Dies ist die Nacht

The Exodus of Israel as Christian Faith Content

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Wenn bei der Feier der Osternacht als eine der Lesungen die Erzählung von den Israeliten, die trockenen Fußes durch das Schilfmeer ziehen und den sie verfolgenden Ägyptern, die im Meer ertrinken, zu hören ist, werden nicht wenige Christen sich fragen, warum gerade dieser Text vorgelesen wird. Sie fragen sich, was dieser Text denn mit der Feier der Auferstehung Jesu zu tun habe und was er ihnen sagen solle. Die Irritation über diesen Text steckt teilweise jedoch noch tiefer, denn die Rede von einem Gott, der alle Ägypter umbringt, scheint so gar nicht zu dem Gott zu passen, der sich, indem er Jesus von den Toten erweckt, als ein Gott des Lebens erweist.

Die sich durch diese Lesung andeutende Verbindung zwischen Ostern und Exodus ist aber noch viel tiefer, was das Schilfmeerlied aus Ex 15, das die Rettung der Israeliten am Meer besingt, als Zwischengesang nach der genannten Lesung oder die Lesung vom Pascha der Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten (Ex 12) bei der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag zeigen. Auf die Frage, warum gerade diese Texte an Ostern gelesen werden, gibt es eine ganz einfache Antwort: Es war immer so! Diese so einfache Antwort ist aber weit mehr als ein simples Traditionsargument, denn sie weist auf die Anfänge des Christentums zurück. Dass die ältesten uns bekannten Liturgien der Osterfeier Texte des Exodus-Buches benutzen, ist die logische und notwendige Folge eines bereits in den Schriften des Neuen Testaments zu beobachtenden Phänomens: Das Christusereignis wird von diesen Texten des Exodus-Buches beziehungsweise mit ihnen und durch sie gedeutet. Auch wenn es einen äußerlichen Anknüpfungspunkt gibt, der darin besteht, dass in den Evangelien übereinstimmend berichtet wird, dass das Leiden und Sterben Jesu mit dem Festtermin des jüdischen Päsach zusammenfiel (vgl. Mt 26,1; Mk 14,1; Lk 22,1; Joh 6,4), so ist doch leicht zu erkennen, dass die inneren Argumente viel weiter gehen, wenn beispielsweise Christus von Paulus als „unser Paschalamm“, das geopfert worden ist (1 Kor 5,7), bezeichnet wird. Die Deutungen sind zumeist typologischer Art: Ein im Alten Testament beschriebenes Ereignis gilt als „Vorbild“ (Typos) für ein im Neuen Testament beschriebenes Geschehen (Antitypos). Auf diese Weise wird eine „Entsprechung zwischen den beiden Testamenten hergestellt, um deren sachliche Einheit – die zweieine christliche Bibel – zum Ausdruck zu bringen. Am anschaulichsten tritt uns dieses typologische Denken in den christlichen Bildwerken entgegen, allen voran in den Bildseiten der mittelalterlichen „Biblia Pauperum“, in der dem Bild eines neutestamentlichen Ereignisses zwei alttestamentliche Szenen zugeordnet sind. So wird beispielsweise die Darstellung vom Abendmahl Christi oft durch ein Bild von der Begegnung Abrahams mit Melchisedek (Gen 14,17ff.) und eines von der Mannalese der Israeliten (Ex 16) flankiert. In beiden alttestamentlichen Szenen sieht man eine Andeutung der späteren eucharistischen Gaben – Brot und Wein von Melchisedek und „Himmelsbrot“ für die Israeliten.

In gleicher Weise wird der Durchzug durch das Schilfmeer beim Exodus der Taufe Christi zugeordnet. Die Verbindung von Durchzug durch das Meer und christlicher Taufe geht bis in die alte Kirche zurück, denn schon die frühchristlichen Liturgien kennen die Osternacht als Taufnacht der Kirche, was durch entsprechende Predigten der Kirchenväter untermauert wird. Neben die vielfältigen typologischen Deutungen des Exodus-Geschehens treten – besonders seit Origenes – die allegorischen Auslegungen. Viele einzelne Elemente des Exodus beziehungsweise der Päsach-Feier wie beispielsweise das Opferlamm, das Blut oder das Wasser werden benutzt, um den Christus-Glauben zu deuten.

