In einem seiner Briefe zitiert Horaz das geflügelte Wort: „Nicht einem jeden ist es vergönnt, nach Korinth zu gelangen.“ Horaz fügt hinzu: „Wer den Misserfolg fürchtet, bleibt lieber zu Hause. ‚Das soll er tun! Wenn es aber einem gelingt, ist das nicht eine mannhafte Leistung?‘“ (epist. 1,17,36-38).
Eine Reise nach Korinth ist wahrlich nichts für jedermann. Man braucht Mut. Mit Widerständen ist zu rechnen. Ständig droht der Misserfolg. Eine Reise nach Korinth treten nur Tapfere an! Ob Paulus das Sprichwort kannte? Zumindest weiß er, ein Lied davon zu singen. Er hat es am eigenen Leib erfahren: Eine Reise nach Korinth kostet Schweiß, Tränen und Nerven! Und einmal in Korinth angekommen, ging es für Paulus nicht leichtfüßig weiter. Auch die Gemeinde von Korinth, die er gründete, kostete ihm Kraft. Seine Briefe belegen es. Immer wieder muss er eingreifen und erklären, korrigieren und erinnern. Wie ein guter Baumeister hat er den Grund gelegt (1 Kor 3,10). Aber der Bau ist damit noch längst nicht fertig. Immer wieder gerät er in Schieflage. Paulus ist Architekt und Statiker, Stuckateur und Hausmeister in einer Person. Auch über die Distanz hinweg – in Ephesus – sorgt er sich um die Gemeinde von Korinth. Er hat beunruhigende Nachrichten erhalten. Leute der Chloë (1 Kor 1,11) haben ihm von Parteiungen und Streit berichtet. Daneben erreichten ihn auch schriftliche Anfragen von der Gemeinde (1 Kor 7,1), die Paulus beantworten will. Paulus bleibt seiner Gründung verbunden. Er nimmt – im Medium des Briefs – das Gespräch auf. Ein langer Brief entsteht: der erste Korintherbrief.
Die Geschichte Korinths: Aufstieg, Niedergang und abermalige Blüte
Wer den Korintherbrief verstehen will, muss zunächst einmal die Geschichte, die Anlage und das besondere Bevölkerungsprofil der Stadt Korinth kennenlernen. Schon im 8. Jahrhundert vor Christus existierte eine dorische Siedlung. Bald erlebte Korinth eine erste große Blütezeit. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus zählt Korinth zu den führenden Handelsstätten der antiken Welt. Pindar lobt den erfinderischen Geist der Korinther. Handwerker besitzen dort ein großes Ansehen, wie Herodot zu berichten weiß. Die enorme Vasenproduktion, die befestigte Anlage der Stadt und die monumentalen Stadtmauern sprechen für sich. Korinth braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Die Stadt steht auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament. Korinth ist berühmt für das Töpferhandwerk und die Keramikproduktion, für Webereien und das Metall verarbeitende Gewerbe. Die „korinthische Bronze“ galt als besonders wertvoll. Flavius Josephus beschreibt die Tore des Tempels von Jerusalem: „Eines, das Außentor des eigentlichen Tempels, war sogar von korinthischem Erz und übertraf die versilberten und vergoldeten ganz bedeutend an Wert.“
Großes Ansehen erlangte Korinth aber auch durch die Ausrichtung der Isthmischen Spiele. Sie wurden alle zwei Jahre im Poseidon-Heiligtum vor den Toren der Stadt abgehalten. Die Spiele waren nicht nur ein kultisches und sportliches Großereignis. Sie brachten Korinth Anerkennung über die Landesgrenzen hinaus und förderten den Wohlstand und Reichtum der Bevölkerung. Nicht von ungefähr nutzt Paulus im ersten Korintherbrief die Motive von Wettlauf und Siegeskranz. Dafür war Korinth berühmt. Mit dieser Vorstellungswelt waren die Adressaten des Briefs vertraut: „Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt“ (1 Kor 9,24).
