Schon sehr früh begann im Dominikanerorden (gegründet 1216) die Auseinandersetzung mit dem Islam. Raimund von Penyafort, der dritte Ordensmeister (+ 1275), gründete im 13. Jahrhundert in Toledo eine Sprachschule, an der Dominikaner Arabisch lernen sollten, um sich genauer mit dem Koran und den arabischen Quellen zu beschäftigen. Der Islam galt bei einigen Gelehrten des Mittelalters als eine christliche Häresie, die man mittels der Vernunft und mit Vernunftgründen widerlegen könne. Allerdings waren die Kenntnisse über den Islam und den Koran noch gering.
Diese These vertrat auch Thomas von Aquin (1223-1274). Seine „Summa contra gentiles“ kann auch als ein Versuch betrachtet werden, die Heiden (in diesem Fall die Muslime) von der Vernünftigkeit der christlichen Lehre zu überzeugen.
Diese lange Tradition der Beschäftigung des Ordens mit dem Islam hatte immer ihre Höhen und Tiefen. Schon früh zeigte sich, dass es in den christlich-islamischen Beziehungen nicht nur um theologische Probleme ging, sondern dass auch politische Interessen mitspielten und der „Dialog“ immer von der politischen „Wetterlage“ abhängig war.
Gemäß den Beschlüssen des Generalkapitels des Dominikanerordens aus dem Jahre 1986 in Avila gehört der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen zu einer wesentlichen Aufgabe des Ordens. Dort heißt es zur heutigen Mission des Ordens: „Der Dialog erfordert eine Grundhaltung des Hörens und ein Eingehen auf andere Kulturen, frei von jedem Kolonialismus, Imperialismus und Fanatismus.“
Die Dominikaner sind heute in vielen islamischen Ländern präsent zum Beispiel in Iran, im Irak und in Pakistan. Im Folgenden soll jedoch besonders die Präsenz in Kairo (Ägypten) und Istanbul (Türkei) in den Blick genommen werden, weil an beiden Ländern die Schwierigkeiten des interreligiösen Dialogs deutlich gemacht werden können. Trotz der Erfolge im Dialog scheinen im Moment die Schwierigkeiten zu überwiegen, ja, mancherorts scheint gar das Scheitern dieses Prozesses offenkundig zu sein.
Der Begriff des Dialogs ist nicht unproblematisch. Er impliziert ein Ergebnis, eine Lösung. Vielleicht wäre der Begriff „Begegnung“ besser. Gegenseitiges Kennenlernen, Respekt vor dem Glauben des anderen und Anerkenntnis der Differenz der Religionen. Eine Theologie der Differenz, die die Frage aufgreift, warum es verschiedene Religionen gibt, könnte dabei hilfreich sein.
Die schwierige Situation im Mittleren und Nahen Osten bedroht das christliche Leben in diesem Teil der Welt erheblich. Diese Situation ist nur in einer historischen Perspektive zu verstehen und vor diesem Hintergrund können mögliche Perspektiven für die Zukunft des interreligiösen Dialogs entwickelt werden, die sich nicht nur auf Europa richten.
Kairo
Die Anfänge der Dominikaner in Kairo waren zunächst gar nicht mit dem christlich-islamischen Dialog verbunden. Kairo wurde in gewisser Weise als Außenstelle der École Biblique, die 1890 von P. Marie-Jospeh Lagrange OP im Dominikanerkonvent St. Étienne in Jerusalem gegründet wurde, geplant, um die biblischen und archäologischen Studien auszuweiten. Der Gründer des Konvents in Kairo, Antonin Jaussen (1871-1962), war Professor für biblische Archäologie und hatte hervorragende geographische Kenntnisse. Er unterrichtete an der École Biblique in Jerusalem und führte mit seinen Schülern zahlreiche Exkursionen durch.
An seiner Person könnte man die nationalreligiöse Orientierung der Katholischen Kirche und der Orden vor und während des Ersten Weltkriegs deutlich machen. Aufgrund seiner geographischen Kenntnisse arbeite Jaussen im Ersten Weltkrieg für den französischen Geheimdienst. Er gab wertvolle Hinweise für die strategische Planung und erhielt einen hohen Orden der Französischen Republik.
