Zum Gelingen des Lebens im Sterben

Im Rahmen der Veranstaltung "Versöhnung mit dem Ungelebten", 19.09.2017

„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt wer­den“, trägt Kierkegaard 1843 in sein Tagebuch ein. Es gibt wohl kaum je­mand, der nicht schon mit dieser Einsicht gerungen oder auch gehadert hätte. Das Leben kennt nun einmal keine Generalprobe, sondern es ist von Anfang bis Ende die erste und einzige Aufführung. Erst im Nachhinein lassen sich längerfristige Entwicklungen und Veränderungen erkennen, die Folgen von Entscheidungen einschätzen. Aber auch die Bilanzierung, die Bewertung des Gelebten und Geschehenen ergibt sich erst aus dem Rück­blick.

Während nun der Rückblick in den mittleren Lebensjahren meist die Funk­tion einer Zwischenbilanz hat, die das Erstrebte mit dem noch Er­reichbaren abzugleichen sucht, oft auch zu ersten Abstri­chen und Korrek­turen zwingt, so erhebt sich im Alter zunehmend die For­de­rung, den eige­nen Lebens­entwurf mit der schließlich gewordenen Le­bens­gestalt in Ein­klang zu brin­gen. Je deutlicher sich die Begrenztheit des Lebens abzeich­net, desto mehr können sich einzelne Bewertungen zu einer umfas­senden Lebens­bilanz verbinden. Das gilt erst recht im Bewusstsein des nahenden Todes, sei es im hohen Alter oder bei einer tödlichen Krankheit.

Diese Bilanz bedeutet freilich nicht eine Art Kontorechnung, auf der die positiven und die negativen Posten gegeneinander gestellt werden, um in der Summierung nach Möglichkeit schwarze Zahlen zu ergeben. Wir ver­suchen vielmehr, die „gute Gestalt“ zu finden, wie es in der Sprache der Gestaltpsychologie heißt, also die Rundung des eigenen Le­bens zu einem Bogen, der uns zumindest in gewissem Maß ein Gefühl von Stimmigkeit, womöglich auch Erfüllung oder sogar Ganzheit gibt, gerade indem er auch das Unvollendete und Unerfüllte zu integrieren vermag. Es geht also um die Erfahrung eines sinnvollen Zusammenhangs der Lebensge­schichte, der sich auch als Kohärenz bezeichnen lässt. Das Gelingen des Lebens ange­sichts des Todes ist daher weniger abhängig vom äußeren Lebensablauf mit seinen Ereignissen, Höhen und Tiefen als von diesem inne­ren Zusam­menhang, den wir aus unseren Erinnerungen bilden, und in dem wir, ähn­lich wie in einem Roman, die Leitmotive und den Bogen einer Ge­schichte erkennen können. Das Gelingen liegt in einem Ausblick auf das Ganze des Lebens, das wir uns zueignen, mit dem wir uns identifizie­ren können.

Gegen dieses Streben nach Kohärenz jedoch er­hebt sich Widerstand. Er geht aus von den Brüchen der Lebensentwick­lung, von Scheitern und Misslingen, aber auch von den vielfältigen ungeleb­ten Möglichkeiten, die an den Abzwei­gungen des Le­benslaufes vergeblich gewartet ha­ben, und deren Stunde nun ge­kommen scheint. Nagend, quälend, vor­wurfsvoll erhe­ben sie ihre Stimme, verwei­gern Zufriedenheit und Versöh­nung. „Soll es das gewesen sein?“ lautet die typische Frage, und sie kann einen alarmie­renden Charakter erhalten, wenn die Einsicht un­abweisbar wird, dass sich zentrale Er­wartun­gen, Träume und Hoffnungen nicht mehr werden erfüllen lassen. Was genau ist dieses ungelebte Leben, und wie gehen wir mit ihm um? Wie gelingt das Leben im Sterben? Diesen Fragen gel­ten die folgen­den Über­legungen.

 

Ungelebtes Leben als Conditio humana

 

Der Begriff des „ungelebten Lebens“ bezeichnet eine Erfahrung, in der zwischen grundlegenden Lebenswünschen und dem tatsächlich rea­lisierten Leben ein Missverhältnis wahrgenommen und meist schmerzlich empfun­den wird. Die gehegten Erwartungen und vorgestellten Möglichkeiten ei­nerseits und das schließlich Verwirklichte und Erreichte andererseits ge­langen nicht hinreichend zur Deckung. Es entsteht eine „kognitive Disso­nanz“, eine Inkongruenz, die meist mit Gefüh­len des Bedauerns, der Reue oder Bitterkeit verbunden ist.

