Den Dingen Namen geben

Barbara von Wulffen zu Gast bei Albert von Schirnding

© FabrikaCr / iStock

I.

 

Ich will mit offenen Karten spielen und gleich sagen, dass ich die Autorin, die ich Ihnen heute Abend vorzustellen die Freude habe, die große Freude habe, von Kindesbeinen an kenne. Unsere Eltern waren miteinander befreundet, und wir sind sogar, wenn auch einigermaßen entfernt, verwandt. Die erwähnten Kindesbeine wurden im Frühjahr 1942 auf täglichen mehrstündigen böhmischen Waldspaziergängen kräftig strapaziert. Unsere Mutter machte eine Kur in Franzensbad. Wir Kinder wurden im nahen Schlossgut Schweißing untergebracht, das dem Grafen Clemens Podewils und seiner Frau Sophie Dorothee gehörte. Damit Sie sich den Namen besser merken können, zitiere ich den Schüttelreim von Eugen Roth, den er seinem Freund Clemens nach langen Geburtswehen präsentierte: „Es trank einst ein Woiwode Pils / mit dem Grafen Podewils.“ Woiwoden bezeichnen bei slawischen Völkern Truppenführer und Verwaltungsbeamte. Hier dienen sie natürlich ausschließlich Schüttelreimzwecken. Sollte sich aber ihr Einflussbereich bis zum Kaukasus erstrecken, sind wir gar nicht so weit entfernt von einem der Schauplätze des neuen Buches unserer Autorin, aus dem sie heute Abend vorliest.

Aber noch sind wir in Böhmen, in Schloss Schweißing, Mai 1942. Dort fanden meine Schwester und ich uns mit den gleichaltrigen Töchtern Burgi und Bärbel zusammengespannt. Wir verstanden uns prächtig. Die Kinderfrau der beiden, wie sie auf solchen Schlössern eben üblich waren, legte auf große Spaziergänge bei jedem Wetter entschiedenen Wert. Niemals zuvor hatte ich ausgedehntere, geheimnisvollere Wälder gesehen, sah ich später samtigere Moosgründe, trat in Lichtungen, die so überraschend im tiefsten Waldesdunkel sich öffneten.

Warum ich es wage, bei diesem Anlass davon zu sprechen? Weil Barbara von Wulffen, geborene Podewils, mit ihrem 1989 im Fischer-Verlag erschienenen Buch „Urnen voll Honig“ ihrer böhmischen Kindheit einen hinreißend schönen Erinnerungstempel geweiht hat. Kindheit ist ortsgebunden, und nur im Kunstwerk kommt das später nie wieder mit solcher Intensität erlebte Hier und Jetzt zu seiner unverlierbaren Wahrheit. In Schweißing gemahnte im Frühjahr 1942 nichts an den Krieg, sieht man davon ab, dass der Hausherr nur vorübergehend anwesend war; bald musste er wieder an die Front nach Russland zurückkehren. Genau zehn Jahre später hat Clemens Podewils im Hanser-Verlag ein „Don und Wolga“ betiteltes Buch mit „Aufzeichnungen aus dem Jahre 1942“ veröffentlicht, die mit der Schilderung dieses Urlaubs einsetzen. Unter dem 23. Mai heißt es: „Der Urlaub ist vorüber. Bei der Abfahrt war es wie immer. Wenn der Zug die Kurve nimmt, deine winkende Gestalt entschwindet, Dorf und Schloss sich fort drehen, sagt eine Stimme in mir: das war das letzte Mal.“

Nun, es war Gottlob nicht das letzte Mal. Clemens Podewils wurde nach dem Krieg für ein gutes Vierteljahrhundert Generalsekretär der eben erst gegründeten Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren Glanzzeit eben dieses Vierteljahrhundert werden sollte, nicht zuletzt aufgrund der ihm zu verdankenden Impulse und seiner zwischen den sehr unterschiedlichen Mitgliedern vermittelnden Behutsamkeit. „Behutsam kämpfen“ stand jüngst über der Ilse Aichinger gewidmeten Todesanzeige des Fischer-Verlags. Dieses Motto passt sehr gut auch zur Akademie-Tätigkeit von Clemens Podewils, des engen Freundes des Ehepaars Günter Eich und Ilse Aichinger. Aber sein eigentlicher Beruf war der eines Dichters. Barbara von Wulffen ist jedoch nicht nur von Vatersseite vorbelastet. Als wir mit den Podewils-Mädchen im Park des böhmischen Schlosses spielten, hatte die Mutter vor kurzem ihren ersten Roman im Fischer-Verlag herausgebracht. Nach der Vertreibung im April 1945 fand sie mit den Töchtern in Haarsee nahe dem oberbayerischen Weilheim, wo Sophie Dorothee Podewils aufgewachsen war, eine bescheidene Bleibe. 1948 erschien bei Suhrkamp ein zweiter Roman.