Schaut man sich die christlichen Exodus-Deutungen aber genauer an, dann fällt auf, dass zwei in der biblischen Exodus-Geschichte wichtige Ereignisse im Zentrum der christlichen Rezeption stehen: Das Päsach von Ex 12 und der Durchzug durchs Meer von Ex 14.

 

Päsach und Abendmahl

 

Die neutestamentlichen Überlieferungen vom Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, bilden den Ausgangspunkt für das christliche Verständnis der Eucharistie. Dass das Abendmahl Jesu ein jüdisches Päsach-Mahl, eine Seder-Feier, war, wird in der Wissenschaft immer wieder kontrovers diskutiert, auch wenn zahlreiche Hinweise genau darauf hindeuten, wie der große jüdische Gelehrte Schalom Ben-Chorin in seinem Buch „Narrative Theologie des Judentums“ aufgezeigt hat. Darüber kann man diskutieren, aber auch die christliche Rezeptionsgeschichte hat dies immer wieder in dieser Weise gedeutet.

Das Altarbild „Das letzte Abendmahl“ von Dierick Bouts d.Ä. (1415-1475) von 1464/7 in der Sint-Pieterskerk im belgischen Leuven zeigt auf den Flügeln unter den klassischen typologischen Zuordnungen zum Abendmahl (links oben: Abraham und Melchisedek; rechts oben: Mannalese; rechts unten: Speisung des Propheten Elia) ein jüdisches Päsach-Mahl (links unten), das nach der Ritualanweisung von Ex 12 gedacht ist (ein Lamm, Personen gegürtet und mit Stab) als Vorbild für die Einsetzung der Eucharistie. Während hier durch die beiden Bilder der Bezug klar ist und das spätere Messopfer durch den Kelch und die Hostien in der Mitte die Einsetzung der späteren Eucharistie angezeigt ist, haben andere Abendmahlbilder noch deutlicher das Päsach-Mahl vor Augen, wenn sie ein Fleischstück in der Mitte des Tisches und noch nicht die eucharistischen Gaben durch Hostie und Kelch anzeigen. So beispielsweise bei Matthias Grünewald auf der Coburger Tafel von ca. 1500 oder schon 1100 auf dem Fresko von Sant‘ Angelo in Formis.

Die Tiefe der Bezüge wird aber erst sichtbar, wenn man die entsprechenden Bibeltexte genauer anschaut. Im Zentrum der neutestamentlichen Abendmahlsberichte (Mt 26,26ff.; Mk 14,22ff.; Lk 22,15ff.) stehen die Worte Jesu über Brot und Wein, die durch die Überlieferung des Paulus in 1 Kor 11,23-26 ergänzt werden: „Ich habe nämlich vom Herrn überkommen, was ich auch euch überliefert: In der Nacht, da er ausgeliefert wurde, nahm der Herr Jesus Brot, sagte den Dank, brach es und sprach: das ist mein Leib für euch – das tut zu meinem Gedächtnis. Ebenso auch den Becher nach dem Mahl – sagend: dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut. Das tut, so oft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn: so oft ihr dieses Brot esst und den Becher trinkt, kündigt ihr den Tod des Herrn an – bis er kommt.“

Diese Worte zeigen, dass die Abendmahlsberichte der Evangelien proleptisch angelegt sind, denn sie greifen dem Ereignis vor oder, anders gesagt, sie umschreiben das spätere Ereignis erinnernde und deutende Ritual vor dem Ereignis selbst. Diese eigenwillige Struktur folgt aber exakt der Beschreibung von Ex 12, dem Päsach der Israeliten in Ägypten. Dieser Text beschreibt nämlich auch kein Geschehen, sondern ist zuerst einmal Anweisung, die die spätere erinnernde Deutung begründet. Der Text von Ex 12 bis 13 enthält, was man auf den ersten Blick schnell übersieht, nur wenige Erzählstücke, die der erzählten Situation der Israeliten in Ägypten eindeutig zuzuordnen sind. Vorherrschend sind in diesem Abschnitt Anweisungen zum Ritual für die Päsach-Feier, vor allem das Schlachten der Lämmer und die ungesäuerten Brote (Mazzot) betreffend. Die Anweisungen werden durch die Ausführungsnotizen („Dann gingen die Israeliten daran und machten es so wie der Herr es Mose und Aaron befohlen hatte, so machten sie es“) quasi in die Erzählung implantiert, um so als im Ursprungsgeschehen verankerter Ritus fungieren zu können, denn es wird gerade nicht erzählt, was die Israeliten taten.