Verantwortlich für den raschen wirtschaftlichen Aufstieg Korinths war die geographische Lage. Die Stadt liegt an einer Landenge – dem Isthmus von Korinth – und verfügt über zwei Häfen: Lechaion im Norden am Korinthischen Golf und Kenchreä im Südosten am Saronischen Golf. Korinth konnte den gesamten Schiffsverkehr kontrollieren und war als Handelsmetropole der Umschlagplatz für Güter und Waren aus dem gesamten Mittelmeerraum. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus wurde eine eigene Schiffsstraße angelegt. Der „Diolkos“ verbindet den Saronischen mit dem Korinthischen Golf. Die Schiffe wurden auf dem Landweg von einem zum anderen Golf gezogen und sparten sich so die mehrere Tage dauernde und nicht ungefährliche Umsegelung von Kap Malea.
Die antike Stadt Korinth lag am Fuße des fast 600 Meter hohen Felsens Akrokorinth. Der Grat war als Wohnstätte zwar ungeeignet, bot aber hervorragende Verteidigungsmöglichkeiten. Am Fuß des Felsmassivs entsprangen zudem zahlreiche Quellen. Korinth war für seinen Wasserreichtum bekannt. Die äußerst fruchtbare Küstenebene bis zum Korinthischen Golf diente der Landwirtschaft und der Ernährung der Stadtbevölkerung. Kurzum: Die geographischen Gegebenheiten konnten kaum besser sein.
Man möchte ja nicht für möglich halten, dass eine derart begünstigte Stadt schließlich ihren eigenen Niedergang erleben und für mehr als ein Jahrhundert in der Bedeutungslosigkeit versinken musste. Verantwortlich dafür war die missglückte politische Positionierung. Im 2. Jahrhundert vor Christus stellte sich Korinth gegen das übermächtige Rom. Im Jahre 146 vor Christus zerstörten die römischen Truppen von Lucius Mummius die Stadt als letzten Hort des griechischen Widerstands. Die männlichen Einwohner wurden getötet, Frauen und Kinder in die Sklaverei geführt. Korinth wurde zum „ager publicus“ erklärt und römisches Eigentum. Das geographisch so günstig gelegene, handwerklich einst versierte, wirtschaftlich potente und kultisch berühmte Korinth lag in Trümmern. Als Cicero zwischen 79 und 77 vor Christus die Stadt besucht, ist er über den Zustand der einst so reichen und berühmten Metropole entsetzt – mehr noch als die Korinther selbst, die sich mit dem Niedergang schon abgefunden hatten: „Und mehr als die Korinther selbst erschütterte mich der plötzliche Anblick der Trümmer Korinths; das dauernde Bewusstsein (sc. ihres Untergangs) hatte ihre Seele wie mit einer alten Schwiele umzogen.“
In seinen letzten Amtstagen veranlasst Julius Caesar im Jahre 44 vor Christus die Neugründung Korinths. Fortan trägt die Stadt als römische Kolonie den bezeichnenden Namen: „Colonia Laus Iulia Corinthiensis“. Korinth – zerstört, aber wieder prächtig aufgebaut – soll das Lob des julischen Geschlechts verkünden. Die Neugründung war keine selbstlose Gunst. Vielmehr versprach sich Rom wirtschaftliche Vorteile von der Kontrolle des Handels.
