Einen Sozialwissenschaftler nach der Zukunft der Gesellschaft zu befragen, ist eine erwartbare Frage. Ebenso erwartbar ist, dass es auf die Frage unterschiedliche Antworten gibt. Und ebenso erwartbar ist die Überraschung, dass sich die Dinge meistens nicht exakt so entwickeln, wie sie erwartet worden sind. Was man auf jeden Fall konstatieren kann, ist dies: Alles, was geschehen ist, ist bis jetzt eindeutig vorhergesagt wurde. Vielleicht erstaunt Sie dieser Satz, aber er stimmt deshalb, weil so viel vorhergesagt wurde und wird, dass das, was dann eingetreten ist, auch irgendwann vorhergesagt wurde. Nur weiß man vorher eben nicht, welche der Prognosen diejenige ist, die sich dann erfüllt haben wird.
Aus der Risikoforschung haben wir eine ganze Menge darüber gelernt, was es heißt, über die Zukunft von etwas nachzudenken. Die Risikoforschung sagt uns zum Beispiel, dass wir im Nachhinein, etwa bei einem Flugzeugabsturz, relativ klare Kausalketten beschreiben können, warum ein Flugzeug vom Himmel gefallen ist. Ich konfiguriere Ihnen ein solches Beispiel: Eine Untersuchungskommission setzt ein havariertes Flugzeug wieder zusammen und stellt fest, dass der Ausgangspunkt des Unfalls eine kaputte Sicherung in der Kaffeemaschine der Bordküche, natürlich der ersten Klasse, war (die anderen haben keine Kaffeemaschine, sondern nehmen das schon vorgeheizt mit). Man rekonstruiert, dass die Sicherung nicht funktioniert hat, die Kaffeemaschine ist in Brand geraten, es hat bestimmte Materialien gegeben, die sich entzündet haben, und so weiter und so weiter, bis ein systemrelevantes Teil betroffen war und das Flugzeug abgestürzt ist.
Hier kann man eindeutige Kausalketten und womöglich juristisch Verantwortliche identifizieren. Man kann aber nicht umgekehrt von der Sicherung der Kaffeemaschine her kontrollieren, dass solche Abstürze nicht mehr passieren, weil diese Kausalkette nur eine von vielen möglichen ist, die auch hätten stattfinden können. Das ist ein relativ einfaches Beispiel, aber wenn Sie es mit noch komplexeren Systemen zu tun haben als mit einem Flugzeug, zum Beispiel mit einer Organisation oder mit einer Gesellschaft, dann wird es sogar schwierig sein, Kausalitäten genau herzustellen. Das war meine erste vorsichtige Annäherung an das Thema.
Die zweite lautet wie folgt: Wir wissen, dass Gesellschaften immer Projektionen ihrer eigenen Zukunft entworfen haben – wenn nicht immer, dann zumindest, seit man so etwas, wie moderne, komplexe Gesellschaften kennt, in denen man sich dafür interessiert hat, dass sich innerhalb der Gesellschaft etwas ändert. Es gab auch Gesellschaften, in denen man sehr viel Energie darauf verwendet hat, dass sich nichts verändert, aber seit einem halben Jahrtausend haben sich Gesellschaften immer mehr in die Richtung entwickelt, sich geplant und gewollt verändern zu sollen. Wenn Sie sich nun frühere Zukunftsvorstellungen ansehen, werden Sie einerseits feststellen, dass diese Zukunftsvorstellungen sich oftmals sehr stark von dem unterschieden, was dann tatsächlich eingetreten ist. Noch interessanter ist aber, dass selbst gewünschte Ergebnisse im Nachhinein anders bewertet werden als zum Zeitpunkt der Planung.
Man denke etwa in der Stadtplanung an die Utopie der autogerechten Stadt der 1960er Jahre, die man in den Großstädten noch heute beobachten kann – in München etwa der Mittlere Ring. Heute geben wir viel Geld aus, um so etwas wie den Mittleren Ring wieder loszuwerden, zumindest tiefer zu legen – wie man früher Sportwagen tiefer gelegt hat, werden jetzt ganze Straßen tiefer gelegt, damit man das Ding nicht mehr sieht, weil man feststellt, dass das Schwierigkeiten und Kosten produziert – vor allem ästhetischer und ökologischer Natur. Und es ist ja ein simples Beispiel, aber das simple Beispiel zeigt eigentlich sehr schön, dass die Projektion der autogerechten Stadt mit einer sehr selektiven Idee der Stadt gearbeitet hat, die in den 1950er und 1960er Jahren noch eine andere Bedeutung hatte, als sie es heute hat. Und wenn Sie sich Bilder von Stadtutopien, gerade aus den 1960er Jahren, ansehen, dann wird die Stadt um das Automobil herum gebaut. Heutige Stadtutopien sehen völlig anders aus – wir planen jetzt das stadtgerechte Auto, nicht mehr die autogerechte Stadt, die sich inzwischen als falsch herausgestellt hat.
