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Nicht zu allen Zeiten sprach viel für die Christen. Zu Zeiten der äußerst gewaltsam geführten Kreuzzüge, zu Zeiten der frisch installierten spanischen Weltherrschaft, in deren Folge die Scheiterhaufen mit den brennenden Körpern von Juden, Muslimen und Ketzern gen Himmel loderten und Tausende von Indios um der Goldgier willen geschlachtet wurden, breitete sich der Leichengestank über unsere Religion, aber nun nicht mehr ausgehend von den tapferen Männern und Frauen, die einst das Martyrium erlitten hatten, geköpft, gepfählt, gekreuzigt, von Löwen zerrissen worden waren, um die Herrlichkeit der christlichen Botschaft zu bezeugen, sondern von Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens, anderer Sitten und Gebräuche. Mit den Abgründen der weltlichen Herrschaft in allzu engen Bund geraten zeigten sich die federführenden Scharfmacher und die Heere christlicher Prägung um keinen Deut besser als ihre Folterer von ehedem.

Sprechen wir hier nicht ausführlich vom Dreißigjährigen Krieg, der viele europäische Länder ausbluten ließ und Millionen von Todesopfern forderte. Natürlich ist es ein Ammenmärchen, zu glauben, dieser ewig lange Krieg sei um der katholischen oder protestantischen Glaubensbekenntnisse willen geführt worden. Ganz andere Machtinteressen waren dabei im Spiel, die Konfessionen sorgten nur für die wechselhaften Hüllen und Kostüme, unter denen das große Schlachttheater aufgeführt wurde. Kurze Lehre aus einer langen, langen Geschichte des Mordens und Zerstörens: zweifellos hat es den Christen gut getan, im Prozess der Säkularisierung aus den Sälen der Macht allmählich verdrängt worden zu sein. Damit ist die Bahn wieder frei für das christliche Kerngeschäft. Und dieses Kerngeschäft ist einzigartig, in einen Mantel gehüllt von betörender Würde und Schönheit.

 

I.

 

Bevor ich auf den herzerwärmenden Glanz der christlichen Botschaft zu sprechen komme, muss zuvor noch einmal im großen Bottich der religiösen Exzesse gerührt werden. Derzeit geht weltweit kaum Gefahr von den Christen aus – selbst die polnische Regierung, die den Missbrauch der christlichen Religion in grotesker Form auf ihren Fahnen führt, ist ein harmloses und zahnloses Tigerchen im Vergleich zu so manchem Machthaber, der in einem dereinst christlich durchherrschten europäischen Länder sein Unwesen trieb. Am Beispiel Polens kann man allerdings in kleindimensionierter Form erkennen: die Verschwisterung mit der Macht bekommt den Christen nicht.

Sie bekommt keiner Religion. Derzeit gehorchen ja nicht mehr die Christen den verführerischen Machteinflüsterern, der Potenzwahn ist inzwischen das schreckliche Privileg des Islam, der inzwischen viele Länder verheert und sich Abertausende von Opfern auf das Gewissen geladen hat. Es ist dabei eine durchaus vergleichbare Form der Korruption im Spiel, der die gewalttätigen Christen im Mittelalter und zum Beginn der Neuzeit erlegen sind. Im Übrigen gedeiht der Judenhass des modernen Islam auf denselben dürren Palmwedeln, die einst die christlichen Einpeitscher dieses Hasses geschwungen haben. Nur verspätet. Denn zur Ehre des Islam gehört, dass zu Zeiten der Blutblüte des Christentums die Muslime ungleich gerechter und wohlwollender mit den jüdischen Gemeinden in ihrer Mitte umgegangen sind.

