„Um Gottes Willen“ – Faszination Dschihad für Frauen

Hinführung

 

Wir leben in einer bewegten Zeit, haben mit Unsicherheiten und Ängsten zu tun. Die Gewalttätigkeit mancher Muslime führte zu Ängsten vor dem Islam und den Muslimen – Ängste, mit denen sogar Politik gemacht wird. Es gibt politische Parteien, die die aufkeimenden Ängste zu ihren Gunsten instrumentalisieren und so an Wählerstimmen gewinnen.

Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber, und wer die Angst instrumentalisiert und sie schürt, diffamiert um der eigenen Vorteile willen, sorgt für Skepsis, Abneigung und Hass und spielt die Menschen gegeneinander aus. Ja, es ist beängstigend, wie der IS und seine Gefolgschaft den Islam für seine unmenschlichen und brutalen Ziele missbraucht. Es ist beängstigend, wie in unserer Gesellschaft der Hass gegenüber Schutzsuchenden gewalttätig ausgetragen wird, es ist beängstigend, wie die globalisierte Wirtschaft und der materielle Gewinn ethische Werte relativieren und bewirken, dass die Schere zwischen Arm und Reich mehr auseinandergeht. Es muss uns Sorge machen, wenn Millionen Menschen sich unter katastrophalen Umständen auf den Weg in eine unbestimmte und unsichere Zukunft begeben, weil sie unter Diktatoren und fanatischen Ideologien leben und weil sie unter Ungerechtigkeiten keine Perspektive für ein menschenwürdiges Leben in Freiheit sehen. Es gibt verständliche und berechtigte Ängste, sie sollen jedoch nicht in den politischen Entscheidungen die Hauptrolle spielen. Sie führen zu irrationalen und realitätsfernen Entscheidungen, beeinträchtigen das Zusammenleben der Menschen, indem sie sie gegeneinander ausspielen.

Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die vor einer Woche veröffentlicht wurde, haben ein Drittel der Deutschen ein sehr negatives Bild vom Islam und den Muslimen. In weiteren Studien meinen mehr als 50 Prozent der Deutschen, dass der Islam eine Gewaltreligion sei. Die Angst vor dem Islam und vor Muslimen schlägt zum Teil in  irrationale Ängste um und führt zur Diffamierung des Islam, schafft Vorurteile stellt Muslime mithin unter Generalverdacht.

Der religiöse Extremismus zeigte sich im Laufe der Geschichte in exzessiven Formen und sorgte für Unbehagen und Unheil. Es ist ein Zeichen der Liebe zum Glauben, die die Menschen bewegt, dieser Form von Missbrauch zu entgegnen, indem sie den eigenen Glauben kritisch betrachten, mit ihm ringen und die Frage stellen, wie eine religiöse Radikalisierung des Geistes möglich ist und wie sie aus Menschen Fanatiker machen kann, die wider jeder Vernunft und Menschlichkeit handeln. In dieser Situation finden sich aktuell die Muslime, wenn die schrecklichen Nachrichten und Bilder uns vorführen, wie bei brutalem Mord, Zerstörung und menschenverachtenden Taten der Name Gottes gerufen und der Qur`an symbolisch hochgehalten wird.

„Um Gottes Willen!“ möchte man zum Himmel schreien und fragen, was mit den jungen Menschen los ist, die sich auf diese Art und Weise radikalisieren, vor nichts mehr Respekt haben, hochmütig und selbstherrlich Gott spielen, indem sie meinen, genau zu wissen, was der Wille Gottes sei und meinen, dass sie stellvertretend den Willen Gottes auf Erden verwirklichen – koste es was es wolle! Wer meint, genau, vollkommen und exklusiv zu wissen, was Gott will, ist meistens weit entfernt von Gott. „Um Gottes Willen“ ist hier ein Ausdruck von Erschrecken, von Entsetzen und zugleich ein Hoffen, dass Gott selbst seinen wahren Willen durchsetzt und die Menschen aufrüttelt.

