Ein Feiertag für Eucharistie?

Neutestamentliche Gedanken zum Fronleichnamsfest

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Im Thema dieses Vortrags knirscht es etwas: das Neue Testament und das Fronleichnamsfest. Beides geht nicht leicht zusammen: das 1. Jahrhundert und ein Fest, das aus dem 13. Jahrhundert stammt, das auf die Vision der Augustinernonne Juliana von Lüttich zurückgeht und von Papst Urban IV. zum allgemeinen kirchlichen Fest erhoben wurde. Dazwischen liegt viel Zeit, liegen Jahrhunderte an Frömmigkeitsgeschichte, Entwicklungen, Weichenstellungen und Wendepunkte. Es ist ein enorm großer Sprung über einen garstig breiten Graben: vom Neuen Testament zum Fronleichnamsfest.

In der Vorbereitung aber habe ich diesen Sprung als sehr facettenreich erlebt. Es ist so spannend wie aufschlussreich, das Fronleichnamsfest einmal aus der Zeit des Neuen Testaments heraus zu betrachten – wie mit einem Fernglas, das über Jahrhunderte reicht. Was sich daraus ergab, sind sechs kurze Gedanken aus der Entstehungszeit des Christentums, die ich um dieses Fest aus der Hochzeit des Mittelalters winden möchte; sechs kurze Gedanken – manchmal wie Girlanden, zum Schmuck und zur Verdeutlichung, manchmal aber auch wie Bleigewichte, um für Bodenhaftung zu sorgen, damit nichts abhebt.

 

I.

 

Prozessionen prägen Fronleichnam. Auch die frühen Christen kannten Prozessionen, aber nur als Zuschauer und Außenseiter. Sie verfolgen die Prozessionen zu Ehren der römischen Götter, bei Festen und organisierten Spielen zu Ehren des Kaisers. Aber in die Huldigung der Götter, in die Jubelrufe für den Kaiser können sie nicht einstimmen. Sie bleiben abseits und stehen am Rand. Sie treffen sich in Hauskirchen. Sie laufen nicht mit. Sie verehren ja einen anderen „dominus et deus noster“.

Die Zeiten haben sich geändert. Die frühen Christen wären sehr erstaunt. Plötzlich marschieren wir in aller Öffentlichkeit! Wir haben noch staatliche Feiertage, genießen Schutz und Förderung. Wir treten in der Öffentlichkeit auf. Bei aller Freude über die damit verbundenen Chancen, die Leichtigkeit und das Polster, ob nicht die Autoren des Neuen Testaments die Stirn runzeln und uns an ein urchristliche Existenzial erinnern würden? Ich denke an jenes Selbstverständnis, das breitflächig im Neuen Testament – von Jesu (Lk 10,20), über Paulus (Phil 3,20) bis zum Hebräerbrief (Hebr 13,14) – bezeugt ist: Bedenkt, bei aller Öffentlichkeit, dass ihr Fremdlinge seid, Pilger, die ihre eigentliche Heimat im Himmel, aber hier auf Erden keine Bleibeperspektive haben.

Aus dieser Warte des Neuen Testaments heraus müssten Fronleichnamsprozessionen immer auch einer etwas scheuen und tastenden Pilgerreise gleichen und keiner Inbesitznahme, einem Durchzug und keinem Bad, einem Marsch von Gastarbeitern und nicht von Großgrundbesitzern. „Es ist gerade die versprochene Heimat“, so formulierte Dorothee Sölle einmal, „die heimatlos macht.“ Die Fronleichnamsprozession bildet einen Pilgerweg ab. Die Eucharistie tragen wir als Wegzehrung mit uns.

 

II.

 

Die Zeit, in der das Neue Testament aufwächst, ist eine Zeit der Denkmäler und der Triumphzeichen. Die Domus Aurea, der Titusbogen und das Amphitheater der Flavier in Rom, Postamente und Kultstätten in den Provinzen, ob in Ephesus oder Pergamon: Götter werden kultisch verehrt, Feldherrn gefeiert und Kaiser mit Kunstwerken bedacht. Man schreitet auf dem Forum Romanum über die Via Sacra nach Feldzügen und Eroberungen, treibt die Gefangenen vor sich her, stellt die Beute zur Schau und verewigt sich in Denkmälern.

Wie anders ist dagegen dieses Denkmal Jesu! Was zeigt Fronleichnam? Ein Stück Brot. Den Schauder und die Bestürzung darüber sollte man nicht verlernen und auch nicht gleich vergolden oder mit Brokat bedecken. Es ist doch ein Denkmal ganz anderer Art, das in der Mitte des Fronleichnamsfestes steht. Die einen setzten sich ein Denkmal, weil sie siegten und andere dafür draufgehen ließen. Hier wird einer gefeiert, der sich für andere verzehren und aufreiben ließ! Dieser Tag, das Brot in der Mitte, feiert eine gänzlich andere Logik, eine andere Denke und einen anderen Lebensstil: nicht Selbstverwirklichung und Ellbogen, nicht brachiale Gewalt und Durchsetzungsvermögen. Fronleichnam setzt dem eucharistischen Brot ein Denkmal und damit einer Liebe, von der du leben kannst, die nicht auf sich, sondern auf andere schaut, von der du dir förmlich ein Stück abbeißen kannst.

