalt des Kairos annehmen kann: Sie soll genützt, mit dem paulinischen Wort „ausgekauft“ werden (Eph 5,16). Charakteristisch für die Spiritualität Caterinas ist die hohe Bedeutung, die sie dem Willen des Menschen und seinen Entscheidungen beimisst. Sie ist überzeugt, dass von jedem Einzelnen – ob gering oder bedeutend in der Weltgeschichte – vieles abhängt. Denn selbst wenn jemand mit all seinem guten Willen nach außen hin nichts ausrichtete, so würde er doch viel bewirken, indem er selbst gut ist. Treffend hat Rainer M. Rilke Caterina einmal „das Gewissen ihrer Zeit“ genannt. Um das sein zu können, muss jemand einen wachen Blick für die eigene Zeit haben – darf aber nicht gänzlich ein Kind der eigenen Zeit sein, sondern muss noch andere Quellen oder Wurzeln haben, aus denen sich sein Urteil speist.

 

Quellen

 

Will man sich mit der „Mystikerin und Kirchenreformerin“ aus Siena beschäftigen, so kann man sich auf zahlreiche Quellen stützen: Caterinas eigene Werke und Zeugnisse ihrer Zeitgenossen. Unter den frühesten Lebensbeschreibungen ragt die „Legenda maior“ (LM) des Raimund von Capua hervor, Beichtvater und kongenialer Mitstreiter Caterinas. Raimund stammte aus der berühmten Familie delle Vigne, war ein ausgezeichnet gebildeter Theologe und sollte 1380 Generalmagister des Dominikanerordens werden. Er begann die Vita fünf Jahre nach Caterinas Tod und schloss sie zehn Jahre später ab. Zu dieser Zeit war Caterinas Mutter noch am Leben, ebenso wie die meisten anderen Weggefährten und Mitschwestern. Raimund will nicht nur eine erbauliche Vita schreiben, sondern reflektiert sein eigenes historiographisches Vorgehen und gibt in jedem Abschnitt die Gewährsleute für das jeweils berichtete Ereignis an, sofern er nicht selbst direkt Zeuge war.

Um den Inhalt dieses recht umfangreichen Buches leichter zugänglich zu machen, verfasste ein weiterer Dominikaner, Tommaso Caffarini, eine Kurzfassung („Legenda minor“), in die er aber auch Material einfügte, das nicht in die LM aufgenommen worden war. Dazu kommen Aufzeichnungen von Zeitgenossen und Augenzeugen, die unabhängig von den beiden Viten sind, etwa die „Miracoli“, die ein unbekannter Florentiner Bürger 1374 aufschrieb, nachdem er Caterina persönlich kennengelernt hatte, oder die „Erinnerungen“ des Sieneser Notars Cristofano di Gano Guidini. Im „Prozess von Castello“ (1411-1416), dem Informativ-Prozess zur Vorbereitung der Kanonisation, liegen beeidete Aussagen von Zeitgenossen vor. Weitere Dokumente, zum Beispiel offizielle päpstliche Schreiben, werfen Licht auf die konkreten Umstände des Lebens Caterinas.

Die Schriften Caterinas, Briefe, der „Dialogus“ und die Gebete, wurden zum größten Teil diktiert, natürlich in ihrer toskanischen Muttersprache – zuweilen, wie glaubwürdig von mehreren Personen geschildert wird, zwei oder drei Sekretären gleichzeitig verschiedene Schreiben! Der „Dialog über die Vorsehung Gottes“ ist nach Caterinas eigener Aussage ihr Vermächtnis. Sie hatte das Buch im Zeitraum etwa eines Jahres diktiert, Herbst 1377 bis Oktober 1378, und zwar weite Teile im Zustand besonders intensiven Gebetes. Es handelt sich inhaltlich um ein Zwiegespräch zwischen Gott Vater und Caterina, die ihm ihre drängendsten Fragen vorlegt: über das Heil der Welt, die Zukunft der Kirche, ihre eigene Berufung. Auch Themen früher geschriebener Briefe werden erneut aufgegriffen. Da der Dialog die Theologie Caterinas in konzentrierter Form enthält, war ihr Schülerkreis bemüht, dieses Werk in der ganzen christlichen Welt zu verbreiten; es wurde sogleich ins Lateinische übersetzt und gehört zu den am frühesten gedruckten Büchern.

Ähnlich dem Dialog sind auch laut gesprochene Gebete Caterinas aufgezeichnet worden. Von besonderem historischem Interesse sind die Rubriken, die manche Gebete zeitlich einordnen. So ist etwa eines überschrieben: „in der Stadt Genua verrichtet, um Papst Gregor von der Absicht abzubringen, nach Avignon zurückzukehren. Er hatte diese Absicht im Konsistorium bereits zum Beschluss erhoben“.

