„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“, trägt Kierkegaard 1843 in sein Tagebuch ein. Es gibt wohl kaum jemand, der nicht schon mit dieser Einsicht gerungen oder auch gehadert hätte. Das Leben kennt nun einmal keine Generalprobe, sondern es ist von Anfang bis Ende die erste und einzige Aufführung. Erst im Nachhinein lassen sich längerfristige Entwicklungen und Veränderungen erkennen, die Folgen von Entscheidungen einschätzen. Aber auch die Bilanzierung, die Bewertung des Gelebten und Geschehenen ergibt sich erst aus dem Rückblick.
Während nun der Rückblick in den mittleren Lebensjahren meist die Funktion einer Zwischenbilanz hat, die das Erstrebte mit dem noch Erreichbaren abzugleichen sucht, oft auch zu ersten Abstrichen und Korrekturen zwingt, so erhebt sich im Alter zunehmend die Forderung, den eigenen Lebensentwurf mit der schließlich gewordenen Lebensgestalt in Einklang zu bringen. Je deutlicher sich die Begrenztheit des Lebens abzeichnet, desto mehr können sich einzelne Bewertungen zu einer umfassenden Lebensbilanz verbinden. Das gilt erst recht im Bewusstsein des nahenden Todes, sei es im hohen Alter oder bei einer tödlichen Krankheit.
Diese Bilanz bedeutet freilich nicht eine Art Kontorechnung, auf der die positiven und die negativen Posten gegeneinander gestellt werden, um in der Summierung nach Möglichkeit schwarze Zahlen zu ergeben. Wir versuchen vielmehr, die „gute Gestalt“ zu finden, wie es in der Sprache der Gestaltpsychologie heißt, also die Rundung des eigenen Lebens zu einem Bogen, der uns zumindest in gewissem Maß ein Gefühl von Stimmigkeit, womöglich auch Erfüllung oder sogar Ganzheit gibt, gerade indem er auch das Unvollendete und Unerfüllte zu integrieren vermag. Es geht also um die Erfahrung eines sinnvollen Zusammenhangs der Lebensgeschichte, der sich auch als Kohärenz bezeichnen lässt. Das Gelingen des Lebens angesichts des Todes ist daher weniger abhängig vom äußeren Lebensablauf mit seinen Ereignissen, Höhen und Tiefen als von diesem inneren Zusammenhang, den wir aus unseren Erinnerungen bilden, und in dem wir, ähnlich wie in einem Roman, die Leitmotive und den Bogen einer Geschichte erkennen können. Das Gelingen liegt in einem Ausblick auf das Ganze des Lebens, das wir uns zueignen, mit dem wir uns identifizieren können.
Gegen dieses Streben nach Kohärenz jedoch erhebt sich Widerstand. Er geht aus von den Brüchen der Lebensentwicklung, von Scheitern und Misslingen, aber auch von den vielfältigen ungelebten Möglichkeiten, die an den Abzweigungen des Lebenslaufes vergeblich gewartet haben, und deren Stunde nun gekommen scheint. Nagend, quälend, vorwurfsvoll erheben sie ihre Stimme, verweigern Zufriedenheit und Versöhnung. „Soll es das gewesen sein?“ lautet die typische Frage, und sie kann einen alarmierenden Charakter erhalten, wenn die Einsicht unabweisbar wird, dass sich zentrale Erwartungen, Träume und Hoffnungen nicht mehr werden erfüllen lassen. Was genau ist dieses ungelebte Leben, und wie gehen wir mit ihm um? Wie gelingt das Leben im Sterben? Diesen Fragen gelten die folgenden Überlegungen.
Ungelebtes Leben als Conditio humana
Der Begriff des „ungelebten Lebens“ bezeichnet eine Erfahrung, in der zwischen grundlegenden Lebenswünschen und dem tatsächlich realisierten Leben ein Missverhältnis wahrgenommen und meist schmerzlich empfunden wird. Die gehegten Erwartungen und vorgestellten Möglichkeiten einerseits und das schließlich Verwirklichte und Erreichte andererseits gelangen nicht hinreichend zur Deckung. Es entsteht eine „kognitive Dissonanz“, eine Inkongruenz, die meist mit Gefühlen des Bedauerns, der Reue oder Bitterkeit verbunden ist.
