The new Bible translation

A long process towards the new Bible version

As part of the event "New Bible translation", 12.01.2017

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Florian Schuller: Frau Professor Gielen, Sie waren als Neutestamentlerin auch Mitglied der Kommission. Wenn Sie jetzt auf das Ergebnis schauen: Worüber freuen Sie sich besonders, und was bedauern Sie besonders?

 

Marlis Gielen: Es gab ja zwei Leitlinien. Es sollte keine völlig neue Übersetzung erarbeitet werden, man sollte durchaus die Einheitsübersetzung als Einheitsübersetzung wiedererkennen können. Andererseits aber sollte doch wieder der biblische Sprachklang stärker zum Vorschein kommen, soweit wir den eben in unsere Muttersprache übersetzen können. Insgesamt ist das ganz gut gelungen.

 

Florian Schuller: Was hätten Sie gern anders gehabt?

 

Marlis Gielen: Zum Beispiel die konkordante Übersetzung, also die einheitliche Übersetzung von bestimmten Wortgruppen, Begriffsfeldern, wurde nicht immer konsequent durchgehalten. Das liegt aber zum Teil auch daran, dass eben unterschiedliche Kollegen und Kolleginnen an den einzelnen Texten gearbeitet haben.

 

Florian Schuller: Fridolin Stier hat das ja in seiner Übersetzung ganz konsequent durchgehalten. Das gleiche griechische Wort wird durchgehend mit dem gleichen deutschen Begriff wiedergegeben.

 

Marlis Gielen: Ja. Ein Beispiel in den Paulusbriefen wäre das Wortfeld von Mühe oder sich abmühen, was Paulus regelmäßig verwendet, wenn es um die Evangeliumsverkündigung geht, mit allem, was an Belastungen damit verbunden ist. Und das wurde eben nicht einheitlich durchgehalten, obwohl, Gott sei Dank, im Ersten Thessalonicherbrief im Proömium die „Opferbereitschaft der Liebe“ dann doch zur „Mühe der Liebe“ geworden ist. Das hat mich dann wieder gefreut.

 

Florian Schuller: Professor Levin, Sie waren Mitglied im Lenkungsausschuss der sogenannten „Septuaginta“, der Gruppe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der heiligen Zahl 70. Haben Sie ab und zu hinübergespitzelt zur ökumenischen Konkurrenz, zur katholischen Revision? 1984 bei der damaligen Luther-Revision war ja Professor Schnackenburg dabei und hatte eine Art Gastrecht und Rederecht in Ihren Gremien.

 

Christoph Levin: Wir hatten einen ganz wichtigen Verbindungsmann zwischen den beiden Projekten. Das war Bischof Wanke. Und auch das hat unsere beiden Projekte eng verbunden: Beide Leitungsleute waren Thüringer Bischöfe, auf evangelischer Seite Landesbischof i.R. Christoph Kähler. Bis hin zu den Terminen der öffentlichen Präsentation im Herbst 2016 gab es Parallelen. Manchmal denke ich, der Heilige Geist hat da irgendwas im Schilde geführt. Ich sage gerne, die Durchsicht der Einheitsübersetzung ist ein wichtiger Beitrag der katholischen Kirche zum Reformationsjubiläum.

Evangelischerseits war die Verbindung der Durchsicht der Luther-Bibel mit dem Reformationsjubiläum überhaupt nicht vorgesehen. Das hat sich nachträglich so ergeben, und wir benutzen jetzt dieses Label „Luther 2017“, auch weil wir der Meinung sind, von dem Rummel, der sich in diesem Jahr abspielen wird, wird die Durchsicht der Übersetzung vielleicht doch 30, 40 Jahre Bestand haben. Vieles andere wird man abhaken und wieder vergessen.

Nochmals zu Ihrer Frage: Bischof Wanke hat uns heimlich, still und leise ein Vorabexemplar zugeleitet. Das Endergebnis der Einheitsübersetzung ist dann noch einmal etwas anders ausgefallen als das Exemplar, das wir hatten. Aber wir haben immer verglichen. Unsere gesamte Arbeit geschah anhand einer elektronisch hergestellten Vorlage. Darauf waren nicht nur der Urtext und der Luthertext letzter Hand von 1545 wiedergegeben sowie der Luthertext von 1912 und der Luthertext von 1984, sondern immer auch die Zürcher Bibel von 2007 und die Einheitsübersetzung. Im Vergleich haben wir manchmal, wenn ich das sagen darf, ein bisschen die Wörtlichkeit der neuen Einheitsübersetzung bedauert. Man hat an manchen Stellen sehr auf Wörtlichkeit geachtet und etwas weniger auf Verständlichkeit.