Am bekanntesten sind heute ihre Briefe. Sie schrieb an Gregor XI. und Urban VI., an Kardinäle und einfache Pfarrpriester, an Politiker, Heerführer und Handwerker, fromme und weniger fromme Frauen, an ihre Brüder, Mutter, Nichten, Neffen, Ordensleute verschiedener Denominationen. Insgesamt 383 Briefe sind erhalten, die meisten aus den Jahren 1374-1379. Bereits kurz nach Caterinas Tod existierten Sammlungen ihrer Briefe – einige ihrer Schüler und Sekretäre hatten offenbar vom Stenogramm der abgesandten Briefe Abschriften erstellt, sodass zum Zeitpunkt des Prozesses von Castello schon fast 300 Briefe in Händen Tommaso Caffarinis waren. Die Freunde und Schüler Caterinas hatte freilich nicht das Bedürfnis motiviert, eine lückenlose Dokumentation zusammenzustellen, sondern die Briefe als geistliches Vermächtnis zu bewahren. Als man begann, das verstreute Material zu sammeln und Abschriften von kleineren Sammlungen zu machen, wurden offenbar Passagen weggelassen, die rein persönlich waren oder als belanglos erachtet wurden.

Natürlich bedauern wir heute, dass sich die Herausgeber diese Freiheit nahmen, und man hat die Frage gestellt, inwieweit die Briefe den Originalton Caterinas wiedergeben. Ich schließe mich Suzanne Noffke an, einer der besten Kennerinnen der Werke; sie hat die Briefe einer eingehenden sprachlichen Analyse unterzogen und kommt zu dem Urteil: „Es gibt wenig Grund, die Authentizität der Briefe in ihrem wesentlichen Gehalt in Frage zu stellen.“ Die Tatsache, dass manche allzu personenbezogenen Bemerkungen getilgt worden sind, lässt sich gut mit Gründen der Diskretion erklären – immerhin waren viele der ehemaligen Adressaten noch am Leben.

 

Mystikerin und Kirchenreformerin

 

Nun wäre eigentlich auf den inneren Werdegang Caterinas einzugehen, die Jahre der Kindheit und frühen Jugend, die nicht ohne Einfluss auf ihr späteres Apostolat waren; auf den mit mancherlei Schwierigkeiten verbundenen Eintritt bei den Mantellatinnen von Siena und das dominikanische Lebensideal; auf die vier Jahre des zurückgezogenen, quasi-eremitischen Buß-Lebens im elterlichen Haus, wo sie Entscheidendes lernte für die geistliche Begleitung anderer Menschen in den späteren Jahren; und auf den Beginn einer karitativ-apostolischen Tätigkeit seit etwa 1370. Aus Zeitgründen kann ich nur einige Aspekte herausgreifen.

Mystische Erfahrung und Sendung. Die Zeit des zurückgezogenen Lebens wird beendet durch einen Auftrag Christi. Diese Erfahrung wertet Raimund zu Recht als einschneidend; er lässt mit dem Bericht darüber das zweite Buch der LM beginnen. Nach einer Phase großer innerer Bedrängnis wird Caterina eine geistliche Festigung geschenkt: Christus sagt ihr mit den Worten des Propheten Hosea (Hos 2,20) zu, dass ihr Glaube und damit die Bindung an ihn unversehrt bleiben werde bis zu ihrem Tod. Dieser dauerhafte Bund begründet eine Wirkeinheit zwischen Christus und Caterina. Sie soll in das Werk der Erlösung mit einbezogen werden. Darum ist mit der Gnade der „geistlichen Vermählung“ – oft ikonographisch dargestellt – eine Sendung verbunden; sie soll „hinausgehen“, zunächst zu ihrer Familie, dann zu den Menschen von Siena.

Dieser Aspekt war für Caterina zunächst eine unangenehme Überraschung. Raimund schreibt, sie habe sich gewehrt aus Furcht, sie könne in der Welt die Innigkeit der Christus-Beziehung verlieren, habe Einwände vorgebracht, dass sie als Frau sowieso kaum etwas bewirken werde – übrigens die einzige Stelle, wo Caterina einen solchermaßen begründeten Selbstzweifel äußert – und möglicherweise Anstoß erregen werde (was ja auch tatsächlich der Fall war). Man muss in der Schilderung dieser Zurückhaltung keineswegs nur einen legendarischen Topos erblicken. Caterina war zeit ihres Lebens alles andere als weltfremd und wusste, dass der Einsatz für eine Welt, die im Argen liegt, einiges an Selbstverleugnung und Stärke verlangt. Da sie jedoch die Sendung als den Willen Christi erkennt, verlässt sie ihre Zelle und beginnt ein Leben, in dem Gebet und tätige Nächstenliebe sich verbinden. Bald beginnt sich die „famiglia“ zu bilden, eine lose Gruppe von Personen unterschiedlichen Alters und Lebensstandes, die Caterina als ihre geistliche „mamma“ ansprechen.