Nun ist das ungelebte Leben zunächst die Folge der Entscheidungen und damit des impliziten oder expliziten Lebensentwurfs eines Menschen, dessen Realisierung zugleich andere Entwürfe ausschließen muss. Karl Jaspers sah die erste und unausweichliche Grundbedingung der Existenz darin, „… dass ich als Dasein immer in einer bestimmten Situation, nicht allgemein als das Ganze der Möglichkeiten bin.“ Wir sind zur Freiheit berufen oder auch verurteilt, wie Sartre es ausdrückte, und daher ständig genötigt, das Wirkliche aus dem Möglichen auszuwählen, gelebtes und ungelebtes Leben voneinander zu scheiden. Weil der Möglichkeiten aber immer ungleich mehr sind als sich verwirklichen lässt, übertrifft die Fülle des nicht Gelebten in ungeheurem Maße das kleine Reich des wirklich Gelebten. Unvermeidlich bleiben wir daher auch immer hinter unseren Möglichkeiten zurück und können mögliche Existenz nicht verwirklichen. Darin besteht der Gedanke der existenziellen Schuld: Wir bleiben uns selbst und anderen notwendig immer etwas schuldig.
Nun geht das einmal Verwirklichte aber doch als Erlebnis, Erfüllung, als Leistung oder Werk in unsere gelebte Vergangenheit ein. Es hat Bestand und erscheint in diesem Sinn wirklicher als das Ungelebte. Doch gerade weil es unverwirklicht blieb, kann das ungelebte Leben eine außerordentliche Wirkung entfalten. Aus der Psychologie ist der „Zeigarnik-Effekt“ bekannt, wonach unerledigte, nicht zu Ende gebrachte Handlungen grundsätzlich eher erinnert werden als abgeschlossene. Es ist nichts anderes als unser Kohärenzbedürfnis, das sich auch hier meldet. Die einmal in den Blick getretenen, aber nicht realisierten Möglichkeiten bleiben latent gegenwärtig und virulent, sie begleiten das Leben wie ein mitlaufendes Negativ. So kann das Ungelebte zur Quelle von Insuffizienz-, Reue und Schuldgefühlen werden, aber auch von Hoffnungen, Sehnsüchten und Wünschen, die in die Zukunft weisen. „Die unmöglichen Träume und Pläne“, so schreibt Viktor von Weizsäcker, „die nie getanen Taten, sind sie nicht wirksamer als alles, … was geschehen ist?“
Formen des ungelebten Lebens
Wir haben nun einen ersten Eindruck davon erhalten, dass gerade das Nicht-Geschehene, das im Leben Ausgesparte eine besondere Bedeutung und Wirksamkeit erhalten kann. Betrachten wir nun näher, in welchen Formen sich das ungelebte Leben manifestiert.
Eine erste Unterscheidung ergibt sich aus der Art und Weise, wie sich das Ungelebte vom Gelebten geschieden hat. Das kann zunächst auf einer Versagung beruhen, nämlich wenn äußere Umstände, Widerstände oder Krankheit die Erfüllung eines Wunsches verwehrten. Es kann sich aber auch um einen aktiv geleisteten Verzicht handeln, bei dem man eine attraktive Möglichkeit zugunsten einer höherwertigen verwarf, auch wenn dies schwer fiel. Und es kann schließlich ein Versäumnis sein, wenn nämlich trotz bestehender Gelegenheit im entscheidenden Augenblick nicht zugegriffen wurde. Oft kann die Möglichkeit zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Form wieder aufgegriffen und doch noch realisiert werden. Ein Verpassen wäre dann das endgültige Versäumnis, die unwiederbringlich verlorene Gelegenheit.
Daraus ergeben sich unterschiedliche Weisen, wie das Ungelebte in der Erinnerung virulent werden kann. Die äußere Versagung wird, wenn sie zentrale Wünsche betrifft, oft zur Anklage gegen andere, gegen die Gesellschaft, das Schicksal oder auch gegen Gott führen. Der Verzicht hingegen geht auf den eigenen Entschluss zurück und führt häufiger, wenngleich auch nicht notwendig zu einem Einverständnis. Zu den heftigsten Selbstanklagen gibt meist das Versäumnis Anlass, denn hier vermag sich der Betreffende des Vorwurfs schwer zu erwehren, er habe der Situation nicht die rechte Aufmerksamkeit zugewandt, seine Prioritäten nicht richtig bedacht, vielleicht zu lange gezaudert. Daher werden im Lebensrückblick unterlassene Handlungen auch weit mehr bedauert als ausgeführte Vorhaben. Hier haben alle „hätte ich doch …“ und „wäre ich doch …“ ihre Wurzel – die Sätze des Irrealis der Vergangenheit, die häufig in depressiv gefärbte Selbstanklagen übergehen.