 

Florian Schuller: Herr Bischof Wanke, über welchen Text wurde am längsten gerungen, weil es da die größten Differenzen gab?

 

Joachim Wanke: Vielleicht war das Hebräer 11,2, die Definition des Glaubens. Die Stelle hat philosophischen Hintergrund, und da haben wir uns sehr schwer getan. „Glaube aber ist Grundlage“ – „hypostasis“ steht da – „dessen, was man erhofft“. Und dann hatten wir zunächst übersetzt: „Beweis von Tatsachen, die man nicht sieht“. Freilich: Beim Begriff Beweis, da denken alle heute an naturwissenschaftliche Beweise. Deshalb heißt es jetzt (in Übernahme eines Vorschlags von Knut Backhaus): „Ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“. Das ging hin und her in mehreren Sitzungen. Man merkte, wie schwer es ist, alte Texte, deren Wortbedeutung einem nicht vertraut ist, heute adäquat zu übersetzen. Das tröstet! Wenn man heutige Texte in hundert, zweihundert Jahren lesen wird, wird das wohl ähnlich sein.

 

Florian Schuller: Und wo gab es die überraschendste schnelle Einigung, mit der Sie gar nicht gerechnet hatten?

 

Joachim Wanke: Die Sache mit den „Brüdern und Schwestern“, wie jetzt bei appellativen Textpassagen, besonders in Briefen, übersetzt wird. Frau Gielen hat da auch sehr mitgeholfen. Wir sollten zwischen Text und Hörer keine künstlichen Hindernisse aufbauen. Das wäre schade! Es gibt Texte, wo vermutlich das griechische Wort nur die Brüder meint. Das ist manchmal schwer zu entscheiden. Die alte Gesellschaft war eben eine männerdominierte Gesellschaft. Aber der biblische Text ist Gottes Wort, er soll unser Herz berühren und verwandeln, und da sind alle angesprochen. Das meint auch der Apostel, wenn er zur Umkehr mahnt oder uns als Christenmenschen andere Dinge ans Herz legt.

 

Florian Schuller: Sind die Ziele erreicht worden, die mit der Revision angepeilt waren, sowohl für Luther wie für Einheitsübersetzung, über das hinaus, was Sie, Herr Bischof, schon gesagt haben?

 

Christoph Levin: Das Besondere der Luther-Bibel ist, dass Sie ein halbes Jahrtausend alt ist und die Basis der deutschsprachigen Literaturgeschichte bildet. Wir hatten es mit einem Klassiker zu tun, mit dem wir nicht einfach machen konnten, was wir wollten. Das war unser Bedenken, aber natürlich auch unser großes Pfund, mit dem wir gewuchert haben. Diese Bibelübersetzung hat eine ganz enorme Wirkungsgeschichte. Im letzten halben Jahrhundert ist diese Wirkung vielleicht ein wenig abgebrochen, aber insgesamt ist sie nach wie vor stark. Deshalb war unsere Arbeit zu einem erheblichen Teil auch die Kontrolle der bisherigen Revisionen. Wir haben nicht wenig rückrevidiert. Dabei war die Entdeckung, dass die Revisionsgeschichte zum Teil auch eine Entfernung vom Urtext bedeutet hat. Luther war in vielen Dingen näher am Urtext, und gerade die Neutestamentler haben immer wieder gemerkt, wenn sie mit durchaus kühnen Vorschlägen kamen: Das sieht ja Luther genauso. So ist tatsächlich die neue Lutherbibel zu einem erheblichen Teil wieder die alte Lutherbibel geworden. Wir haben umgekehrt im Blick auf die Textgestalt und unsere neuen Einsichten in die Textgeschichte auch sehr viel modernisiert, aber gleichzeitig Luther restituiert in seiner Sprachmusikalität und Sprachkraft.

 

Florian Schuller: Dafür stehen dann auch solche altertümliche Redewendungen wie „es ward“ oder „darum, dass“.