Am Beispiel der Mazzot lassen sich die im Text angelegten „Zeit-Sprünge“ zwischen dem erzählten Geschehen und den auf Zukunft hin angelegten Anweisungen gut erkennen. So heißt es: „Dieser Tag soll euch zur Erinnerung werden und ihr sollt ihn als Fest für den Herrn für eure Generation feiern, als ewige Satzung sollt ihr feiern“ (Ex 12,14). Gleich im nächsten Satz ist aber dann die Rede von einem siebentägigen Fest: „Sieben Tage sollt ihr Mazzot essen. Gleich am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern wegschaffen“ (Ex 12,15). Der dann folgende Satz, der auf die Situation der Israeliten in Ägypten eingeht, ist ganz auf den (einen) Auszugstag bezogen: „Beachtet die Mazzot, denn an eben diesem Tag führe ich eure Scharen aus dem Land Ägypten heraus (…) Sieben Tage lang soll kein Sauerteig in euren Häusern gefunden werden“ (Ex 12,17.19). Die literarische Eigenart dieser Erzählung, ihr metaleptischer Charakter, der Wechsel der Erzählebenen, ist von Ilse Müllner en détail untersucht und beschrieben worden: „Von der frühen jüdischen Tradition bis in die gegenwärtige Bibelwissenschaft hinein wird zwischen dem ersten oder Urpessach, das mit dem Auszugsereignis räumlich und zeitlich verbunden ist, und dem Pessachfest, das dieses Auszugsereignis feiernd erinnert, unterschieden. Diese Unterscheidung ist aber mit Blick auf Ex 12f eine analytische Konstruktion. Denn hier werden keine einmaligen Handlungen erzählt, die in einem sekundären Akt ritualisiert würden. Von vorne herein handelt es sich um ein Ritual, das zunächst geboten und dann durchgeführt wird.“

Analog dazu – oder sogar in Anlehnung daran – wird im neuen Testament vom letzten Abendmahl Jesu berichtet und dabei die „Erinnerungsfeier“ der Eucharistie begründet. In geradezu logischer Konsequenz findet sich sodann Ex 12 als Lesung in der Eröffnung der Heiligen Tage am Gründonnerstag.

 

Das Meerwunder

 

Nicht so deutlich ist der Bezug zur Meerwundererzählung von Ex 14. Sie wird nämlich nicht in einem Ritual – wenn man vom Taufritus einmal absieht – vergegenwärtigt. Lediglich in der Feier der Osternacht kommt Ex 14 als Lesung vor, und in vielen Gebeten finden sich mehr oder weniger deutliche Bezugnahmen auf die Meerwundererzählung, die aber teilweise auf Psalmentexte zurückgehen. Gleichwohl handelt es sich fraglos um ein zentrales Ereignis, das in keiner Erwähnung und Deutung des Exodus fehlt. Der Grund für diese Betonung des Meerwunders liegt in der literarischen Komposition der biblischen Erzählung. Ganz grob eingeteilt sind es drei Textstücke, die auf je eigene Weise den Auszug aus Ägypten behandeln.