Es ist ein Desaster, was seitens einer Minderheit im Namen des Islam geschieht, und es ist zum Teil infam, was im Namen der Islamkritik geschieht. Beide Seiten entwerfen ähnliche Begriffe, bedienen sich gleichartiger Methoden, urteilen undifferenziert und diffamieren, betrachten alles was ihnen nicht gefällt als falsch und verstehen den eigenen Weg als „den besten“ und „alternativlos“.

In Begegnung mit dem muslimischen Extremismus sind in den letzten Jahren Begriffe zum Teil neu entstanden. Es ist nicht immer einfach zu unterscheiden, was diese Begriffe beinhalten, sie sind jedoch zu Begriffen geworden, einen Inhalt auszudrücken, vor dem man Angst haben muss. Sie werden aber auch unbedacht verwendet, weil die Unterscheidung schwer fällt, wenn die extreme Erscheinung einer Religion direkt mit dem Namen dieser Religion bezeichnet wird. Dies wurde mir persönlich bewusst, als bei einer Ankündigung einer Veranstaltung unter meinen Namen der Begriff „Islamistin“ anstatt „Muslima“ stand. Es ist mein Anliegen, den Begriff „Islamismus“ zu vermeiden und stattdessen von „extremer politischer Ideologie im Islam“ zu sprechen. Ich sehe in dem Begriff ein Problem für die Wahrnehmung des Islam weil ich oft Menschen begegne, die „Islam“ und „Islamismus“ gleichsetzen. Zu den angstmachenden Begriffen gehören auch die Begriffe „Ǧihād“ und „Ǧihādisten“.

 

Gihād: Begriffsbestimmung

 

Der  Gihād ist in der islamischen Geistesgeschichte und in seiner Außenwahrnehmung ein höchst komplexes Phänomen. Er ist zu „einem Sammelbecken verschiedener widersprüchlicher Definitionsversuche geworden“.

Lexikalisch bedeutet der Begriff „Gihād“ „sich anstrengen“, „sich verausgaben für etwas“. Es geht zunächst darum, sich für etwas konstruktiv einsetzen, dieser Einsatz kann auch den Aspekt „Abwehr von etwas“ beinhalten. Dieser Begriff wird durch die Praxis der Muslime mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt und bedeutet nicht ausschließlich „Kampf und Krieg“, wie er heute verstanden wird. Was dieser Begriff definitiv nicht bedeutet und in Deutsch fälschlicherweise so übersetzt und von Terroristen so propagiert wird, ist „heiliger Krieg“. Krieg wurde immer, auch dort, wo Verteidigungskriege erlaubt waren, als „notwendiges Übel“ angesehen und in der islamischen Terminologie nie als „heilig“ bezeichnet. Der Begriff „muqaddas“, der mit „Heilig“ zu übersetzen wäre, ist einer der Namen Gottes und wird im Qur`an nur für den Ort verwendet, an dem Mose von Gott angesprochen wird. In keinem anderen Zusammenhang wird dieser Begriff im Qur`an verwendet. Dschihad ist im qur´anischen Kontext „ernsthafter Einsatz für eine gute Sache“.

In der Tradition gibt es die Begriffe „großer Dschihad“ und „kleiner Dschihad“. Mit dem kleinen Dschihad sind kriegerische Einsätze gemeint, die einen feindlichen Angriff im Sinne von Verteidigung entgegnen. Der große Dschihad ist gegen innere Kräfte und Begierden gerichtet sowie gegen materiellen Gier und Machtbesessenheit, also gegen Motive, die die Menschen zur schlechten Taten verleiten. Dschihad wird auch verwendet für den Einsatz für eine gute Tat im Alltag: Dschihad für die Bekämpfung der Armut, Dschihad für die Bekämpfung verbreiteter Krankheiten, Dschihad für die Beseitigung von Unwissenheit. Es ist dringend notwendig und aufgrund fundierter Einwände der Muslime durchaus realisierbar, die Übersetzung „Heiliger Krieg“ für „Gihād“ zu revidieren. Es ist falsch und zugleich eine Reduzierung eines Begriffes, der in der islamischen Geistesgeschichte „positiver und konstruktiver Einsatz für etwas Gutes“ bedeutet. Es ist fatal und unheilvoll, wenn eine terroristische Gruppe, die brutal mordet und zerstört, als „Gihādisten“ bezeichnet wird.