 

Christoph Levin: Ein klassischer Text ist die Weihnachtsgeschichte. Die Fassung von 1984 war eine Art Bastard. Man hatte zum Beispiel stehen lassen: „mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger“, eine der wenigen Stellen, wo das „Weib“ überhaupt noch vorkam. Aber man hat gleichzeitig die Partikeln verändert und damit den Rhythmus. Jetzt haben wir wieder „darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war“, oder „ein jeglicher in seine Stadt“. Wir haben das nicht durchgängig so gemacht, sonst hätten wir einen archaischen Sprachklang erzeugt, der befremdlich gewesen wäre. Aber bei bestimmten klassischen Texten wie eben der Weihnachtsgeschichte oder den Passionen oder den Psalmen, Texten, die in der Musikgeschichte eine enorme Wirkung gehabt haben, da haben wir uns sehr genau auf den alten Luther konzentriert und ihn restituiert, wenn es einigermaßen machbar war.

 

Florian Schuller: Johann Sebastian Bach wird sich freuen, dass er seinen Text wiederfindet.

 

Christoph Levin: Ja, aber auch Heinrich Schütz oder Johannes Brahms. Oder auch Thomas Mann.

 

Florian Schuller: Frau Professor Gielen, Ihre Einschätzung der Einheitsübersetzung.

 

Marlis Gielen: Bischof Wanke hat schon das Zentrale gesagt. Es gab das Bemühen, keine neue Übersetzung zu machen, gleichzeitig aber wieder dem ursprünglichen Wortlaut mehr Raum einzuräumen. Ich denke, es ist gelungen, gerade auch in den Psalmen. Ich habe mir meine Lieblings-Psalmen angesehen und festgestellt, man horcht wirklich auf. Da findet man immer wieder neue Formulierungen, die den Text plastischer, griffiger machen. Das ist sehr schön, gerade auch, weil es Gebetstexte sind. Insgesamt ist ein relativ guter Ausgleich gelungen.

 

Florian Schuller: Herr Bischof Wanke, Jesus hat keine „Wunder“ mehr gewirkt, sondern er wirkte „Machttaten“. Gab das große Diskussionen?

 

Joachim Wanke: Nein. „Wunder“ ist bei uns besetzt durch den modernen Sprachgebrauch als Magie, als Mirakel, und das hätte heute sofort ein falsches Verständnis bei den Hörern und Hörerinnen hervorgerufen. „Machttaten“ ist auch sachgerechter im Blick darauf, was im Griechischen steht.

Es gibt Kleinigkeiten am Rande. David ist nicht mehr ein blonder Jüngling gewesen, sondern hat rötliche Haare gehabt; das wird manche germanisierende David-Darstellungen ein bisschen zurechtrücken. Das ist aber nicht das Wesentliche. Ich möchte einmal ein Beispiel nennen für eine theologische, wichtige Sache, die sehr zentrale Stelle in Jeremia 31,33, die Verheißung des neuen Bundes. Wir übersetzen jetzt: „Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben … und werde sie … in ihr Herz schreiben“. Gott ist nicht nur zukünftig am Handeln, sondern in diesem Jeremia-Text steht, „er hat schon“ seinen Bund, seine Verheißung in die Herzen gelegt. Das macht zum Beispiel die Reich Gottes-Botschaft Jesu verständlicher. Das Reich Gottes ist schon geheimnisvoll in unserer Mitte, weil Gott schon gehandelt hat, und sein Reich, das im Evangelium angekündigt wird, nicht nur eine zukünftige Gabe meint.

 

Christoph Levin: Da kann man auch anderer Meinung sein.

 

Joachim Wanke: Ja, ja. Also, ich muss den Fachleuten vertrauen.

 

Christoph Levin: Ich lese hier ein Perfektum propheticum und nehme beide Seiten dieses Parallelismus futurisch, als Verheißungstext. Aber Sie berühren da einen großen Kummer von mir, denn ich selber hatte Jeremia durchzusehen und an dieser Stelle etwas übersehen: Luther hat nämlich die Bundesformel umgedreht und gesagt, „ich will mein Gesetz in euer Herz geben, und ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.“ Aber im hebräischen Text ist es genau umgekehrt, „ich will mein Gesetz in euer Herz geben und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“, und das ist ein entscheidender Unterschied.

