I.
Die Pflegenden zu stärken war und ist mir als Vertreterin von zwei Stiftungen im Gesundheits- und Sozialwesen mit 6.500 Pflegekräften nicht nur ein Anliegen, sondern eine Verpflichtung. Abgesehen davon, dass eine meiner Professionen auch Krankenschwester war und ich viele ausbilden durfte, glaube ich, dass Deutschland schon Jahre versäumt hat, der Pflege und damit den Pflegenden die Bedeutung in der Gesellschaft zu geben, die Menschen verdienen, die sich täglich in den Dienst kranker und alter Menschen stellen und sich für eine noch mögliche Lebensqualität und Würde nicht nur mit Worten, sondern mit Handlungen einsetzen.
Die Pflegenden stärken bedeutet, den Pflegenden eine Stimme zu geben. Ich teile die Meinung des Präsidenten des Deutschen Pflegerats, dass endlich in entscheidenden Fragestellungen with der Pflege und nicht about die Pflegenden gesprochen und verhandelt wird.
Im Gesundheitswesen im Bereich der Kliniken und ambulanten Dienste arbeitet man heute in komplexen interdisziplinären Teams – und dies geschieht schon an vielen Orten – auf Augenhöhe, wenn die Träger die Rückendeckung geben. Eine pflegefreundliche Kultur gründet auf der gesellschaftlichen Wertschätzung und Anerkennung pflegerischer Tätigkeit und der Pflegeberufe.
Diese wird nur in dem Maße herbeizuführen sein, in dem in der Öffentlichkeit dargelegt wird, welche Aufgaben sich im Pflegeprozess stellen, welche Verantwortung Pflegekräfte übernehmen, welchen Beitrag eine fachlich wie ethisch anspruchsvolle Pflege für die Erhaltung oder Wiedererlangung von Lebensqualität und Wohlbefinden leistet.
Wir haben nicht nur appelliert, sondern die Pflege gestärkt durch die Errichtung einer Pflegewissenschaftlichen Fakultät an unserer Philosophisch-Theologischen-Hochschule mit Promotionsrecht und durch die Einführung von Studiengängen, die jedem, der die derzeit gesetzlich vorgeschriebene Ausbildung absolviert, zusätzlich den Bachelor ermöglichen.
Die Akademisierung wird nicht alle Probleme der Zukunft lösen, aber einige. Sie ermöglicht den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis. Die Versorgungsforschung ist ein Thema von Ärzten und Pflegenden. Soweit zur Stärkung der Pflege in der mir vorgegebenen Zeit.
II.
Ich komme zu den berufspolitischen Perspektiven: Die komplexen Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben der Pflege erfordern eine Neubestimmung der Rolle der Pflegeberufe im Gesundheitswesen. Die Pflege in Deutschland ist dabei, die jahrzehntelange Fremdbestimmung abzustreifen und die Selbstbestimmung des Berufsstandes zu erreichen.
Als Vorsitzende der Gründungskonferenz der ersten Pflegekammer in Deutschland durfte ich diesen Prozess mitsteuern und die Themen und Probleme der Pflege den Abgeordneten des rheinland-pfälzischen Landtags veranschaulichen. Davor liegt ein langer Informationsprozess im Lande mit fast 170 Veranstaltungen.
Viele Pflegende sind nicht politisch interessiert, oder engagiert, sie erleiden die derzeitige Situation mit den schwieriger werdenden Rahmenbedingungen. Sie haben aber verstanden, dass die Pflegenden eine berufspolitische professionelle und schlagkräftige Selbstverwaltungsorganisation aufbauen müssen, um zu einer gewichtigen Größe im Gesundheitswesen heranzuwachsen, was natürlich von vielen nicht gewünscht ist und mit allen Mitteln bekämpft wird.
In Rheinland-Pfalz ist das nicht mehr möglich; der Landtag hat die Kammer einstimmig beschlossen und die Pflege vom Heilhilfsberuf zum Heilberuf erhoben. Die Ärztekammer hat nach anfänglichen Bedenken nach einem Gespräch den Prozess unterstützt.
Welchen Weg ein Land wählt, ist möglicherweise zweitrangig. Bayern verfolgt einen anderen. Entscheidend ist eine Vertretung des Berufes, die die Pflege stärker in die öffentliche Wahrnehmung rückt, diese in politischen Gremien vertritt und den Pflegenden Unterstützung und Service bietet.