Die Politisierung der Religionen stiftet Unheil. Das betrifft inzwischen sogar die Juden, die sich über Jahrhunderte hinweg enthalten haben, ihre Religion ins Korsett einer von Machtinteressen gespeisten Politik zu pressen. Dass sie sich dieser klugen Enthaltsamkeit würden befleißigt haben, wenn sie die weltliche Herrschaft über weite Gebiete und Jahrhunderte des damaligen römischen Reichs hinweg innegehabt hätten, darf allerdings bezweifelt werden. Die entsetzlichen Leiden der Verfolgung und Ermordung, die die Juden im Lauf der Jahrhunderte unbarmherziger und radikaler trafen als die Angehörigen der christlichen und islamischen Religionsgemeinschaften, sind einzigartig. Wenn sich israelische Politiker heute unklug und auch grausam gegenüber den Palästinensern verhalten, ist das zwar leider wahr, aber wir in Deutschland Geborenen sind die Allerletzten, die den empörten Zeigefinger und den erhobenen Arm gegen die Juden ausstrecken dürften. Er stinkt verdammt nach Hitlergruß.

Wie gesagt, die Christen sind inzwischen eher zahm geworden, jedenfalls nicht mehr eroberungssüchtig wie in vergangenen Jahrhunderten, in denen Mission immer auch Schwertmission bedeutet hatte. Obwohl es einem auch heute bei so manchen Erscheinungen, die unter dem Segel des Christlichen dahinfahren, recht mulmig zumute werden kann. Vor einigen Jahren besuchte ich in Cincinnati eine christlich erweckte Großveranstaltung, die in einer riesigen Halle stattfand. Über solche Versammlungen hatte ich einiges gelesen und war neugierig geworden, wie es da tatsächlich zugehen mochte. Sie können einen das Grausen lehren. Eine Show wurde geboten, die zu nichts anderem diente als einem mit allen Massenwässern gewaschenen Prediger die Bühne für seine Herrschsucht zu bieten und ihn im Geld schwimmen zu lassen. Suggestion, die im Grunde erzprofanen Zwecken dient, ist zum Fürchten. Ob sich beim Auftritt in Nürnberg alle Arme zum Hitlergruß recken und niemand es wagt, still für sich allein sitzen zu bleiben, oder ob sich in einer Massenarena in Cincinnati das gesamte Publikum auf Befehl zu einer frohlockenden Beifallsbekundung hinreißen lässt, wobei jeder, der da nicht mitmacht, hochaggressive Blicke erntet – der Unterschied kann nicht allzu groß sein. In Cincinnati war die hinter dem Enthusiasmus liegende Aggression deutlich zu spüren. Angesichts der Zurschaustellung der sieben sündigen Erweckten, die vor der ergriffenen und dann tobenden Menge sich mit stotternden Zungen zu ihrer jeweiligen Schuld bekannten, um vom selbst ernannten Prediger in schmetternder Rede erst niedergemacht und dann wieder erhoben zu werden, drehte sich mir schier der Magen um. Wäre der Scharlatan dazu übergegangen, der Menge zu befehlen, die armen Sünder mit eigenen Händen zu zerfleischen, hätten die aus jeglichem Korsett des Anstandes und der Vernunft gefallenen Leute es vermutlich getan. In drastischer, wenn auch unblutiger Weise wurde im Saal das im Grunde archaische Drama des Sündenbocks aufgeführt. Sie ist durchaus nicht gänzlich erloschen, die blutrünstige Fackel des archaischen Opfertheaters. Ein Prediger, aus dessen Mund die Funken des Hasses und der Vergeltung sprühen, kann sie jederzeit wieder zum Lodern bringen.