 

Florian Schuller: Da bekommen wir jetzt lebhaft mit, wie das damals gelaufen ist in all den Sitzungen.

 

Joachim Wanke: Ja, manchmal gab es auch nur kleine Änderungen, etwa in Johannes 1,17. Im Johannesevangelium kommt bekanntlich Simon von Cyrene nicht vor. Jesus trägt, wie wir jetzt in Anlehnung an den Urtext übersetzen, „selbst“ das Kreuz. Da kommt die ganze johanneische hoheitliche Christologie zum Leuchten.

 

Florian Schuller: Und das Wort „selbst“ stand in der früheren Einheitsübersetzung nicht.

 

Joachim Wanke: Das sind kleine Zeichen, die in den Evangelien eine kohärente Christus-Deutung erkennen lassen. Und um diese geht es ja in Predigt und Verkündigung. Schwierig sind die alttestamentlichen Zitate. Die neutestamentlichen Autoren zitieren die Septuaginta, also den griechischen Text.

 

Christoph Levin: Meistens, ja…

 

Joachim Wanke: … und deshalb kann man nicht einfach die Psalmen nehmen und dann danach die neutestamentlichen Psalmenzitate korrigieren. Man muss sehr genau hinsehen, welche Fassungen genutzt werden. Das bringt dann das Profil der neutestamentlichen Schriften zum Leuchten. Also, ich denke schon, Genauigkeit, soweit es menschenmöglich ist. Wie gesagt, die nächste Revision, Herr Levin, kommt. So manches ist trotz aller Sorgfalt übersehen worden.

 

Christoph Levin: Ich habe auch schon eine Liste.

 

Joachim Wanke: Wenn es gestattet ist, ich möchte doch noch einmal fragen, Herr Levin: Luther in allen Ehren, auch die unbestreitbare Bedeutung für die deutsche Literatur und Entwicklung unserer Sprache. Aber muss man Luther festschreiben? Das ist doch auch eine theologische Frage. Ich nenne einmal die bekannte Übersetzung Luthers in Römer 3,28: „allein aus Glaube (wird der Mensch gerecht)“. Das „allein“ ist Interpretament Luthers. In seinem Verständnis eben Ablehnung der Werkegerechtigkeit, wie immer das verstanden war damals. Aber könnte es nicht sein, dass der Dank des Gerechtfertigten zum Vorgang der Rechtfertigung hinzugehört? Die alte Übersetzung zementiert einen konfessionellen Gegensatz, der heute noch in den Köpfen gerade einfacher Christenmenschen vorhanden ist. Wir haben dies gottlob in den neueren Gesprächen und theologischen Vereinbarungen überwunden.

Man wird die herkömmliche Übersetzung dort stehenlassen, wo sie etwa in der musischen Tradition Bedeutung hat. Aber dort, wo es auf das gemeinsame rechte Verständnis des Evangeliums ankommt: Sollte man da nicht mutig Korrekturen zulassen? Das ist eine heikle Frage.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern diesen Wunsch äußern: Es wäre ein gutes Zeichen ökumenischer Verbundenheit, wenn wir uns gegenseitig mit diesen beiden revidierten Bibelfassungen bei ökumenischen Veranstaltungen, speziell bei Gottesdiensten, gleichberechtigt anerkennen würden. Es kam ja seinerzeit leider zu keiner evangelischen Mitarbeit bei unserer Bibelrevision, was ich damals sehr bedauert hatte. Diese beidseitige Nutzung unserer revidierten Bibelausgaben könnte aber diesen Mangel sehr gut aufwiegen. Verstehen Sie mein Anliegen?

 

Christoph Levin: Ja, ja. Also, wir machen jetzt keinen heiligen Luther daraus, um es ganz deutlich zu sagen. Wir müssen aber anerkennen, dass es eine phantastische Übersetzung gewesen ist, nicht nur für die damalige Zeit, sondern auch noch für die Gegenwart. Die Sprachkraft, die Melodik der Lutherübersetzung ist so stark, dass man um sie einfach nicht herumkommt. Luther hat eben diese ganz erstaunliche Kraft gehabt. Dieser Rausch, in elf Wochen das Neue Testament zu übersetzen auf der Wartburg. Es hat dann eine lange Nacharbeit gekostet zusammen mit Melanchthon, bis das September-Testament 1522 fertig war. Sie haben immer im Team gearbeitet, und sie haben immer nachgearbeitet und revidiert. Das ist ja ein langer Prozess gewesen zwischen 1522 und 1546.