Rückkehr des Papstes. Es blieb nicht beim engen Kreis Sienas. Bald darauf war Caterina unterwegs nach Florenz, Pisa und Lucca, später nach Avignon und schließlich nach Rom. Jede neuerliche Ausweitung des Wirkungskreises, so beschreibt es die LM, war verknüpft mit einer mystischen Erfahrung der Liebe Christi und zugleich einer tieferen Erkenntnis der  Heilsbedürftigkeit der Welt. Mit dem Heil der Welt ist nun aber die Kirche, als von Christus gewolltes Mittel des Heiles, unlösbar verknüpft. Caterina spricht in Bildern von der Kirche als „Apotheke“, „Gasthaus“ auf dem Weg zum Himmel, als „Braut“, die „Mutter“ ist; in ihr werden die Sakramente der Sündenvergebung und der Eucharistie empfangen, die aus dem Herzen Christi fließen. In dieser Dimension ist die Kirche unverletzlich heilig, da sie das, was sie zu geben hat, nicht aus sich selbst besitzt, sondern von Christus empfängt. Aber in ihren Gliedern und all ihren Ständen bedarf die Kirche der Erneuerung und Bekehrung, um dem Willen Gottes zu entsprechen.

Die notwendige Erneuerung der Kirche, mit der auch die Rückkehr des Papstes verbunden ist, hat Caterina bereits zu Beginn ihres öffentlichen Wirkens bewegt. Seit 1305 residierte der Papst in Avignon. Zwar war der Sitz des Apostolischen Stuhles nie formell dorthin verlegt worden, aber es hatte nur wenig ernsthafte Anstrengungen der Päpste gegeben, zu den Gräbern der Apostelfürsten zurückzukehren. Die politischen Zustände in Italien ließen solch ein Vorhaben auch wenig verlockend erscheinen. Doch für Caterina und viele ihrer Zeitgenossen war „Avignon“ der Inbegriff dafür, dass sich die Kirche, die nicht von dieser Welt ist, in ihrer Spitze dem Klammergriff der Welt, ja den Interessen der französischen Krone ergeben hatte. „Patriotische“ Gründe spielten für Caterina offenbar keine Rolle, auch wenn sie mit der Rückkehr des Papstes natürlich auch eine Konsolidierung der politischen und sozialen Zustände erhoffte.

Caterina stand mit Gregor XI. bereits seit dem Frühjahr 1374 in Verbindung, wobei die Initiative dazu anscheinend vom Papst selbst ausgegangen war. Gregor war damals Mitte vierzig, ein gut gebildeter und verantwortungsbewusster Kirchenmann, wenngleich nicht sehr entschlossen im Handeln. Es ist durchaus glaubwürdig, dass er bereits bei seiner Wahl die Absicht gefasst hatte, nach Rom zurückzukehren, was ihm durch verschiedene Umstände schwerfiel – immerhin hatte es Urban V. schon versucht, aber nur kurze Zeit ausgehalten. Gregor suchte Zeit seines Lebens den Rat geistlicher Menschen und deren Gebet. Caterina berichtet freudig-begeistert in einem Brief vom Palmsonntag 1374 an zwei ihrer Dominikaner-Freunde, dass der Papst über den Beichtvater der kürzlich verstorbenen Brigitta von Schweden, Alfonso Pecha da Vadaterra, mit ihr Kontakt aufgenommen und sie um ihr Gebet gebeten habe: „Der Heilige Vater richtet nun endlich seine Augen auf die Ehre Gottes und der Kirche!“ Wenige Wochen später hielt sich Caterina in Florenz auf, wo das Generalkapitel der Dominikaner tagte, und etwa ab der gleichen Zeit ist Raimund von Capua als ihr Seelenführer bezeugt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie Verbündete suchte und auch tatsächlich gewann. Der Kontakt mit dem international tätigen Predigerorden ermöglichte ihr zugleich, zuverlässige Kenntnis zu erhalten von Ereignissen und Entwicklungen.