Äußerst klug hat der französische Religionsphilosoph René Girard den Prozess der Massenaufstachelung, der Aussonderung eines Opfers und dessen Tötung analysiert. Aufgeregte Schreie ertönen, Blut muss spritzen und viele Mörderhände besudeln. Die griechischen Mythen erzählen diese Geschichten in vielfacher Form, allerdings falsch. Sie leugnen konsequent, worum es in Wahrheit dabei geht. Ein im Grunde unschuldiges Opfer wird ausgemacht, zumeist ein Mensch, der sich am Rande der Gesellschaft befindet und keine Fürsprecher besitzt, um ihn des kompletten Verderbens zu bezichtigen, das eine Gesellschaft befallen hat, seien es Missernten, seien es kriegerische Niederlagen oder innere Zwiste sozialer Art. Das Opfer wird gehetzt und schließlich in einer Blutorgie zerrissen. Nach der grausamen Tat tritt vorübergehend Beruhigung ein. Die Menschen können in ihren Alltag zurückkehren und sich wieder ihren normalen Geschäften widmen. Der Clou des blutigen Theaters ist, dass das Opfer als Sündenbock dient. Ein Unschuldiger wird stellvertretend zum Schuldigen für alles Unheil gemacht, das der Gemeinschaft widerfahren ist, und seine Mörder dürfen sich in aller Unschuld anschließend die Hände waschen. Der wesentliche Trick dabei ist jedoch, dass die Schuld des Opfers scheinbar feststeht. An ihr darf nicht gerüttelt werden. Sie wird zementiert, damit die Mörder unbelastet ihrer Wege gehen können. Genau diesen Sachverhalt, das Umlügen von Schuldlosigkeit in Schuld, verbergen die mythischen Erzählungen äußerst geschickt. Das Opfer hat schwere Sünden begangen und wurde zu Recht bestraft. Die Mörder dürfen sich eines reinen Gewissens erfreuen.

Das Opfer, das Jesus erbracht hat, kehrt die Verhältnisse radikal um. Jesus ist der antike Sündenbock, aber er ist unschuldig. Das wird in aller Deutlichkeit betont: an diesem Mann ist keine Schuld zu finden. Keiner kann sein Gewissen mehr damit beruhigen, dass die Kreuzigung zu Recht geschah, weil ein Verbrecher an der Gemeinschaft auf grausame Weise hingerichtet wurde. Die Gesellschaft wird sich darüber nicht mehr beruhigen, die Mörder werden nicht mehr in Heiterkeit und Ruhe ihrer Lebensbahn folgen können.

Genau diese zum Himmel schreiende Unschuld ist der Kern der christlichen Botschaft. Sie ist schwer zu ertragen, und es ist noch schwerer, nach ihrem Maß zu leben. Dass die Christen dem Sündenbocktheater aufs Neue verfielen, indem sie Juden, Muslime, Ketzer und Hexen auf ihren Scheiterhaufen verbrannten, zeigt, wie fragil die zivilisierende Botschaft ist, die sich durch den freiwilligen Tod eines hochberühmten Unschuldigen in alle Welt verbreitet hat.

 

II.

 

Ja, es ist schwer, die jesuanische Botschaft aufzunehmen und sicher im eigenen Herzen zu verwahren. Sie bedeutet nicht nur die Abkehr von jeglicher Mordlust und der falschen Bezichtigung von Menschen, die ein wenig anders sind als wir selbst, anders vor allem als wir den Fremden im Spiegel der eigenen Wünsche sehen wollen. Es geht dabei ums Ganze. Es geht darum, wie wir leben sollen. Ganz zu schweigen von der Hochachtung, die Jesus den armen Leuten entgegenbrachte, die in der Welt der Erfolgreichen nichts zu bestellen haben. Das ist die revolutionäre Kernbotschaft des jesuanischen Wirkens während seines Lebens auf der Erde. Diesbezüglich kann ich mich nicht enthalten, mich zu einer erbaulichen Jubelrede hinreißen zu lassen. Wer, wo, wann hätte sich jemand im antiken Mythentheater, will heißen aus den sich daraus in glänzender literarischer Manier fortspinnenden Erzählungen je um die armen Leute, um die Sklaven und Mägde geschert, die zu schwerer Arbeit verdammt waren? Eine tapfere Amme mag hie und da vorkommen. Kein griechischer Held hat je auch nur einen Tag in geknechteter Mühsal der Arbeit verbracht. Ein griechischer Held vollbringt erstaunliche Taten, selbst wenn es sich bloß um das Ausmisten von Ställen handelt. Erstaunlich, weil er stark ist, dem Adel angehört oder ein Halbgott ist. Sein Dasein lässt ihn weit über dem Stand derer seinen Wirkkreis durchschreiten, die an die niedere, glanzlose Mühsal der Arbeit gebunden sind, arme Leute eben, die weder Einfluss noch Vermögen besitzen, dazu verdammt, namenlos zu sterben. Keineswegs in einem Kampf, der ihren Namen in die Berühmtheit katapultieren und ihnen ein jenseitiges Leben im Hades, gar wandelnd auf den asphodelischen Wiesen, garantieren könnte. Sie verrecken. Werden verscharrt. Spätestens nach einer Generation, meist sofort nach ihrem Tod, sind sie vergessen. Denn sie haben ja im Grunde nie existiert, jedenfalls nicht als Menschen, die das Anrecht auf ein Fitzelchen Würde hätten erlangen können.