Nun die entscheidende Frage: Hat man in den 60er Jahren falsch geplant? Ich würde sagen: Nein. Denn damals waren eben die Kriterien so und man hat mit ihnen geplant.
Ich gebe Ihnen ein drittes Beispiel: Wohnarchitektur. Es gab einmal die Utopie nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem in Frankreich, unterschiedliche Funktionen des Wohnens so zusammen zu setzen, dass in Wohnmaschinen die wichtigsten Funktionen in einem Gebäude vereint sind. Die Idee war eine demokratische Architektur, in der ein ganz bestimmtes Modell des Wohnens in Häusern, die von außen kaum unterscheidbar sein sollen, kombiniert wurden mit Geschäftszeilen in der untersten Etage, und nicht nur Geschäfte, sondern auch sonstige Funktionen. Diese Art von Architektur war utopisch, weil man davon ausgegangen ist, dass die Menschen ihre Privatsphäre einerseits schützen, andererseits schnell zu allem kommen, was sie im Leben brauchen, ohne sich miteinander koordinieren zu müssen. Das ist eine moderne, liberale Idee einer individualisierten Gesellschaft.
Diese Häuser waren zum Teil sehr teuer. Sie waren auch aufgeladen mit einer utopischen Energie. Heute sind diese Häuser interessanter Weise die Architektur, die wir mit sozialen Brennpunkten verbinden, die dadurch zum sozialen Brennpunkt werden, dass man architektonisch vorbereitet hat, dass jegliche Art sozialer Kontrolle der Familien untereinander völlig unmöglich wird. Sie können in einem solchen Haus wohnen, ohne dass Ihr Nachbar oder Ihre Nachbarin jemals weiß, ob Sie da sind oder nicht, womöglich noch nicht einmal weiß, wer Sie sind, wie Sie aussehen, und ob Sie noch da wohnen. Das würden wir heute als Schreckgespenst beschreiben. Sie kennen die Geschichten aus der Zeitung, dass verstorbene Menschen in solchen Wohnungen nach Monaten entdeckt werden.
Die Grundidee war die Utopie einer Gesellschaft, in der man diese soziale Kontrolle extra weg baut. Heute würde man die soziale Kontrolle wieder dazu bauen und sagen, wo entstehen eigentlich Begegnungsräume, in denen die Menschen jetzt nicht unbedingt zusammen leben müssen, aber zumindest zur Kenntnis nehmen, dass sie wechselseitig da sind und sich, wenn sie sich schon nicht unterstützen müssen, so zumindest eine Art Warnindikator da ist, wenn etwas schief läuft. Haben die Architekten damals falsch geplant? Man ist geneigt, zu sagen: Ja, aber das wäre sehr selbstgerecht. Das wäre deshalb sehr selbstgerecht, weil die Architekten damals nur mit dem Material gearbeitet haben, das ihnen in der jeweiligen Gegenwart zu Verfügung stand.
Hier ist der Punkt, an dem sich die Frage, über die Zukunft der Gesellschaft nachzudenken, tatsächlich ganz anders stellt: Wenn ich nun etwas über die Zukunft der Gesellschaft sage, ist stets mitzureflektieren, dass das meiste von dem, was über die Zukunft gesagt wird, eine Funktion der Gegenwart ist. Ich werde in fünf Punkten argumentieren.
I.
Ich sagte es schon: Die Zukunft ist eine Funktion der Gegenwart. Wir müssen gegenwärtige Zukünfte und zukünftige Gegenwarten unterschieden. Die gegenwärtige Zukunft ist eine Vorstellung der Zukunft aus der Perspektive einer bestimmten Gegenwart, und zukünftige Gegenwarten sind Gegenwarten, die erst in der Zukunft stattfinden.
