Welche Krise? Karl IV. (1346-1378), ein Kaiser der Entscheidungen

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

Die Konjunktur der Krise

 

Schreckensszenarien prägen das verbreitete Bild vom Spätmittelalter: Klimakatastrophen, Kriege, Not und wirtschaftlicher Niedergang. Agrarprodukte erlebten einen Preisverfall, Bauern mussten das Land verlassen und in die Städte ziehen. Das Schlimmste aber war die Pestseuche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Heute würden wir von einer Pandemie sprechen. Ein Drittel der damals in Europa lebenden Menschen ist an der Pest gestorben, ganze Landstriche und Städten waren entvölkert. Mitten in Europa tobte zudem seit dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein großer Krieg, die immer wieder aufflammenden Kämpfe der Franzosen gegen die Engländer, die in ihr Land eingedrungen waren. Oft zogen nach den Schlachten marodierende Söldner durchs Land, Gefahr und Not waren überall gegenwärtig.

Weniger gefährlich, aber nicht weniger beängstigend war für die Zeitgenossen der Verlust der überlieferten Ordnungen. 1309 war das Papsttum von Rom, seinem traditionellen Ort, nach Avignon gezogen, unter den Schutz und Einfluss des französischen Königs. Erst 1377 konnte es zurückkehren, doch darüber spaltete sich die Kirche vollends und nun gab es zwei, dann drei Päpste gleichzeitig. Erst 1415 wurde dieser Zustand durch die Wahl eines allgemein anerkannten Papstes auf dem Konstanzer Konzil beendet. Sehr viele Menschen erlebten diese langen Jahre und damit oft genug ihr ganzes Leben als eine Zeit der Angst, Verunsicherung und Bedrohung. Bedrückend war vor allem die Wahrnehmung eigener Machtlosigkeit den Zeitereignissen gegenüber. Um diese Sicht der Zeitgenossen einzufangen, ist das 14. Jahrhundert in der modernen Geschichtsschreibung als „Krisenzeit“ beschrieben worden, auch wenn die Zeitgenossen noch keinen Begriff dafür kannten.

Merkwürdige Dinge passierten, die viele Menschen als böse Zeichen interpretierten. So ereigneten sich überraschende, dramatische Ereignisse an verschiedenen Orten zur selben Zeit: 1314 starb in Frankreich ein mächtiger König, Philipp IV. (der Schöne), im selben Jahr verlor der englische König Eduard II. bei Bannockburn eine strategisch wichtige Schlacht gegen die aufständischen Schotten und im römisch-deutschen Reich konnten sich die Fürsten nach dem Tod des Kaisers (Heinrichs VII. aus dem Haus Luxemburg) 1311 nicht auf einen neuen König einigen und wählten schließlich, ebenfalls 1314, zwei konkurrierende Könige gleichzeitig, einen Wittelsbacher (Ludwig IV., später als „der Baier“ bezeichnet) und einen Habsburger (Friedrich den Schönen). In der Geschichtswissenschaft überlegt man heute, angeregt von wirtschaftsgeschichtlichen Erklärungsansätzen, ob das zufällige Zusammentreffen derart ungewöhnlicher Ereignisse als eine „Konjunktur“, vielleicht eine „Konjunktur von Krisenereignissen“, beschrieben werden kann.

Viele Mächtige zogen ihren Nutzen aus den Unruhen und schürten die Konflikte. Doch andere versuchten mit aller Kraft, wieder geordnete Verhältnisse herzustellen, vor allem um einen einheitlich anerkannten Papst zu wählen und die Konkurrenz der Könige im Reich zu beenden. Dort versuchte man es zunächst mit der noch nie zuvor erwogenen Lösung eines Doppelkönigtums zwischen Ludwig und Friedrich. Dieser Versuch scheiterte, doch Ludwig konnte sich erst behaupten, nachdem Friedrich gestorben war. Dann überwarf er sich aber mit dem Papsttum.