Gegen diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit begehrt die jesuanische Botschaft auf. Die Jünger, die Jesus auf seinen Reisen begleiten, sind bekanntlich einfache Leute, deren Namen im antiken Welttheater für gewöhnlich nicht erinnert werden. Jesus räumt mit seinem Erlösungsversprechen Menschen, die kein Ansehen und kein Vermögen besitzen, geradezu königliche Rechte ein. Das ist revolutionär im besten Sinne. Natürlich hat die jüdische Bibel dazu wesentliche Elemente beigetragen. Erinnern wir uns nur an die große Glanzfigur des König David, eines mächtigen Mannes, der als Jüngling erstaunliche Taten vollbringt. Wäre David als griechischer Mythenheld auf dem Tableau einer Erzählung erschienen, wäre er in jungen Jahren als berückend schöner Held einen süperben Heldentod gestorben. Nicht so in der jüdischen Bibel. Der Mann wird alt, gebrechlich und sündenschwer. Keinerlei Strahlkraft geht von ihm aus. Alle Schönheit ist dahin, die Bewunderung, die man für den glanzvollen Jüngling hegen kann, ist aufgezehrt.

Der Romanist Erich Auerbach, ein Jude, der während der Nazizeit emigrierte und als Professor an einer neu gegründeten Universität in Istanbul wirken konnte, hat in seinem Hauptwerk „Mimesis“ den Kontrast zwischen dem Typus des mythischen Helden der Antike und den Figuren der jüdischen Bibel eingehend analysiert und kommt dabei auf mehrere Besonderheiten zu sprechen, welche die Unterschiede zwischen den mythischen Erzählungen und dem biblischen Text ausmachen. Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Kargheit der Sprache einerseits und der Opulenz in der Ausschmückung des Geschehens andererseits. Die beiden großen Epen Homers faszinieren durch ihre dichterische Opulenz, in der eine außerordentliche sprachliche Schmiegsamkeit die Fülle der Erscheinungen spielerisch erfasst. In den wandelbaren Kostümen des menschlichen Begehrens, den Liebeshändeln als Spiegelfechtereien der Natur, dem Lärm der Schlachten wird der unablässig aufbrechende Widerstreit zwischen Göttern, Halbgöttern und Menschen als poetisches Feuerwerk entzündet.

Die Bibel ist karg. Auf den ersten Blick verliert sie den Wettstreit zwischen dichterischer Opulenz und – salopp gesagt: kargem Gestoppel in Bruchsätzen, zwischen denen schwarze Löcher gähnen, die nicht durch sprachliche Hochschwünge überbrückt werden. Zu weiten Teilen ist das so, Ausnahmen inbegriffen. Die hochgebockte Glanzrede Gottes im Buch Hiob ist so eine Ausnahme, einige Psalmen besitzen ebenfalls eine hochmögende dichterische Präsenz. Aber weitgehend dominieren die schwarzen Löcher zwischen knappen Sätzen. Als dichterische Glanzleistung kann es die Bibel mit den Epen Homers jedenfalls nicht aufnehmen. Doch gerade, dass sie so ganz und gar anders ist, macht ihre Besonderheit aus.