Freilich kann man dem so mit sich Hadernden entgegenhalten, er wünsche im Nachhinein, ein anderer gewesen zu sein als er damals nun einmal war, und das sei offenkundig nicht nur selbstquälerisch, sondern auch ganz unvernünftig – hinterher wisse man es eben immer besser. Das Argument wird nicht viel ausrichten, zumal das Hadern mit dem Versäumnis oft gar nicht nur auf dem unerfüllten Wunsch beruht, sondern auch auf einem Selbstideal der Perfektion, dessen Verfehlung mit unerbittlicher Schärfe als Versagen gegeißelt wird: Man hätte es eben „besser wissen müssen“.
Psychotherapeutisch ist es meist hilfreicher, darauf zu verweisen, was durch diese rückwärtsgerichteten Selbstanklagen verhindert wird, die gegenwärtigen Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen. Jeder Tag des Haderns fügt ja dem ungelebten Leben nur einen weiteren Tag hinzu und schafft Anlass zu neuer, künftiger Reue. Solange das Versäumte aber nicht endgültig verpasst ist, bleibt die Möglichkeit des Nachholens in veränderter Form, auf einer neuen Stufe, und oft mit tieferer Einsicht.
Das unvollendete Selbst
Doch es gibt noch eine andere, schwerer erkennbare Form des Ungelebten, die sich nicht an einzelnen Versäumnissen oder Misserfolgen festmachen lässt. Es geht um das grundlegendere Empfinden, nicht mit sich im Reinen zu sein, nicht wirklich authentisch, sondern am eigenen Leben vorbei zu leben. Eine Ahnung davon kann schon in mittleren Lebensjahren aufkommen. „Gegen meinen Willen“, so Gerhard Warlich, der 41-jährige Durchschnittsheld von Wilhelm Genazinos Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten, „beschleicht mich das vertrauteste Unbehagen: Dass mein Leben nicht so bleiben kann wie es ist. Groteskerweise bin ich im Großen und Ganzen mit unseren Verhältnissen zufrieden, das heißt mit unserer Wohnung, meinem Einkommen, mit meinen quasi ehelichen Verhältnissen (…) Dennoch habe ich den Eindruck, dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben.“
Das ungelebte Leben hängt offenbar nicht nur an einzelnen, nicht realisierten Chancen und Gelegenheiten. Eine tiefere Form der Lebensverfehlung kann darin bestehen, den eigenen Entwicklungsmöglichkeiten und Bedürfnissen nicht wirklich gerecht zu werden, aus Ängstlichkeit dem eigenen Leben auszuweichen. Die resultierende Diskrepanz wird als latentes Unbehagen erfahren, das sich zur Selbstentfremdung und schließlich zur manifesten Lebenskrise steigern kann, wenn sich die mangelnde Kongruenz nicht mehr verdrängen lässt. Wie uns Kierkegaard und Heidegger gezeigt haben, geht ein solches Empfinden von Inkongruenz im Grunde bereits zurück auf den latenten Vorgriff auf den eigenen Tod: Er beleuchtet das Leben gleichsam sub specie finalitatis, unter dem harten Licht der Endlichkeit, und macht die verdrängten Möglichkeiten und Unentschiedenheiten des Lebensentwurfs sichtbar.
Nimmt diese Selbstentfremdung zu, dann wird die Zeit des eigenen Lebens nicht mehr als wachsende, erfüllende, sondern im Gegenteil als leer und unaufhaltsam verrinnende Lebenszeit erfahren. Manche Menschen geraten in regelrechte Todesangst aus Furcht zu sterben, ohne überhaupt richtig gelebt zu haben. Tolstois Iwan Iljitsch, ein karrieristischer Jurist, der ein selbstzufriedenes, egozentrisches Leben führt, erkrankt mit 45 Jahren an einer tödlichen Krankheit und realisiert angesichts des Todes, dass er sein Leben nicht wirklich gelebt hat. „Alles, was ihm einst Freude zu sein schien“, so schreibt Tolstoi, „schmolz vor seinen Augen zusammen und verwandelte sich in etwas Nichtiges und oft Widerwärtiges … Ihm kam der Gedanke, dass das, was ihm bisher noch als vollkommen unmöglich erschienen war: Er hätte so gelebt, wie er nicht hätte leben sollen – dass das die Wahrheit sei.“ Verzweifelt klammert Iljitsch sich an die letzten Lebenshoffnungen, die jedoch unerbittlich entschwinden.