Seit den frühen 1340er Jahren plante der Papst, noch von Avignon aus, in Zusammenarbeit mit einigen Fürsten des Reiches, einen neuen Kandidaten für die deutsche Königskrone aufzubauen: Karl, den Markgrafen von Mähren, Sohn König Johanns von Böhmen und der Elisabeth, der letzten Erbin des alten böhmischen Königsgeschlechts der Přemysliden. Als Karl 1346 zum König erhoben wurde, erst im zweiten Anlauf drei Jahre später an den dafür vorgesehenen Orten Frankfurt am Main und Aachen gewählt und gekrönt, war auch er ein Gegenkönig und wäre Ludwig der Bayern nicht 1347 plötzlich verstorben, hätte es zwischen beiden womöglich eine Entscheidungsschlacht um die deutsche Königskrone gegeben. Neue und alte Wege zur Problemlösung konnten nahe beieinander liegen.

Wegen der Unterstützung des Papstes für ihn wurde Karl von seinen Gegnern als „Pfaffenkönig“ gescholten. Was nicht jeder wusste: Hinter den Kulissen zog der Großonkel Karls, Erzbischof Balduin von Trier, ein Bruder des verstorbenen Kaisers Heinrichs VII., die Fäden. Er hatte den Papst und die Fürsten dazu gebracht, Karl zu unterstützen und der Papst, Clemens VI., war Karl aus seiner Jugend gut bekannt, den 1320er Jahren, als beide sich längere Zeit am Hof des französischen Königs aufgehalten hatten.

In diesen Zusammenhängen ging es nicht mehr um das Ausgeliefertsein der Menschen unter die schwierigen Umstände ihrer Zeit, sondern um Entscheidungen und Handlungen einzelner. Nicht alles war Zufall, was sich in jenen Jahren ereignete. Die Konjunktur der Krisenereignisse nutzten manche, um zufällige Konstellationen für ihre eigenen Interessen zu nutzen und sich Vorteile zu verschaffen. Balduin von Trier, sein Neffe Johann von Böhmen und sein Großneffe Karl von Mähren gehörten dazu.

Zu denen, die aus der Konjunktur der Krisenzeiten dennoch Nutzen ziehen konnten, zählten im 14. Jahrhundert außer den Herrschern aber auch schon all jene, die die Gewalt der Zeit und die Kriegsereignisse überlebten oder von der Pest nicht hinweggerafft wurden. Das Unglück der einen konnten zum Nutzen der anderen werden: Überlebende übernahmen den Besitz der an der Pest Verstorbenen. Selbst die Häuser der vielen Juden, die ein religiös fanatisierter Mob nach dem Ausbruch der Pest 1348 in den großen Städten grausam ermordet hatte, gingen in den Besitz anderer über. Mancher Fürst und etliche Bischöfe hatten vergeblich versucht, die Juden zu schützen. Der König aber, Karl IV., der als Herrscher umfangreiche Steuerzahlungen von den Juden einfordern konnte, weil sie offiziell unter königlichem Schutz standen, tat nichts zu ihrer Rettung, sondern profitierte nochmals von den Steuern der Städte, die nach Pest und Judenpogromen schnell wieder zu wirtschaftlichem Wohlstand fanden. Auch dies war eine Entscheidung.

 

Kontingenz und Entscheidung

 

Stadträte und Stadtbürger, Fürsten und Bischöfe, vor allem der König selbst konnten unter diesen Umständen zu Gestaltern ihrer Zeit werden. Klimakatastrophen oder Missernten und vor allem die Seuchenzüge der Pest kamen wie ein Schicksal über die Menschen. Kriegführung, aber auch finanz- und wirtschaftspolitische Maßnahmen, unter denen viele Menschen zu leiden hatten, waren hingegen von mächtigen Zeitgenossen selbst veranlasst. Für diese, soweit sie nicht in Kriegen umkamen oder von der Pest erfasst wurden, gab es die Krise offensichtlich nicht, sie gestalten sie vielmehr selbst mit.