 

Joachim Wanke: Ich nenne noch ein anderes Beispiel. Dass Luther den Jakobusbrief an das Ende einordnet, und dass damit die alte vertraute Kanon-Anordnung nicht beibehalten wird, die die alte Kirche hatte, die die Orthodoxie hat, das ist eine dogmatische Entscheidung gewesen.

 

Christoph Levin: Das ist zweifellos so.

 

Joachim Wanke: Und die Behandlung der hellenistischen biblischen Schriften, die Pseudepigraphen, die für uns als Katholiken Bindeglieder sind zwischen den vorhellenistischen Traditionen und dem Neuen Testament. Das sind wichtige Problemstellungen. Es gibt also noch viel Material für künftige theologische Gespräche.

 

Christoph Levin: Das ist zweifellos so. Man kann die Entscheidung durchaus bedauern, die sogenannten Apokryphen aus dem Kanon in einen separaten Teil zu setzen. Das ist mehr Humanismus als Reformation gewesen. Für die 1534er Vollbibel hat man die Apokryphen in einem ziemlichen Galopp übersetzt. In dieser Zeit war Luther zum Teil schwer und lebensgefährlich erkrankt. Vieles in den sogenannten Apokryphen ist deshalb nicht von Luther selbst bearbeitet worden. Das merkt man an der Sprachgestalt. Das ist der erste Punkt. Der zweite ist, dass die Textgrundlage damals eine Mischung war aus Vulgata und Septuaginta. Das hat dazu geführt, dass wir die Apokryphen der Lutherbibel zuletzt überhaupt nicht mehr benutzt haben. Jetzt, in der Lutherbibel 2017, sind die Apokryphen zu einem erheblichen Teil neu übersetzt worden, und zwar auch mit einem Blick auf die „Septuaginta Deutsch“, die ja ein ökumenisches Unternehmen ist. In diesem Punkt findet also eine Konvergenz statt.

 

Joachim Wanke: Immer wieder taucht der Vorschlag auf, dass wir Christen uns vom Alten Testament trennen sollten. Wir wissen, das ist eine alte Diskussion schon seit Markion. Aber es ist wichtig, die gesamte, auch die hellenistische jüdische Tradition aufzubewahren. Da haben Menschen erzählend die Widrigkeiten ihrer Zeit im Glauben bewältigt. Diese Texte haben eine gewisse Würde, wenn auch die Kanonizität immer wieder umstritten war.

 

Christoph Levin: Ja. Aber bei Luther finden Sie sogar Äußerungen, dass die eigentliche Schrift das Alte Testament ist.

 

Joachim Wanke: Die Tora. Das ist schon wichtig festzuhalten, gegen alle, die vielleicht auch Luther diesbezüglich in Frage stellen wollen.

 

Marlis Gielen: Als ich mir jetzt die Lutherbibel 2017 angesehen habe, war mein erster Gedanke: Was machen mit diesen Texten zum Beispiel 14-Jährige, die zur Konfirmation gehen? Ich glaube, die tun sich schwer mit diesem Sprachduktus, oder auch andere Menschen. Aus meinem Schuldienst weiß ich, dass sich die Schülerinnen und Schüler zum Teil schon mit unserer Einheitsübersetzung schwer getan haben. Luther selbst hat doch gesagt, gerade im Zusammenhang mit der Bibelübersetzung, man muss dem Volk aufs Maul schauen.

 

Joachim Wanke: Dem erwachsenen Volk hat er da wohl gemeint.

 

Marlis Gielen: Ja, er gliedert das dann sogar auf in verschiedene Gruppen, damit die Menschen die Übersetzung auch verstehen. Bei aller Sprachgewalt Luthers, aber das Deutsch, das er mitgeprägt hat, gehört zu einer sehr vergangenen Zeit. Ich bin gespannt, wie die Übersetzung angenommen wird.