Jeder, der etwas plant, weiß, dass die Planung der Zukunft in der Gegenwart stattfindet und deshalb auch zunächst Probleme der Gegenwart zu lösen sind. Bei einem Bauprojekt etwa: Finanzierung, politische Durchsetzbarkeit, Loyalitätspflichten, Darstellbarkeitspflichten. Wenn Sie in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Familie für die Zukunft planen, dann müssen Sie jetzt Koalitionen schmieden. Wenn Sie in Ihrer Familie darüber nachdenken: Gehen wir ins Kino oder gehen wir zu einem Vortrag in der Katholischen Akademie, dann müssen Sie natürlich über die Zukunft nachdenken, und sagen: „Von einem Kinofilm hast du nicht so viel, wie von einem Vortrag in der Katholischen Akademie“, aber Sie müssen die Ressourcen jetzt in Anspruch nehmen, und dann sind da irgendwelche Familienmitglieder, die Ihnen sagen: „Okay, wenn wir jetzt machen, was du willst, dann machen wir nächste Woche, was ich will“, und dann wird die Planung über die Ressourcen der jeweiligen Gegenwart gesteuert.
So ähnlich planen wir auch in Unternehmen. Sie müssen in Unternehmen, wenn Sie einen Zukunftsplan machen, zunächst einmal eine Idee dieses Zukunftsplans haben. Aber der ist vielleicht viel weniger wichtig als die Frage, wie ich die Leute, die jetzt gegenwärtig da sind, dazu bringen kann, dass sie mir zustimmen und folgen. Das sind Ressourcen der Gegenwart, sie müssen jetzt überzeugend sein. Übrigens müssen Sie jetzt überzeugender sein als die Zukunft, die ja gar nicht begonnen hat, nicht begonnen haben kann.
Wenn Gesellschaften Zukunftsvorstellungen haben, dann kann man an diesen Zukunftsvorstellungen viel über die Gesellschaft lernen, aber viel weniger, als man denkt, über die jeweiligen Zukünfte. Sehr holzschnittartig ist zu sagen, dass einfache Gesellschaften, früher sprach man von Stammesgesellschaften, die sehr stark auf Anwesenheit und vollständig mündlicher Überlieferung beruhen, ganz andere Zukunftsvorstellungen als spätere Gesellschaften haben. Deren Zukunftsvorstellungen sind vor allem durch Zyklizität geprägt, durch die Wiederholung des immer Gleichen. Das heißt, in deren Sprachen kommen zum Teil gar keine komplizierten Zukunftsformen vor. Ein Futur II brauchen Sie in so einer Gesellschaft nicht, weil das Futur II schon davon ausgeht, dass die Situation, auf die sich die Rede bezieht, eine andere ist als die jetzt, die noch nicht weiß, wie das, was das Futur I ausgesagt hat, in einer zukünftigen Gegenwart sein wird.
Oder denken Sie an Hochkulturen, in denen man durchaus beobachten kann, dass sich manches ändert, die Gestirne bewegen sich, Menschen werden geboren und sterben, es gibt Zufälligkeiten des Lebens, so dass man das Unveränderliche, Wesentliche sprachlich, semantisch schützen muss, damit es nicht der Veränderlichkeit der Welt anheimfällt. Bis in die kultische Architektur hinein kann man das sehen – wenn Sie etwa an die ägyptischen Pyramiden denken. Sie können das bis in die griechische Philosophie hinein beobachten, wo das Unbewegte und das Bewegte gegeneinander gestellt werden und das Unbewegte das Eigentliche ist, das sich nicht Verändernde.
Was passiert dann mit einer Welt, in der das Heilsgeschehen eine Heilsgeschichte wird? In der es so etwas wie ein Eschaton gibt? In der man sich vorstellen kann, dass eine Erlösung in einer, wenn auch nicht innerweltlichen, dann doch wenigstens eschatologischen Zukunft stattfinden wird? Schon kommen andere Zeitvorstellungen in die Gesellschaft hinein. Denken Sie etwa an die urchristliche Erfahrung der Parusie-Verzögerung, die interessanterweise eine besondere Herausforderung für Zeitbegriffe war. Die Urchristen haben sich tatsächlich gedacht, wenn man den Quellen glauben darf, dass das Heilsereignis noch zu ihren Lebzeiten stattfindet. Wie aber sind Ewigkeit und Geschichte aufeinander bezogen, wenn die Parusie sich verzögert?
Und wie verhält es sich mit der Moderne? Das wird mein zweiter Punkt sein.
II.