Kaiser Karl IV. war einer der mächtigsten Herrschergestalten des europäischen Spätmittelalters und die Zeit seiner größten Machtfülle, ab der Königswahl im deutschen Reich 1346, fiel genau zusammen mit dem ersten Ausbruch der Pest, doch er war davon nicht unmittelbar betroffen. Wie das Böse und Schreckliche, so war auch das Günstige und Glückliche kontingent und Karl IV. profitierte von dieser Kontingenz: Wäre Ludwig der Bayer, sein politischer Gegner, nicht 1347 plötzlich verstorben, wäre Johann von Böhmen, sein Vater, nicht bereits 1346 in einer Schlacht gegen die Engländer gefallen und wäre das Land und Königreich Böhmen nicht auf geradezu wundersame und bis heute unerklärliche Art fast als einzige Region in ganz Zentraleuropa von der Pest verschont geblieben, so wäre die Biographie Karls völlig anders verlaufen. Vielleicht würden wir ihn heute nur als einen der vielen Fürsten jener Zeit kennen, vielleicht wüssten wir gar nichts von ihm.

Doch war es mit der Kontingenz nicht getan: Karl vermochte es, in jeder Lage umsichtig und taktisch klug, Chancen und Risiken genau berechnend und bis zu Gerissenheit kalkulierend seinen Vorteil zu suchen und zu sehen. Die Gelehrten seiner Zeit dachten darüber nach, welche Konsequenzen es für Menschen haben musste, in einer Entscheidungssituation eine von mehreren möglichen Optionen zu wählen. Erst etwas mehr als hundert Jahre zuvor hatte man in der wissenschaftlichen Diskussion, vor allem an den Universitäten in Paris und Oxford, begonnen, eine theoretische Begründung dafür zu entwerfen, dass das Leben der Menschen nicht nur vorbestimmt war, sondern sie auch in kontingente Situationen geraten konnten, die ihre eigene Entscheidung erforderten.

Man unterschied zwischen Entscheidungen, die aus vernünftiger Einsicht und solchen, die aus Willensentschluss erfolgten, und man entwarf eine Erklärung für den freien Willen, der Menschen sich zu entscheiden erlaubte. Solche Entscheidungen waren immer dann erforderlich, wenn es in einer aktuellen Situation keine vorgegebene Regel gab, der man hätte mit Notwendigkeit folgen müssen. Außerdem dachte man genauer darüber nach, dass die Entscheidung für eine der möglichen Handlungsalternativen in einer besonderen Situation bedeuten musste, die anderen Alternativen zu verwerfen und ungeschehen sein zu lassen – und sich im Bewusstsein dieses Dilemmas dennoch entscheiden zu müssen. Zur Zeit Karls IV. fand man an der Universität Paris ein eindrückliches Bild für diese Überlegungen: Wer sich in einer Entscheidungssituation nicht entscheiden wolle, so sagte man, sei wie ein Esel, der zwischen zwei Heuhaufen unentschlossen verharre, weil er sich nicht entscheiden könne, von welchem der beiden er fressen wolle und deshalb schließlich verhungern müsse.

Man kann in diesen Theorien eine Reaktion auf vermehrte Herausforderungen durch die Umstände der Zeit erkennen. Ein Krisenmodell wird darin allerdings nicht ersichtlich, denn die Entscheidungstheorien gehen bei aller kritischen Einbeziehung von Alternativen und Folgen menschlichen Entscheidens stets davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, Situationen der Herausforderung handelnd zu bewältigen. In der Handlungspraxis von Herrschern war dieser Zusammenhang als Erfahrungswissen selbstverständlich bekannt, doch das Bewusstsein von Kontingenz und Entscheidungsfreiheit als theoretisches Konzept war jetzt neu.