Nun ist das ungelebte Leben zunächst die Folge der Entscheidungen und damit des impliziten oder expliziten Le­bensentwurfs eines Menschen, des­sen Re­alisierung zugleich andere Entwürfe ausschließen muss. Karl Jas­pers sah die erste und un­ausweich­liche Grundbedingung der Existenz da­rin, „… dass ich als Dasein immer in einer bestimmten Situa­tion, nicht all­gemein als das Ganze der Möglichkeiten bin.“ Wir sind zur Freiheit beru­fen oder auch ver­urteilt, wie Sartre es ausdrückte, und da­her ständig genö­tigt, das Wirk­liche aus dem Möglichen auszuwäh­len, gelebtes und unge­lebtes Le­ben voneinan­der zu scheiden. Weil der Möglichkeiten aber immer ungleich mehr sind als sich verwirklichen lässt, übertrifft die Fülle des nicht Gelebten in ungeheurem Maße das kleine Reich des wirklich Geleb­ten. Unvermeid­lich bleiben wir daher auch im­mer hinter unseren Möglich­kei­ten zurück und können mögliche Exis­tenz nicht ver­wirklichen. Darin besteht der Gedanke der existenziellen Schuld: Wir bleiben uns selbst und anderen notwendig immer etwas schuldig.

Nun geht das einmal Verwirklichte aber doch als Erlebnis, Erfüllung, als Leistung oder Werk in unsere gelebte Vergangenheit ein. Es hat Be­stand und erscheint in diesem Sinn wirklicher als das Ungelebte. Doch ge­rade weil es un­verwirklicht blieb, kann das ungelebte Leben eine außeror­dentliche Wirkung ent­falten. Aus der Psychologie ist der „Zeigarnik-Effekt“ be­kannt, wonach unerle­digte, nicht zu Ende gebrachte Handlun­gen grundsätzlich eher erinnert werden als abgeschlos­sene. Es ist nichts ande­res als unser Kohärenzbedürfnis, das sich auch hier meldet. Die einmal in den Blick getretenen, aber nicht rea­lisierten Möglichkeiten bleiben la­tent ge­genwärtig und virulent, sie begleiten das Leben wie ein mitlaufendes Ne­gativ. So kann das Ungelebte zur Quelle von In­suffi­zienz-, Reue und Schuld­gefüh­len werden, aber auch von Hoffnun­gen, Sehnsüchten und Wünschen, die in die Zukunft weisen. „Die unmöglichen Träume und Plä­ne“, so schreibt Viktor von Weizsäcker, „die nie getanen Taten, sind sie nicht wirk­samer als alles, … was ge­schehen ist?“

 

Formen des ungelebten Lebens

 

Wir haben nun einen ersten Eindruck davon erhalten, dass gerade das Nicht-Geschehene, das im Leben Ausgesparte eine be­sondere Be­deutung und Wirksamkeit erhalten kann. Betrachten wir nun nä­her, in welchen Formen sich das ungelebte Leben manifestiert.

Eine erste Unterscheidung ergibt sich aus der Art und Wei­se, wie sich das Ungelebte vom Gelebten geschieden hat. Das kann zu­nächst auf einer Ver­sagung beruhen, nämlich wenn äußere Umstände, Wi­derstände oder Krankheit die Erfüllung ei­nes Wun­sches ver­wehrten. Es kann sich aber auch um einen aktiv geleisteten Verzicht han­deln, bei dem man eine attrak­tive Möglich­keit zugunsten einer höherwerti­gen verwarf, auch wenn dies schwer fiel. Und es kann schließlich ein Ver­säumnis sein, wenn nämlich trotz bestehender Gelegenheit im entschei­denden Augen­blick nicht zuge­griffen wurde. Oft kann die Möglichkeit zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Form wieder aufgegriffen und doch noch realisiert werden. Ein Verpassen wäre dann das endgültige Versäumnis, die unwiederbring­lich verlorene Gele­genheit.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Weisen, wie das Ungelebte in der Erinnerung virulent werden kann. Die äu­ßere Versagung wird, wenn sie zentrale Wünsche betrifft, oft zur Anklage gegen andere, gegen die Gesell­schaft, das Schicksal oder auch gegen Gott führen. Der Verzicht hingegen geht auf den eigenen Ent­schluss zu­rück und führt häufi­ger, wenngleich auch nicht notwendig zu einem Einverständnis. Zu den heftigsten Selbst­anklagen gibt meist das Versäumnis Anlass, denn hier vermag sich der Be­treffende des Vorwurfs schwer zu erwehren, er ha­be der Situation nicht die rechte Aufmerksamkeit zugewandt, seine Prio­ritäten nicht richtig bedacht, vielleicht zu lange gezaudert. Daher werden im Le­bens­rückblick unterlassene Handlungen auch weit mehr bedauert als ausgeführte Vorhaben. Hier ha­ben alle „hätte ich doch …“ und „wäre ich doch …“ ihre Wurzel – die Sät­ze des Irrea­lis der Vergan­genheit, die häufig in depressiv gefärbte Selbst­anklagen übergehen.

Freilich kann man dem so mit sich Hadernden entgegenhalten, er wün­sche im Nachhinein, ein ande­rer gewe­sen zu sein als er damals nun einmal war, und das sei offen­kundig nicht nur selbst­quälerisch, sondern auch ganz un­vernünftig – hin­terher wisse man es eben immer besser. Das Argument wird nicht viel ausrichten, zumal das Hadern mit dem Versäumnis oft gar nicht nur auf dem uner­füllten Wunsch be­ruht, sondern auch auf einem Selbstideal der Perfektion, dessen Ver­fehlung mit unerbittlicher Schärfe als Versagen gegei­ßelt wird: Man hätte es eben „besser wissen müssen“.