 

Christoph Levin: Ich übersetze gerade Exodus für ein anderes Bibelprojekt und habe die Einheitsübersetzung, die Lutherbibel und weitere Kommentarübersetzungen vor mir. Die Kommentarübersetzungen und die Lutherbibel konvergieren oft, weil Luther eng am hebräischen Text übersetzt. Das hat den Effekt, den Bischof Wanke eben auch schon angedeutet hat. Mit Wörtlichkeit lässt man die Vieldimensionalität des Textes eher zu Wort kommen, während, wenn man dynamisch, interpretierend übersetzt, dann verengt man zugleich das Verständnis. Luther ist oft sehr wörtlich; insofern ist er natürlich abständiger. Aber wir können mit der modernsten Übersetzung nicht ungeschehen machen, dass wir es mit einem Buch zu tun haben, das zweitausend bis zweieinhalbtausend Jahre alt ist, und diese ganz platte Vergegenwärtigung, das nehmen Ihnen auch Konfirmanden nicht ab.

 

Marlis Gielen: Da sind wir völlig einer Meinung. Das ist ja auch ein Anliegen der Revision der Einheitsübersetzung gewesen, genau diese fast paraphrasierenden Wiedergaben zurückzuführen. Aber Sie haben vorhin das Weihnachtsevangelium angesprochen, „darum, dass er aus dem Hause…“. Das sind Wendungen, die wir so gar nicht mehr kennen, die sehr altertümelnd wirken. Von Bach her natürlich wunderbar – wenn ich ihn kenne!

 

Christoph Levin: Es ist aber zugleich Gottes Wort, und das darf man in der Sprachart auch erkennen. Es ist nicht etwas, was wir uns im Alltag zusagen, sondern es kommt von einem Jenseits her. Das ist ein Text, der Transzendenz vergegenwärtigt. Man kann das bei Luther sehen. Wenn er seine normalen Schriften oder Polemiken oder Briefe schrieb, hatte er eine andere Sprache als bei der Bibelübersetzung. Es ist eine Sakralsprache, und das soll man auch merken. Die Übersetzung ist ja für den Gottesdienst gedacht, für das Verlesen. Deswegen ist sie auch so melodisch, so einprägsam, so rhythmisch. Wir haben ja andere Bibeln. Im Moment sind wir in der Deutschen Bibelgesellschaft dabei, die Basisbibel zu entwickeln. Die läuft nach ganz anderen Prinzipien, ist auch ein tolles Projekt. Das zeigt die Multidimensionalität in unserem Umgang mit der Bibel.

 

Joachim Wanke: Ich möchte mich ausdrücklich Professor Levin anschließen mit der Würdigung des eigenen Charakters des biblischen Textes. Ich warne davor, zu meinen, man müsse die Bibel so übersetzen, dass auch die Unmündigen alles schon verstehen. Es geht hier nicht um Sachverhalte, sondern um Christusbegegnung. Ich sage es mal ein bisschen polemisch. Wir sollten gewarnt sein durch die in jüngster Zeit gut gemeinte Pädagogisierung der Liturgie. Das hat mehr geschadet als geholfen. Nebenbei: Wir sollten wieder einmal Romano Guardini lesen. Auch diese Bibeln in einfacher Sprache, mit feministischer Sprache und so weiter – das sind alles gut gemeinte Versuche, die Bibel den Menschen heute nahe zu bringen. Aber man sollte sie in der untersten theologischen Schublade als gewisse Kuriosität belassen. Womit Kinder bei der biblischen Lektüre anfangen, das ist wichtig. Die müssen nicht mit einem Paulustext beginnen. Das ist doch genauso wie bei der sonstigen Hinführung zu großen Dingen für die Kinder in eine Welt, in die sie langsam hineinwachsen.

 

Marlis Gielen: Ich bin Neutestamentlerin, ich bin Biblikerin, ich bin nebenher auch Altphilologin. Das heißt, Sie rennen bei mir Scheunentore ein.

 

Florian Schuller: Offene Scheunentore.