Im Jahre 27 vor Christus erhebt Augustus Korinth zur Hauptstadt der Provinz Achaia. Als oberste Stadtbehörde fungieren der Magistrat und die jährlich gewählten Duumviri, denen zwei Ädilen zur Seite standen. Unter der Schutzhand Roms war der Wiederaufstieg geglückt. Das Korinth, welches Paulus in der Mitte des 1. Jahrhunderts besucht und in dem er eine Gemeinde gründet, ist eine aufstrebende Stadt. Korinth präsentiert sich selbstbewusst: geadelt von Rom, wirtschaftlich versorgt durch die beiden Häfen und gesellschaftlich bunt gemischt als infrastruktureller Knotenpunkt. Etwa ein Jahrhundert nach dem Aufenthalt von Paulus in Korinth beschreibt Aelius Aristides die Atmosphäre und den Zustand der Stadt wie folgt: „Wenn es wie zwischen Menschen auch zwischen Städten gegenseitige Gastfreundschaft gäbe, dann hätte die Stadt diesen Titel und diese Ehre überall; denn sie empfängt alle Städte bei sich und entlässt sie wieder aus sich, und ist die gemeinsame Zuflucht aller, wie ein Weg und Durchgang aller Menschen, wohin einer auch reisen will. Mit Reichtum und einer Menge Güter, soviel nur möglich, da sie überhäufen das allseits umgebende Land oder das allseits umgebende Meer; sie wohnt ja inmitten der Güter und ist ringsum umspült, wie ein Lastschiff, von Gütern.“
Ein Spaziergang durch die Stadt: Häfen, Kultstätten und reichlich Rotlicht
Zur Zeit des Paulus ist Korinth eine römische Kolonie, die aber nach wie vor wesentlich von der griechischen Kultur geprägt wird. Die offizielle Amtssprache war Latein, auch wenn auf den Straßen weiterhin Griechisch gesprochen wurde. In der Mitte des 1. Jahrhunderts zählte die Stadt etwa 80.000 Einwohner. Das Straßensystem war nach typisch römischem Vorbild aufgebaut. Die Straßen verliefen konsequent und linear von Nord nach Süd und von West nach Ost. 29 Hauptstraßen teilten – wie ein Rasternetz – die vier Stadtviertel in 29 „insulae“ (lat. für Häuserblocks). Die von Nord nach Süd verlaufende zentrale Hauptstraße, lat. „cardo maximus“, war gut 15 Meter breit. Sie verband das Stadtzentrum mit dem im Norden gelegenen Hafen Lechaion.
Wer vom Hafen Lechaion herkommend die Stadt betritt, schreitet zunächst durch die mächtige Toranlage. Der Besucher blickt auf das ausladende Forum vor ihm: Tempel und Markthallen, kultische und kaiserliche Gebäude nehmen den Blick des Betrachters gefangen.
Gleich linkerhand befindet sich der prächtige Peirene-Brunnen. Das große, mit Marmor ausgelegte Brunnenbecken ist von drei mächtigen Apsiden umgeben. Zwei Quellen speisen den Brunnen, der auch bei extrem heißen Temperaturen nicht versiegt. Der Blick wandert – von Ost nach West – weiter zur kaiserlichen Basilika. Die Fassade zieren Statuen von Kaiser Augustus und anderen Angehörigen der julischen Familie. Gegenüber, auf der Südseite des Forums hallt dem Besucher Marktgeschrei entgegen. Zahlreiche Händler bieten in den Läden ihre Waren an. Mindestens 17 kleine Geschäfte formen eine regelrechte Ladenkette, hinter der sich das wohl imposanteste Gebäude des Forums erhebt: die zwei Stockwerke umfassende, gut 160 Meter lange und 25 Meter breite Süd-Stoa. Die Säulenhalle wird von der Verwaltung der Stadt genutzt. Der Organisator der Isthmischen Spiele, der Statthalter der Provinz und die Duumviri haben hier ihre Büroräume. Etwa in der Mitte der Südstoa befindet sich ein halbkreisförmiger Versammlungsraum: das Ratsgebäude der römischen Kolonie. Für öffentliche Auftritte und Reden zum Volk nutzen der Statthalter der Provinz und die städtischen Vertreter eine monumentale Rednerbühne. Die Bema, lat. „rostrum“, befindet sich in der Mitte der Ladenzeile, an einem öffentlichkeitswirksamen und die Stoa imposant als Hintergrund nutzenden Ort. Nach Apg 18,12-17 wurde auch Paulus vor diesen Richterstuhl geführt und vor dem Statthalter angeklagt. Die Westseite des Forums säumen verschiedene Tempel und Kultstätten. Rechterhand begrenzt die Nordseite des Forums wiederum eine gut 100 Meter lange Säulenhalle. Hinter der Nordwest-Stoa öffnet sich ein breites Areal, in dessen Zentrum das alte und ursprüngliche Wahrzeichen Korinths zu finden ist: der Tempel des Apollon. Stufen führen zu diesem Heiligtum hinauf, das auf einer kleinen Anhöhe schon im 6. Jahrhundert vor Christus errichtet wurde. Der Tempel überragt das Forum und ist weithin sichtbar.