Psychothe­rapeutisch ist es meist hilf­rei­cher, dar­auf zu verwei­sen, was durch diese rückwärtsge­richteten Selbst­anklagen verhindert wird, die gegen­wärtigen Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen. Jeder Tag des Haderns fügt ja dem ungelebten Leben nur einen weiteren Tag hinzu und schafft Anlass zu neuer, künftiger Reue. So­lange das Versäumte aber nicht endgültig verpasst ist, bleibt die Möglich­keit des Nachholens in ver­änder­ter Form, auf einer neuen Stufe, und oft mit tieferer Einsicht.

 

Das unvollendete Selbst

 

Doch es gibt noch eine andere, schwerer erkennbare Form des Ungelebten, die sich nicht an einzelnen Versäumnissen oder Misserfolgen festmachen lässt. Es geht um das grundlegendere Empfinden, nicht mit sich im Reinen zu sein, nicht wirklich authentisch, sondern am eigenen Leben vorbei zu leben. Eine Ahnung davon kann schon in mittleren Lebensjahren aufkom­men. „Gegen meinen Willen“, so Gerhard Warlich, der 41-jährige Durch­schnittsheld von Wilhelm Genazinos Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten, „beschleicht mich das vertrauteste Unbehagen: Dass mein Leben nicht so bleiben kann wie es ist. Groteskerweise bin ich im Großen und Ganzen mit unseren Verhältnissen zufrieden, das heißt mit unserer Woh­nung, meinem Einkommen,  mit meinen quasi ehelichen Verhältnissen (…) Dennoch habe ich den Eindruck, dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben.“

Das ungelebte Leben hängt offenbar nicht nur an einzelnen, nicht reali­sierten Chancen und Gelegenheiten. Eine tiefere Form der Lebensverfeh­lung kann darin bestehen, den eigenen Entwicklungsmöglichkeiten und Bedürfnissen nicht wirklich gerecht zu werden, aus Ängstlichkeit dem ei­genen Leben auszuweichen. Die resultierende Diskrepanz wird als latentes Unbehagen erfahren, das sich zur Selbstentfremdung und schließlich zur manifesten Lebenskrise steigern kann, wenn sich die mangelnde Kongru­enz nicht mehr verdrängen lässt. Wie uns Kierkegaard und Heidegger ge­zeigt haben, geht ein solches Empfinden von Inkongruenz im Grunde be­reits zurück auf den latenten Vorgriff auf den eigenen Tod: Er beleuchtet das Leben gleichsam sub specie finalitatis, unter dem harten Licht der Endlichkeit, und macht die verdrängten Möglichkeiten und Unentschie­denheiten des Lebensentwurfs sichtbar.

Nimmt diese Selbstentfremdung zu, dann wird die Zeit des eigenen Lebens nicht mehr als wachsende, erfüllende, sondern im Gegenteil als leer und unaufhaltsam verrinnende Lebenszeit erfahren. Manche Men­schen geraten in regelrechte Todesangst aus Furcht zu sterben, ohne über­haupt richtig gelebt zu haben. Tolstois Iwan Iljitsch, ein kar­rie­ristischer Jurist, der ein selbstzufriedenes, egozentrisches Leben führt, er­krankt mit 45 Jah­ren an einer tödli­chen Krankheit und reali­siert angesichts des To­des, dass er sein Leben nicht wirklich gelebt hat. „Alles, was ihm einst Freude zu sein schien“, so schreibt Tolstoi, „schmolz vor sei­nen Augen zusammen und verwandelte sich in etwas Nichtiges und oft Widerwärti­ges … Ihm kam der Gedanke, dass das, was ihm bisher noch als vollkommen unmög­lich erschienen war: Er hätte so gelebt, wie er nicht hätte leben sollen – dass das die Wahrheit sei.“ Verzwei­felt klammert Il­jitsch sich an die letz­ten Le­benshoff­nungen, die jedoch uner­bittlich entschwinden.

Nun ist die Angst vor der Verfehlung des eigenen Selbst, vor der miss­glückten Selbstverwirklichung historisch jüngeren Datums. Sie lässt sich als eine säkularisierte Form der alten Angst vor dem letzten Strafgericht verstehen, das noch die vormoderne Kultur umgetrieben hatte. Jetzt geht es nicht mehr so sehr um moralische oder religiöse Schuld im Jenseits, son­dern um das, was man sich selbst im Diesseits schuldig bleibt, also um die existenzielle Schuld. Die Brisanz des ungelebten Lebens hat insofern auch mit dem Kampf gegen die Endlichkeit zu tun, den unsere Kultur seit der Neuzeit führt. Mit der schwindenden Ein­bettung des Menschen in über­greifende, kollektive und religiöse Zu­sammen­hänge wurde das eine, kurze Leben unerhört kostbar und die Individuation, die Selbstver­wirk­lichung zu einer immer wichtigeren Aufgabe. Das Individuum gewinnt dabei zwar die Frei­heit, sich selbst zu bestimmen, ja selbst zu erschaffen, aber sein Risiko ist es, an die­ser Selbst­erschaffung zu scheitern. Es kann auch nicht mehr in den ande­ren fortleben, es ist unersetzbar.