Bereits vor ihrer Reise nach Avignon 1376 hatte Caterina an Gregor mehrere Briefe geschrieben. Der erste erhaltene Brief (dem mindestens einer vorausging), wurde im Januar 1376 abgesandt, angesichts der drohenden Gefahr, dass sich immer mehr italienische Städte gegen den Papst auflehnen würden. Im Juli 1375 hatten sich Florenz und Mailand, traditionell Gegner, zu einer antipäpstlichen Liga zusammengefunden, der sich auf Betreiben des Mailänders Bernabò Visconti immer mehr italienische Städte anschlossen. Obwohl Caterina ihr Möglichstes tat, um andere Städte in der Loyalität zum Papst zu halten, sollten im Dezember 1375 auch Perugia, wenige Wochen später Pisa und Lucca und am 20. März auch Bologna der Liga beitreten.

Die Erbitterung der italienischen Städte gegen die Kurie in Avignon war gewaltig angeschwollen; schuld daran war nicht zuletzt das zuweilen unmenschliche Verhalten der „päpstlichen Statthalter“ in Italien. Caterina schrieb dem Papst nicht nur einmal: „Das üble Leben dieser Verwalter strömt einen Gestank aus! Ihr wisst, Heiliger Vater, dass sie teuflische Menschen sind.“  Aber auch die acht Kriegsherren in Florenz, ironisch die „Acht Heiligen“ genannt, waren eben keine Heiligen: Die Bulle, in der Gregor XI. der Stadt das Interdikt androhte, wirft der Regierung die grausame Folterung und Tötung eines Mönchs, die erzwungene Verletzung des Beichtgeheimnisses, mit Todesfolge, die Plünderung von Kirchen und Klöstern, die Einkerkerung eines Bischofs, die Unterstützung all derer, die das Patrimonium Petri bedrohten, und eine Anzahl weiterer Vergehen vor. Am 11. Februar 1376 forderte der Papst die Verantwortlichen auf, bis zum 31. März vor ihm zu erscheinen und sich zu rechtfertigen.

In dieser Lage baten einige besonnene Florentiner Politiker von der Parte guelfa Caterina und Raimund von Capua um ihre Vermittlung beim Apostolischen Stuhl; denn es war bekannt, dass der Papst große Stücke auf sie hielt. Bereits am 17. Februar reiste Raimund mit einigen Gefährten nach Avignon ab, während Caterina in Siena zurückblieb. Sie schickte ihnen allerdings ein Empfehlungsschreiben an den Papst nach: „Sie kommen im Namen Christi, des Gekreuzigten, und in meinem.“ Sie ermutigt den Papst zu Stärke und Geduld, welche die echte Autorität auszeichnen, und die reuige Umkehr der Florentiner möglich machen könne. Doch die offizielle Politik der Stadt Florenz gab kein Zeichen des Einlenkens, und so trat am 31. März das Interdikt in Kraft. Daraufhin schrieb Caterina einen Brandbrief (Br. 171) an einen der gemäßigten Politiker, Niccolo Soderini, und flehte ihn an, all seinen Einfluss geltend zu machen, dass dieser „Krieg gegen den Papst“ beendet werde.

Caterina wusste sehr wohl, dass das Interdikt auch schwerwiegende finanzielle und wirtschaftliche Konsequenzen für die Stadt der Bankhäuser nach sich ziehen würde. Doch für sie selbst wog vor allem eines schwer: Durch das Interdikt war die Bevölkerung von Florenz von den Sakramenten abgeschnitten. Trennung von der Kirche, von den Sakramenten, ist aber Trennung vom lebenspendenden Haupt, vom geistlichen Lebensstrom. Obwohl Caterina die Sünden und Vergehen der Florentiner gegenüber dem Papst zu entschuldigen sucht und keineswegs verkennt, welche schwere Fehler von Seiten der Legaten und sonstiger kirchlicher Repräsentanten begangen wurden, so ist dies alles in ihren Augen kein Grund, den Gehorsam gegenüber der Kirche aufzukündigen. Caterina fand ein sehr treffendes Gleichnis: Wenn jemand ein kostbares Geschenk von seinem geliebten König erhielte, würde er es nicht zurückweisen, nur weil der Bote zerlumpte Kleider anhat. Allerdings würde auch jeder, der den König achtet, dem Boten soweit wie möglich zu angemessener Kleidung verhelfen.

Offensichtlich war es die Zuspitzung der Situation, die unmittelbare geistliche Gefahr, die Caterina bewog, selbst nach Avignon zu reisen. Sie wollte sich persönlich einsetzen für den äußeren und den inneren Frieden, für das Heil der Seelen, für die Einigkeit der Kirche unter „dem Christus auf Erden“, wie sie den Papst oft bezeichnete. Zwei Tage nach ihrer Ankunft, am 18. Juni 1376, erhielt sie die erste Audienz. Was sie dem Papst vortrug – Raimund dolmetschte –, lässt sich klar aus den vorhergegangenen und noch folgenden Briefen an Gregor erkennen. Ihre Anliegen sind alle miteinander verbunden: Friede mit Florenz, die Rückkehr des Papstes nach Rom, und die geistliche Reform der Kirche.