Allein der Begriff der Moderne ist schon interessant. Schon im späten Mittelalter wird der Begriff „modern“ benutzt, um ein zeitliches Verhältnis zu beschreiben. Die Unterscheidung zwischen den antiqui und den moderni hat etwa dazu gedient, sich theologisch von den Kirchenvätern oder den Juden des Alten Testaments abzusetzen. Modernus war bis dahin aber nur ein Ausdruck für das Heutige, das Gegenwärtige, ohne dass damit eine weitere qualitative Dimension angesprochen wäre. Später kommt der Begriff des Modernen dann vor allem in Diskursen der Renaissance vor, in denen es um das zeitliche und qualitative Verhältnis zur Antike geht. Man hat im Frankreich des 17. Jahrhunderts etwa über die Frage nachgedacht, ob es bessere Dichtung als die der Antike geben kann. Wenn ja, so die Quintessenz der Debatte, ist die Antike offenbar nicht die perfekte Form, dann braucht es andere Zeitbegriffe. Dann heißt modern nicht mehr nur gegenwärtig, sondern besser.
Den Begriff des Modernen benutzen wir ja auch in der Alltagssprache für etwas, was besser ist. Also, moderne Waffen treffen besser. Moderne Autos sind schneller. Eine moderne Theorie ist komplexer. Eine moderne Akademie macht noch interessantere Veranstaltungen. Diese Begriffsgeschichte ist insofern interessant, als man der Zeit selbst, das heißt der sich entfaltenden Gegenwart in eine Zukunft hinein eine Qualität verleiht. Das ist die Idee dessen, was man Fortschritt nennt. Michel de Montaigne hat noch formuliert: „Eine Wahrheit ist nicht deshalb vernünftiger, weil sie alt ist.“ Bei Francis Bacon heißt es schon: „ Das günstige Vorurteil für die Alten ist aber ganz grundlos und steht fast mit dem Worte selbst in Widerspruch, denn es gebührt dem späteren, mündigen Alter der Welt, also unserem und nicht jenen jüngeren Zeiten, worin die sogenannten Alten lebten, der Name des Altertums. Jene Zeit ist in Rücksicht auf die unsrige zwar älter, aber in Rücksicht der Welt selbst jünger.“ Sie kennen vielleicht das Motiv bei Hegel über die Kindheit- und Jugendetappen der Geschichte, also, man könnte sagen: Wann wird die Welt eigentlich erwachsen? Die Metapher hat es natürlich insofern in sich, als die Welt dann auch alt und schrumpelig werden kann.
Dahinter steht die Idee einer linearen Entwicklung und damit einer radikalen Zukunftsorientierung. Einer linearen Entwicklung heißt, dass die Moderne sich dadurch auszeichnet, dass sie zukunftsorientiert ist und die Dinge in der Zukunft besser werden. „Sie ist eine historisch einsame Epoche“, schreibt Jürgen Habermas, „weil sie keine Vorbilder außer ihrer eigenen Zukunftsentwürfe hat“.
Mit den Begriffen Geschichte und Fortschritt, im Singular wohlgemerkt, entstehen Zentralkategorien des modernen Selbstverständnisses. Über die unterschiedlichen Fortschritte im Plural, Wissenschaft und Technik, Moral und Kunst, Recht, Politik, Ökonomie, entsteht die universalistische Kategorie Geschichte, die stets neue Zeiten hervorbringt und der neuesten Zeit, der Mode, dem Aktuellen, eine besondere Bedeutung beimisst. Ich zitiere Reinhard Koselleck: „Und dabei muss die schnelle Durchsetzung des Begriffs der neuesten Zeit als Indikator eines beschleunigten, geschichtlichen Erfahrungswandels und seiner erhöhten bewusstseinsmäßigen Verarbeitung gedeutet werden.“ Die Erfahrung der Beschleunigung hat zwei Konsequenzen, nämlich zum einen das Bewusstsein einer Schrumpfung des Gegenwartsbewusstseins, und zum anderen das Erleben der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Man kann sich jetzt vorstellen, dass es entwickeltere und weniger entwickelte Formen gibt.
Das ist auch unser Verständnis, das wir von der Welt haben, also etwa ein Kontinent wie der europäische, der die Welt kolonisiert hat, ist auf weniger entwickelte Regionen gestoßen. Oder wir reden heute noch vom Spätkapitalismus. Damit meint man vor allem, dass er bald vorbei ist, aber es bedeutet auch, dass er sich weiterentwickelt hat in einer geradezu logischen Art und Weise. Und die meisten Theorien, die wir kennen, sind Theorien, die so tun, als entfalte sich ein Programm des Komplexer-Werdens, des Differenzierter-Werdens, womöglich sogar des Leistungsfähiger-Werdens. Das Zeitbewusstsein der klassischen Moderne besteht also darin, dass die Zeit selbst ein qualitatives Maß wird. Das hat erhebliche Konsequenzen für Zukunftsvorstellungen.