Hans Blumenberg hat von einer Schere gesprochen, die sich in der Mo­derne zwischen der begrenzten Lebenszeit und der un­begrenzten Weltzeit auftut: Im Tod werden wir aus der gemeinsamen Zeit versto­ßen, und sie geht un­gerührt über uns hinweg – eine Gewissheit, die eine min­destens so schwere Bürde darstellt wie der Gedanke an die fatale Kürze des Le­bens. Die Kluft wird so bedrohlich, dass das In­dividuum darüber in Panik und Angst gerät, das Wert­vollste und Wich­tigste im Leben zu versäumen. Im Wettlauf mit dem Tod versucht es, „Zeit zu ge­winnen, um mehr von der Welt zu haben“ (Blumenberg). Darin liegt wohl ein zentrales Motiv für den Zwang zur Beschleuni­gung, der die westliche Gesellschaft charakteri­siert. Er ent­springt letztlich dem illusionären Wunsch, dem Tod mehr Zeit abja­gen und in der knappen Frist möglichst zwei oder drei Le­ben unterbrin­gen zu kön­nen. Das Sinnbild ist die deadline, die letzte Frist, die letzte Mög­lichkeit vor dem Tod.

Doch das Leben lässt sich nicht betrügen. Je mehr davon eingefangen wer­den soll, desto mehr nimmt gleichzeitig das ungelebte, das ver­säumte und vor allem das nicht gegenwärtig gelebte Leben zu. Denn die Gegen­wart wird latent entwertet durch das, was ihr noch abgeht. Zugleich bleibt im­mer we­niger Zeit für immer mehr Möglichkeiten und Wün­sche, die die „Multiop­tionsgesellschaft“ suggeriert. Früheren Ge­nera­tionen boten sich weitaus weniger Chancen und Lebenswege; für die meisten Menschen spiegelte sich in ihrem Leben das ihrer El­tern. Heute hingegen gilt die ständige Er­weiterung der Wahlmöglichkeiten als zent­raler gesell­schaftli­cher Wert. Je mehr Optionen den Individuen aber tatsächlich oder ver­meintlich zur Ver­fügung stehen, desto mehr müs­sen sie im Augenblick der Ent­scheidung aufgeben. Wenn unbe­grenzt vieles vorstellbar und verfügbar ist, dann ist jede Entschei­dung für nur eine der Möglichkeiten immer schon zu teuer bezahlt. Die Erwartun­gen kön­nen maßlos werden – umso mehr wird sich aber auch das Bedauern über uner­füllte Träume steigern.

Durch den Versuch, Lebenszeit zu gewinnen, nimmt also das unge­lebte Leben paradoxerweise eher noch zu. Ja, die Selbstverfehlung kann gerade darin liegen, im Ergreifen und Fallenlassen immer neuer Möglichkeiten das eigentliche Leben zu versäumen, statt es zu gewinnen. Denn Beschleu­nigung bedeutet mangelnde Zentrierung, eine unruhige Aufenthaltslosig­keit, eine zielstrebige Ziellosigkeit. Doch auch ohne solche Beschleuni­gungsver­suche muss das Streben nach Entfaltung und Verwirk­lichung des Selbst notwendig an schmerzliche Grenzen stoßen. In seinem Roman Nachtzug nach Lissa­bon stellt Peter Bieri die Frage, die gewis­sermaßen das Leit­motiv seines Romans abgibt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was ge­schieht mit dem Rest?“ Es ist wohl eine der Grund­fragen des Menschen in der Moderne.

In dem Roman wacht Jorge, ein gut 50-jähriger Apotheker, eines Nachts mit Todesangst auf. Er hat ge­träumt, dass er auf der Bühne vor seinem neuen Steinway-Flügel saß und nicht zu spielen wusste. Den Flügel hatte er vor kurzem gekauft, um ir­gendwann noch seinen Traum zu verwirkli­chen, Kla­vierspielen zu lernen. „Ich wachte auf und wusste plötzlich: Auf dem Flü­gel so spielen zu kön­nen, wie er es verdient – das liegt nicht mehr in der Reichweite meines Le­bens. … Und nun habe ich solche Angst“ – To­des­angst. „Der Flügel – seit heute Nacht er­innert er mich daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht mehr rechtzeitig werde tun können … Es geht um Dinge, die man zu tun und zu erleben wünscht, weil erst sie das eigene, dieses ganz besondere Leben ganz machen würden und weil ohne sie das Leben unvollständig bliebe, ein Torso und bloßes Fragment (…) Und so könnte man die Angst vor dem Tod beschrei­ben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich an­gelegt hat.“