  1. Päsach/Mazzot und Aufbruch (Ex 12,1-13,19)
  2. Meerwunder (Ex 13,20-14,31)
  3. Mose-/Mirjam-Lied (Ex 15,1-21)

Auffallend ist, dass nur der mittlere Teil, der das Meerwunder betrifft, eine fortlaufende – ununterbrochene – Erzählung bietet, während im ersten Teil die regulativen – also nicht-erzählenden – Passagen, die in Gottes- beziehungsweise Mose-Reden eingebettet sind, die Erzählung vielfach unterbrechen und bezüglich ihres Umfangs die erzählenden Teile deutlich überlagern. Der abschließende dritte Teil kommt de facto ganz ohne Erzählung aus, inhaltlich ist er aber so eng mit der vorausgehenden Meerwunderzählung verbunden, dass diese sich erst von jenem Hymnus her zur Gänze erschließt. Im Blick auf das Ganze dieser Komposition ist eine Affinität zum Liturgischen gar nicht zu übersehen, wenn man den möglichen Sitz im Lesen der Festanweisung (1.) und des Hymnus (3.) in Betracht zieht.

Daran lässt sich ablesen, dass in Ex 12,1-15,21 eine komplexe literarische Komposition vorliegt, deren Teile sich ergänzen und gegenseitig interpretieren. Der Überblick über die Kompositionsstruktur zeigt an, dass hier nicht separate Ereignisse nebeneinander stehen, sondern dass es um einen zentralen Inhalt geht, der auf verschiedene Weise durchdrungen und präsentiert wird. Die Meerwundererzählung steht dabei nicht nur formal-kompositorisch im Zentrum, sondern auch inhaltlich und vor allem theologisch. Der Bogen, der über die Meerwundererzählung geschlagen wird, bindet das Meerwunder, das die Mitte der Rettungsgeschichte von Ex 12-15 bildet, und die zu feiernde (liturgische) Erinnerung des Auszugs, die untrennbar mit der Päsach-Feier verbunden wird, aufs engste zusammen. Die (Herausführung aus Ägypten) ist als Ausdruck der entscheidenden Rettung durch JHWH schließlich auch zum Kern der Gottesvorstellung geworden, was die Dekalog-Eröffnung „Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, dem Sklavenhaus“ unterstreicht. Vom Meerwunder ist sie nur scheinbar gelöst, denn „Exodus/Auszug“ bezieht sich auf die ganze Einheit der drei genannten Teile und kann von jedem dieser drei vertreten werden. Der gemeinsame und verbindende Inhalt ist die Rettung Israels durch JHWH.

 

Befreiung zum Leben mit Gott

 

In der Bibel ist diese Rettung jedoch vielmehr als ein glückliches Ereignis oder ein großer Befreiungsakt. Was in der Meerwundererzählung aufleuchtet, wird im nachfolgenden Lied poetisch verdichtet und zum Ursprungsmythos des Volkes Israel. Dieser Ursprungsmythos beschreibt Israel zuerst in größter Not und Gefahr. Die Israeliten haben Angst, ja Todesangst! „Gab es etwa keine Gräber in Ägypten, das du uns nehmen musstest, in der Wüste zu sterben?“ halten sie Mose in Ex 14,11 vor. Doch gegen alle Ängste und Befürchtungen der Israeliten stellt Mose die alles entscheidende Aussage: „Fürchtet euch nicht! Tretet heran und seht JHWHs Rettung, die euch heute zuteil wird, denn, was die Ägypter betrifft, die ihr heute seht, dass werdet ihr niemals mehr sehen. JHWH wird für euch kämpfen, ihr aber könnt euch zurück halten“ (Ex 14,13-14). Mitten im dann folgenden Geschehen scheinen auch die Ägypter das zu begreifen: „Dann sagte Ägypten: Ich will die Flucht vor Israel ergreifen, denn JHWH kämpft für sie gegen Ägypten“ (Ex 14,25).