Nun ist die Angst vor der Verfehlung des eigenen Selbst, vor der missglückten Selbstverwirklichung historisch jüngeren Datums. Sie lässt sich als eine säkularisierte Form der alten Angst vor dem letzten Strafgericht verstehen, das noch die vormoderne Kultur umgetrieben hatte. Jetzt geht es nicht mehr so sehr um moralische oder religiöse Schuld im Jenseits, sondern um das, was man sich selbst im Diesseits schuldig bleibt, also um die existenzielle Schuld. Die Brisanz des ungelebten Lebens hat insofern auch mit dem Kampf gegen die Endlichkeit zu tun, den unsere Kultur seit der Neuzeit führt. Mit der schwindenden Einbettung des Menschen in übergreifende, kollektive und religiöse Zusammenhänge wurde das eine, kurze Leben unerhört kostbar und die Individuation, die Selbstverwirklichung zu einer immer wichtigeren Aufgabe. Das Individuum gewinnt dabei zwar die Freiheit, sich selbst zu bestimmen, ja selbst zu erschaffen, aber sein Risiko ist es, an dieser Selbsterschaffung zu scheitern. Es kann auch nicht mehr in den anderen fortleben, es ist unersetzbar.
Hans Blumenberg hat von einer Schere gesprochen, die sich in der Moderne zwischen der begrenzten Lebenszeit und der unbegrenzten Weltzeit auftut: Im Tod werden wir aus der gemeinsamen Zeit verstoßen, und sie geht ungerührt über uns hinweg – eine Gewissheit, die eine mindestens so schwere Bürde darstellt wie der Gedanke an die fatale Kürze des Lebens. Die Kluft wird so bedrohlich, dass das Individuum darüber in Panik und Angst gerät, das Wertvollste und Wichtigste im Leben zu versäumen. Im Wettlauf mit dem Tod versucht es, „Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben“ (Blumenberg). Darin liegt wohl ein zentrales Motiv für den Zwang zur Beschleunigung, der die westliche Gesellschaft charakterisiert. Er entspringt letztlich dem illusionären Wunsch, dem Tod mehr Zeit abjagen und in der knappen Frist möglichst zwei oder drei Leben unterbringen zu können. Das Sinnbild ist die deadline, die letzte Frist, die letzte Möglichkeit vor dem Tod.
Doch das Leben lässt sich nicht betrügen. Je mehr davon eingefangen werden soll, desto mehr nimmt gleichzeitig das ungelebte, das versäumte und vor allem das nicht gegenwärtig gelebte Leben zu. Denn die Gegenwart wird latent entwertet durch das, was ihr noch abgeht. Zugleich bleibt immer weniger Zeit für immer mehr Möglichkeiten und Wünsche, die die „Multioptionsgesellschaft“ suggeriert. Früheren Generationen boten sich weitaus weniger Chancen und Lebenswege; für die meisten Menschen spiegelte sich in ihrem Leben das ihrer Eltern. Heute hingegen gilt die ständige Erweiterung der Wahlmöglichkeiten als zentraler gesellschaftlicher Wert. Je mehr Optionen den Individuen aber tatsächlich oder vermeintlich zur Verfügung stehen, desto mehr müssen sie im Augenblick der Entscheidung aufgeben. Wenn unbegrenzt vieles vorstellbar und verfügbar ist, dann ist jede Entscheidung für nur eine der Möglichkeiten immer schon zu teuer bezahlt. Die Erwartungen können maßlos werden – umso mehr wird sich aber auch das Bedauern über unerfüllte Träume steigern.
Durch den Versuch, Lebenszeit zu gewinnen, nimmt also das ungelebte Leben paradoxerweise eher noch zu. Ja, die Selbstverfehlung kann gerade darin liegen, im Ergreifen und Fallenlassen immer neuer Möglichkeiten das eigentliche Leben zu versäumen, statt es zu gewinnen. Denn Beschleunigung bedeutet mangelnde Zentrierung, eine unruhige Aufenthaltslosigkeit, eine zielstrebige Ziellosigkeit. Doch auch ohne solche Beschleunigungsversuche muss das Streben nach Entfaltung und Verwirklichung des Selbst notwendig an schmerzliche Grenzen stoßen. In seinem Roman Nachtzug nach Lissabon stellt Peter Bieri die Frage, die gewissermaßen das Leitmotiv seines Romans abgibt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?“ Es ist wohl eine der Grundfragen des Menschen in der Moderne.