Das Talent war Bärbel also in die Wiege gelegt. Nach einem Biologie- und Germanistikstudium, das sie, bereits verheiratet, mit einer Dissertation über Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ abschloss, hatte die Mutter von vier Kindern verhältnismäßig spät zu schreiben begonnen: zunächst unzählige Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern für die Süddeutsche Zeitung, dann ein aus der intensiven Aneignung ihrer Mutterrolle geschöpftes erstes Buch. „Zwischen Glück und Getto“ (1980) behandelt das Thema der Familie im genauen Gegensinn zum heftigen Wogengang der Zeittendenzen. Nicht nur der natürliche Landschaftsschutz lag ihr am Herzen, sondern auch der eines gefährdeten kulturellen Territoriums wie der Familie. Sie hatte freilich längst in Zeitungen und Zeitschriften eine Reihe von Landschaftsbildern publiziert. Aus ihnen ging 1985 das schöne und wichtige Buch „Lichtwende“ hervor. Die fundierte Biologin, die, wie ich bezeugen kann, schon als Kind eine geschwisterliche Nähe zu ihren pflanzlichen und animalischen Mitgeschöpfen entwickelt hat, sieht die Natur im Licht einer verhängnisvollen Gefährdung und damit im Gegenlicht zum eingleisigen Denken einer im Dienst des technischen Eroberungswillens stehenden Naturwissenschaft, vor dem die Phänomene in Funktionsweisen und Kausalketten zergehen. Das Buch lehrt, dass Namen etwas ganz anderes sind als Begriffe, weil Namen die Dinge ins Licht der Erkenntnis treten lassen, ohne sie auf bloße Mechanismen und Informationsträger zu reduzieren.

 

II.

 

Wohin Barbara von Wulffen uns in diesen und ihren anderen Büchern auch führt – ich nenne neben den schon erwähnten „Urnen voll Honig“ (1989) den Roman „Maureen“ (1993), der um ein irisches Farmerehepaar gruppierte Geschichten erzählt, und das wunderbare Buch „Von Nachtigallen und Grasmücken. Über das irdische Vergnügen an Vogelkunde und Biologie“ (2001); auf Sommerwiesen, in Wälder, in Moorlandschaften, ins Wattenmeer, in ein versinkendes Irland und ein versunkenes Böhmen, vor allem und immer wieder ins Königreich der Vögel – sie ist vorher dagewesen, hat sich an Ort und Stelle kundig gemacht. Ihr staunenswertes Detailwissen steht im Dienst der Namengebung; sie weiß die Dinge beim Namen zu nennen.

„Kindergeburtstag“ heißt ein Anderthalb-Seiten-Kapitel in „Urnen voll Honig“ – für mich das schönste, das Barbara von Wulffen geschrieben hat. Ein Augusttag mitten im Krieg. „Vielleicht hat nur ein- oder zweimal an diesem Tag die Sonne geschienen. Das spielt keine Rolle. Es ist ein Tag der Fülle, eine Zeitquelle. Das zahme Lamm kommt gesprungen und knabbert von meinem Salat. Ich bekomme dies eine Mal als erste serviert. Das Lamm wird nach dem Essen hinter mir die Stiege zum Kinderzimmer hinaufpoltern. Hinunter müssen wir es tragen. Die Erwachsenen haben nichts dagegen. Nicht am 10. August. […] An einem solchen Augusttag sammelt sich Zuversicht, ohne dass ein Kind es merkt. Es weiß gar nicht, dass gerade dieser eine Geburtstag in sein Gedächtnis schwebt, so sachte wie Mittagslicht eine Familie umspielt, die im Freien beisammensitzt und ein besonderes Mahl verzehrt, ein flüchtiges, unwiederbringliches Sommersonnenmahl, umringt vom Grauen eines auf sein verlorenes Ende zustürmenden Krieges.“

Nehmen wir an, es war der 10. August 1944, wenige Monate vor der Vertreibung der Familie, vor der Flucht nach Oberbayern. Barbara von Wulffens achter Geburtstag. Seitdem waren am 10. August dieses Jahres zweiundsiebzig Sommer vergangen. Ich betrachte diesen Abend auch als die Nachfeier zu einem runden Geburtstag.

Das jüngste Buch wird demnächst erscheinen. Es geht um eine höchst außergewöhnliche Dame, Muska von Nagel, die mit dem muslimisch-dagestanischen, in Schwabing lebenden Exilmaler Halil Mussayassul verheiratet war und als Witwe Benediktinerin in Connecticut war. Im anschließenden Gespräch soll von diesem Buch noch die Rede sein.

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