Die Moderne konnte sich bis vor kurzem eigentlich nicht vorstellen, dass die Dinge schlechter werden. Viele Verunsicherungen, die zur Zeit beobachtbar sind und vor allem im Alltag beobachtbar sind, haben damit zu tun, dass wir offensichtlich bis vor kurzem nicht daran gewöhnt waren, auch nur denken zu können, dass es der nächsten Generation nicht besser geht als uns selbst. Das heißt übrigens nicht, dass es den früheren Generationen der Moderne immer besser gegangen ist als den vorherigen, wenn Sie an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts denken, aber als prinzipielle grundlegende Idee kann man schon beobachten, dass das Zeitbewusstsein der Moderne darin besteht, dass die Zukunft die Dinge auf jeden Fall besser macht. Dazu gibt es eine sozialistische Variante, eine konservative Variante, eine bürgerliche Variante, übrigens auch eine rechte Variante. Die Rechten sind keineswegs nur vergangenheitsorientiert, sondern Zukunftsrevolutionäre und wissen genau, dass die tausendjährigen Einheitsreiche, die man sich imaginiert hat, moderne Erfindungen sind, in denen so etwas wie eine homogen-solidarische Gemeinschaft erst in Zukunft hergestellt werden kann. Das tausendjährige Reich der Nazis war auf die Zukunft hin projiziert.
Im Übrigen hat sich das klassische Zeitbewusstsein der Moderne stark verändert, spätestens dann, als auch im säkular-gesellschaftlichen Bereich eine Art Parusie-Verzögerung zu beobachten ist, also die Erfahrung, dass der fortschrittsorientierte Automatismus, dass es der nächsten Generation in jeglicher Hinsicht besser geht als vorher, ausbleibt oder wenigstens in Zweifel gezogen wird.
Wir stellen letztlich um von Fortschritt auf Risiko. Es ist sehr interessant zu sehen, dass in den unterschiedlichen empirischen Untersuchungen über Zukunftsvorstellungen von den 1960er bis zu den 1990er Jahren in allen westlichen Gesellschaften sehr positive Zukunftserwartungen verschwunden sind. Um das positive Bild der 60er Jahre nochmal auf den Begriff zu bringen: Eine der für mich eklatantesten Fehlurteile der damaligen Zeit ist die Aussage Ende der 60er Jahre, die weltweit geteilt wurde, dass man mit der Erfindung der Antibiotika Infektionskrankheiten endgültig besiegt hat. Man hat wirklich gedacht, dass es Ende der 1970er Jahre auf der ganzen Welt keine Infektionskrankheiten mehr geben würde.
Wir wissen, dass das Gegenteil eingetreten ist. Man hätte es mit den Daten, die man damals hatte, auch schon genauer wissen können, man konnte es aber gar nicht sehen, weil es relativ klar war, dass diese Entwicklung in dieser Weise wird stattfinden können. Wir wissen, dass das falsch war, und wir haben inzwischen eine Idee, dass solche positiven Sätze heute nicht mehr möglich wären. Und selbst wenn wir feststellen, dass der allgemeine Gesundheitsstand in den entwickelten Ländern sich erheblich verbessert hat, die Lebenserwartung gestiegen ist und die Behandlung von schweren Krankheiten erfolgreicher geworden ist, ist unser Bild des Gesundheitszustandes eher negativer geworden. Das Vertrauen in Zukünfte ist offenbar verschwunden, obwohl die objektiven Indikatoren uns bisweilen, zumindest über unsere Weltregion, etwas anderes erzählen – woraus man wiederum sehr schön sehen kann, dass es bei Zukunftserwartungen nicht um die Zukunft geht, sondern darum, wie wir uns die Gegenwart vorstellen. Das Risikobewusstsein wird immer stabiler, und Zukunftserwartungen letztlich immer fragiler.
III.