In dem Roman wacht Jorge, ein gut 50-jähriger Apotheker, eines Nachts mit Todesangst auf. Er hat geträumt, dass er auf der Bühne vor seinem neuen Steinway-Flügel saß und nicht zu spielen wusste. Den Flügel hatte er vor kurzem gekauft, um irgendwann noch seinen Traum zu verwirklichen, Klavierspielen zu lernen. „Ich wachte auf und wusste plötzlich: Auf dem Flügel so spielen zu können, wie er es verdient – das liegt nicht mehr in der Reichweite meines Lebens. … Und nun habe ich solche Angst“ – Todesangst. „Der Flügel – seit heute Nacht erinnert er mich daran, dass es Dinge gibt, die ich nicht mehr rechtzeitig werde tun können … Es geht um Dinge, die man zu tun und zu erleben wünscht, weil erst sie das eigene, dieses ganz besondere Leben ganz machen würden und weil ohne sie das Leben unvollständig bliebe, ein Torso und bloßes Fragment (…) Und so könnte man die Angst vor dem Tod beschreiben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hat.“
Unbewusst, so heißt es im Roman weiter, leben wir immer auf eine solche Ganzheit hin, so dass jeder Augenblick, der uns als lebendiger gelingt, seine Lebendigkeit daraus bezieht, dass er ein Stück in dem Puzzle jener unerkannten Ganzheit darstellt. Wenn nun aber die Gewissheit über uns hereinbricht, dass sie nie mehr zu erreichen sein wird, dann spitzt sich die Bilanz der Selbstrealisierung zu. Zuvor galt alles noch „bis auf Weiteres“ –noch blieb künftiges Leben, das dem Bisherigen das Fehlende hinzufügen, auch das Missglückte in einem neuen, milderen Licht erscheinen lassen konnte. Doch je näher wir dem Tod kommen, desto mehr schwinden diese tatsächlichen oder illusionären Möglichkeiten. Endlichkeit bedeutet auch Endgültigkeit. Der Sterbende hat keine Zeit mehr, sondern er ist gewissermaßen selbst seine Zeit geworden; sein Leben ist nahezu gänzlich zu Vergangenheit geronnen. Das Werden wird gleichsam vom Gewordensein überwältigt.
Sicher, der Tod mag kommen, wenn das Dasein lebenssatt geworden ist durch die Fülle des Verwirklichten und Erlebten. „Je entschiedener vollendet wurde“, so schreibt Jaspers, „je mehr die Möglichkeit sich verzehrt hat nicht zugunsten des Versäumens, sondern der Wirklichkeit, desto näher kommt die Existenz der Haltung, als Dasein gern zu sterben.“ Der Schrecken des Todes aber nimmt zu „in dem Maße als ich nicht gelebt, d.h. nicht entschieden habe und darum kein Sein des Selbst gewann.“ Die Angst vor dem Tod, so zeigen auch entsprechende Untersuchungen, steigt in dem Maß, als zentrale Möglichkeiten endgültig versagt blieben, versäumt oder verfehlt wurden. Dann droht der Tod selbst die noch verbleibende Zeit in den Strudel der Entwertung und Sinnlosigkeit zu reißen.
Der Umgang mit dem ungelebten Leben
Das Ungelebte kann also das Gelingen des Lebens im Sterben zentral gefährden. Wie aber gehen wir dann um mit dem ungelebten Leben in der letzten Lebensphase – sei es als Angehörige, als Ärzte, Therapeuten oder als früher oder später selbst Betroffene? Dieser Frage gilt der zweite Teil meines Vortrags.
Zunächst gilt es für die Helfer, die Möglichkeit einer depressiven Erkrankung im Auge zu behalten, die gegebenenfalls adäquat behandelt werden muss. Denn so wie eine negative Lebensbilanzierung in Selbstanklagen, Selbstentwertung und schließlich in eine Depression münden kann, so geht die Depression umgekehrt mit maßlosen, quälenden Selbstvorwürfen einher. Manches vermeintlich berechtigte und unerbittliche Hadern mit dem eigenen Leben verschwindet wie ein dunkler Schatten, sobald die zugrunde liegende Depression richtig behandelt wird.
Nicht weniger ist hervorzuheben, was psychotherapeutisch getan werden kann, um den Lebensrückblick eines Menschen zu begleiten und zu unterstützen. Oft lässt sich das auf den ersten Blick Versäumte oder Misslungene in einen neuen Zusammenhang einbetten, so dass es von einem übergeordneten Gesichtspunkt aus in einem anderen, milderen Licht erscheint. Belastende biographische Ereignisse oder Versäumnisse werden nicht geleugnet, aber im Kontext der Lebensgeschichte neu bewertet. Das schließt die Trauer über Missglücktes und Verlorenes durchaus mit ein, sie wird aber soweit als möglich mit der Anerkennung des Erreichten und Geglückten verbunden.