Die Dominikaner in Ägypten wurden – wie in vielen Ländern der Levante – von Frankreich unterstützt. Die strikte Trennung von Staat und Religion bezog sich eigentlich auf Frankreich selbst. In den dem französischen Staat unterstellten Gebieten außerhalb Frankreichs – also nicht nur in den Kolonien: Algerien hatte ab 1875 einen besonderen Status, es gab dort französische Staatsbürger und französische Untertanen ohne Staatsbürgerschaft – galt diese strikte Trennung nicht. Die französische Regierung setzte bewusst die Orden ein, um die französische Sprache und Kultur in diesen Ländern zu fördern und damit auf die Elite des Landes einzuwirken.
Eine ähnliche Zusammenarbeit gab es auch zwischen der Anglikanischen Kirche und dem Vereinten Königreich, der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Zarenreich. Auch die Orientmission der deutschen Christen konnte sich der Unterstützung des deutschen Kaiserreichs sicher sein.
Die Gründung der Dormitio der Benediktiner in Jerusalem gelang nur durch die Unterstützung und Förderung durch Kaiser Wilhelm II. und katholischer Laienorganisationen. Man hielt eine deutsch-katholische Präsenz für notwendig als Gegengewicht zum französisch-katholischen Einfluss.
Die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg war durch diese „nationalreligiöse“ Orientierung bestimmt. Auch innerhalb der Katholischen Kirche, insbesondere in den Orden waren die Spannungen hinsichtlich des nationalen Einflusses spürbar. Diese Situation begann sich erst nach dem Krieg langsam zu entspannen.
Der Weg von der Nationalkirche zur Weltkirche war und ist steinig: Neben den religiösen Differenzen und Spannungen gab es zusätzliche nationale und ethnische Spannungen. Europäische Mächte versuchten mittels ihrer jeweiligen christlichen Missionen Einfluss auf diese Länder zu gewinnen. Man darf diesen Aspekt nicht ausblenden. Es sollen auf keinen Fall die Leistungen der religiösen Institutionen im Bereich der Bildung, der Gesundheit und der sozialen Frage geringgeschätzt werden. Die große Leistung der Ordensschwestern ist hier nur zu nennen. Aber all diese Fürsorge war eben nicht nur uneigennützig und bestimmt durch die Nächstenliebe.
Es ist gerade diese Verquickung von religiösen und nationalen Anliegen, die die Situation und Stellung der Katholischen Kirche bis zum heutigen Tag in der Levante belastet und erschwert.
Christliche Mission wird noch heute oft als eine Form der Kolonialisierung betrachtet. Der Vorwurf lautet, dass es nicht um die Verbreitung des Christentums geht, sondern um eine Verwestlichung dieser Länder mit dem Ziel, sie wieder in die Abhängigkeit des Westens (einer Form von Neokolonialismus) zu bringen. Dieser Vorwurf ist historisch nicht unbegründet.
Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Orden in der Levante ist unabdingbar, damit nicht die gleichen Fehler wiederholt werden. Die Differenzen bestehen allerdings nicht nur zwischen „dem Islam“ und „dem Christentum“, sondern die Situation ist wesentlich komplexer: Verschiedenen Rechtsschulen und theologische Richtungen des Islam stehen verschiedene christliche Kirchen und Glaubensrichtungen gegenüber. Es gab große Spannungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen des Orients und den Kopten. Die katholische Mission diente nicht primär der Missionierung der Muslime, sondern man wollte orthodoxe Christen verschiedener Denominationen wieder mit Rom unieren.
Die Komplexität dieser interreligiösen und intrareligiösen Spannungen sollte immer mit bedacht werden, um eine einseitige Darstellung zu vermeiden. Die einfache Annahme, „der Islam“ stehe gegen „das Christentum“, ist historisch nicht haltbar, sondern es gibt immer wieder auch Bündnisse über die Religions- und Konfessionsgrenzen hinaus.
Im Mittelalter kommt es zu einem Austausch von theologischen und philosophischen Konzepten. Einige Werke der Antike sind erst über den Umweg über islamische Länder in den Westen gelangt. Dieser Prozess der Überlieferung, Übersetzung und Weitergabe antiker Texte ist ein spannendes Kapitel der Geistesgeschichte und die Forschung auf diesem Gebiet bringt neue wichtige Kenntnisse zum Thema Ideentransfer. Nicht zu vergessen ist die Bedeutung jüdischer Gelehrter in diesem Prozess.