Israel entkommt also der drohenden Gefahr allein dadurch, dass JHWH an seiner Stelle kämpft. Die Israeliten werden zu Zuschauern gemacht, um ihren Gott anzuerkennen. Dass alle Macht und Gewalt allein von ihrem Gott ausgeht, streicht auch der nachfolgende Hymnus von Ex 15 heraus, wenn er Israels Gott als Stärke und Schutz lobt, da er Reiterei und Streitwagen ins Meer warf und so für Israel zur Rettung wurde (Ex 15,1-2). In diesem Kontext muss man auch die uns heute irritierende Aussage hören und verstehen: „JHWH ist ein Mann des Krieges“ (Ex 15,3). Dies ist nämlich keine Formulierung einer Wesenseigenschaft Gottes oder Selbstaussage, sondern eine Aussage gegen jede Form von religiös motiviertem Krieg (Heiligem Krieg), weil hier kein Mensch für Gott oder seine eigene Religion in den Krieg ziehen muss, sondern Gott für sein Volk kämpft. Damit ist natürlich nicht jegliche Gewaltproblematik aus diesen Texten verbannt. Abgesehen davon, dass Pazifismus kein Konzept der Antike ist, gilt es zu beachten, dass die Exodus-Überlieferung gerade keine historisch greifbare Auseinandersetzung mit einer konkreten ägyptischen Macht beschreiben will. Bezeichnenderweise wird in der gesamten Erzählung des Exodus kein Pharao namentlich erwähnt, was allen Versuchen, die Texte (fundamentalistisch) historisch auszuwerten, entgegentritt. Ägypten steht hier für jede lebensbedrohliche Macht, die durch Gottes Eingreifen zurückgedrängt und schließlich vernichtet wird.

Mehr als Rettung aus Not, sondern vielmehr Befreiung für ein neues Leben geschieht durch den Exodus. Israel geht als Volk neu aus Ägypten hervor, weil Gott treu zu den Verheißungen steht, die er zuvor Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. JHWH hat Israel aus der Hand Ägyptens befreit, weil er es in das versprochene Land bringen will. Der Exodus ist also für Israel so etwas wie eine neue Geburt des Volkes, deshalb beschreibt sowohl der Text der Meerwundererzählung als auch der nachfolgende Hymnus durch Bilder und Vorstellungen ihn als Schöpfergott. Dies hat – nebenbei bemerkt – wohl auch dazu geführt, dass das Christentum Ostern schon früh als ein Fest der Schöpfung bzw. Neuschöpfung gefeiert hat.

Für Israel als Volk Gottes ist der Exodus-Mythos die maßgebliche Grundlegung der eigenen Identität, was die erste Rede Gottes nach der Ankunft am Berg Sinai bestätigt. „Ihr habt selbst gesehen, was ich an Ägypten getan habe. Dann habe ich euch auf Geiersflügeln getragen und euch zu mir gebracht. Jetzt aber, wenn ihr wahrhaftig auf meine Stimme hören werdet, meinen Bund bewahren werdet, dann werdet ihr mein eigenes Volk unter allen Völkern sein, wenngleich mir die ganze Erde gehört, werdet ihr mir aber ein priesterliches Königreich sein, ein heiliges Volk“ (Ex 19,4-6).

Genau dieses identitätsstiftende Element des Exodus bildet die Grundlage dafür, dass das Exodus-Geschehen beziehungsweise die Exodus-Erzählung vom Christentum, das seine Wurzeln im biblischen Israel hat, so exponiert rezipiert wurde. Nicht einzelne Ereignisse oder separate Motive stehen am Anfang der christlichen Exodus-Rezeption, sondern das Bewusstsein, dass dieses Exodus-Ereignis die Gottesbeziehung Israels begründet; später erst treten die schon erwähnten Deutungen einzelner Motive hinzu.

 

Der Exodus der Auferstehung

 

Bis heute aber wird diese grundlegende Verbindung für die Christen in der Feier der Osternacht zum Ausdruck gebracht. Nicht nur durch das Lesen der entsprechenden Texte, sondern mehr noch gleich zu Beginn der Feier beim Exsultet, dem Lob der Osterkerze:

„Dies ist die Nacht, in der du am Anfang unsere Väter, die Nachkommen Israels, nachdem sie herausgeführt waren aus Ägypten, trockenen Fußes durch das Schilfmeer geleitet hast.

Dies also ist die Nacht, welche die Finsternis der Sünden durch der Feuersäule Erleuchtung verscheucht hat.

Dies ist die Nacht, die heute auf der ganzen Erde Menschen, die zum Glauben in Christus gekommen sind, losgelöst von den Lastern der Welt und vom Dunkel der Sünde, heimgeführt zur Gnade und den Heiligen zugesellt.