Unbewusst, so heißt es im Roman weiter, leben wir im­mer auf eine solche Ganzheit hin, so dass jeder Augenblick, der uns als lebendiger gelingt, sei­ne Lebendigkeit daraus bezieht, dass er ein Stück in dem Puzzle jener un­erkannten Ganzheit darstellt. Wenn nun aber die Gewiss­heit über uns her­ein­bricht, dass sie nie mehr zu erreichen sein wird, dann spitzt sich die Bi­lanz der Selbstrealisierung zu. Zuvor galt alles noch „bis auf Weiteres“ –noch blieb künftiges Leben, das dem Bisherigen das Feh­lende hinzufügen, auch das Missglückte in einem neuen, milderen Licht erschei­nen lassen konnte. Doch je näher wir dem Tod kommen, desto mehr schwinden diese tatsäch­lichen oder illusionären Möglichkeiten. Endlichkeit bedeutet auch Endgültigkeit. Der Sterbende hat keine Zeit mehr, sondern er ist gewisser­maßen selbst sei­ne Zeit geworden; sein Leben ist nahezu gänzlich zu Ver­gangenheit geron­nen. Das Werden wird gleichsam vom Gewordensein überwältigt.

Sicher, der Tod mag kommen, wenn das Dasein lebenssatt geworden ist durch die Fülle des Verwirklich­ten und Erlebten. „Je entschiedener vollen­det wurde“, so schreibt Jaspers, „je mehr die Möglichkeit sich verzehrt hat nicht zugunsten des Versäu­mens, sondern der Wirklich­keit, desto näher kommt die Existenz der Hal­tung, als Dasein gern zu ster­ben.“ Der Schre­cken des Todes aber nimmt zu „in dem Maße als ich nicht gelebt, d.h. nicht entschieden habe und darum kein Sein des Selbst gewann.“ Die Angst vor dem Tod, so zeigen auch ent­sprechende Untersuchungen, steigt in dem Maß, als zentrale Möglichkeiten endgültig versagt blieben, versäumt oder verfehlt wurden. Dann droht der Tod selbst die noch verbleibende Zeit in den Strudel der Entwertung und Sinnlosig­keit zu rei­ßen.

 

Der Umgang mit dem ungelebten Leben

 

Das Ungelebte kann also das Gelingen des Lebens im Sterben zentral ge­fährden. Wie aber gehen wir dann um mit dem ungelebten Leben in der letzten Le­bensphase – sei es als Angehörige, als Ärzte, Therapeuten oder als früher oder später selbst Betrof­fene? Dieser Frage gilt der zweite Teil meines Vortrags.

Zunächst gilt es für die Helfer, die Möglichkeit einer depres­siven Erkran­kung im Auge zu behalten, die gegebenenfalls adäquat behandelt werden muss. Denn so wie eine negative Lebensbilanzierung in Selbstanklagen, Selbstentwertung und schließlich in eine Depression münden kann, so geht die Depression umgekehrt mit maßlosen, quälenden Selbstvorwürfen ein­her. Manches ver­meintlich berechtigte und unerbittliche Hadern mit dem eigenen Leben verschwin­det wie ein dunkler Schatten, sobald die zugrunde lie­gende Depression richtig behandelt wird.

Nicht weniger ist hervorzuheben, was psychotherapeutisch getan werden kann, um den Lebensrückblick eines Menschen zu begleiten und zu unter­stützen. Oft lässt sich das auf den ersten Blick Versäumte oder Misslunge­ne in einen neuen Zusammenhang einbetten, so dass es von ei­nem überge­ordneten Gesichtspunkt aus in einem anderen, milde­ren Licht er­scheint. Belastende biographische Ereignisse oder Versäumnisse werden nicht ge­leugnet, aber im Kontext der Lebens­ge­schichte neu bewertet. Das schließt die Trauer über Miss­glücktes und Verlorenes durchaus mit ein, sie wird aber soweit als möglich mit der Anerkennung des Erreichten und Geglück­ten verbunden.

Bei all dem geht es darum, eine Haltung ei­nerseits der Aufrichtigkeit, an­dererseits der Akzeptanz, Milde und Gerech­tigkeit dem eigenen früheren Selbst ge­genüber zu för­dern: Aufrichtigkeit, weil es auch im letzten Le­bensabschnitt noch zahlrei­che Möglichkeiten gibt, unerle­digte Geschäfte doch noch zu einem Ab­schluss zu bringen, Konflikte zu be­reinigen und sich mit anderen zu ver­söhnen; Akzeptanz und Milde, weil das größte Hin­dernis gegenüber der Versöhnung mit dem eige­nen Leben oft per­fekti­onistische Selbstansprüche sind, die keinen Spielraum für Fehler oder Versäumnisse zulassen und zu erbar­mungslosen und wütenden Anklä­gern werden können. Diesen Zorn gilt es verwandeln in Nachsicht und Mitge­fühl mit sich selbst. Wir sind unvollkom­mene We­sen in einer un­vollkommenen Welt. Dies zu erkennen und sich darin mit anderen ver­bun­den zu fühlen, kann auch an­gesichts des ungelebten Lebens einen Trost bedeuten.