Weitere Begriffe, die wir aktuell mit muslimischem Extremismus und Terror verbinden, sind Salafismus und der selbsternannte „Islamische Staat“. Auch Salafismus war am Anfang dieser Bewegung eher eine Reformbewegung, die sich für die Befreiung von kolonialer Herrschaft und sozial schwachen Menschen einsetzte. Ihre Erfolgsfaktoren lagen in dem Aufruf, zu eigener Größe zurückzufinden – also die Tradition und den Weg der Vorderen folgen –, um frei von Abhängigkeiten zu werden. Ebenso waren ihr soziales Engagement und ihr Einsatz für die soziale Gerechtigkeit, die ihnen am Anfang des 20. Jahrhunderts in den Gesellschaften wie Ägypten viele Anhänger brachten. Unter Salafisten verstehen sich einige muslimische Gruppierungen, sie alle sind traditionsbewusst und leben strikt nach Regeln und moralischen Vorstellungen, bei Weitem sind aber nicht alle radikal und fanatisch. Es sind kleine Gruppen, die lautstark für Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen werben und eine politische islamische Herrschaft errichten wollen. Warum sich der Salafasimus insbesondere in den letzten Jahren rasant radikalisiert hat und religiöse fanatische Strömungen gebildet hat, hängt von vielen Faktoren ab und muss durch eine multi-perspektivistische Ursachenforschung erschlossen werden.

 

Manifest der Frauen des selbsternannten „Islamischen Staats“

 

Das Manifest, das sich mit dem muslimischen Frauenleben beschäftigt, ist von der Al-Khansa Brigade, einer Gihādistische Gruppe, wie sie sich benennen, verfasst. Als ich die Anfrage erhielt, dieses Manifest zu dokumentieren, war es mir unbekannt. Bei der Recherche, die zuerst nur in Originalsprache und in Englisch im Internet möglich war, zögerte ich. Ich war mir nicht sicher, ob durch die deutsche Übersetzung dem selbsternannten „Islamischen Staat“ sogar geholfen wird, ihre Ideologie auch im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Bei eigehenden Befassen damit wurde mir deutlich, dass eine theologische Auseinandersetzung mit derartigen Ideologien dringend notwendig ist, um ihrer selbstfabrizierten religiösen Rechtfertigung einen Riegel vorschieben zu können. Es gibt im Qur`an durchaus Aussagen, die – losgelöst vom Kontext der Ereignisse der Offenbarungszeit ­­– eine Legitimation für Gewalt sein können. Es gibt Überlieferungen, die eine Gewaltanwendung gutheißen, und Lehrmeinungen, die diese rechtfertigen. Eine theologische Auseinandersetzung ist dringend notwendig, kann ihr Ziel aber nicht erreichen, wenn die weiteren Ursachen wie machtpolitischen, geopolitischen und sozialen Ungerechtigkeiten unbeachtet bleiben.