Die Kultstätten auf dem Forum stehen repräsentativ für viele weitere Tempel und Kulte. Im Osten von Korinth liegt der Tempel des Poseidons, bei dem die Isthmischen Spiele stattfinden. Weiter südlich – Richtung Akrokorinth – ist ein Tempel Demeter und Kore geweiht. Aphrodite besitzt einen Tempel auf dem Felsmassiv von Akrokorinth. Die Stadt ist von Kultstätten und Tempeln regelrecht durchsetzt und umgeben. Auch griechische Kulte wurden reaktiviert und die Verehrung von Asklepios in einem nördlich von Korinth gelegenen Heiligtum praktiziert. Ägyptische Kulte konnten Wurzeln fassen. Ebenso wurde das Kaisergeschlecht kultisch geehrt.
Als zweifache Hafenstadt war Korinth ein Schmelztiegel der verschiedenen Kulte und Kulturen. Durch die beiden Häfen kamen und gingen zahlreiche Menschen aus dem gesamten Mittelmeerraum in Korinth ein und aus. Die Handwerks- und Wirtschaftsmetropole zog viele Zuwanderer an. Hier war Arbeit zu finden. Handel wurde getrieben. Güter waren in reichem Maß vorhanden. Gerade auch aus den östlichen Reichsteilen kamen Menschen nach Korinth, ließen sich nieder oder pflegten Wirtschaftsbeziehungen. Nicht zuletzt besaß Korinth auch eine ansehnlich große jüdische Gemeinde. Philo nennt Korinth – neben anderen großen Städten der damaligen Welt – eine Kolonie von Jerusalem. Die jüdische Gemeinde nimmt Paulus auf. Er wohnt zunächst bei dem jüdischen Ehepaar Aquila und Priszilla und unterhält regen Kontakt zur Synagoge. Im weiteren Verlauf freilich kommt es zu Konflikten und sogar zu einer formellen Anklage, die der Statthalter jedoch als synagogeninterne Streitigkeit abwehrt (Apg 18,12-17).
Moralisch steht Korinth in keinem guten Ruf. Nach seinen Besuchen in Korinth in den Jahren 44 und 29 vor Christus weiß der Geograph Strabo zu berichten, dass mehrere hundert Tempeldirnen den Einwohnern und Handelsreisenden von Korinth zu Diensten standen. Mit zwei Häfen war das Dirnenwesen – noch mehr als in jeder anderen Hafenstadt – extrem ausgeprägt: Korinth – das St. Pauli der Antike? Bezeichnenderweise nannten die Römer den Verkehr mit Dirnen „pergraecari“ oder „congraecare“. Seit Aristophanes meint das von „Korinth“ abgeleitete Verb κορινθιάζεσθαι schlichtweg „Unzucht treiben“ oder „huren“. Inwieweit solche Begrifflichkeiten wirklich den Zustand Korinths objektiv beschreiben, lässt sich schwer entscheiden. Man wird mit einem guten Teil Polemik und Überzeichnung rechnen müssen. Die Häfen freilich förderten das Gewerbe, Kneipen und Wirtshäuser in den Hafenmeilen und zogen ein fluktuierendes und multikulturelles Publikum an.
Korinth war aufstrebend und reich. Doch ein Großteil der Bevölkerung lebte in Armut und in einfachen Verhältnissen. Der Schiffsverkehr ruhte im Winter. Die Arbeiten und Dienste an den Häfen waren weder gut bezahlt noch körperlich leicht zu ertragen. Häfen und Schifffahrt produzierten Saisonarbeiter und nutzten billige Tagelöhner. In einem fiktiven Brief schreckt der griechische Rhetor Alkiphron im 2. Jahrhundert vor Christus vor den sozialen Gegensätzen in Korinth zurück. Niemals würde sich der Schreiber des Briefs in Korinth niederlassen. Ein Ort, an dem Jünglinge verdorbene Brotstücke aufsammeln, Nussschalen auskratzen und Granatapfelschalen abschaben müssen, soll niemals seine Heimat werden. Der Brief dürfte überzeichnen und den Zustand Korinths süffisant aufs Korn nehmen. Aber soziale Missstände und Spannungen waren vorhanden. Auch Paulus weiß von Konflikten zwischen den Reichen und den Armen der Gemeinde (1 Kor 11,20-22). Die sozialen Gegensätze stellen für Paulus eine Herausforderung ganz eigener Art dar: Als Leib Christi hat die Gemeinde Gegensätze zu überwinden und ein Ganzes aus verschiedenen Gliedern zu sein (1 Kor 12,27).