Thomas von Aquin nennt den großen islamischen Philosophen Avveroes (Ibn-Rushd) in seinem Werk nur „den Kommentator“. Er las Aristoteles, den er wiederum nur „den Philosophen“ nannte, mit Hilfe der Kommentare dieses großen islamischen Gelehrten.
Dieser Zusammenhang ist von großer Bedeutung: Durch den Einfluss des bedeutenden Theologen Pater Marie-Dominique Chenu OP (1895-1990) änderte sich in den dreißiger Jahren die Blickrichtung in Hinsicht auf den Standort Kairo. P. Chenu war Kenner der mittelalterlichen Philosophie und war sich der Bedeutung der islamischen Philosophie für das Abendland bewusst. Er war der Meinung, man könne in Kairo ein Zentrum gründen, das sich speziell dem Studium des Islam widmen sollte. Damit solle die oben genannte Tradition wieder aufgenommen werden. Durch seine Vermittlung konnten drei junge Dominikaner für ein Projekt in Kairo gewonnen werden, das der Erforschung des Islams, seiner Quellen, Geschichte und seiner Philosophie dienen sollte. Der Konvent in Kairo hatte damit seine eigentliche Aufgabe gefunden.
Serge de Beaurecueil (1917-2005) gehörte zu dieser Gruppe. Er blieb aber nur zeitweise in Kairo. Seine weiteren Studien zogen ihn nach Afghanistan, wo er viele Jahre lebte, lehrte und forschte. Er wurde zu einem Experten für den Mystiker Khawadja Abdallah Ansari. Er verband in seinem Leben die Theorie mit der Praxis. Er war über Jahrzehnte der einzige katholische Priester in Afghanistan und kümmerte sich dort auch um Waisenkinder. Jacque Jomier (1914-2008) beschäftigte sich speziell mit dem Islam in Ägypten. Er spezialisierte sich auf die Entwicklung des islamischen Denkens, beschäftigte sich aber auch mit dem ägyptischen Volksislam.
Der christlich-islamische Dialog war allerdings auch zu dieser Zeit kein rein theologischer oder theoretischer Dialog, sondern er war eingebettet in die geschichtliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Ägypten. Dies könnte man am Leben und Wirken des ägyptischen Dominikanerpaters George Anawati deutlichen machen. Anawati (1905-1994) wurde noch während der Herrschaft der Khediven (so wurden die ägyptischen Vizekönige genannt) geboren. In seine Lebenszeit fiel der Kampf um die Unabhängigkeit seines Landes. Dann folgte die Zeit des arabischen Nationalismus und Sozialismus, die Zeit von Gamal Abdel Nasser (1918-1970), das Scheitern dieser Entwicklung bis hin zum Erstarken der Muslimbruderschaft und der Wiederbelebung des Islams als politischer Kraft.
Anawati wurde in Alexandria geboren, einer typischen Stadt der Levante, die sich durch verschiedene nationale und religiöse Bevölkerungsgruppen gekennzeichnet war. Man sollte sich aber davor hüten, sich eine „multikulturelle“ Idylle vorzustellen. Die religiösen und ethnischen Gruppen wohnten zumeist in getrennten Stadtteilen. Man hatte wirtschaftlichen Kontakt und respektierte die Gewohnheiten und Sitten der anderen, aber gesellschaftlich lebte man zumeist getrennt voneinander.
Der „interreligiöse Dialog“, der Versuch, den anderen in seinem Glauben kennenzulernen und zu verstehen, war in heutigen Worten ein „Eliteprojekt“ und begann auch erst spät. Die Sprache der Gebildeten war Französisch und Anawati sprach diese Sprache fließend. Sein Noviziat absolvierte er in Frankreich und der Abschied von Ägypten fiel ihm nicht leicht. Aber er sollte ja bald zurückkehren. Er widmete sich dem genauen Studium des Arabischen und der arabischen Philosophie und Theologie und schrieb zusammen mit Louis Gardet ein Standartwerk zu diesem Thema: „Introduction à la théologie musulmane“.