Das Manifest „Die Frau im islamischen Staat“ ist als eine Werbeschrift zu verstehen, die zum Ziel hat, eine radikale und extreme Ideologie als göttlich darzustellen. Damit propagieren sie eine harmonische und geordnete alternative Lebensweise mit dem Ziel, junge Menschen – insbesondere Frauen ­– für ihre Ideologie zu gewinnen. Das Angebot, in einer Gemeinschaft zu leben, in der soziale Gerechtigkeit, Ordnung und ein friedlicher Umgang herrschen, kann faszinierend wirken. Der vereinfachte und reduzierte Glaube auf einige streng eingehaltene Gebote und Gehorsam gegenüber dem Führer dieser Gemeinschaft sind die einzigen Voraussetzungen, um in dieser Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Im Manifest wird immer wieder die moderne Lebensweise der Muslime angeprangert, die nach westlichem Vorbild leben und ihre eigene Tradition und den eigenen Glauben verloren haben. Die Schmähung der dekadenten westlichen Welt und ihrer arabisch-muslimischen Verbündeten ist durchgehend ein Anliegen des Manifestes. Dem wird eine Lebensweise nach dem Muster des 7. Jahrhunderts in Medina entgegengestellt, die von Einfachheit, Gläubigkeit, Zufriedenheit, Frieden und Gemeinschaft geprägt war, nämlich „die beste Gemeinschaft unter bester Führung“, eine harmonisierte und realitätsferne Vorstellung. Dass es den Muslimen heute schlecht geht, so die Aussage des Manifests, liegt darin, dass sie nicht mehr nach diesem Muster leben und sich von den Werten entfernt haben, die Gott ihnen durch den Islam vorgegeben hat. Zu diesen Regeln gehören dem IS zufolge die Bestimmung zu rigoroser Geschlechtertrennung und die göttlich verordneten Geschlechterrollen. Ferner werden Vorschriften und Regeln für die „wahren“ muslimischen Frauen dargelegt. Die Frauen müssen sich entsprechend den ihnen zugeschriebenen Rollen verhalten und damit die „ideale“ Gemeinschaft mittragen. Sie sind für die Rolle der gehorsamen Ehefrau und Mutter erschaffen und sind für Erziehung und Heranwachsen der jungen Generation verantwortlich. Wenn sie danach leben, können sie glücklich in dieser Welt sein und die Glückseligkeit im ewigen Leben erfahren. Damit sie sich nicht mit „unwesentlichen“ Dingen beschäftigen, wird die „weltliche“ Wissenschaft – alles, was nicht religiös ist – als verdorben und schlecht dargestellt.

In diesem Zusammenhang wird der Westen beschuldigt, auch durch die Wissenschaft die Muslime beherrschen und ihre Religiosität und Werte berauben zu wollen. Im gesamten Text werden die Lebensformen diffamiert, die nicht den Vorstellungen des „Islamischen Staates“ entsprechen. Die islamischen Geistesideen sowie die muslimischen Philosophen, Denker und Wissenschaftler, die über Jahrhunderte die Entwicklung der Wissenschaften maßgeblich bewirkt haben, werden in diesem Manifest als „Atheisten und Ketzer“ abgetan. Der selbsternannte „Islamische Staat“ sieht seine Verantwortung unter anderem auch darin, die jungen Menschen zu überzeugen, dass die muslimischen Denker und Wissenschaftler, die in der Blütezeit des Islam „eine materialistische Zivilisation aufbauten“, keine Helden waren, sondern „Atheisten und Ketzer“. Alle Wissenschaften haben, laut Manifest, materialistische Ziele, die nur für das Diesseits gedacht sind. Sie glauben nicht an das wirkliche Paradies, und daher schmücken sie das „Diesseits in jeder Hinsicht, damit es wie das Paradies erscheint“.