Es war die Rückkehr des Papstes, die als erstes umgesetzt wurde. Nach offenbar mehreren Verzögerungen – mehrere Briefe und zwei von den überlieferten Gebeten Caterinas belegen die Überwindung, die es den Papst gekostet haben muss, und die Energie, die sie selbst aufwenden musste – schiffte sich Gregor am 13. September 1376 nach Genua ein. Von dort reiste er nach einem längeren Aufenthalt – die Kardinäle suchten ihn offenbar nochmals zur Umkehr zu bewegen – nach Corneto, das zum Kirchenstaat gehörte, und traf am 17. Januar 1377 in Rom ein.

Der Friede mit Florenz dagegen, für den sich Caterina unermüdlich einsetzte, sollte erst im Juli 1378, unter dem neuen Papst Urban VI., zustande kommen (detailliert über die Umstände: LM III, 6 n.422). Caterina war im Auftrag von Florenz als informelle Vermittlerin nach Avignon gegangen, aber als die offizielle Gesandtschaft eintraf, wollten sie mit ihr nichts zu tun haben, benahmen sich auch dem Papst gegenüber herausfordernd. Enttäuschend auch: die beiden italienischen Kardinäle unterstützten Caterina nicht (Br. 101). Dass Caterina bereits geahnt hatte, dass die Florentiner Herren sie möglicherweise nur unverbindlich vorschieben wollten, geht aus ihren Briefen hervor. Aber etwas Gutes zu unterlassen, weil es vielleicht hintertrieben werden könnte, war nie Caterinas Sache.

Geistliche Erneuerung der Kirche. Und die Reform der Kirche? Sie blieb das ceterum censeo aller Briefe Caterinas an Gregor XI., wie an dessen Nachfolger Urban VI. Sie sollte eine missionarische und eine innerkirchliche Seite haben: Christus ist für alle Menschen gestorben, und alle sollen der durch ihn erwirkten Gnade teilhaftig werden; diese Gnade wird in der Kirche geschenkt. Die Kirche muss also „das Kreuz aufrichten“, das heißt die Botschaft von der Erlösung den Getauften wie den Nicht-Christen vor Augen führen. Diesen Aspekt darf man nicht übersehen, will man die eindringlichen Aufrufe Caterinas zum „Santo passaggio“ verstehen.

Caterina kannte zum einen die politische Lage im Mittelmeerraum aufgrund ihres Zusammentreffens mit der Gesandtschaft des Königreichs Zypern. Der türkische Expansionswille bedeutete eine ernste Gefahr für christliche Gebiete.  Zum andern stand ihr täglich die Landplage der marodierenden Banden in Italien vor Augen: Getaufte Christen zerfleischten sich untereinander, ein unerträglicher Zustand. Italien war ein Land der „condottieri“ geworden, wo sich Söldnerheere für Kriege zwischen verfeindeten Städten anwerben ließen oder sich erpresserisch aufdrängten. Wie viel besser wäre es, so Caterina, diese Entwurzelten würden sich für ein Ziel einsetzen wie die Wiedergewinnung der heiligen Stätten und die Abwendung der Gefahr für ihre christlichen Brüder und Schwestern. Dass der „santo passaggio“ für Caterina nicht in erster Linie eine militärische Angelegenheit war, erhellt klar aus der Tatsache, dass sie die Absicht hatte, mit einigen Gefährtinnen mitzuziehen. Durch Gebet und Glaubenszeugnis – womöglich bis zum Martyrium, das Caterina ebenso ersehnte wie 160 Jahre früher Franziskus auf seiner Fahrt ins Heilige Land – sollten diejenigen, die noch nicht an Christus glauben, mit der Botschaft des Kreuzes bekannt werden. Caterina ist überzeugt, dass die Neubekehrten ein großer Gewinn für die Kirche und ihre Erneuerung sein würden.

Noch eindringlicher sind die Mahnungen zur inneren Reform der Kirche. Caterina hatte in den Jahren 1375/76 den Aufstand der Städte gegen das Papsttum erlebt. Sie sah den Grund dafür im Verlust geistlicher Autorität der Kirche. „Der Lehm der irdischen Güter“, die finanziellen Ressourcen, würden für wichtiger erachtet als „das Gold der geistlichen Güter“, der Sakramente des Heiles (Br. 209). Caterina hat nach dem Zeugnis Raimunds auch das Schisma als drohende Gefahr vorhergesehen. Die Gefahr auf Dauer bannen würde nur „die Einsetzung heiliger Hirten“ und uneigennütziger Kardinäle. Nur dadurch könne das Ärgernis in der Öffentlichkeit bereinigt und eine Katastrophe bei der künftigen Papstwahl verhindert werden.