Eine weitere therapeutische Überlegung gilt dem nicht unproblematischen Konzept der Selbstverwirklichung. Er suggeriert ja so etwas wie ein „ei­gentliches“ oder „wahres“ Selbst, einen vorgegebenen Wesenskern der Person, der zur Erscheinung gebracht und realisiert oder aber verfehlt wer­den kann – im letzteren Fall gleichbedeutend mit einer fatalen Lebensbi­lanz. Es handelt sich dabei um eine Art Prädestinationslehre, wonach das Individuum eine ureigene und wesensmäßige Bestimmung hat, der es ge­recht zu werden gilt – die Herkunft dieses Modells aus der Romantik und dem Persönlichkeitskult des 19. Jahrhunderts ist offensichtlich.

Doch wir sollten das Selbst nicht als eine feststehende Größe oder Entele­chie betrachten, die verwirklicht oder verfehlt werden kann. Vielmehr ist das biographische, sich in der Lebensgeschichte artikulieren­de Selbst ein immer wieder neu erzähltes, ein „narratives Selbst“. Diese Erzählung, un­sere Lebensgeschichte, schreibt sich eher improvisierend fort, und es gibt keinen allwissenden Autor, der unsere Identi­tät schon vorentworfen hätte. Selbstverwirklichung wäre dann allenfalls zu verstehen als die zunehmen­de Entfaltung von Möglichkeiten, die sich aus der je wechselnden Konstel­lation von eigenen Potenzialen und den Situati­onen der Um­welt ergeben – eine Entfaltung, die als mehr oder weniger stimmig erlebt werden kann, auch wenn sie immer andere Möglichkeiten ausschließt. Die­se Geschichte aber kann zu jedem Zeitpunkt noch verän­dert, neu angeeig­net oder neu er­zählt werden, und daher ist eine Versöh­nung mit dem Unge­lebten bis zur letzten Lebensstunde möglich.

Doch alle diese Hilfen und Überlegungen werden vielen Menschen die bohrende Frage nicht beantworten, die Bieri in seinem Roman ­stellt. Was, wenn sich das Leben nicht zu einem Ganzen runden will? Wenn sich die „gute Ge­stalt“ nicht mehr herstellen lässt? Was wird aus den unverwirk­lichten, den ungelebten Anteilen des Selbst? – Hier bleiben letzt­lich nur persönliche Antworten, und ich versuche wenigstens drei Grund­typen sol­cher Antworten zu nen­nen.

Die erste Möglichkeit ist das schonungslose, ungeschminkte Anerken­nen: Ja, das war es. Ich gebe das Blatt meiner Biographie ab, mehr zu schreiben war mir in der begrenzten Zeit nicht mög­lich. Gemessen an den vie­len Gedanken, Ideen und Worten, die unge­schrieben blieben, bleibt es eine Skizze, ein Essay, ein Versuch. Aber es ist mein Le­ben, nicht mehr und nicht weniger, und ich verantworte es. Damit kann eine bescheidene, eine tapfere, aber auch eine trotzige oder heroische Haltung verbunden sein. Die Forde­rung des Existenzialismus, dem Tod ohne Trös­tung durch illusi­onäre Jen­seits­hoffnungen unerschrocken ins Auge zu bli­cken, im Be­wusst­sein, das Le­ben aus eigener Freiheit und Ver­antwortlich­keit so und nicht anders ge­wählt zu haben, ist freilich nicht je­dermanns Sache. Im Verzicht auf Trost und Erleichterung, in der unumwun­denen Annahme des Todes kann der Sterbende gleichwohl eine beson­dere Würde reali­sieren, ja selbst noch im ohnmächtigen, aber ungebrochenen Protest gegen diese un­erbittliche Bedingung der Existenz.

Die zweite Möglichkeit möchte ich die „Erweiterung des Selbst“ nen­nen. Darauf zielen vor allem die Antworten der religiösen Traditionen auf das Problem des Unvollendeten und Unerfüllten im Le­ben. Das individuel­le Leben kann sich aus dieser Sicht gar nicht zu einem Ganzen voll­enden, nicht nur weil es zeitlich begrenzt, son­dern weil es we­senhaft un­vollständig ist. Es besteht gar nicht für sich, son­dern entstammt einem übergreifenden Zusam­menhang, in dem es al­leine seine Ganzheit gewin­nen kann.