 

III.

 

An Fronleichnam tragen wir die Eucharistie, den Herrn durch die Straßen. Doch von den neutestamentlichen Evangelien her gedacht, geht das nicht, gibt es das nicht: Christus muss nicht geführt und nicht getragen werden. Er trägt uns. Er führt uns. Mit dem Osterevangelium formuliert: „Er geht euch voraus.“ (Mk 16,7) Er beruft in die Nachfolge. Er bahnt den Weg und ist der Anführer des Glaubens (Hebr 12,2). Als Petrus ihm einmal vorausgehen, ihn in eine andere Richtung, weg vom Kreuz drängen will, weist ihn Jesus wieder ein: „Hinter mich!“ (Mk 8,33) In den Fußspuren Jesu ist der Weg des Jüngers.

So müsste man Fronleichnam im Licht des Neuen Testaments verstehen: Nicht wir tragen ihn, sondern er führt uns hinaus aus dem Fanum, dem Heiligtum, ins Profane! Er, der zeit seines Lebens unterwegs war, reißt an Fronleichnam die Kirchentüren auf und zeigt uns die Welt draußen: die Härten, die Umrisse, den Staub der Straßen und die Leidensgeschichten hinter den Türen. Diese frische Luft tut einer Gemeinde gut. Wenigstens einmal im Jahr ruft uns die Liturgie nicht zentripetal zusammen, sondern greift sie zentrifugal aus. Fronleichnam ist ein Wegweiser, der von den Elfenbeintürmen und Museen weg und hinaus ins Leben zeigt. Fronleichnam ruft in die Nachfolge eines Herrn, der unter freiem Himmel Mensch wurde.

 

IV.

 

Das Neue Testament betont stets, dass die Eucharistie kein abgeschlossenes Ereignis, keine nur ästhetische Inszenierung ist. Eucharistie und Diakonie, die Feier des Herrenmahls und das soziale Leben der Gemeinde gehören zusammen. So hat auch Fronleichnam die sozialen, ethischen, pastoralen und ekklesialen Implikationen dessen zu bedenken, was wir feiern.

Sehr deutlich unterstreicht dies das Johannesevangelium. Anstelle eines Berichts über das letzte Abendmahl wird von der Fußwaschung erzählt und damit die Kehrseite ein und derselben Medaille beleuchtet. „Mein Leib für euch“ (1 Kor 11,24) übersetzt das Johannesevangelium mit dem Satz: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15) Da ist dieses eindrückliche Portrait von der Urgemeinde in der Apostelgeschichte. Die Christen feiern das Herrenmahl und brechen das Brot (Apg 2,42). Sie teilen miteinander (Apg 2,44-45; 4,32-35), aber auch mit den Armen (Apg 6,1-7). Da ist dieser scharfe Vorwurf von Paulus an die korinthische Gemeinde: „Was ihr bei euren Zusammenkünften tut, ist keine Feier des Herrenmahls mehr!“ (1 Kor 11,20) Es geht nicht an, der Hingabe Jesu zu gedenken und sich gleichzeitig selbstsüchtig und asozial zu verhalten (1 Kor 11,21-22). Eucharistie und Leben, die Feier des Herrenmahls und die soziale Praxis bilden eine untrennbare Einheit.

Fronleichnam zeigt mir den „Hall-Raum“ der Eucharistie: Welt und Leben, Straßen und Plätze. Dort seid oder werdet, was ihr empfangt: Leib Christi. Die Ostkirche nennt die Diakonie „die Liturgie nach der Liturgie“. Fronleichnam könnte eine Brücke sein von einer Liturgie zur anderen, von der Eucharistie zur Diakonie. Fronleichnam zeigt uns die Welt und erinnert uns an die Pflicht, in die uns die Eucharistie nimmt.

 

V.