Diese innere Reform ist somit vordringliche Aufgabe des Papstes als des Stellvertreters Christi; denn er hat die Verantwortung, Hirten einzusetzen und die Pflicht sie zurechtzuweisen. „Ihr haltet die Schlüssel zum Himmel in Händen“, „an Eurer Stelle würde ich Gottes Gericht fürchten. Ihr sollt nicht hören müssen: Verflucht bist du; denn Zeit und Vollmacht war in deine Hand gelegt, und du hast sie nicht gebraucht“ (Br. 255). Das christliche Volk soll die Sakramente von Hirten gespendet bekommt, die diesen Namen verdienen, und die Laster der „schlechten Hirten“, welche die Schafe zugrunde gehen lassen, sollen geahndet werden; denn Unzucht, Habgier und Stolz fügen den Gläubigen schweren Schaden zu. Unzählige Male tönt es aus den Briefen an Gregor wie an Urban: „Reißt die stinkenden Gewächse aus und pflanzt wohlriechende Blumen im Garten der heiligen Kirche, dessen Hüter Ihr seid!“ (Br. 206). Dabei geht es Caterina nicht um Bestrafung als solche. Vielmehr soll größeres Unheil verhindert werden und die des Amtes Enthobenen Gelegenheit bekommen, Buße zu tun.

Kirchenbild. Das Thema der Reform der Kirche, das sich durch die Briefe Caterinas wie ein basso ostinato zieht, erscheint im Dialogus in einem größeren Zusammenhang: Was ist der Sinn der Welt, der Kirche? Das Buch führt klar vor Augen, wie innere Erfahrung und ihre Reflexion Quelle für Caterinas tätigen Einsatz waren.

Der Mensch wurde von Gott „aus Liebe und für die Liebe erschaffen“, das ist der schöpfungstheologische Ausgangspunkt Caterinas. Die Berufung zu leben, Gott zu lieben und alles das, was Gott liebt, wäre höchste Seligkeit für den Menschen. Doch trat in diesem Bereich eine fundamentale Verkehrung ein; der Mensch verfiel der „verkehrten Eigenliebe“. Eigenliebe bezeichnet in der Sprache Caterinas die Wurzel aller Sünden schlechthin. Sie kann sich grob sinnlich manifestieren, wenn Menschen „ihren Bauch zu ihrem Gott machen“, aber auch subtil geistlich, wenn jemand Gott vorschreiben möchte, welche Tröstungen er ihm geben soll. Eigenliebe tritt in der Verkleidung von Mutterliebe auf, wenn Mütter der Berufung ihrer Kinder im Wege stehen. Sie macht das Herz eng, aggressiv oder ängstlich. Sie war der Grund, dass die Kardinäle die unwirsche Art Papst Urbans nicht ertrugen und mit der Wahl eines Gegenpapstes reagierten: „Die Eigenliebe hat Euch, die Ihr Säulen sein solltet, zu Strohhalmen gemacht!“ Eigenliebe könnte aber auch das Herz des Papstes verbittern, angesichts der ihm unaufhörlich begegnenden Widerstände.  Ein einziges böses Wort oder ein böser Blick bewirke, dass manche Seelsorger sofort die Flinte ins Korn werfen. Nur wer frei ist von dieser Empfindlichkeit, ist stark in der Nächstenliebe; denn er ist nicht abhängig von der Gunst der Menschen.

Sich selbst aus dieser Verfallenheit zu befreien, war dem Menschen allerdings unmöglich. Der Weg der Liebe musste ihm neu erschlossen werden, und zwar nicht nur durch Belehrung oder Gebot, sondern durch den Erweis, geliebt zu sein – sodass er die Kraft zu einer antwortenden Liebe aufbringen könnte. „Denn der Mensch, aus Liebe erschaffen, wird durch nichts so bewegt wie durch Liebe.“ Eben dies vollzog sich im Leben und Sterben des menschgewordenen Gottessohnes. Wer diese Liebe als ihm selbst erwiesen erfasst, dessen Herz wandelt sich. Für Caterina manifestierte sich diese Wandlung in mehreren mystischen Erfahrungen.