Der interreligiöse Dialog lag Anawati sehr am Herzen. Er war Ägypter, geboren und aufgewachsen in einem Land, das seit Jahrhunderten vom Islam geprägt war, aber eben nicht nur vom Islam. Die christliche Religion gehörte ebenso zu diesem Land, nicht nur durch die Kopten, sondern auch durch andere christliche Kirchen und Denominationen. Sein Anliegen war aus dem „Nebeneinander“ ein „Miteinander“ zu machen. Anawati suchte deshalb den Kontakt zur Al-Azhar Universität, einer der bedeutendsten Universitäten der islamischen Welt. Allerdings bezogen sich die Gespräche weniger auf Glaubensinhalte (Dogmen), sondern eher auf die Entwicklung der islamischen Philosophie und Glaubenslehre. Der Großscheich der Al-Azhar lehnte ein Gespräch über Grundfragen des Glaubens ab.
Anawati ging es darum, Grundlagen zu klären, Verständigung zu schaffen und den Islam aus seinen Quellen und seiner Geschichte zu verstehen. Er wollte die „innere Logik“ des Islams erfassen, um aus dieser Perspektive in den Dialog zu treten. Darüber hinaus engagierte er sich auch in Gebetsgruppen und im Bereich der Pastoral.
Die Nasser-Zeit war eine schwierige Zeit für die Dominikaner in Kairo. Sie unterlagen vielen Auflagen und Anawati wurde zeitweise mit einem Reiseverbot belegt. Erst in der Zeit nach Nasser entspannte sich die Situation wieder. Allerdings hatten viele Freunde und Bekannte Anawatis Ägypten verlassen. In Ägypten hatte ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden, der tiefgreifend war. In die Wohnungen des ägyptischen Bürgertums (die Ägypten verlassen hatten) in der Nähe des Tahir Platzes waren Menschen vom Land gezogen. Der soziologische Wandlungsprozess und die Zunahme der Bevölkerung wirkten sich auch auf das ägyptische Bildungssystem aus. Die levantinische Vielfalt ging zunehmend verloren. Nicht nur Kairo und Alexandria, sondern alle Städte in der Levante waren von diesem Prozess erfasst und er führte zu einer Verarmung der kulturellen und ethnischen Vielfalt. Im heutigen Kairo, in Alexandria oder Istanbul kann man die verlorene Vielfalt nur noch wenig spüren. Die Dominikaner mussten sich also auf eine neue Situation einstellen. Einige Gesprächspartner waren nicht mehr präsent und die Situation an der Al-Azhar Universität hatte sich gewandelt.
Mit dem II. Vatikanischen Konzil begann eine neue Epoche der Kirchengeschichte. Es entwickelte sich eine veränderte Sichtweise auf andere Religionen – auch auf den Islam.
Anawati spielte dabei eine bedeutende Rolle und war an der Erarbeitung der Erklärung „Nostra aetate“ beteiligt. Hierbei sollte man sich erinnern, dass nur kurze Zeit vor dem Konzil der algerische Unabhängigkeitskrieg gegen die französische Kolonialmacht zu Ende gegangen war. Europa war im Nahen und Mittleren Osten lange Zeit als Kolonialmacht präsent. Die Entwicklung des politischen Islam ist auch als eine Gegenreaktion auf diese westliche Politik zu sehen. Wenn in „Nostra aetate“ von Hochachtung gesprochen wird, ist dies auch ein Reflex auf die koloniale Vergangenheit, in der Nichteuropäer als nicht gleichberechtigt, wenn nicht gar minderwertig angesehen wurden.
Anawatis Bemühungen um den Dialog und ein besseres Verständnis des Islam wurden zum Beispiel durch seinen Schüler, den belgischen Dominikaner Emilio Platti, weitergeführt. Er unterrichtete an der Universität Löwen und lebte immer wieder temporär in Kairo. Er ist in seinen Arbeiten bemüht, die innere „Logik“ des Islam seinen Schülern zu vermitteln. Man sollte zunächst versuchen, den Islam in seinem eigenen Selbstverständnis zu verstehen und nicht sofort christliche Kategorien und Sichtweisen auf den Islam zu übertragen. Erst nach einer derartigen Arbeit kann man in ein fruchtbares Gespräch kommen. P. Emilio Platti OP hat zu diesem Bereich einige wichtige Bücher geschrieben, die auch ins Deutsche übersetzt wurden.