Wie ist es überhaupt möglich, angemessen über die Zukunft nachzudenken? Am besten wäre es doch, so etwas wie Kausalität in Anspruch nehmen zu können, also nach dem Schema: Wenn wir dies tun, wird in der Zukunft jene Wirkung erzielt. Nehmen wir als Beispiel den Klimawandel und nehmen wir versuchsweise an, dass wir genau wüssten, was zu tun ist, um die politisch in Resolutionen vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Warum gelingt es nicht, das auch umzusetzen? Das liegt daran, dass eine Gesellschaft nicht aus einem Guss ist, und unterschiedliche Teile der Gesellschaft nicht einfach miteinander synchronisiert werden können. Ich argumentiere holzschnittartig: Am besten wäre es doch, wenn die Industrie, nehmen wir nur die Automobil-Industrie, in der Lage wäre, ihre ganze Energie einzusetzen (Energie ist eine schöne Metapher dafür), ihre ganze Energie einzusetzen, um endlich das Speicherproblem für das Elektroautomobil zu lösen. Wer das löst, wird ein ökonomisches Problem lösen.
Wenn man mit Leuten aus der Autoindustrie redet, was ich zum Teil getan habe, dann hört man von denen den Satz: „Okay, das stimmt, aber wir müssten dafür aus dem Geschäftsbereich so viel Geld abziehen, dass die jetzigen ökonomischen Herausforderungen, die vor allem etwas mit unseren Börsenpräsenzen zu tun haben und den Erwartungen unserer Eigentümer, nämlich der Aktionäre, damit nicht kompatibel sind. Weil wir in drei Monaten wieder ein Ergebnis darstellen müssen und Dividenden auszahlen müssen, ohne die uns das Kapital abgezogen wird.“ Was ich hier sehr einfach demonstrieren will, ist, dass wir auf einmal über Kapitalflüsse reden statt über die technische Frage, wie man diese Speichertechnologien entwickeln kann. Und schon verschiebt sich das Problem von hier nach dort.
Oder denken Sie an den privaten Käufer eines Automobils, der sich sagt: „Ich bin ökologisch bewusst, ich möchte ein Elektroauto. Aber das der ersten Generation kaufe ich nicht. Das ist zu teuer. Ich schaue erst mal, wie es mit der zweiten ist“. Nur, es wird keine erste geben, wenn es nicht Leute gibt, die sie kaufen. Das wären private ökonomische Entscheidungen. Weiter geht es um die Frage der Infrastruktur. Wer soll diese eigentlich herstellen? Der Staat? Private Akteure, also private ökonomische Akteure? Wer ist dafür zuständig? Wieder eine Verschiebung. Dann kommen Wettbewerbsfragen dazu. Zum Beispiel: welchen Kabelstandard? Ohne hier über technische Details zu sprechen, sollte deutlich werden, dass das große Problem des Klimawandels sich immer weiter verschiebt und am Ende mit DIN-Normen für Kabelanschlüsse zu tun hat.
Das globale Klimaproblem wird also heruntergerechnet auf das Synchronisationsproblem eines Steckers, der überall in Europa gleich funktionieren muss. Und wenn man sich auf etwas einigt, ist die Frage, dass der eine ökonomisch daran gewinnt und der andere nicht. Schließlich die Frage: Wer traut sich, hier politisch in Vorlage zu gehen? Politisch ist es sehr leicht, Protokolle und Resolutionen zu verfassen, zu denen Leute übrigens mit vierstrahligen Flugzeugen hinfliegen müssen und dabei viel Kohlendioxid produzieren. Aber das politisch umzusetzen, womöglich in Wirtschaftskreisläufe einzugreifen, ist politisch viel risikobehafteter – selbst mit dem Hinweis, dass die Energiebranche stets eine politisch regulierte Branche war, in der diejenigen profitiert haben, die auf die politisch gewollten Technologien gesetzt haben. Dass wir noch so lange auf die Kohle setzen, ist mehr politische als ökonomische Entscheidung.
An dieser sehr einfachen Beschreibung lässt sich schon ablesen, dass jedes große Problem, das die moderne Gesellschaft hat, in kleingeteilte Probleme unterschiedlicher Logiken, ökonomischer, privater, politischer, wissenschaftlicher, ethischer, rechtlicher und sonstiger Natur kleingedrechselt werden muss. Es gibt keinen Ort, von dem aus Sie diese Gesellschaft steuern können und von dem aus diese dann wie aus einem Guss reagiert. Die Komplexität dieser Gesellschaft besteht eben darin, dass diese niemals einheitlich reagiert, sondern im Sinne eines Systems verteilter Intelligenzen ökonomische, politische, rechtliche, wissenschaftliche, mediale und andere Logiken je unterschiedliche Probleme lösen müssen und schwer koordinierbar sind. Aus politischer Perspektive ist der Klimawandel eben etwas anders als aus ökonomischer oder wissenschaftlicher. Das bedeutet, dass Zukunftsplanung eben keine Planung im Sinne von Kausalmodellen ist, sondern damit rechnen muss, dass sich Ziele in Wechselwirkungsprozessen verändern und somit mit einer unbekannt bleibenden Zukunft zu tun haben. Das verweist auf das grundlegende Problem der Entscheidung.