Paulus in Korinth: Wachsen, Werden und Profil der Gemeinde
Korinth passt zur Missionsstrategie von Paulus. Die Stadt bietet ihm ideale Voraussetzungen. Paulus kann auf den Multiplikationseffekt Korinths bauen, den die beiden Häfen – im Vergleich zu anderen Gemeindegründungen – sogar noch potenzieren. Korinth strahlt nicht nur ins Umland aus, sondern vermag, das Evangelium sogar per Schiff über das Wasser, in weit entferntere Gegenden zu tragen.
Paulus kommt auf seiner „zweiten Missionsreise“ von Athen nach Korinth (Apg 18,1). Als Datierungshilfen für den Gründungsbesuch bieten sich das Claudius-Edikt und die Gallio-Inschrift an. Dem Zeugnis der Apostelgeschichte nach wohnt und arbeitet Paulus zunächst bei Aquila und Priszilla (Apg 18,2-3). Das jüdische Ehepaar musste kurz zuvor – nach einer Anordnung des Kaisers Claudius – Rom verlassen. Grund war wohl eine Kontroverse über den Christusglauben unten den Juden Roms. Womöglich waren Aquila und Priszilla also schon in Rom mit dem Christusglauben in Berührung gekommen oder sogar gläubig geworden. Von einer Bekehrung des Ehepaars erst in Korinth berichtet Paulus jedenfalls nicht. Diese Ausweisung der christusgläubigen Juden aus Rom dürfte im Jahr 49 geschehen sein. Bei der Ankunft des Paulus in Korinth hatte das Ehepaar freilich in der Stadt schon Fuß gefasst und offensichtlich ein Geschäft aufgebaut. Zwischen der Ankunft des Ehepaars und des Völkerapostels in Korinth müssen daher zumindest einige Monate veranschlagt werden.
Einen weiteren Anhaltspunkt zur Datierung des Aufenthalts von Paulus in Korinth bietet eine in Delphi gefundene Inschrift. Diese erwähnt den in Apg 18,12-17 genannten L. Junius Gallio, der unter Kaiser Claudius Statthalter der Provinz Achaia war. Die Inschrift selbst lässt sich ziemlich sicher auf das Jahr 52 datieren. Die Ankunft und der Aufenthalt von Paulus in Korinth dürften also in die Jahre 50 bis 52 fallen.
Paulus nutzt die vorhandene religiöse Infrastruktur und besucht die jüdische Synagoge. Dort wirbt er für den Christusglauben. Der Synagogenvorsteher Krispus bekehrt sich mit seinem ganzen Haus (1 Kor 1,14; Apg 18,8). Seinem Beispiel folgen andere Gottesfürchtige, wie etwa Titius Justus, bei dem Paulus schließlich auch wohnt (Apg 18,7). Dort – im Haus eines Gottesfürchtigen – spricht Paulus vermehrt Heiden an. Die von Silas und Timotheus überbrachte Hilfe der mazedonischen Gemeinden schenkt ihm finanzielle Unabhängigkeit und ermöglicht ihm ein verstärktes Engagement in der Verkündigung und Mission (Apg 18,5). Konflikte bleiben nicht aus. Paulus wird beschuldigt, eine Gottesverehrung zu propagieren, die gegen das Gesetz verstößt (Apg 18,13). Der Statthalter Gallio jedoch lässt die Anklage als innerjüdische Streitigkeit erst gar nicht zu. Die Entscheidung muss Paulus den Rücken gestärkt haben. So konnte er – zunächst noch ganz im Schutz des Judentums und als Teil einer von Rom anerkannten Religion – den Christusglauben verkünden.
Die Gemeinde von Korinth bestand aus einzelnen Hauskirchen. Die Wohnstätten des Paulus – bei Aquila und Priszilla und bei Titius Justus – weisen darauf hin: Die Christen versammelten sich in Häusern und profitierten von der Gastfreundschaft und Fürsorge einzelner Hausherrn. Die Hauskirche legte aber auch die Gruppengröße räumlich fest. Es dürften kaum mehr als 25 Personen zu einer Einheit gehört haben. In Korinth werden mehrere häusliche Zentren nebeneinander und in loser Verbindung untereinander bestanden haben. Womöglich bot gerade diese Struktur Anlass für Streitigkeit, Spannungen und beklagenswerte Gruppenbildungen. Gerade eine sich in Hauskirchen auffächernde Gemeinde erinnert Paulus an die Einheit: „Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir nämlich, meine Brüder, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Kephas, ich zu Christus“ (1 Kor 1,10-12).