Dies ist die Nacht, da Christus die Fesseln des Todes gesprengt hat und aus denen, die unter der Erde sind, als Sieger emporstieg.“

Wenn hier von „unseren Vätern“ gesprochen wird, dann ist das ein Bekenntnis dazu, dass die Christen sich von Anfang an in das Volk Gottes eingebunden sehen. Das ist auch – gerade in der Frühzeit des Christentums – keine Enterbung oder Ersetzung des Judentums durch das Christentum, sondern Ausdruck einer tiefen Verbindung, die den Kern des biblischen und theologischen Begriffs Israel als Volk Gottes erkennt. Genau diesen Kern verkennt Luther, wenn er betont, dass Gott nicht uns, sondern allein die Juden aus Ägypten geführt habe: „Aus diesem Text (i.e. Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthaus, geführt habe) ersehen wir klar, dass selbst die zehn Gebote uns nicht angehen. Denn er hat ja nicht uns aus Ägypten geführt, sondern allein die Juden.“

Diese Trennung ist ganz und gar unbiblisch. Was schon die jüdische Rezeption zeigt, die uns in der Päsach-Haggada begegnet, wenn es dort heißt, dass jeder einzelne in allen Zeiten der Geschichte aus Ägypten befreit ist („In jedem Zeitalter ist der Mensch verpflichtet, sich vorzustellen, er sei selbst mit aus Ägypten gezogen … Nicht unsere Vorfahren allein hat der hochgelobte Heilige erlöst, sondern er hat auch uns mit ihnen erlöst“). Diese „bleibende Bedeutung“ geht auf das biblische Verständnis zurück. An der Grenze zum gelobten Land erklärt Mose der zweiten Generation des Volkes nach dem Auszug aus Ägypten in Bezug auf den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, dass es nicht um eine intellektuelle Erinnerung an ein vergangenes Ereignis geht, sondern um ein Gegenwärtig-Sein der Bedeutung des Ereignisses in und für die jeweilige Generation: „JHWH, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. Nicht mit unseren Vätern hat der Herr diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier stehen, mit uns allen, den Lebenden“ (Dtn 5,2-3).

Das Christentum ist ohne Exodus-Ereignis ebenso wenig zu verstehen wie das Neue Testament ohne das Alte. In einer Oration der Osternacht heißt es dazu ganz treffend: „Du hast uns die Schriften des Alten und Neuen Bundes gegeben, damit wir das Osterfest feiern können.“ Da das christliche Selbstverständnis als Volk Gottes im Exodus-Ereignis gründet, erklären sich die typischen Bezugnahmen der christlichen Tauftheologie auf die Meerwunder- beziehungsweise Auszugsgeschichte ganz von selbst.

Schon die Texte des Neuen Testamentes ziehen das Exodus-Ereignis als entscheidendes Deutungsmuster für das Christusereignis heran. So bringt das Matthäusevangelium gleich zu Beginn unter seinen Erfüllungszitaten eines, das die Jesusgeschichte markant vom Exodus her zu verstehen lehrt: „Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Mt 2,15). Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, die kleine Episode von der Flucht nach Ägypten hätte allein den Sinn, dieses Zitat aus dem Buch Hosea einzubringen. Beim Propheten Hosea findet sich dieser Satz aber in dem zentralen Kapitel, das von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes kündet. Es geht um die geradezu unbändige Liebe Gottes zu Israel, die alles menschliche Erklären übersteigt. Den Auszug aus Ägypten beschreibt der Text bei Hosea als Tat eines „verliebten Gottes“. Der Hinweis auf die Erfüllung, den Matthäus bei seinem Zitat bringt, will sagen, dass in und durch diesen Jesus sich dieser „verliebte Befreier“ zu Wort meldet. Das, was im Exodus geschehen ist, ist eine für die Christen bleibende Wirklichkeit, die ihnen dieser Jesus vermittelt. Für den christlichen Glauben liefert folglich der Exodus den Schlüssel zum Leben Jesu, indem er die Erlösung zu verstehen hilft.

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