Die Dringlichkeit der biblischen Verkündigung ist ungeheuerlich. Ändere dein Leben! So lautet der Befehl, der dem Leser oder Beter vor Augen steht, wenn er passagenweise ihren Text aufnimmt, ihn hütet und dabei sein Innerstes befragt, um etwas davon bittend in den eigenen kleinen Kosmos zu überführen. Und es ist ziemlich klar, was diese Verkündigung bedeuten soll: Du sollst ein gottesfürchtiges Leben führen, andere Menschen nicht bestehlen oder töten, auch dein Nächster steht in Gottes Hut, ihm darf nicht geschadet werden. Wichtig ist die Armut. Der arme Mensch wird im jüdischen wie christlichen Teil der Bibel in Würde erhoben, und damit wird gedanklich das schärfste Schwert geschwungen, mit dem die Bibel in den funkelnden poetischen Glanzkörper der mythischen Erzählungen mitsamt ihrem Gewimmel an Helden fährt. Sie verlangt ja einiges von ihren Adepten, diese Botschaft. Zwar ist es so gut wie unmöglich, der eigenen Sündenverhaftung zu entkommen, aber Versuche dazu müssen unternommen werden, die Gefahr des Rückfalls in die bequeme Lasterhaftigkeit muss erkannt und so gut wie eben möglich bekämpft werden.

 

III.

 

Heutzutage ist diese Botschaft von enormem Wert. Da die modernen Gesellschaften, in denen wir leben, die Durchsetzungsfähigkeit des Individuums preisen, ist das biblische Gebot, sich keineswegs über seinen Nächsten zu erheben sondern im Gegenteil für dessen Wohlbefinden Sorge zu tragen, von allergrößter Bedeutung. Das hat rein gar nichts mit weichlicher Nachgiebigkeit zu tun, sondern – modern formuliert – mit Fairness und Respekt vor den Menschen, die unsere Wege kreuzen. Der jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas hat die Beziehung des Menschen zu Gott in ein Dreiecksverhältnis gespannt, welches einen außerordentlich erhellenden Wert besitzt. Nicht Gott und ich, oder ich und Gott, stehen in einem wechselhaften Spannungsverhältnis, sondern: Indem ich in die Augen meines Nächsten blicke und damit etwas Substantielles durch diesen Augenkontakt erfahren kann, wird eine andere Art des Verstehens, vor allem aber die so wesentliche Tötungshemmung ausgelöst. In den Augen des anderen kann ich lesen, dass dieser Andere, mir Fremde, ein gottgewolltes Geschöpf ist, das ebenfalls ein Anrecht darauf besitzt, zu existieren. Nur durch diese Fähigkeit der Kenntnis, die ins Praktische umgemünzt in der Nächstenliebe mündet und darin ihre Vollendung finden kann, dienen wir dem Dritten und Höhergestellten in der Triade, dienen wir Gott.

Das Gebot der Nächstenliebe ist essentiell. Den Blick dafür zu bewahren, was Tausenden von unglücklichen Menschen widerfährt, die sich in den Hunger- und verheerten Kriegsgebieten in Lebensgefahr begeben, um irgendeine Form des Auskommens zu finden, ist nicht nur eine kleine altruistische Übung, die in einem wohlfeilen Lippenbekenntnis enden darf, sie erfordert Tatkraft, Mut und natürlich auch Barmherzigkeit, aber eben nicht nur diese, sondern zugleich nüchterne Überlegung. Das ist ziemlich viel verlangt auf einmal.