 

Wenn im Neuen Testament von der Eucharistie die Rede ist, ist das Thema der Einheit nie weit entfernt. Das älteste schriftliche Zeugnis zum letzten Abendmahl Jesu (1 Kor 11,23-26) ist uns wohl nur deshalb überliefert, weil es gerade an der Einheit der Gemeinde von Korinth haperte. Angesichts von Parteiungen und Streit erinnert Paulus an die Einheit, zu der die Feier des Herrenmahls die Christen führen soll: „Ein Brot ist es, darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10,17) Aber auch das letzte Abendmahl Jesu ist vom Gedanken an die Einheit durchdrungen. Eigens wird erwähnt, dass die Zwölf zu Tisch sitzen (Mk 14,17). Sie repräsentieren das geeinte Stämmevolk und das Anliegen Jesu, zusammenzuführen, was sich getrennt hat. Im Zeichen der Einheit stehen auch alle Mahlgemeinschaften, die das gesamte Leben Jesu prägen. Die Zeitgenossen nehmen diese Tischgemeinschaften geradezu als Alleinstellungsmerkmal Jesu wahr, an dem sich die Geister scheiden: „Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!“ (Lk 15,2) Im Mahl stiftet Jesus Einheit. Er führt Menschen zusammen –unterschiedlichste Menschen: Sünder, Zöllner, hungerleidende Habenichtse und Nachteulen aller Art.

Wichtig scheint mir dabei: Die Einheit ist nicht die Voraussetzung für das Mahl, nicht das Eintrittsticket, keine Zulassungsbedingung. In Korinth wären ja nicht mehr viele am Tisch gesessen, wenn die Einheit wirklich die Voraussetzung für das Mahl gewesen wäre. Auch im Abendmahlssaal streiten die Jünger noch ganz einheitslos über Wichtigkeit und Größe und Prominenz (Lk 22,24). Die Einheit ist nicht die Voraussetzung für das Mahl. Das Mahl ist Nahrung für die Einheit, das Fundament und der Baustoff der Einheit. Oder anders: Die Einheit ist die erhoffte Wirkung des Mahls.

Ob wir diese einheitsstiftende Funktion und Dimension der Eucharistie wohl auch verstanden haben? Das Neue Testament denkt nicht so sehr über Zulassungsbedingungen nach. Es ist an den Folgen und Wirkungen interessiert. Die Konsequenzen, die sich aus dem Mahl ergeben, können unwürdig sein: wenn die Eucharistie nicht zu einer sozialen Umgangsform führt; wenn das Mahl der Einheit die Teilnehmer nicht zusammenschweißt; wenn nach dem Mahl noch Mauern bleiben, die der Gastgeber mit dem Mahl eigentlich niederreißen wollte. Die Folgen und Wirkungen sollten uns sehr interessieren! Die Auswahl der Gäste ist nicht unsere vorrangige Aufgabe. Das Mahl an sich ist gratis, gnadenhaft. Der Preis für das Mahl ist schon bezahlt. Der Gastgeber hat das so entschieden – er, der Freund der Zöllner und Sünder.

 

VI.

 

In den Schriften des Neuen Testament wird die Eucharistie von verschiedenen Seiten beleuchtet: von der Opferpraxis und dem Opfergedanken her im Hebräerbrief, in sozialer Hinsicht in der Apostelgeschichte, in gruppenbildender Hinsicht im 1. Korintherbrief oder als Zusammenfassung von Wesen, Sendung und Botschaft Jesu in den Evangelien. Gleichzeitig buchstabieren verschiedene Gattungen und Erzählformen die Bedeutung und den Facettenreichtum der Eucharistie aus: die Ich-bin-Worte Jesu (Joh 6,35.51), die Wundererzählungen der Brotvermehrung (Mk 6,35-44; Joh 6,1-14) oder die österlichen Mahlszenen am See von Tiberias (Joh 21,1-14) und im Haus des Kleopas in Emmaus (Lk 24,13-35). Die Eucharistie ist kein Thema unter „ferner liefen“. Die Vielzahl der Aussagen und der Erzählformen unterstreicht die Bedeutung und den Inhaltsreichtum des Themas.

Fronleichnam: ein Feiertag für Eucharistie! Das neutestamentliche Herz macht einen Freudensprung. Endlich ist – einen ganzen Feiertag lang – Zeit, um diesem zentralen Thema der neutestamentlichen Überlieferung nachzugehen. Endlich ist Zeit zum Nachdenken, zum Nachfragen und zur Besinnung. Sicherlich ist die Eucharistie auch sonst Thema: Täglich, an den 52 Sonntagen des Jahres und an den Hochfesten feiern wir Eucharistie. Aber Fronleichnam könnte eine eigene Gelegenheit sein, eine chancenreiche Tabula rasa, ein Fest nur für dieses Zentraldatum des Neuen Testaments.

Noch dazu stehen Wirtschaft und Kommerz diesem Fest hilflos gegenüber: keine Geschenke, kein Drumherum in den Kaufhäusern, keine andere Etikette oder Überfrachtung. Einfach nur ein Feiertag für die Eucharistie. Fronleichnam liefert optimale Startbedingungen. Wenn uns das gelänge, diesen Tag inhaltlich zu füllen und als Grundkurs des Christseins zu begreifen, wir würden eine kräftige Melodie im Neuen Testament zum Klingen bringen. Der heutige Abend und die Communio hier in der Akademie sind zu dieser Melodie ein so wundervoller wie passender Akkord.

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