Dieses Umgreifende, wie Jaspers es nannte, kann in verschiedener Weise gesehen werden. Den frühesten transzendenten Zusammenhang der Menschheit stellt die Ahnen­welt dar, der der Einzelne entstammt, und in die er zurückkehrt. In eher säkulari­sierter Form finden wir diese Idee noch immer in dem Bestreben, sich selbst in den Strom der Tradition der Familie und der Nachkommen zu stellen. „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsre En­kel fechten’s besser aus“ – so trösteten sich die aufständischen Bauern im 16. Jahrhundert über das Scheitern ihrer Hoffnungen hinweg. Auch in der Übernahme der Ver­ant­wortung für die nachfolgenden Gene­rationen, in der Anteilnahme an deren Lebensweg relativiert sich das eigene Selbst, denn etwas von uns lebt und wirkt in ihnen weiter und ge­winnt so an Ganz­heit. Es ist die Haltung der „Generativität“, die es nach Erikson im Alter einzuüben gilt – im Bewusstsein, dass die anderen immer auch Mög­lich­keiten für mich mitleben und das realisieren können, was mir ver­wehrt bleiben wird.

In spezifisch religiöser Weise kann die Erweiterung des Selbst in den Jen­seitserwartungen vorweggenommen werden, sei es als Wiedergeburt mit dem Neubeginn der Möglichkeiten, sei es als Eingehen ins Göttliche, das dem Selbst seine Ganzheit verleiht. In der Idee der Wieder­geburt findet das Individuum eine tröstliche Antwort auf das Problem des Ungelebten, und nicht zufällig ge­winnt die­ser Glaube in einer Zeit der Individualisierung immer mehr Anhänger. Demgegen­über er­scheint die Hoffnung auf die göttliche Gnade, die das Unvollendete voll­enden und das Unerfüllte erfül­len wird, heute vielen schon beinahe als naiv. In einer gleichwohl berüh­renden Weise hat Werner von Bergengruen die­sem Ge­danken 1942 in sei­nem Ge­dicht von der „Himmli­schen Rechenkunst“ Ausdruck verliehen:

 

Was dem Herzen sich verwehrte
Lass es schwinden unbewegt.
Allenthalben das Entbehrte
Wird Dir mystisch zugelegt.

 

Liebt doch Gott die leeren Hände
Und der Mangel wird Gewinn,
Immerdar enthüllt das Ende
Sich als strahlender Beginn.

 

Vom geschärften Bewusstsein für das Fragmentarische des Lebens in die­ser Zeit legen auch die Worte Dietrich Bonhoeffers Zeugnis ab, die er 1944 im Gefängnis schrieb: „Unser Leben hat fragmentarischen Charakter … Es kommt wohl nur da­rauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Gan­ze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es be­steht. Es gibt schließ­lich Fragmente (…), die bedeutsam sind auf Jahrhun­derte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann (…) – ich denke z.B. an die Kunst der Fuge. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragmentes ist, in dem wenigstens ei­ne kurze Zeit lang die (…) verschie­denen Themata zusammenstimmen, und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehal­ten wird, so dass schließlich nach dem Abbruch höchstens noch der Choral ‘Vor deinen Thron tret ich all­hier’ – intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser frag­mentarisches Leben nicht beklagen, sondern sogar daran froh werden.“

Ein Fragment – das kann der Überrest eines ursprünglich Ganzen und nun Zerbrochenen sein, etwa der Torso oder die Ruine; aber eben auch das un­vollendet gebliebene Werk eines Künstlers, das noch nicht zu Ende Ge­führte, das gerade als solches auf eine mögliche Gestaltung und Vollen­dung verweist. Das Leben ist ein Fragment, das heißt: es ist nicht selbst das Ganze, sondern verweist auf das Umgreifende, durch das es allein ganz werden kann. So erlebt Iwan Iljitsch den Tod am Ende als Befreiung, als Erwachen von den Illusionen seines Lebens, die Schopenhauer und die in­dische Philosophie als „Schleier der Maja“ bezeichnen: „Ja, es war alles nichts, sagte er zu sich, doch das hat nichts zu bedeuten. Aus dem Nichts kann ein Etwas werden.“

Damit gelangen wir aber noch zu einer dritten Möglichkeit. Sie liegt im Aufgehen des Selbst im Umgreifenden der Ge­genwart – es ist letztlich die mystische Antwort auf das Problem des un­gelebten Lebens. Wenn der Tod die verfließende Lebenszeit radikal abbricht, könnte er dann nicht den An­stoß zu einer radikalen Umwen­dung geben, nämlich von der Zukunft hin zum jetzigen Augen­blick? Wenn die Zu­kunft nicht von Dauer ist, kann dann die Gegenwart der zeitliche Modus der Ewigkeit sein, so dass sie gleichsam vertikal zur verge­henden Zeit steht?