Die in Christus erwiesene Liebe anzunehmen, ist jeder Mensch gerufen. In der Bildsprache des Dialogus ist Christus die „Brücke, die vom Himmel auf die Erde reicht“. Nur über diese Brücke gelangt man zum ewigen Leben; das heißt, durch Nachfolge und Angleichung an die Liebe Christi, die in einzigartiger Weise Liebe zu seinem Vater und zu den Menschen war. Mittler, Brücke ist er, weil er die Verherrlichung des Vaters ersehnte und die Versöhnung der Menschen mit ihm. Beides gehört innerlich zusammen. Wer aber in dieser Welt den Weg Christi gehen will, muss wie er mit Widerstand rechnen; denn die Verhaltensweisen der „Welt“, des „alten Menschen“ stehen im Gegensatz zum Verhalten Christi. Der Weg über die „Brücke Christus“ vollzieht sich in drei Schritten: Erstens, der Angleichung an den Wandel Christi, indem man seiner Weisung folgt – symbolisiert durch die „Füße“ Christi; zweitens, der Erkenntnis seiner Liebe zum Menschen, die an seinem „Herzen“ sichtbar wird und zu einer Umgestaltung des eigenen Herzens führt; und drittens, unmittelbar daraus resultierend, dem stellvertretenden Dasein vor Gott für die Menschen – hier geschieht die Angleichung an den „Mund“ Christi, der „dürstete“ nach dem Heil seiner Brüder und Schwestern.

Keiner dieser Schritte, so Caterina, kann getan werden ohne die Kirche. Denn ohne das Zeugnis der Apostel, Märtyrer und Kirchenlehrer wüsste man nichts mehr von der Lehre Christi; oder man hätte nicht den Mut, sich auf den zunächst dornigen Weg der Selbstüberwindung zu machen, sähe man nicht, dass schwache Menschen „wie du und ich“ diesen Weg bereits gegangen sind. Vor allem aber gelangt man zum „Herzen“ Christi über die Sakramente der Kirche. Die immer noch wirksame, erlösende Liebe, mit der Christus jeden Menschen an sich ziehen will, ist gegenwärtig in den Sakramenten. Wer auf der „Brücke, die Christus ist“ bis zum Herzen gelangt ist, „erkennt seine eigene Würde“. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Caterina das Herz Christi als „bottiga“ (Laden, Apotheke, Gasthaus) bezeichnet und mit dem gleichen Ausdruck die Kirche benennt. Sie hat nicht nur in Christus ihren Ursprung, sondern würde nicht existieren ohne die dauernde Verbundenheit mit ihrem Haupt; und in der Dimension, in der sie die Sakramente spendet, „ist sie nichts anderes als Christus selbst“. Braut Christi und corpo mistico bezeichnen also bei Caterina nicht die Gesamtheit der Glieder der Kirche (diese nennt sie universale „corpo della religione cristiana“ / „della santa chiesa“) – sondern die sakramentale, lebensspendende Dimension der Kirche.

Wie die Kirche nur ein einziges Haupt hat, den „Christus im Himmel“, so gibt es auch nur einen Stellvertreter, den „Christus auf Erden“. Er hat die Aufgabe, wie eine „Mutter“ die Gläubigen zu nähren. Eine Spaltung der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“, wie sie im Credo bekannt wird, war daher für Caterina ein „furchtbares Unheil“: „Alles andere, Krieg, Schmach, Wirrsal, alles scheint dagegen so unbedeutend wie ein Strohhalm oder ein Schatten“, schrieb sie noch im Juni 1378 an Kardinal Peter de Luna – eine besonders tragische Figur, der später unter dem Namen Benedikt XIII. Gegenpapst werden sollte.

Aus dieser Auffassung von der Kirche ergeben sich zwei Folgerungen: Erstens, die Trennung von der sichtbaren Kirche, wie lasterhaft auch einzelne Glieder sein mögen – „selbst wenn der Papst ein Teufel in Menschengestalt wäre!“ – ist Trennung vom Strom der Erlösungsgnade. Zweitens, die „Braut Kirche“ und die Stellvertreter Christi im Besonderen müssen dem Verhalten Christi ähnlich sein oder werden; alles andere ist ein schreckliches Ärgernis. Zwar kann die von Christus gewirkte Erlösung von keines Menschen Versagen in sich gemindert werden, aber die Annahme der Frohen Botschaft wird erschwert, wenn diejenigen, die „das Zweite Ich Christi“ sein sollten, davon gar nichts erkennen lassen. Dass es unter Geistlichen Simonie, Unzucht, magische Praktiken, schrankenlosen Ehrgeiz und skrupellose Habgier gibt, dass manche „ein Leben führen, das tausendfach schlimmer ist als das weltlicher Menschen“, ist die bittere Klage – in den Worten Gottes selbst! – im Dialogus. In der bilderreichen Sprache Caterinas: Solche Hirten „saugen der Kirche das Blut aus“, sie leben von ihr, aber nicht für sie.