Ob Karl IV., der den Rat von Gelehrten an seinem Hof schätzte, solche Entscheidungstheorien bekannt waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Immerhin beschreiben sie recht genau, was in seinem politischen Handeln als Pragmatismus zu verstehen ist: Karl handelte in aller Regel so, dass er in einer aktuellen Situation eine der möglichen Entscheidungen bewusst und offenbar unter Einrechnung ihrer Konsequenzen traf und konsequent umsetzte. Er folgte darin weniger allgemeinen, abstrakten Idealvorstellungen als der jeweils situationsabhängigen, spezifischen Auswahl an Möglichkeiten, um seine Ziele zu erreichen. Mögliche Widersprüche zwischen einzelnen Entscheidungen und Handlungen irritierten ihn offenkundig nicht, auch wenn sie ihm von einigen Zeitgenossen vorgehalten wurden. So ist die Beurteilung seiner Städtepolitik bis heute strittig: Er förderte die Städte vielfach, engagiertes sich beim Ausbau der Handelswege und der Märkte, nutzte aber deren Steuerpflicht zugunsten der Krone weidlich aus und stimmte zu, dass in der Goldenen Bulle Städtebünde untersagt wurden. Vor allem scheute er nicht davor zurück, Reichsstädte zu verpfänden, um damit weitere Abgaben in seine Kasse zu lenken.

Als „Kaufmann auf dem Königsthron“ erschien er deshalb manchen Kritikern. In manchem handelte er dabei zeittypisch, so etwa als leidenschaftlicher Reliquiensammler, der sich in anbetendem Gestus vor der Gottesmutter oder in persönlicher Verbindung mit Heiligen darstellen ließ. In der internationalen Diplomatie der Höfe war der Besitz an kostspieligen und seltenen Reliquien ein Statussymbol und erlaubte es, wertvolle Gastgeschenke zu geben und zu erhalten. Karl verstand es, dieses Instrument der Kontaktpflege zwischen den Königen zu nutzen.

In anderen Zusammenhängen agierte er eher ungewöhnlich, so in der entschlossenen Vermeidung von Kriegshandlungen und dem Verzicht auf die zeittypische Inszenierung als Ritter. 1346 hatte er seinen Vater begleitet, als dieser im Bewusstsein ritterlicher Ehrenpflicht seinem Bundesgenossen, dem König von Frankreich, gegen die englischen Truppen in der Schlacht von Crécy, beistehen wollte. Obwohl die französische Niederlage unabwendbar war, ließ Johann sich, seit Jahren vollständig erblindet, dennoch in die Schlacht führen, suchte und fand den sicheren Tod und wurde deshalb von der französischen Historiographie hoch gelobt. Sein Sohn Karl entschloss sich hingegen, vom Schlachtfeld zu fliehen. Schon als junger Markgraf, vom Vater auf eine aussichtslose politische Mission nach Italien geschickt, hatte sich Karl nach eigener Aussage in seiner Autobiographie deren Umsetzung verweigert, weil er nichts habe tun wollen, was vergeblich hätte bleiben müssen. Zeitlebens vermied er militärisches Auftreten und Handeln und entwickelte stattdessen eine bemerkenswerte Fähigkeit diplomatischer Raffinesse: Er blieb auf Verhandlungen und Vermittlungen konzentriert und suchte seine Ziele dadurch unauffällig, teils verdeckt, zu erreichen und er war damit überaus erfolgreich.

Was die französische Historiographie sofort nach Crécy als unehrenhaft verurteilte und Karl noch Jahrzehnte später vorhielt, war indes eine taktisch kluge Entscheidung, die zu einer wesentlichen Grundlage für Karls weitere politische Durchsetzung wurde: Seit der Erkrankung des Vaters 1341 hatte er bereits für diesen die Regentschaft des Königreichs Böhmen übernommen, nach Crécy konnte er nun mit dem Anspruch des Thronfolgers handeln und wurde im folgenden Jahr zum König gekrönt. Die Niederlage von Crécy war für den französischen König unzweifelhaft eine Krisensituation in seiner Herrschaft, ebenso der Schlachtentod Johanns von Böhmen für dessen Königreich Böhmen. Durch die Entscheidung zu entschlossenem, unkonventionellem Handeln konnte Karl diese Situation zu seinem Vorteil gestalten.