Die soziale Schichtung der Gemeinde entsprach dem Profil der antiken Stadtgesellschaft und dem besonderen Zustand der Hafenstadt Korinth. Paulus selbst erwähnt die einfache Herkunft der Christen von Korinth: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme“ (1 Kor 1,26). Die Mehrheit der Gemeinde gehört der Unterschicht an. Zu den wenigen wohlhabenden und prominenten Gemeindemitgliedern gehören neben dem schon erwähnten Ehepaar Aquila und Priszilla, Titius Justus und Krispus auch Stephanas (1 Kor 1,16; 16,15-17), Phöbe (Röm 16,1-2) und Chloë (1 Kor 1,11). Sie dienten der Gemeinde als Patrone, öffneten ihre Häuser für die Zusammenkünfte und unterstützten – materiell und ideell – Paulus und die Christen. Am Ende des in Korinth entstandenen Römerbriefs erwähnt Paulus einen gewissen Stadtverwalter Erastus (Röm 16,23). Er war Christ und bekleidete offensichtlich ein hohes städtisches Amt. Im Jahre 1929 wurde in Korinth eine als Pflasterstein wiederverwendete Inschrift entdeckt. Darauf ist zu lesen: „Erastus ließ von seinem Geld das Straßenpflaster legen, aus Anlass seiner Wahl zum Ädil.“ Ob der dort genannte großzügige und politisch einflussreiche Erastus mit dem von Paulus erwähnten Christusgläubigen in Korinth identisch ist? Einen felsenfesten Beweis gibt es nicht. Mit Erastus als Ädil aber hätte die Gemeinde von Korinth einen wichtigen und einflussreichen Patron an der Seite gehabt.
Mehrheitlich bestand die Gemeinde von Korinth aus Heidenchristen. Paulus erinnert die Korinther an ihre heidnische Vergangenheit (1 Kor 12,2). Er zieht in das Haus des Gottesfürchtigen Titius Justus und verkündet damit das Evangelium nicht mehr in einem dezidiert jüdischen, sondern einem heidnischen Kontext. Auch die im ersten Korintherbrief genannten Probleme sprechen für hauptsächlich heidenchristliche Adressaten. Paulus thematisiert das Prozessieren vor heidnischen Gerichten (1 Kor 6,1-11), den Götzendienst und den Verzehr von Götzenopferfleisch (1 Kor 8,1-13; 10,14-22). Eine eigene Herausforderung stellen Mischehen dar. Konflikte treten auf, wenn ein Partner sich zum Christentum bekehrt, während der andere Ehepartner weiter ungläubig – und damit also wohl Heide – bleibt (1 Kor 7,12-16). Im Übrigen sind es die Fragen, Probleme und Sorgen des Anfangs, mit denen die Neubekehrten zu kämpfen haben und mit denen sich auch Paulus im ersten Korintherbrief auseinanderzusetzen hat.
Paulus bleibt anderthalb Jahre in Korinth. Den ersten Korintherbrief verfasst er wohl um das Jahr 54 in Ephesus (1 Kor 16,8). Mündliche und schriftliche Informationen und Anfragen haben ihn erreicht. Es geht um den Inhalt der Osterbotschaft und die Wirklichkeit der Auferstehung, um soziale Missstände bei der Feier des Herrenmahls und – vor allen Dingen – um die Einheit der Gemeinde und die Bedeutung einzelner Begabungen und Dienste. Auch noch Jahre nach seinem Gründungsaufenthalt beschäftigt Paulus die Gemeinde von Korinth. Noch zwei weitere Male reist er nach Korinth: Es kommt zu Auseinandersetzungen und Anfeindungen, Tränen- und Versöhnungsbriefe werden verfasst. Eine Reise nach Korinth ist eben nichts für jedermann. Und doch: Wer die Stadt besucht, die urchristliche Frische der Gemeinde erlebt und die Worte des Paulus studiert, der hat wahrhaft Mannhaftes geleistet und Entscheidendes erfahren!