Bei all dem geht es darum, eine Haltung einerseits der Aufrichtigkeit, andererseits der Akzeptanz, Milde und Gerechtigkeit dem eigenen früheren Selbst gegenüber zu fördern: Aufrichtigkeit, weil es auch im letzten Lebensabschnitt noch zahlreiche Möglichkeiten gibt, unerledigte Geschäfte doch noch zu einem Abschluss zu bringen, Konflikte zu bereinigen und sich mit anderen zu versöhnen; Akzeptanz und Milde, weil das größte Hindernis gegenüber der Versöhnung mit dem eigenen Leben oft perfektionistische Selbstansprüche sind, die keinen Spielraum für Fehler oder Versäumnisse zulassen und zu erbarmungslosen und wütenden Anklägern werden können. Diesen Zorn gilt es verwandeln in Nachsicht und Mitgefühl mit sich selbst. Wir sind unvollkommene Wesen in einer unvollkommenen Welt. Dies zu erkennen und sich darin mit anderen verbunden zu fühlen, kann auch angesichts des ungelebten Lebens einen Trost bedeuten.
Eine weitere therapeutische Überlegung gilt dem nicht unproblematischen Konzept der Selbstverwirklichung. Er suggeriert ja so etwas wie ein „eigentliches“ oder „wahres“ Selbst, einen vorgegebenen Wesenskern der Person, der zur Erscheinung gebracht und realisiert oder aber verfehlt werden kann – im letzteren Fall gleichbedeutend mit einer fatalen Lebensbilanz. Es handelt sich dabei um eine Art Prädestinationslehre, wonach das Individuum eine ureigene und wesensmäßige Bestimmung hat, der es gerecht zu werden gilt – die Herkunft dieses Modells aus der Romantik und dem Persönlichkeitskult des 19. Jahrhunderts ist offensichtlich.
Doch wir sollten das Selbst nicht als eine feststehende Größe oder Entelechie betrachten, die verwirklicht oder verfehlt werden kann. Vielmehr ist das biographische, sich in der Lebensgeschichte artikulierende Selbst ein immer wieder neu erzähltes, ein „narratives Selbst“. Diese Erzählung, unsere Lebensgeschichte, schreibt sich eher improvisierend fort, und es gibt keinen allwissenden Autor, der unsere Identität schon vorentworfen hätte. Selbstverwirklichung wäre dann allenfalls zu verstehen als die zunehmende Entfaltung von Möglichkeiten, die sich aus der je wechselnden Konstellation von eigenen Potenzialen und den Situationen der Umwelt ergeben – eine Entfaltung, die als mehr oder weniger stimmig erlebt werden kann, auch wenn sie immer andere Möglichkeiten ausschließt. Diese Geschichte aber kann zu jedem Zeitpunkt noch verändert, neu angeeignet oder neu erzählt werden, und daher ist eine Versöhnung mit dem Ungelebten bis zur letzten Lebensstunde möglich.
Doch alle diese Hilfen und Überlegungen werden vielen Menschen die bohrende Frage nicht beantworten, die Bieri in seinem Roman stellt. Was, wenn sich das Leben nicht zu einem Ganzen runden will? Wenn sich die „gute Gestalt“ nicht mehr herstellen lässt? Was wird aus den unverwirklichten, den ungelebten Anteilen des Selbst? – Hier bleiben letztlich nur persönliche Antworten, und ich versuche wenigstens drei Grundtypen solcher Antworten zu nennen.
Die erste Möglichkeit ist das schonungslose, ungeschminkte Anerkennen: Ja, das war es. Ich gebe das Blatt meiner Biographie ab, mehr zu schreiben war mir in der begrenzten Zeit nicht möglich. Gemessen an den vielen Gedanken, Ideen und Worten, die ungeschrieben blieben, bleibt es eine Skizze, ein Essay, ein Versuch. Aber es ist mein Leben, nicht mehr und nicht weniger, und ich verantworte es. Damit kann eine bescheidene, eine tapfere, aber auch eine trotzige oder heroische Haltung verbunden sein. Die Forderung des Existenzialismus, dem Tod ohne Tröstung durch illusionäre Jenseitshoffnungen unerschrocken ins Auge zu blicken, im Bewusstsein, das Leben aus eigener Freiheit und Verantwortlichkeit so und nicht anders gewählt zu haben, ist freilich nicht jedermanns Sache. Im Verzicht auf Trost und Erleichterung, in der unumwundenen Annahme des Todes kann der Sterbende gleichwohl eine besondere Würde realisieren, ja selbst noch im ohnmächtigen, aber ungebrochenen Protest gegen diese unerbittliche Bedingung der Existenz.