Selbst seine spätere Kaiserkrönung 1355 wurde erst auf dieser Grundlage möglich und auch sie war von Karls pragmatischer Taktik geprägt. Seinerseits selbst in einer schwierigen Lage, hatte der Papst (inzwischen Innozenz VI., der in Avingnon residierte und sich in Rom durch einen Kardinal vertreten ließ) die Krönung von Bedingungen abhängig gemacht, unter anderem der Zusage, dass Karl nicht länger als einen Tag in Rom bleibe. Offizielle diplomatische Verhandlungen waren in dieser Situation nicht angezeigt. Offenbar ging Karl selbst anonym, als Pilger verkleidet, mehrfach nach Rom, um über die Modalitäten seiner Krönung zu verhandeln und war mit diesem ungewöhnlichen Vorgehen erfolgreich: Er erreichte seine und seiner Ehefrau Krönung und verließ Rom nach dem anschließenden Festmahl vereinbarungsgemäß wieder binnen eines Tages.

Nach den Erfahrungen des Interregnums im späten 13. Jahrhundert, als das römisch-deutsche Reich jahrzehntelang ohne allgemein anerkannten Regenten geblieben war und nicht weniger unter dem Eindruck von Karls Gegenkönigtum, hatte man die politischen Verhältnisse auch ihrerseits als Zeichen der Krise gelesen. Jetzt, ausgerechnet zeitgleich zu den Jahren, als die erste große Seuchenwelle Europa erreichte, gelang es Karl, das Kaisertum in lange nicht mehr gesehener Stärke zu repräsentieren. Man begann, ihn mit den größten Vorgängern auf dem Königs- und Kaiserthron zu vergleichen, vor allem mit den Stauferkaisern, die das Kaisertum im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert, wenn auch unter dramatischen Konflikten, zu universaler Geltung geführt hatten.

Nur unter der episodenhaft kurzen Regierung Heinrichs VII., des Großvaters Karls IV., war zuvor einmal gelungen, was Karl 1355 erreichte: Erstmals an die Tradition der Staufer anzuschließen und die Königskronen des Heiligen Römischen Reiches auf sich zu vereinen. Auf dem Weg zur Kaiserkrönung wurde Karl 1355 mit der Eisernen Krone der Lombardei in Mailand (für „Reichsitalien“) gekrönt und erhielt zehn Jahre später, 1365, auch die Krone des alten Königreichs Burgund (Arelat, für die Freigrafschaft Burgund/Franche Comté) in Arles. Zusammen mit der Krone des Deutschen Königs sowie der Kaiserkrone und zudem der 1347 erhaltenen einzigen Königskrone innerhalb des Reiches, derjenigen seines Königsreichs Böhmen, erreichte Karl damit eine geradezu einzigartige Stellung in der Abfolge der römisch-deutschen Könige und Kaiser und fügte sich mit unübersehbarer Exklusivität in die imperiale Tradition der Stauferkaiser ein.

Diese Erfolge verdankte Karl einem (modern gesprochen) „Krisenmanagement“, wie es sein Großonkel, Balduin von Trier, beherrscht hatte, sein Vater, Johann von Böhmen, hingegen nicht und worin Karl selbst seine Zeitgenossen überragte. Wie skrupellos er dabei vorging, zeigt schließlich seine Entscheidung, sich auch in eine andere imperiale Tradition der Staufer einzuschreiben. Wenn seine Kritiker Recht hatten, die in ihm einen „Vater Böhmens und Stiefvater des Reiches“ sahen, so lag ihm vor allem anderen an seiner Dynastie, dem Haus Luxemburg, und seinem eigenen Reich, dem Königreich Böhmen. Es spricht viel dafür, dass die Stimmen der Kritiker in diesem Punkt zutrafen.