Ein weiterer aktueller Schwerpunkt der Dominikaner in Kairo ist die Forschungsbibliothek. Sie gilt als eine der besten Bibliotheken für die Geschichte der islamischen Philosophie und Glaubenslehre. Sie steht Wissenschaftlern aus aller Welt zur Verfügung, gerade auch ägyptische Studenten und Gelehrte können die Bibliothek nutzen.
Die Bibliothek ermöglicht somit eine Begegnung und einen Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Sie kann als Herzstück der dominikanischen Präsenz in Kairo bezeichnet werden.
Erwähnt sei hier auch der Dominikanerpater Josef Dreher, der fast 25 Jahre in Kairo gelebt hat und aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurückkehren musste. Er lebt heute im Dominikanerkonvent in München. Durch seine lange Arbeit in Kairo hat er einen nüchternen Blick auf die Entwicklung in diesen Jahren. Er war mit vielen berühmten Islamwissenschaftlern bekannt. Prof. Dr. Tilman Nagel zum Beispiel war oft zu Gast im Kairoer Konvent.
Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit sind die Dominikaner auch in der Seelsorge und Weiterbildung engagiert. Derzeit leben sechs Mitbrüder im Kairoer Konvent und nach langen Jahren gibt es auch wieder einen ägyptischen Mitbruder. Die Entwicklung in Ägypten ist in den letzten Jahren sehr wechselvoll und viele Erwartungen die mit dem „Arabischen Frühling“ verbunden waren, sind leider an der „Realpolitik“ gescheitert. Die Muslimbruderschaft ist als Terrororganisation eingestuft worden, ein innenpolitischer, innerislamischer Diskurs findet kaum statt. Ob sich die angespannte innenpolitische Situation in der nächsten Zeit lockert ist fraglich. Aber die Präsenz der Dominikaner bleibt ein Zeichen für die Hoffnung auf einen Wandel zu mehr Offenheit und Freiheit.
Istanbul
Doch wenden wir uns nun einem anderen Ort dominikanischer Präsenz zu, der ehemaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Dominikaner sind zur Zeit des Lateinischen Kaiserreichs (1204-1261) nach Istanbul gekommen. Ihre Aufgabe war die Predigt gegen die Häretiker (wie die Griechisch-Orthodoxe Kirche bis zum II. Vatikanischen Konzil genannt wurde). Nach dem Ende des Lateinischen Kaiserreichs waren die Dominikaner gezwungen, ihre Kirche aufzugeben und sind nach Galata gezogen, das zum damaligen Zeitpunkt eine genuesische Kolonie war. Dort erbauten sie die Kirche St. Peter und Paul.
Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen und der Vertreibung der letzten Mauren aus Spanien, die sich nach Istanbul geflüchtet hatten, wurde die Dominikanerkirche den spanischen Muslimen übergeben, die von den Osmanen Araber genannt wurden. Daher kommt der Name „Arab Cami“ (Arabische Moschee) für die ehemalige Dominikanerkirche. Die Moschee kann man heute besichtigen und die Architektur zeigt deutlich eine Bettelordenskirche an. Die Dominikaner zogen danach zu einem anderen Grundstück, das allerdings hügelaufwärts nur circa zehn Minuten davon entfernt ist.
Die Dominikaner sind also seit dem 13. Jahrhundert ununterbrochen in Istanbul. Sie blicken auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Die Archivbestände des Konvents sind allerdings nicht sehr umfangreich, da durch verschiedene Brände große Teile vernichtet wurden. Bemerkenswert sind die Aufzeichnungen von P. Angelo Ellena OP, die er während der Zeit des I. Weltkriegs gemacht hat. Sie geben Einblick in die schwierige Situation der Katholiken in dieser Zeit. Er beschreibt aber auch die nationalen Spannungen innerhalb der Katholischen Kirche zwischen Anhängern der Mittelmächte und der Entente.
Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag jedoch nicht im „Dialog“, sondern in der pastoralen Arbeit für italienischsprachige Gläubige. Später kamen auch griechischsprachige Italiener hinzu, die von den Orthodoxen von den griechischen Inseln vertrieben worden waren. Es fanden Gottesdienste in italienischer und griechischer Sprache statt. Jahrhunderte waren die Stadtteile Galata und Pera Orte europäischen Lebens, das praktisch parallel zur osmanischen und islamischen Gesellschaft geführt wurde. Auch die Kontakte zu den „Häretiker“ waren begrenzt.
Auch Istanbul war eine Stadt der Levante. Es gab eine große ethnische und religiöse Vielfalt. Aber auch hier lebten die Menschen in getrennten Stadtteilen und es gab nur einen geringen gesellschaftlichen Kontakt zwischen den einzelnen Gruppen. Das Osmanische Reich war kein Nationalstaat, sondern ein multiethnischer und multireligiöser islamischer Staat, in dem der Sultan als Herrscher Garant der Einheit und der Bewahrer des Islam war. Das Osmanische Reich als „tolerant“ zu bezeichnen verstellt den Blick auf die komplexe Herrschaftsstruktur. Untertanen im strengen Sinne waren nur Muslime; Christen und Juden standen unter dem Schutz des Sultans. Trotz aller Reformversuche gelang es nie, eine Rechtsgleichheit herzustellen. Ursächlich dafür war der Einfluss der islamischen Geistlichkeit und vieler Gläubigen, die dieses Konzept als westlich und unislamisch ablehnten.
Der Begriff „Türke“ hatte im osmanischen Reich eine pejorative Bedeutung und man hätte nicht gewagt, den Sultan als Türken zu bezeichnen. Das Haus Osman stand über einer nationalen oder ethnischen Beschränkung. Es galt als Garant der Einheit des Reichs und Bewahrer und Hüter des Islam. Der Gedanke der Nation, der ethnischen Trennung und der nationaler Einheit ist kein islamisches Gedankengut. Der Islam kennt eigentlich keine Trennung in Nationen. Wer Muslim ist oder wird gehört der Umma an, der Gemeinschaft der Gläubigen, die sich (theoretisch) nicht in Ethnien oder „Nationen“ aufspalten darf.
Der I. Weltkrieg beendete diese Situation. Das Osmanische Reich kollabierte und Mustafa Kemal Atatürk gründete den modernen Staat: die Republik Türkei. Eine Welle des Nationalismus erfasste die Region und in der Folge kam zu einem Bevölkerungstausch zwischen Griechenland und der Türkei. Das Ende des Osmanischen Reiches war der Anfang des Endes des lebhaften christlichen Lebens nicht nur in Istanbul und Izmir, sondern in vielen Regionen des neuen Staates. Anatolien wurde zum Kernland des neuen Staates. Man muss immer bedenken, dass die Türkei aus einem Befreiungskrieg entstanden ist. Die Siegermächte wollten Anatolien aufteilen. Erst durch die Leistung Kemal Atatürks (Atatürk bedeutet „Vater der Türken“) und seiner Mitkämpfer gelang es, die Türkei als souveränen Staat zu gründen. Daher die anhaltende große Verehrung für Atatürk in der Türkei.
Mit dem Ende des Osmanischen Reiches änderte sich auch die Rechtslage der Christen. Die komplexe Frage der Besitzrechte kann hier nicht erörtert werden. Nur so viel: Viele christliche Kirchen und Einrichtungen haben formaljuristisch keinen im Grundbuch eingetragen Besitzer. Sie sind auf das Wohlwollen des türkischen Staates angewiesen. Dies betrifft auch die Situation der Dominikaner in Istanbul. Eine Änderung dieser Rechtslage ist dringend notwendig.
P. Benedetto Palazzo OP hat Jahrzehnte in Istanbul gelebt und sich intensiv mit der Geschichte der Dominikaner beschäftigt. Er veröffentlichte in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Bücher zur Geschichte der Dominikaner in Istanbul und auch ein wichtiges Buch zur „Arab Cami“, der oben erwähnten Dominikanerkirche, die in eine Moschee umgewandelt worden war. Erst in den letzten Jahren mit der Ankunft von P. Claudio Monge OP und P. Alberto Ambrosio OP, die beide Islamwissenschaften studiert haben, hat sich ein neuer Schwerpunkt der Arbeit gebildet: P. Claudio beschäftigt sich mit der Geschichte und der heutigen Situation der Christen in der Türkei. P. Alberto beschäftigt sich mit der Geschichte der Dominikaner in Istanbul und Izmir. Der eigentliche Schwerpunkt seiner Arbeit ist allerdings der Sufismus in seiner Geschichte und in seinen verschiedenen Ausprägungen. Er versucht, den Sufismus mit der christlichen Mystik ins Gespräch zu bringen.