Derzeit sind wir in den europäischen Ländern herausgefordert wie niemals zuvor in den letzten sechzig, siebzig Jahren. Menschen in bisher ungekannter Zahl nehmen halsbrecherische Wege in Kauf, um in unseren Ländern ihr Glück zu versuchen. Zweifellos ein Riesenproblem, das nicht einfach nur mit Mildherzigkeit und guten Worten zu lösen ist. Der einzelne Christ kann und darf nach dieser Devise handeln und sollte es nach Möglichkeit auch tun, die Politiker, die für die Gesamtverantwortung eines Landes einstehen müssen, können dies wohl kaum. Und es zeichnet sich längst ab, dass einzelne Länder und fast alle Politiker in Europa immer weniger gewillt sind, entsprechend dem Gebot der Nächstenliebe zu handeln.

Das hat zwar schreckliche, aber dennoch ernsthafte Gründe, die man nicht vernachlässigen darf. Bei weiterem Zuzug von Flüchtlingen, besonders, wenn dies in ungeordneter Weise geschieht, erstarken landauf landab die rechtsradikalen Parteien. Im einst so toleranten Holland hätte man vor wenigen Jahren noch kaum geglaubt, dass eine rechtsradikale Partei, die auf Fremdenhass und sonst nichts beruht, derartige Erfolge bei den Wählern erzielen könnte. Im erzkatholischen Polen, wo man es eigentlich besser wissen müsste, ist die Abneigung, überhaupt einen einzigen Flüchtling aufzunehmen, skandalös groß. Der Brexit, der Europa jüngst in geharnischte Tumulte versetzt hat, gedieh auf nichts anderem als der Angst und dem Überdruss, sich weiter mit fremden Einwanderern befassen zu müssen, von denen man fürchtet, sie würden das Land destabilisieren. Auf entsetzliche Weise gelingt es den muslimisch geprägten Terroristen, diese Ängste enorm zu schüren, wiewohl nur ein winziger Teil der neu angekommenen Flüchtlinge sich diesen Mörderbanden angeschlossen hat. Die angsterregenden Effekte, welche die Migrationsbewegungen und in deren Gefolge entschlossene Mordgrüppchen provozieren, lassen sich an der Grande Nation, an Frankreich, nur allzu deutlich studieren.

Nein, das sind keine angenehmen Zeiten, denen wir entgegengehen. Zwar würde ich eine Wette darauf wagen, dass der Islam in einigen Jahren durch die aggressiven Akte eines radikalen Teils seiner Gläubigen, über dem der missbrauchte Name Allahs als knatternde Fahne weht, abgewirtschaftet haben wird. Die Zerstörungsorgie der Islamisten trifft ja zuallermeist die Angehörigen der eigenen Religion. Die Säkularisierung des Islam könnte sich dadurch schneller vollziehen, als wir es heute ahnen. Vermutlich werde ich selbst diesen Prozess allerdings nicht mehr erleben. Jawohl, es wird auch dem Islam guttun, wenn er sich in die eigenen Schranken begibt und keine Ausflüge mehr in die Domäne des Politischen unternimmt. Manches Mal erinnern mich die Gräuel, die heute im Namen Allahs begangen werden, fatal an die Gräuel früherer Jahrhunderte, die Christen im Namen ihres Gottes vollführt haben. Nur zeitversetzt, und natürlich mit anderen Waffen, die im grausamen Spiel des Hasses und der Zerstörung zum Einsatz gelangen.