Entsprechend arbeitete er mit virtuoser Fertigkeit an der europäischen Vernetzung seiner Familie durch ausgreifende Heiratsdiplomatie. Er selbst war viermal verheiratet, zunächst mit einer französischen Prinzessin, dann mit Töchtern von Reichsfürsten. Sein eigenes Heiratsverhalten ließ die Verlagerung des räumlichen Schwerpunktes seiner Politik von West nach Ost erkennen. Auf Kosten des Stammlandes seiner Dynastie, der Grafschaft, später dem Herzogtum Luxemburg, orientierte er sich mehr und mehr auf das Königreich Böhmen, das durch die Heirat seiner Eltern 1310 an die Dynastie gekommen war. Prag wurde zur Hauptresidenz Karls, er erreichte die Erhebung Prags zum Erzbistum, baute die Stadt systematisch aus, errichtete die für Ansiedlung und Handel wichtige Neustadt, gründete dort 1348 eine Universität (die erste auf Reichsgebiet nördlich der Alpen) und ließ die Kathedrale neu und prächtig gestalten. Wie die französischen Könige in St. Denis errichtete Karl dort die Grablege seiner Familie als diejenige einer Königsdynastie: Sorgfältig wurden die Gräber der Vorfahren aus dem Haus der Přemysliden, des alten böhmischen Königsgeschlechts, dem noch seine Mutter angehört und das mit dem Heiligen Wenzel einen bedeutenden Heiligen hervorgebracht hatte, mit denjenigen der Familie der Luxemburger symbolisch zusammengeführt. Zur Umsetzung dieses Programmes und zur unerlässlichen Stütze seiner Königsherrschaft im Reich bedurfte er der Unterstützung jener Fürsten, die in den östlichen Reichsteilen Lehen hielten. Diese Option bestimmte sein Heiratsverhalten.

Ein verwegener Plan stand dahinter: Karl hatte offensichtlich die Vision eines gewaltigen Territorialkomplexes von Böhmen über Ungarn bis Polen, das er in die Hand seiner Dynastie bringen wollte. Die Verheiratung seiner Kinder folgte diesem Plan. Deshalb arrangierte Karl schon früh Eheverbindungen mit den Töchtern des mächtigen, söhnelosen Königs Ludwigs I. von Ungarn und Polen. Noch seine letzte Auslandsreise 1377/78 nach Paris war unter anderem diesem Plan verpflichtet, denn auch die französische Krone hatte Ambitionen im Osten.

Ein wesentlicher, unerlässlicher Baustein in dieser gewagten Konstruktion war die Regelung der Nachfolge Karls im Reich zugunsten seiner Dynastie. Mit gutem Grund wird heute der Erlass der später so genannten Goldenen Bulle von 1356 als erstes „Grundgesetz“ des Alten Reiches und als Meisterstück Karls verstanden. Unter dem Titel „Unser kaiserliches Rechtbuch“ veröffentlicht, war es ein Werk weniger der kaiserlichen Autorität als vielmehr der klugen diplomatischen Taktik Karls. Er hatte es vermocht, den seit Generationen bei Thronvakanz nach dem Tod eines Königs immer wieder ausbrechenden Streit zwischen den Reichsfürsten um die Modalitäten der Königswahl im Konsens mit den für wahlberechtigt erklärten Fürsten zu beenden. Die Goldene Bulle regelt neben anderen politischen Anliegen vorrangig die Wahl des römisch-deutschen Königs und indem sie dabei betont die bereits eingespielten Verfahrensformen bestätigt und ausgestaltet (so etwa das Prinzip der Mehrheitswahl bei ungerader Zahl der Wahlberechtigten), begründete sie doch ein neues Verfahrensmodell: Das Wahlreich der Erbfürsten. Jetzt wurden diejenigen sieben (drei geistliche und vier weltliche) Reichsfürsten bezeichnet, die fortan exklusiv den Kreis der Königswähler bilden sollten und deren Königswahl dem Anspruch nach den künftigen Kaiser bestimmte. Fast unmerklich wurde dabei der wichtigste Konkurrent der Luxemburger, das Haus Wittelsbach, übergangen und auch der päpstliche Approbationsanspruch, seit langem Anlass ausufernder Konflikte, wurde durch Nichterwähnen demonstrativ ignoriert. Das Verschweigen war hier eine deutlichere Stellungnahme als es eine Aussage hätte sein können.