Die zweite Möglichkeit möchte ich die „Erweiterung des Selbst“ nennen. Darauf zielen vor allem die Antworten der religiösen Traditionen auf das Problem des Unvollendeten und Unerfüllten im Leben. Das individuelle Leben kann sich aus dieser Sicht gar nicht zu einem Ganzen vollenden, nicht nur weil es zeitlich begrenzt, sondern weil es wesenhaft unvollständig ist. Es besteht gar nicht für sich, sondern entstammt einem übergreifenden Zusammenhang, in dem es alleine seine Ganzheit gewinnen kann.
Dieses Umgreifende, wie Jaspers es nannte, kann in verschiedener Weise gesehen werden. Den frühesten transzendenten Zusammenhang der Menschheit stellt die Ahnenwelt dar, der der Einzelne entstammt, und in die er zurückkehrt. In eher säkularisierter Form finden wir diese Idee noch immer in dem Bestreben, sich selbst in den Strom der Tradition der Familie und der Nachkommen zu stellen. „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsre Enkel fechten’s besser aus“ – so trösteten sich die aufständischen Bauern im 16. Jahrhundert über das Scheitern ihrer Hoffnungen hinweg. Auch in der Übernahme der Verantwortung für die nachfolgenden Generationen, in der Anteilnahme an deren Lebensweg relativiert sich das eigene Selbst, denn etwas von uns lebt und wirkt in ihnen weiter und gewinnt so an Ganzheit. Es ist die Haltung der „Generativität“, die es nach Erikson im Alter einzuüben gilt – im Bewusstsein, dass die anderen immer auch Möglichkeiten für mich mitleben und das realisieren können, was mir verwehrt bleiben wird.
In spezifisch religiöser Weise kann die Erweiterung des Selbst in den Jenseitserwartungen vorweggenommen werden, sei es als Wiedergeburt mit dem Neubeginn der Möglichkeiten, sei es als Eingehen ins Göttliche, das dem Selbst seine Ganzheit verleiht. In der Idee der Wiedergeburt findet das Individuum eine tröstliche Antwort auf das Problem des Ungelebten, und nicht zufällig gewinnt dieser Glaube in einer Zeit der Individualisierung immer mehr Anhänger. Demgegenüber erscheint die Hoffnung auf die göttliche Gnade, die das Unvollendete vollenden und das Unerfüllte erfüllen wird, heute vielen schon beinahe als naiv. In einer gleichwohl berührenden Weise hat Werner von Bergengruen diesem Gedanken 1942 in seinem Gedicht von der „Himmlischen Rechenkunst“ Ausdruck verliehen:
Was dem Herzen sich verwehrte
Lass es schwinden unbewegt.
Allenthalben das Entbehrte
Wird Dir mystisch zugelegt.
Liebt doch Gott die leeren Hände
Und der Mangel wird Gewinn,
Immerdar enthüllt das Ende
Sich als strahlender Beginn.
Vom geschärften Bewusstsein für das Fragmentarische des Lebens in dieser Zeit legen auch die Worte Dietrich Bonhoeffers Zeugnis ab, die er 1944 im Gefängnis schrieb: „Unser Leben hat fragmentarischen Charakter … Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht. Es gibt schließlich Fragmente (…), die bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann (…) – ich denke z.B. an die Kunst der Fuge. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragmentes ist, in dem wenigstens eine kurze Zeit lang die (…) verschiedenen Themata zusammenstimmen, und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, so dass schließlich nach dem Abbruch höchstens noch der Choral ‘Vor deinen Thron tret ich allhier’ – intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern sogar daran froh werden.“
Ein Fragment – das kann der Überrest eines ursprünglich Ganzen und nun Zerbrochenen sein, etwa der Torso oder die Ruine; aber eben auch das unvollendet gebliebene Werk eines Künstlers, das noch nicht zu Ende Geführte, das gerade als solches auf eine mögliche Gestaltung und Vollendung verweist. Das Leben ist ein Fragment, das heißt: es ist nicht selbst das Ganze, sondern verweist auf das Umgreifende, durch das es allein ganz werden kann. So erlebt Iwan Iljitsch den Tod am Ende als Befreiung, als Erwachen von den Illusionen seines Lebens, die Schopenhauer und die indische Philosophie als „Schleier der Maja“ bezeichnen: „Ja, es war alles nichts, sagte er zu sich, doch das hat nichts zu bedeuten. Aus dem Nichts kann ein Etwas werden.“
Damit gelangen wir aber noch zu einer dritten Möglichkeit. Sie liegt im Aufgehen des Selbst im Umgreifenden der Gegenwart – es ist letztlich die mystische Antwort auf das Problem des ungelebten Lebens. Wenn der Tod die verfließende Lebenszeit radikal abbricht, könnte er dann nicht den Anstoß zu einer radikalen Umwendung geben, nämlich von der Zukunft hin zum jetzigen Augenblick? Wenn die Zukunft nicht von Dauer ist, kann dann die Gegenwart der zeitliche Modus der Ewigkeit sein, so dass sie gleichsam vertikal zur vergehenden Zeit steht?