Die pastorale Arbeit ist stark zurückgegangen. Zur „Gemeinde“ gehören nur noch circa 20 ältere Personen, Levantiner, die seit Jahren in Istanbul leben. Zu den Sonntagsmessen kommen immer wieder Touristen, die gerne die Kirche besichtigen. Die Blütezeit ist vorbei und es müssen nun neue Wege gefunden werden. Leider gibt es bei jungen Dominikanern nur wenig Interesse an Istanbul und auch an Kairo. Daher ist die personelle Situation an beiden Standorten angespannt. Die Kommunität in Istanbul umfasst leider nur noch fünf Mitbrüder. Zwei davon leben allerdings nur noch zeitweise in der Kommunität, weil sie durch Lehraufträge anderorts verpflichtet sind.
Ähnlich wie in Ägypten ist auch in der Türkei die innenpolitische Lage angespannt. Hier steht eine säkulare Richtung in der Tradition Kemal Atatürks einer Richtung gegenüber, die stärker das islamische Erbe betont und dies erneuern will. Der Islam ist in den letzten Jahren gerade in Istanbul wesentlich präsenter geworden.
Aber auch im islamischen Lager gibt es Konflikte. Der Streit um die Gülen-Bewegung hat deutliche Spuren hinterlassen und zeigt, dass es eine einheitliche islamische Bewegung nicht gibt. Wie die säkularen Kräfte gespalten sind, so ist dies auch bei den religiösen der Fall.
Hinzu kommen Spannungen mit Teilen der kurdischen Bevölkerung. Auch Erdogan ist es nach anfänglicher Entspannung nicht gelungen, eine tragfähige Lösung zu erarbeiten.
Christen sind in der Türkei mittlerweile zu einer kleinen Minderheit geworden. Einer Minderheit, die überwiegend in Istanbul und Izmir lebt. Es ist für diese Minderheit schwierig, in dieser angespannten Situation zu leben und nicht in politische und gesellschaftliche Konflikte hineingezogen zu werden.
Outlook
Die christliche Präsenz in vielen islamischen Ländern wird zusehends schwieriger. Das hat verschiedene Gründe, die an politischen, gesellschaftlichen und historischen Faktoren liegen. Aber sie liegen eben auch im religiösen Bereich. Dialog muss immer auch einen selbstkritischen, selbstreflektierenden Ansatz haben. Es ist zu einfach, den Glauben nur in seinem theoretischen System zu betrachten und die Faktizität des gelebten, real existierenden Glaubens zu vernachlässigen. Glauben ist kein System, sondern Lebenswirklichkeit, eine Deutung des Lebens.
Durch die Präsenz der Dominikaner in diesen Ländern können wir viel vom Islam erfahren und dadurch helfen, Missverständnisse abzubauen, neue Perspektiven zu öffnen. Es geht bei dieser Präsenz nicht um „Verwestlichung“, sondern darum, den Glauben an Christus gegenwärtig zu halten und ein Gespräch über den Glauben anzubieten.Gerade Dominikanerinnen halten durch ihr soziales und pastorales Wirken diesen Aspekt präsent. Sie zeigen, dass Glauben Lebenswirklichkeit bedeutet, Lebenswirklichkeit und Zeugnis in Blick auf Jesus Christus. Auch wenn Christen und Muslime in Fragen der Glaubensinhalte (Inkarnation; Trinität; Kreuzestod Christi) unüberbrückbare Differenzen trennen, so gibt es doch im praktischen Handeln im Blick auf Gerechtigkeit und Verantwortung vor Gott ähnliche Sichtweisen.
Orte dominikanischer Präsenz in Kairo und Istanbul sind Orte des Angebots, in dieses Gespräch zu kommen und gemeinsam Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die geschichtliche Betrachtung kann helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und neue Wege aufzuzeigen.