Das nihilistische Gedankengut – eigentlich fremd für den Islam – wird immer wieder in diesem Manifest sichtbar, wenn stets die Rede ist von der Belohnung im Jenseits und der Wertlosigkeit dieser Welt. Die Fokussierung auf das Jenseits und die Vorstellung, dass alles auf dieser Welt durch den Willen Gottes geschieht, führt zu Fatalismus und macht das Bemühen für und auf dieser Welt überflüssig. Es entsteht der Eindruck, dass der selbst ernannte „Islamische Staat“ damit die jungen Menschen, insbesondere die Frauen, zu Wesen erziehen will, die sich ohne eigenen Willen und kritisches Hinterfragen unterordnen. Das hindert den selbsternannten „Islamischen Staat“ aber nicht, prahlend zu behaupten, dass er die Muslime nach Jahrzenten der Demütigung und Unterwerfung gerettet und ihnen ermöglicht hat, in einer wirklichen muslimischen Gesellschaft zu leben. Damit dieser Befreiung auch die Unabhängigkeit vom „ungläubigen Westen“ folgt, hat der IS konkrete programmatische Vorstellungen: Zum Beispiel wollen sie gemäß der Tradition des Propheten in Medina die „wucherhafte Papierwährung“ durch Dirham und Dinar ersetzen. Zum Teil berechtigte Kritik am Kapitalismus wird aufgegriffen, um durch realitätsferne Lösungsmethoden die Überlegenheit des IS-Prinzips hervorzuheben.

Als Programm meint der IS auch die Aufgabe zu haben, die Einzigkeit Gottes im Diesseits und Jenseits zu verwirklichen, die Scharia zu festigen und den Islam auf Erden zu verbreiten, um die Menschheit „aus der Dunkelheit des Unglaubens zum Lichte des Imans [Glaubens]“ zu verhelfen. Der IS bedient sich zur Legitimierung seiner Ideologie einiger Textstellen des Qur`an und der Tradition, daher ist es nicht ausreichend, sich mit dem Satz „Das alles hat mit Islam nichts zu tun“ von dieser Entwicklung distanzieren zu wollen. Die Argumentation im Manifest ist eine religiöse Vereinfachung und Reduzierung durch minimalistische Quellen und fragwürdigen Überlieferungen. Aufgrund seiner Einfachheit und Klarheit spricht es womöglich junge Menschen an, die nach Orientierung suchen. Daher muss exakt hier angesetzt und durch wissenschaftlich-theologische Interpretationsmethoden und kontextuelle Betrachtungsweise der authentischen Texte die auf Barmherzigkeit und Selbständigkeit basierende Lehre des Islam lebensnah dargestellt werden.

In diesem Propagandapamphlet geht die Oberflächlichkeit auch im Zusammenhang mit der Aufgabe der muslimischen Frauen weiter. Es wird ausdrücklich erwähnt, dass Gott für die Männer und Frauen bestimmte Rollen erschaffen hat. Wenn sie diese Rollenverteilung nicht beachten beziehungsweise tauschen, handeln sie wider ihrer „Natur“, „fitara“, und dies sei die Ursache allen Übels, das den Muslimen heute widerfährt. Gott bestraft die Muslime durch die Übermacht des dekadenten Westen, weil sie die göttlichen Bestimmungen missachten. Das Manifest bietet dann konkrete Verhaltensweisen und verspricht ihnen ein ideales und glückliches Leben, das ihrer „Natur“ entspricht. Das Glück in diesem Leben und die Glückseligkeit im ewigen Leben sind garantiert, wenn die Frauen sich akribisch an diese Regeln halten. Das Frauenmodell des „ungläubigen Westens“ ist laut Manifest gescheitert, weil es die Frauen „aus dem Band des Heimes entfesselte“. Die komplexe und vielfältige Rolle, die den Frauen im Westen aufgezwungen wird, entfernt sie von ihrer „natürlichen“ Rolle und macht sie unglücklich und unfrei. Um diesen Fehler gut zu machen, bezahlt der Staat Prämien – Anspielung auf Kindergeld und staatliche Hilfen für Familien –, um die Frauen von ihrer widernatürlichen Rolle zu befreien und bringt sie durch materielle Verlockung wieder zu ihrer „eigentlichen Rolle“ zurück. Während der selbst ernannte „Islamische Staat“ die Rolle der Ehefrau und Mutter hoch schätzt und als „großartige Aufgabe“ bezeichnet, für die Gott die Frauen ausgesucht hat, erkennt die westliche Welt „endlich den Beruf der Hausfrau“ an.