Im Gegenzug für die mit der Wahl zugesagte, dauerhafte Loyalität zu dem gewählten König und künftigen Kaiser, also den Verzicht auf eigene Thronambitionen und Aufstände, wurde den weltlichen Kurfürsten die Erblichkeit ihrer Kurwürden und damit auch deren Reichslehen zugesprochen. Nicht darin aber bestand die tiefere Absicht Karls. Vielmehr wird man sie wohl nur dann verstehen, wenn man bedenkt, dass damit zwangsläufig auch die erbliche Weitergabe der Krone Böhmens in der Dynastie der Luxemburger festgeschrieben war. Dass der König von Böhmen bereits als solcher, weil er der einzige König innerhalb des Reiches war, den ersten Rang unter den (zumindest weltlichen) Reichsfürsten beanspruchen konnte, betonte der Text der Goldenen Bulle an jeder dafür geeigneten Stelle.

Was noch fehlte, um auch in diesem Zusammenhang an die imperiale Tradition von Ottonen und Staufern anzuschließen, war die faktische Weitergabe auch der deutschen Königskrone in der Dynastie Karls. 1376 , genau zwanzig Jahre nach dem Erlass der Goldenen Bulle, gelang es ihm, seinen erstgeborenen Sohn Wenzel von den Kurfürsten zum deutschen König wählen zu lassen – und dies zu Lebzeiten des kaiserlichen Vaters und damit unter unübersehbarem Bruch der Vorgaben der Goldenen Bulle!

Wieder war es die französische Historiographie, die hier Kritik übte. Bei der Darstellung des Kaiserbesuches von 1377/78 in Paris, der neben anderem auch dazu diente, Wenzel als gewählten deutschen König vorzustellen, demaskierten die Illustratoren in den Chronikhandschriften am französischen Hof das Auftreten Wenzels, den sie als gekrönten König stets in einer auffallende Unsicherheit und mangelnden königlichen Habitus verratenden Position unscheinbar hinter seinem Vater einher laufend zeigen. Ausgerechnet bei dieser für seine Planungen so wichtigen Personalie blieb Karl insofern erfolglos. Er musste aber das volle Ausmaß des Scheiterns Wenzels nicht mehr erleben. Karl starb 1378 und Wenzel wurde schließlich wegen Untätigkeit und Unfähigkeit 1400 von den Kurfürsten abgesetzt.

Karl hatte es von Beginn seiner Regierungszeit und bis zu seinem Lebensende vermocht, die besonderen Herausforderungen seiner Zeit unkonventionellen Lösungen zuzuführen, die konsensual legitimiert und pragmatisch organisiert waren und die allesamt darin zusammenliefen, dass sie zum Vorteil des Hauses Luxemburg und des Königsreichs Böhmen waren. Die dahinter stehende Richtungsentscheidung Karls ist nicht nur als politischer Akt in herrscherlicher Autorität greifbar, sondern stets auch als persönliche Intention im eigenen Interesse. Die bemerkenswerte Konsequenz ihrer pragmatischen Umsetzung und der beachtliche Erfolg, den Karl IV. damit erreichen konnte, werden als kreative Gestaltung unter den Herausforderungen seiner Zeit zu verstehen sein, als entschlossenes Entscheidungshandeln in Zeiten der Krise. Ein „Krisenmanagement“ lässt sich darin indessen nicht sehen. Karls entschlossenes politisches Handeln spielte sich im Kontext zeitgenössischer Krisenszenarien ab, ohne von ihnen merklich betroffen zu sein. Die Konjunktur der Krise im 14. Jahrhundert kam im politischen Kalkül Karls nicht vor. Widerständige Ereignisse oder Zusammenhänge wurden durch kluge Diplomatie unter hohem persönlichem Einsatz des Herrschers und durch konsequente situativ-pragmatische Entscheidungen überwunden.