Viele Patienten mit einer Krebserkrankung berichten, dass sie durch ihre Krankheit gelernt haben, intensiver in der Gegenwart zu leben. Eine Patientin schreibt: „In der Vergangenheit fühlte ich immer wieder lebhaft, dass ich nur eine Zuschauerin war, die das Drama des Lebens von den Kulissen aus betrachtete, immer in der Hoffnung, dass ich eines Tages selbst auf der Bühne stehen würde. Das Leben erschien mir nur wie eine Probe für das ‚wirkliche Leben’ vor mir. Aber was, wenn der Tod eintritt, bevor das wirkliche Leben begonnen hat?“ Und sie schließt daraus: „Das Leben vor mir ist vielleicht sehr kurz. Aber es ist wertvoll, vergeude es nicht! Mach jeden Tag das Beste daraus, in der Art, die Du schätzt! Überprüfe Deine Werte! Schiebe nichts vor Dir her!“
Im Bewusstsein des Todes wächst die Wertschätzung für die „Dinge des Lebens“, für Alltäglichkeiten und Schönheiten selbst unscheinbarer Art. Der dunkle Hintergrund des Todes vermag gleichsam die Farben des Lebens zum Leuchten bringen. Kulturen und Techniken der Achtsamkeit, die zunehmend auch in die Psychotherapie Eingang gefunden haben, sind nicht nur der langjährigen Meditationspraxis vorbehalten, sondern lassen sich auch in der letzten Lebensphase noch einüben. Sie fördern die Sensibilität und Wachheit für die unmittelbare Gegenwart, die aufmerksame und liebevolle Zuwendung zu den Dingen wie zu den anderen. Damit unterstützen sie eine Haltung der Selbstrelativierung und Selbstüberschreitung, die auch den Gedanken an das Ungelebte ihre Schärfe nimmt.
Der herannahende Tod scheint zunächst alles in seine Nichtigkeit hineinzuziehen. Doch er eröffnet noch eine andere Möglichkeit. Gerade das letzte Mal, die letzte Wanderung an einem Frühlingsmorgen, die Aussprache mit einem Menschen nach langer Zwietracht, die letzte gemeinsame Mahlzeit mit einem Freund – all das kann den unzerstörbaren Geschmack des Lebens selbst annehmen. In dem Erlebnis dieses letzten Beisammenseins kann sich, so schreibt Robert Spaemann, das Gefühl für eine Kostbarkeit verbergen, die das Ereignis dem Sog der Vergänglichkeit entreißt: „Ein Gefühl ‚Es ist gut so’, das sich durch das bevorstehende Ende des Lebens … nicht bedroht sieht, sondern dadurch überhaupt erst erwacht“. Diese Gültigkeit wird auch durch den Fortgang der Weltzeit nicht aufgehoben: „Es ist gut und wird gut bleiben, dass dieser flüchtige Augenblick war … Die Nichtigkeit des in der Zeit Untergehenden verwandelt sich in Kostbarkeit.“ Sinn ist diese „im Bewusstsein der Endlichkeit gehärtete Bedeutsamkeit“.
Dies sind die mystischen Antworten auf die Frage nach dem ungelebten Leben. Einen bleibenden Ausdruck haben sie in Buddhas Parabel von der Beere gefunden, die am Schluss dieser selbst fragmentarischen Überlegungen stehen soll: Ein Mann, der über eine Ebene reiste, stieß auf einen Tiger. Er floh, den Tiger auf seinen Fersen. Da tat sich vor ihm ein Abgrund auf. In seiner Not suchte er Halt an der Wurzel eines wilden Weinstocks und schwang sich über die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger darauf wartete, ihn zu fressen. Nur der Wein hielt ihn noch. Doch nun sah er zu seinem Schrecken zwei Mäuse, eine weiße und eine schwarze, die sich daran machten, nach und nach die Weinwurzel durchzunagen. In diesem Augenblick erblickte der Mann eine saftige Erdbeere neben sich. Während er sich mit der einen Hand am Wein festhielt, pflückte er mit der anderen die Erdbeere. Wie köstlich sie schmeckte!