Damit die Ordnung der „von Gott erteilten“ Rollenverteilung bestehen bleibt, sollen die Frauen, laut Manifest, im Kindesalter erzogen und früh verheiratet werden. Sie sollen lernen, sich dem Mann unterzuordnen und ihm zu gehorchen, dadurch wird die Ordnung in der Familie und Gemeinschaft erhalten.

Neben dieser Hauptaufgabe hat die Frau auch „Nebenaufgaben“, wie es im Manifest heißt: Sie darf ausgesuchte Berufe erlernen und ausführen. Sie darf ausschließlich als Lehrerin, Ärztin und Kämpferin für den selbsternannten „Islamischen Staat“ das Haus mit Erlaubnis ihres Mannes verlassen, sich ausbilden lassen und diesen Berufe nachgehen.

Es folgen einige Berichte und Fallbeispiele aus den vom IS kontrollierten Gebieten, die mit einigen wenigen Bildern darstellen sollen, wie friedlich und schön das Leben in diesen Gebieten ist.

Zusammenfassend kann man das Manifest als eine Werbeschrift für eine vereinfachte religiöse Orientierung bezeichnen, die kein Denken und Hinterfragen erfordert und eine heile Welt darstellt, die aufgrund ihrer Schlichtheit überschaubar und verständlich ist. Gepaart mit dem Versprechen eines paradiesischen Jenseits als Belohnung kann diese Vereinfachung in einer für viele Menschen komplizierten und unberechenbaren Welt durchaus eine Faszination bewirken, die anziehend wirkt.

 

Warum lassen sich junge Menschen davon faszinieren?

 

Neben derartiger Schriften und Video-Botschaften gibt es Bilder und Berichte von Grausamkeiten, brutalem Mord und Zerstörung durch IS-Anhänger. Die Frage ist: Warum blenden junge Menschen diese Realität aus? Es ist ernsthaft darüber nachzudenken, warum es kaum Hemmnisse oder Skrupel gegenüber Gewalt gibt und was die jungen Menschen anfällig und bereit für diese Gewalttaten macht. Auf die Frage nach seinem Motiv antwortete ein Schüler, der in Amerika einen Mitschüler tötete, dass er wissen wollte, wie es sich anfühlt, jemanden zu töten. Diese und weitere Formen von Gewalt unter Jugendlichen müssen uns sensibilisieren und uns ein Ansporn sein zu überlegen, ob es jungen Menschen heute an etwas Wesentlichem fehlt. Sie haben die Möglichkeit, unbegleitet und unkontrolliert umfassende Informationen zu bekommen und sind zumeist allein auf sich gestellt, oft ohne die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt und die Authentizität dieser Informationen überprüfen und verarbeiten zu können. Sie halten sich oft in einer virtuellen Welt auf, haben viele anonyme Kontakte und Freunde in den sozialen Netzwerken und können durch Bilder und Worte manipuliert werden. Dadurch sind sie oft kaum in der Lage, mit der realen Welt in Kontakt zu treten, Menschen real zu treffen, sich mit realen Ereignissen auseinanderzusetzen und durch persönlichen Einsatz und Übernahme von Verantwortung am praktischen Alltagsleben teilzunehmen. Sie sind umgeben von zahlreichen Bildern und Kontakten und zugleich überfordert und einsam. Die Gefahr der Empfänglichkeit wird größer sein, wenn junge Menschen in zerrütteten Familienverhältnissen leben und sich nicht geliebt und geborgen fühlen. Könnte die hierdurch entstehende Sehnsucht nach Gemeinschaft ein Grund sein, warum sie sich von Gruppen wie IS blenden lassen? Ist die einfache Religiosität eine mögliche Orientierung, die sie benötigen? Oder geht in der Tat von der brutalen Gewalt eine Faszination aus, die sie anlockt?