Nötig ist Umkehr, Wandlung der Motive, „ein neues Herz“, in dem Eigenliebe und ängstliche Selbstbehauptung keinen Raum mehr haben. Dazu sind nicht nur der Papst in seiner Verantwortung für die Gesamtkirche und die übrigen Hirten berufen, sondern auch die Gläubigen, welche die Sakramente empfangen. In Caterinas Sprache: Wenn das Herz neu geworden ist, dann wird auch „der Mund von dem sprechen, wovon das Herz voll ist“; ein solcher Mensch wird – entsprechend dem dominikanischen Ideal – vor den Menschen Gottes Wahrheit und Liebe bezeugen, und vor Gott im Gebet für alle eintreten. Reform geschieht zuerst im Herzen jedes einzelnen Glaubenden.

 

„Weder Trost noch Trübsal sollen dich von der Stelle rücken!“

 

Caterina hat, kirchenpolitisch betrachtet, zu ihren Lebzeiten wenig „Erfolg“ ihrer Mühen gesehen. Gewiss, sie hatte zur Rückkehr des Papstes beigetragen und endlich (unter Gefahr für Leib und Leben) auch einen Friedensschluss mit Florenz erreicht – aber das Schisma konnte sie mit all ihrem Einsatz nicht aufhalten. Ja, nicht lange nach ihrem Tod behauptete Jean Gerson indirekt, die von den Ratschlägen gewisser Frauen erwirkte Rückkehr Gregors XI. habe die Kirchenspaltung heraufbeschworen.

Wie hat Caterina ihr eigenes Wirken eingeschätzt? Ein Brief aus dem Winter 1377 gibt darüber Aufschluss. Er antwortet auf ein Schreiben des Nicolà da Osimo, Sekretär und Protonotar Gregors XI., eines aufrechten, uneigennützigen Prälaten, der sich mit allen Kräften für die Reform eingesetzt hatte, doch Misserfolg erntete. Aus Caterinas Antwort lässt sich erschließen, dass er entmutigt war, ihm sein Tun sinnlos oder gar kontraproduktiv vorkam und er die Absicht hegte, sich zurückzuziehen. Caterina bekennt, dass sie solche Gedanken aus eigener Erfahrung kenne, Christus selbst ihr aber erklärt habe, dass es sich dabei um eine Versuchung handelt: Nicht Erfolg oder Misserfolg zählen, sondern der Wille, auf Gottes Liebe zu antworten. Die Liebe zu Gott aber, das ist Caterinas tiefste Überzeugung, erweist sich an der Liebe zum Heil „jedes vernunftbegabten Geschöpfes“. Der Ort des von Gott geschenkten Heiles ist die Kirche, als „corpo universale“ und „corpo mistico“. Darum ist die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zur Kirche nicht zu trennen:

„Ich wünsche in Euch eine feste Säule zu sehen, die durch nichts von ihrem Platz gerückt werden kann außer durch Gott. Verweigert die Anstrengung nicht, weder wegen der Undankbarkeit und Unwissenheit derer, die sich im Garten der Kirche mästen, noch aus Ekel, der uns überkommt, wenn wir die Unordnung der Kirche sehen. Es ist ganz normal, dass den Menschen Ekel und Trauer überkommt, wenn trotz all seiner Bemühungen die Dinge nicht die ersehnte Richtung nehmen. Dann kommen einem Bedenken, derart: Es ist wohl besser, die Finger davon zu lassen. Jetzt hast du dich so lange abgemüht, und kein Ende ist abzusehen. Besser, du ziehst dich zurück und suchst den Frieden und die Ruhe deiner Seele. – Da muss man alle innere Kraft zusammennehmen, mit Hunger nach der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen, und sich sagen: Ich will die Mühsal nicht scheuen; denn der Ruhe bin ich noch nicht würdig … Ab und zu versucht der Feind, uns unser Tun zu verleiden, indem er bei unserer Sehnsucht nach Ruhe und geistlicher Stille ansetzt, bis wir uns sagen: Ich sündige ja eher, als dass ich Gutes vollbringe; ich bin nicht feige, aber weil ich nicht sündigen will, möchte ich mich lieber zurückziehen. – O mein lieber Vater, lasst solchen Gedanken keinen Raum, sie kommen vom Feind! Die Sünde besteht nur im bösen Willen. Bester Vater, ich erinnere mich an eine Dienerin Gottes, der Gott dies offenbarte. Ich schreibe Euch das, damit Ihr wieder Mut schöpft. … Steht also fest wie eine Säule! Weder Trost noch Trübsal soll Euch von der Stelle rücken! Auch wenn uns der Gegenwind ins Gesicht bläst, der alle hindern will, die auf dem Weg der Wahrheit gehen, dürfen wir nicht im geringsten den Kopf wenden. Jetzt ist die Zeit, in dieser Braut Gott die Ehre zu geben und ihr selbst unsere Mühen“ (Br.282).

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