 

Marlis Gielen: Offene, ja. Das ist ja gar keine Frage. Auch „die gute Nachricht“, die wir in den 1970er Jahren hatten, hat sich überlebt. Für die Revision der Einheitsübersetzung war ja eben die Vorgabe, einerseits das oftmals vom Stil der Siebziger Jahre Geprägte zurückzufahren, durchaus die Kanten des Bibeltextes spüren zu lassen, aber es gleichzeitig doch in einer gehobenen Alltagssprache unseres 21. Jahrhunderts zu tun. Darum geht es. Natürlich hat Luther ganz stark die Tradition der Kirchen der Reformation geprägt. Die sehen in Luther noch einmal eine ganz andere Referenzgröße; so etwas haben wir im katholischen Bereich nicht. Insofern sind wir vielleicht auch ein Stück weit freier.

 

Christoph Levin: Das kann man wohl sagen. Wir sind an dem Punkt tatsächlich empfindlich, weil die evangelische Kirche nicht vom Amt und von der Institution lebt, sondern sie lebt eher von der Frömmigkeit des Individuums, und die wird ganz stark durch die Bibel geprägt. Und daraus entstehen Traditionszusammenhänge, die gehen über viele Generationen. Die Art, wie Luther mit der Bibel umgegangen ist, war sehr pädagogisch. Das Wort Gottes war im Grunde das Sakrament, und das hat er zerlegt in Einzelteile. Man könnte fast sagen, er hat die Bibel verabreicht, wie man die Eucharistie verabreicht. Das führt auch dazu, dass einzelne Worte hervorgehoben werden. Evangelische Frömmigkeit lebt ganz stark von Bibelsprüchen.

 

Florian Schuller: Gerade das ist es, was mich stört bei der Luther-Übersetzung. Da definiere ich, der ich einzelne Sätze fett drucke, was wichtig und was weniger wichtig ist.

 

Christoph Levin: Ja, das ist aber so. In der Bibel gibt es ganz viele Dinge, die wichtig, und andere, die nicht so wichtig sind.

 

Florian Schuller: Aber wer entscheidet das? Das entscheidet doch der liebe Gott und nicht der, der die Bibel herausgibt.

 

Christoph Levin: Ohne Interpretation können wir sowieso nicht übersetzen. Entscheidungen fällen wir ständig.

 

Joachim Wanke: Ich meine, es ist durchaus legitim, in der Bibel Kerngedanken zu entdecken, die mich zum Ganzen führen. Mir fällt in dem Zusammenhang immer diese schöne „Wanderanekdote“ ein: Der berühmte Schauspieler, der abends leicht alkoholisiert auf die Bühne kommt und nicht in seine Rolle hineinfindet; die Souffleuse ruft ihm verzweifelt die Stichworte zu, bis er dann ärgerlich abwinkt und sagt: Bitte keine Einzelheiten, welches Stück? Die Bibel ruft nicht nach Buchhändlern, sie ruft nach Zeugen, und das ist der Christenmensch, für uns natürlich ganz wesentlich der in der Kirche und ihrer Glaubenstradition beheimatete Christ. Ich hätte mich übrigens gefreut, wenn ab und zu mal bei der Lutherübersetzung 2017 das Wort Kirche gebraucht worden wäre. Das wird immer noch gescheut; das deutet sich auch so ein konfessionell zementierter Gegensatz an.

 

Christoph Levin: Ja, Gemeinde. Wir denken von der Ortskirche her.

 

Joachim Wanke: Die Gemeinderomantik der letzten Jahrzehnte ist schon wieder etwas am Abbauen. Aber das nur nebenbei. Was ich meine ist der Anredecharakter dieser Texte. Die Bibel ist den Gläubigen anvertraut.

 

Christoph Levin: Da sind wir beieinander.

 

Joachim Wanke: Und die Gläubigen sind die Gemeinschaft der Kirche. Die sind das Subjekt der Hörenden. Das ist eine wichtige hermeneutische Aussage, die wir bei aller Bibellektüre bedenken müssen. Meine schlesische Mutter in ihrer einfachen Frömmigkeit hat viele Bibeltexte nicht gekannt. Aber sie hat das Wichtigste gekannt: Christus den Herrn, der uns rettet, der im Alten Testament uns von den Propheten vorherverkündet ist. Diese Einfachheit dürfen wir nicht geringschätzen. Das häppchenweise Verteilen von Bibeltexten bringt uns nicht weiter. Bibel ist „Beglaubigung“ eines vorhandenen Glaubens, eine Bekräftigung des vorgängigen Vertrauens auf den uns rettenden Herrn. Sie will „Christum treiben“, darin hat Luther schon Recht.

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