Es ist dringend notwendig, sich interdisziplinär mit diesen Fragen zu beschäftigen. Erziehung, Sozialisation, Identitätsfindung, Frage nach Sinn des Lebens, Familie und Gemeinschaft sind grundlegende Komponenten, die die Persönlichkeit eines Menschen beeinflussen. Womöglich sind sie in unserer Zeit ruhelosen Umwandlungen und Veränderungen unterzogen.

Inzwischen gibt es teilweise Antworten bezüglich der Frage nach der Motivation der jungen Menschen, die sich dem IS angeschlossen haben. Basierend auf diesen Antworten habe ich meine These formuliert. Weiterhin meiden die Rückkehrer, insbesondere die Frauen, aus Selbstschutz die Öffentlichkeit, ihre Erfahrungen können bedeutende Hilfe für die Präventivarbeit sein. In seinem neu erschienenen Buch „Ich war ein Salafist“ berichtet der Rückkehrer Dominic Musa Schmitz über seine Motive und seine Erfahrungen. Nach der Scheidung seiner Eltern, als er 15 Jahre alt war, ist für ihn die Welt zusammengebrochen und er suchte nach Halt im Leben und fand ihn im Islam, zu dem er mit 18 Jahren konvertiert ist. Zu seinen Motiven gehörte die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach der Gemeinschaft und nach Ordnung, die den Menschen Gerechtigkeit und Frieden bringen. Er ist der Meinung gewesen, dass der Glaube ihm Halt gibt, und wenn dieser Glaube wirklich gelebt wird, kann er eine Rettung für Menschen aus ihrer Haltlosigkeit sein. In einer religiösen Gemeinschaft, so seine Überzeugung, findet der Mensch Geborgenheit, Zuwendung und Glück in diesem Leben und den paradiesischen Zustand im ewigen Leben, also eine Perspektive in diesem Leben und Heil und Rettung im ewigen Leben. Es wurde ihm schnell deutlich, dass unter der ideologischen Kruste kein barmherziger und gütiger Kern war, sondern brutale Kälte, Hass, exzessive Gewalt und Feindbilder. Die Verlogenheit dieser Ideologie ist ihm bewusst geworden, als er merkte, dass er nicht mehr er selbst war und nur nachplapperte was die anderen ihm sagten. Er ist einer der Wenigen, die sich befreien konnten und auch bereit ist, sich öffentlich zu zeigen und sich für Aufklärung einzusetzen. Eine mutige und verdienstvolle Entscheidung, die unterstützt werden muss.

 

Was ist zu tun?

 

Es ist keine Frage, dass derartige Ideologien, eine theologische Auseinandersetzung erfordern. Die religiöse Alphabetisierung und theologische Reflexion sowie Reformen sind notwendig für die Immunität gegen die religiöse Radikalisierung. Dies kann aber nicht losgelöst von anderen Ursachen für radikales Gedankengut die erforderlichen Ergebnisse bewirken. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach Orientierung müssen nach Lebensrealität und Bedürfnissen der Menschen neu erörtert werden, die politischen und sozialen Konflikte sowie wirtschaftlichen Krisen müssen aufrütteln und erkennen lassen, dass wir in vielen Bereichen nicht mehr so weiter machen können wie bisher.