IV.
Wenn es etwas gibt, was das Selbstbewusstsein der westlichen Kultur auf den Begriff bringt, dann ist es wohl der Glaube daran, dass Entscheidungen mit Kalkül versehen werden können. Max Weber hat diese Mentalität in seinem berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ mit folgenden Worten auf den Begriff gebracht, ich zitiere: „Das Wissen davon oder den Glauben daran, dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge durch Berechnen beherrschen könne“. Max Weber behauptet nicht, dass man das kann, sondern er behauptet, dass das Zeitbewusstsein der Moderne davon ausgeht, dass man, und das ist eine grandiose Formulierung Max Webers, „wenn man nur wollte“, die Dinge tatsächlich durch Berechnen beherrschbar wären. Das ist für linear gesteuerte Systeme geschrieben. Dort, wo wir es mit Komplexität, mit Wechselwirkung, mit Uneindeutigkeit, mit der Veränderung der Parameter während des Prozesses zu tun haben, gilt es nicht mehr. Also, selbst, wenn man es wollte, lassen sich die Dinge ganz offenbar nicht in dieser Weise darstellen. Max Weber selbst hat übrigens keineswegs geglaubt, dass eine solche Kontrolle tatsächlich möglich sei, er hat nur das Selbstverständnis einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation auf den Begriff gebracht, die gewissermaßen an ihrer Gesellschaft scheitern muss.
Was ist eine Entscheidung? Zunächst wird man sagen: Eine Entscheidung ist ein gegenwärtiger Versuch, etwas in der Zukunft in einer bestimmten Weise zu binden. Und man wird wohl zunächst davon ausgehen, dass man dafür möglichst gute Informationen und umfassendes Wissen braucht. Aber wenn man genau hinsieht, sind die Dinge etwas komplizierter. Wir können zum Beispiel annehmen, dass vollständige Informationen und eindeutiges Wissen womöglich eine Entscheidung unnötig machen würden. Ein ganz einfaches Beispiel: Sie fahren auf eine Kreuzung zu, und Sie wissen genau, dass Sie rechts abbiegen müssen. Dann müssen Sie sich nicht entscheiden. Erst wenn Sie auf eine Kreuzung zufahren und es nicht genau wissen, müssen Sie entscheiden! Oder – das ist mir letztens passiert – Sie haben zwei Navigationsgeräte gleichzeitig laufen. Das eine plädiert fürs Rechtsabbiegen, das andere fürs Linksabbiegen. Die Differenz kommt dadurch zustande, dass die beiden Geräte mit unterschiedlichen Daten über Verkehrsflüsse und mit unterschiedlichen Kriterien und Algorithmen arbeiten, so dass es zu unterschiedlichen Lösungen für das gleiche Problem kommt. Ich muss dann also Entscheidungen treffen – und lerne zugleich mit, dass auch die technisch unterstützten Entscheidungsgeräte mit selektiven Informationen umgehen.
Entscheidungen werden also nicht trotz, sondern wegen Nichtwissens getroffen. Im ökonomischen Bereich ist das wohl am plausibelsten – und das gilt für private Kaufentscheidungen ebenso wie für unternehmerische Entscheidungen über Investitionsstrategien oder Produkteinführungen. Man kann schlicht keine vollständige Information haben – über die Zukunft schon gar nicht. Stellen Sie sich einen Markt vor, in dem es vollständige Informationen gäbe – Ökonomen stellen sich manchmal solche idealen Märkte vor. Solche Märkte würden sofort zusammenbrechen, weil die richtige Information sofort zur falschen wird, denn wenn alle das genau selbe machen, weil es ja das Richtige ist, wird nicht mehr der Effekt erzielt wird, der die Entscheidung zu einer richtigen gemacht hat.