Das ist beileibe keine Verunglimpfung des Islam an sich. In jungen Jahren durfte ich bei einer großen Ausstellung über islamische Kunst im Völkerkundemuseum Berlin-Dahlem assistieren und hatte das Privileg, mir die sagenhaften Schriftdokumente und Miniaturen aus dem persischen, irakischen und indischen Raum anzusehen, die das New Yorker Metropolitan Museum den Dahlemern ausgeliehen hatte. Mit weißbehandschuhten Fingerchen war es mir vergönnt, in den Schätzen zu blättern. Absolut hinreißende Dokumente einer hochgradig sublimen Kultur sind das, die mich in helles Entzücken versetzt haben. Die sorgfältige Andachtsbewegung, die in den wunderbaren Verschriftungen des Koran zum Ausdruck kommt, hat etwas Herzbewegendes. Ich sah die Schreibenden vergangener Jahrhunderte mit gespitzten Zünglein in andächtiger Haltung Schriftzeichen neben Schriftzeichen setzen, eine fromme Übung auch dies, eine hohe Konzentration erfordernd. Da durfte nicht gepatzt und nicht geschmiert werden. Etliche der Miniaturen ließen sich durchaus zu ihrem Vorteil an den bedeutenden Kunstschätzen des westlichen Europa messen. Die Schrift selbst ist in puncto Schönheit den lateinischen Buchstabendokumenten aus vergleichbarer Zeit bei Weitem überlegen. Kurzum, dieser Einblick in eine längst vergangene Kultur des Islam hat mir Bewunderung eingeflößt, die tief sitzt und mich keineswegs zu einer Verächterin dieser Religion macht.

Doch die Erfahrung mit den hinreißenden Texten des Homer und anderer Griechen lehrt: Der ästhetische Genuss allein sagt nichts über den Wahrheitsgehalt und die ethische Bedeutung eines in kunstvoller Form dargereichten Stoffes aus. Obwohl es hinreißende Bilder von Aphrodite gibt und beeindruckende Skulpturen des donnernden Zeus, verleiten mich diese nicht dazu, an sie zu glauben und mein Leben auch nur im Entferntesten nach ihnen auszurichten. Es bleibt dabei: die vielgestaltigen mythischen Formen sind von bestrickender Schönheit und spannungsgeladener Dramatik, der Islam hat gleichfalls bezaubernde Schätze aufzuweisen, die Katholiken können mit einer langen Reihe erstklassiger Theologen aufwarten, die mein Denken enorm bereichert haben, aber ich bleibe protestantisch, bleibe dem treu, was meine fromme pietistische Großmutter mir in liebreicher Form beigebracht hat. Ihr, einer zutiefst freundlichen und gutherzigen Frau, verdanke ich meine religiöse Prägung. Und dabei bleibt’s.

Ganz so zuversichtlich, wie der letzte Satz klingen mag, kann ich allerdings nicht enden. Ein riesiges schwarzes Loch in die Gotteszuversicht hat die Vergangenheit geschlagen. Die zum Himmel schreienden Zerstörungen, die der Zweite Weltkrieg über die europäischen Länder gebracht hat, vor allem die Ermordung von Millionen jüdischer Mitbürger in den deutschen Konzentrationslagern, hat jede Form eines naiven Glaubens an Gott hinweggefegt. Von auch nur annähernd vergleichbaren Gräueln weiß die Bibel nichts. Mich hat das große Gedicht von Jizchak Katzenelson, eines gläubigen Juden, dessen komplette Familie getötet wurde und am Ende auch er selbst, zutiefst verstört. Katzenelson hat mit seinem „Dos lid funm ojsgehargetn jidischen folk“ die extremste Anklage verfasst, die es gegen Gott gibt. Das Buch Hiob ist im Vergleich dazu eine harmlose und versöhnliche Schrift. Vor etlichen Jahren habe ich das Gedicht zufällig im Radio auf Jiddisch rezitiert gehört. Kein Vortrag, kein Text hat mich je dermaßen aufgewühlt wie dieses Lied. Man kann danach nicht zur Tagesordnung übergehen. Das Gedicht hat sich in mein Gedächtnis gefressen. Ich werde es nicht mehr los. Nach dieser Erfahrung fällt es mir schwer, mich auf die kindliche Frömmigkeit zu besinnen und ihr zu vertrauen, so einfach und schön, wie sie einst in meinem Herzen Wohnstatt nahm.

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