 

Die Krise als modernes Deutungsschema

 

Erstmals seit den späten 1970er Jahren und im folgenden Jahrzehnt hat die Forschung, vor allem im deutschsprachigen Raum, den Krisenbegriff auf die Zeit des 14. Jahrhunderts angewandt. Vom „dramatischen 14. Jahrhundert“ sprach die US-amerikanische Historikerin und Publizistin Barbara Tuchmann im ihrem in deutscher Übersetzung 1978 erschienen und bis heute viel zitierten Buch „Der ferne Spiegel“. Als Herausgeber zweier Aufsatzbände unter dem Titel „Europa 1400“ und „Europa 1500“ von 1984 und 1987 bewirkten die deutschen Historiker Ferdinand Seibt (seinerseits tschechischer Herkunft) und Winfried Eberhard, dass das Paradigma vom 14. Jahrhundert als Krisenzeit im Forschungsdiskurs und, mehr noch, im öffentlichen Geschichtsbewusstsein zu einem festen Begriff wurde. Mit dem ebenfalls 1987 erschienen Buch „Pest, Geißler, Judenmorde“ schließlich begründete der in die Schweiz exilierte tschechische Historiker František Graus die methodisch richtungsweisende Kontextualisierung von Seuchenzug, religiösem Fanatismus und Judenverfolgung.

In der Folgezeit blieb das Diktum von der Krisenzeit des 14. Jahrhunderts zwar allgemein bekannt und eher unbestimmt, trat im Forschungsdiskurs aber zurück. Mit dem 1995 von dem Philologen und Pädagogen Walter Buckl herausgegebenen Aufsatzband „Das 14. Jahrhundert. Krisenzeit“ kehrt sich die Perspektive um: Das 14. Jahrhundert wird jetzt nicht mehr als exemplarisch für eine Krisenzeit verstanden, sondern die Zuschreibung der Krisenzeit als exemplarisch für eine Beschreibung des 14. Jahrhunderts. 1998 fasste der Historiker Heinz Schilling die Zeit der Reformation und der Konfessionalierung im Deutschen Reich, also vom frühen 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, unter dem Schlagwort von „Aufbruch und Krise“. Das „Europäische Geschichtsbuch“ nahm 2011 den Krisenbegriff auf, um ihn in eine Phase der Problemlösung zu weiten und kehrte damit den Titel von Schilling um: „Krise und Aufbruch“ wurden zum Kennzeichen der Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts genommen. Bereits 1990 hatte der französische Historiker Alain Demurger die Zeit beider Jahrhunderte und damit das für die deutsche wie französische Forschung übereinstimmend so verstandene Spätmittelalter als „Temps de crises, temps d´éspoir“ gekennzeichnet.

In der jüngsten Entwicklung sind die Krisenforschung und die Erforschung des 14. Jahrhunderts sogar eigene Wege gegangen. Unter dem Titel „Krise(n)geschichten“ behandelt ein 2013 von den Historiker/innen Carla Meyer, Katja Patzel-Mattern und Gerrit Jasper Schenk herausgegebene Sammelband die „Krise als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive“ ohne paradigmatische Anwendung als Epochenbezeichnung. Hingegen hat der Historiker Michael Menzel 2012 im Gebhardt Handbuch der Deutschen Geschichte die Epoche von 1273 bis 1347 als „Zeit der Entwürfe“ beschrieben. Heute wird also die Wahrnehmung und Zuschreibung von Krisenphänomenen in einem weiteren Horizont nicht mehr nur für die Epoche des Spätmittelalters und vor allem nicht mehr als exklusives Merkmal der Zeit des 14. Jahrhunderts verstanden und diese Zeit nicht nur über das Krisenhafte, sondern auch das Zukunftsweisende im Denken und Handeln der Zeitgenossen definiert.

Historische Forschung ist notwendig immer auch ein Spiegel der Selbstwahrnehmung der Historiker/innen und der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit. Dass die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts von Krisenerfahrungen und -befürchtungen geprägt sind, wird man nicht bestreiten können. Deren mitunter unerwartet weite, für nicht wenige Zeitgenossen beängstigende Dimensionen mögen an Zeugnisse und Deutungen zur Zeit des europäischen Spätmittelalters erinnern. Sie sind heute aber programmatisch mit dem Appell an die Entscheidungsbereitschaft in den europäischen Gesellschaften verbunden. Das Entscheidungshandeln Kaiser Karls IV., des Pragmatikers auf dem Thron, ist mit diesem Ansatz sehr treffend beschrieben.

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