Viele Patienten mit einer Krebserkrankung berichten, dass sie durch ihre Krankheit gelernt haben, intensiver in der Gegenwart zu leben. Eine Pati­entin schreibt: „In der Vergangenheit fühlte ich immer wieder lebhaft, dass ich nur eine Zuschauerin war, die das Drama des Lebens von den Ku­lissen aus betrachtete, immer in der Hoffnung, dass ich eines Tages selbst auf der Bühne ste­hen würde. Das Leben erschien mir nur wie eine Probe für das ‚wirkliche Leben’ vor mir. Aber was, wenn der Tod eintritt, bevor das wirkliche Leben begonnen hat?“ Und sie schließt daraus: „Das Leben vor mir ist vielleicht sehr kurz. Aber es ist wertvoll, vergeude es nicht! Mach jeden Tag das Beste daraus, in der Art, die Du schätzt! Über­prüfe Deine Werte! Schiebe nichts vor Dir her!“

Im Bewusstsein des Todes wächst die Wertschätzung für die „Dinge des Le­bens“, für Alltäglichkeiten und Schönheiten selbst unscheinbarer Art. Der dunkle Hintergrund des Todes vermag gleichsam die Farben des Le­bens zum Leuchten bringen. Kulturen und Techniken der Achtsamkeit, die zunehmend auch in die Psychotherapie Eingang ge­funden haben, sind nicht nur der langjährigen Meditationspraxis vorbe­halten, sondern lassen sich auch in der letzten Lebensphase noch ein­üben. Sie fördern die Sen­sibilität und Wachheit für die unmittelbare Ge­genwart, die aufmerksame und liebevolle Zuwendung zu den Dingen wie zu den anderen. Damit un­terstützen sie eine Haltung der Selbstrelativierung und Selbstüberschrei­tung, die auch den Gedanken an das Ungelebte ihre Schärfe nimmt.

Der herannahende Tod scheint zunächst alles in seine Nichtigkeit hinein­zuziehen. Doch er eröffnet noch eine andere Möglich­keit. Gerade das letz­te Mal, die letzte Wanderung an einem Früh­lingsmor­gen, die Aussprache mit einem Menschen nach langer Zwietracht, die letzte gemeinsame Mahl­zeit mit ei­nem Freund – all das kann den unzerstörbaren Geschmack des Le­bens selbst an­nehmen. In dem Er­lebnis dieses letzten Beisammenseins kann sich, so schreibt Robert Spaemann, das Ge­fühl für eine Kostbar­keit verbergen, die das Ereignis dem Sog der Ver­gänglichkeit ent­reißt: „Ein Gefühl ‚Es ist gut so’, das sich durch das bevor­stehende Ende des Le­bens … nicht bedroht sieht, sondern dadurch über­haupt erst er­wacht“. Diese Gültigkeit wird auch durch den Fortgang der Weltzeit nicht aufgehoben: „Es ist gut und wird gut bleiben, dass die­ser flüchtige Au­genblick war … Die Nichtigkeit des in der Zeit Unter­gehenden verwandelt sich in Kostbar­keit.“ Sinn ist diese „im Bewusstsein der Endlichkeit gehärtete Bedeut­sam­keit“.

Dies sind die mystischen Antworten auf die Frage nach dem ungelebten Leben. Einen bleibenden Ausdruck haben sie in Buddhas Parabel von der Beere ge­fun­den, die am Schluss dieser selbst fragmentarischen Überlegun­gen stehen soll: Ein Mann, der über eine Ebene reiste, stieß auf einen Tiger. Er floh, den Tiger auf seinen Fersen. Da tat sich vor ihm ein Abgrund auf. In seiner Not suchte er Halt an der Wurzel eines wil­den Weinstocks und schwang sich über die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger dar­auf wartete, ihn zu fressen. Nur der Wein hielt ihn noch. Doch nun sah er zu sei­nem Schrecken zwei Mäuse, eine weiße und eine schwarze, die sich daran machten, nach und nach die Weinwurzel durchzu­nagen. In diesem Augen­blick erblickte der Mann eine saftige Erdbeere neben sich. Während er sich mit der einen Hand am Wein festhielt, pflückte er mit der ande­ren die Erdbeere. Wie köstlich sie schmeckte!

Aktuelle Veranstaltungen zum Thema: Philosophie | Humanwissenschaften

Reinhardhauke
Das Buch Hiob III
Verlangen nach Gerechtigkeit. Eine altorientalische Diskursgeschichte (NUR ONLINE)
Montag, 26.01.2026
Ordo-socialis-Preis 2025 an Sylvie Goulard
Dienstag, 27.01.2026
Akademiegespräch am Mittag mit Abt Dr. Johannes Eckert OSB und Sr. Dr. Katharina Ganz OSF (NUR ONLINE)
Mittwoch, 28.01.2026
Ministerie van Buitenlandse Zaken/Wikimedia Commons
Menschenrechte verteidigen
… nach dem Seitenwechsel der USA
Mittwoch, 28.01.2026
naturalista_Canva
Aufklärung und Religion
Historische Tage 2026
Donnerstag, 19.02. - Samstag, 21.02.2026
Nikita Dhawan/TU Dresden; Daniel Fulda/Vincent Leifer
Welche Geschichten von Aufklärung erzählen wir heute?
Podiumsgespräch im Rahmen der Historischen Tage 2026
Donnerstag, 19.02.2026
Wikimedia Commons
Auf Wanderschaft
Das Konzept der jüdischen Aufklärung im Deutschen Kaiserreich
Freitag, 20.02.2026
HAI LATTE von Carsten Strauch, Piotr J. Lewandowski
Augenblicke
Die Kurzfilmrolle 2026
Donnerstag, 26.02.2026