Oder stellen Sie sich vor, wie Sie Karrieren machen. Karrieren können Sie nur machen, weil Sie nicht wissen, wie sie ausgehen – gerade deshalb muss man sich für Karrierestrategien entscheiden. Für Eheentscheidungen gilt das auch. Dass wir unsere Ehepartner selbst wählen, also relativ freie Entscheidungen treffen, ist eine menschheitsgeschichtlich vergleichsweise späte Erfindung. Als Entscheidungshilfe hat die westliche Gesellschaft die literarische Form romantischer Liebe erfunden, um so das Informationsdefizit auszugleichen. Weil wir ja nicht wissen, wie es ausgeht, übertreiben wir die Attraktivität des anderen in einer bestimmten Gegenwart so stark, dass es uns leichter wird, unter Nichtwissensbedingungen eine Entscheidung zu treffen. Nehmen Sie das nicht als witziges Bonmot, sondern genau dafür ist diese Idee der romantischen Liebe literarisch erfunden worden.
Ein weiteres Beispiel wäre die Inszenierung von Entscheidungen in Unternehmen. Wenn Sie eine wichtige Entscheidung zu treffen haben, dann geht nicht einfach jemand hin und sagt: Leute, wir machen das jetzt so und so, sondern dann wird das inszeniert als etwas, das eine große Bedeutung hat, und je unsicherer die Entscheidung, desto stärker muss diese Entscheidung inszeniert werden.
Als letztes Beispiel möchte ich die Demokratie anführen. Die Entscheidung über Wahlen nach dem Mehrheitsprinzip dient nicht nur dazu, den Willen des Volkes zu dokumentieren, sondern mit dem prinzipiellen Nicht-Wissen über die Zukunft der Gesellschaft umzugehen. Mehrheitsentscheide sind gewissermaßen eine Vergesellschaftung des Risikos des Nicht-Wissens. Sie entlassen uns aus dem noch größeren Risiko, Entscheidungen aus rein sachlichen Kriterien zu deduzieren. Kontrollierte Macht auf bestimmte Zeit ermöglicht es dann, die Entscheidung auf die eigene Möglichkeit zurückzuführen – und im Notfall bei Nichterfüllung abgewählt zu werden. Der Vorteil ist übrigens, dass man dann auf zu starke Konsense verzichten kann, was Sachentscheidungen womöglich sogar gut tun kann – eine komplexe Gemengelage also.
All diese Dinge sind ein Hinweis darauf, dass Entscheidungen etwas mit Nichtwissen zu tun haben, und die Frage, wie wir über die Zukunft der Gesellschaften nachdenken und sie gestalten, hängt genau mit der Frage eines merkwürdigen Nichtwissensmanagements zusammen.
Ein Tool des Nichtwissensmanagements sind Szenarien. Wer mit Szenarien arbeitet, hat sich von der Idee strikter Kausalität bereits verabschiedet und erkennt an, dass er nicht einmal kontrollieren kann, was die relevanten Parameter sind, um etwas über die Zukunft sagen zu können. Womöglich müssen wir darüber nachdenken, dass so etwas wie Steuerung und Zukunftsplanung immer weniger so etwas wie direktive Steuerung sein kann, sondern eher eine Moderation von Prozessen. Wer heute eine Innovation initiieren will, müsste ein Moderator unterschiedlicher Spieler sein, die sich auf Augenhöhe begegnen und womöglich unterschiedliche Lösungen durchspielen.
V.
Letzter Punkt: All das, wovon ich gesprochen habe, lässt sich in dem Begriff Komplexität zusammenfassen. Komplexität meint die gleichzeitige Bearbeitung unterschiedlicher Aufgaben, die nicht mehr kausal, sondern in Form von Wechselwirkung aufeinander bezogen sind, also in sich wechselseitig ermöglichend oder verunmöglichend, verstärkend oder vermindernd. Das ist eine Metapher für eine moderne Gesellschaft, die weder ein Zentrum, noch so etwas wie einen Hebel kennt, von dem her sich alles organisieren lässt. Selbst mein Vortrag tut so, als würde er das Ganze beschreiben, aber kann das auch nur aus einer der Perspektiven einer verteilten Intelligenz, nämlich eines Soziologen, der mit Hilfe dieser Beschreibung keine weiteren Entscheidungen dazu treffen muss, was die Beschreibung übrigens stark verändert. Würde ich hier als Politiker, als Unternehmensvertreter oder als Richter reden, müsste ich ganz anders argumentieren. Das ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass es keine zentrale Beschreibungs-, geschweige denn Steuerungsinstanz moderner Gesellschaften gibt. Die Zukunft der Gesellschaft wird sich erst als Vergangenheit heute zukünftiger gegenwarten beurteilen lassen.