Die Religion ist weiterhin für zahlreiche Menschen ein Indikator für die Selbstfindung und Identität und kann Halt und Orientierung bieten. Die Religionen haben zu allen Zeiten zum Guten und für den Erhalt des Friedens beigetragen, wurden aber auch zum Schlechten und zur Begründung von Kriegen eingesetzt. Es liegt bei den Anhängern der Religionen, wie sie die Texte interpretieren, Inhalte deuten und die Lehre in die Praxis umsetzen. In diesem Prozess spielen das Umfeld, die kulturellen Gewohnheiten und machtpolitische Interessen eine entscheidende Rolle, mit anderen Worten: Die Religionen stehen nicht im leeren Raum, sie werden angepasst und auch instrumentalisiert für die Legitimation der menschlichen Taten und Untaten. Die Religionen stellen die Grundprinzipien und Weisungen durch Erzählungen von historischen Begebenheiten und Verhaltensweisen der Menschen zur Verfügung; es liegt in der Verantwortung der Menschen sie zu reflektieren und stets neu zu überprüfen. Die neue katholische Schrift über Sexualität ist ein erfreuliches Beispiel, wie die Tradition und die als starr betrachtete Lehre doch bewegt werden kann, wenn sie in Gefahr gerät, nicht mehr ernst genommen zu werden. Die Religion kann nicht an der Lebensrealität der Menschen vorbei gehen, es muss daher aufmerksam auf die große Gefahr der Relativierung geachtet werden, eine gewissenhafte und wahrhaftige Auseinandersetzung mit den Grundprinzipien ist dringend erforderlich.

Auch der Islam, dem oft der Vorwurf gemacht wird, eine starre Religion zu sein, die sich nicht der Moderne anpassen kann, ist von seinem Wesen her anpassungsfähig, in der Praxis früher mehr als heute. Die Kultur der Ambiguität, die Thomas Bauer in seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität – eine andere Geschichte des Islams“ anschaulich darstellt, ermöglichte die vielfältigen Meinungen nicht nur im Bereich der Normen und des Rechts, sondern auch in der Exegese und im Qur`an-Verständnis. Die unterschiedlichen Richtungen und Meinungen haben miteinander diskutiert, gerungen und auch gestritten, sie haben aber auch gut miteinander gelebt, wenn die politische Komponente nicht für Konflikte sorgte. Zwischen Sunniten und Schiiten, von denen man heute meint, dass sie sich nur bekämpfen, gab und gibt es in den muslimisch geprägten Gesellschaften auch Ehen, die gut funktionieren.

Im Widerstand gegen die radikalen Ideologien und die Überlegungen über unsere Lebensweise sind die Muslime Partner, und der Islam kann Impulse geben, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten wollen.

Der Qur`an betont die Notwendigkeit der sozialen Gerechtigkeit und fordert die Menschen auf, in ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen mit anderen Menschen gerecht und barmherzig zu sein. Gerechtigkeit wird erklärt als eine angemessene, unparteiische Verteilung von Gütern und gleiche Chancen für Personen und Gruppen in einer Gesellschaft. Sie gilt als Grundnorm der verantwortungsbewussten Handlungsweise, die in der Offenbarung von Gott eingefordert wird: „Wir haben unsere Gesandten mit den deutlichen Zeichen gesandt und mit ihnen die Schrift und die Waage herabkommen lassen, damit die Menschen für die Gerechtigkeit eintreten“ (Sure 57:27). Der Wortlaut dieses Verses betont, dass die Gesandten und Offenbarungen eine gemeinsame Botschaft in diesem Zusammenhang haben, nämlich die Menschen darauf hinzuweisen, dass sie aktive Akteure für das Durchsetzen der Gerechtigkeit sind. Das Gemeinwohl ist das Ziel der Normen, Regeln und Empfehlungen, und in den Ritualen wird diese Zielsetzung besonders sichtbar. „Der beste Islam ist, dass du die Hungrigen speist und Frieden verbreitest unter bekannten und Unbekannten“, heißt es in einer Überlieferung „Das Leben Muhammads“.

Die Nutzung der Ressourcen ist das Recht und Privileg aller Menschen und aller Geschöpfe. Wir sind keine Eigentümer, sondern Nutznießer für eine gewisse Zeit (Sure 79:30-33). Deshalb sollte der Mensch jede Maßnahme ergreifen, um die Interessen und Rechte aller anderen zu sichern, denn alle Menschen sind gleichwertig.

Es gibt keine Alternative zu Begegnung und Dialog. Nicht nur innerreligiös und interreligiöser Dialog, sondern Dialog zwischen allen, die das Leben wertschätzen, Respekt vor der Schöpfung haben und an der Menschlichkeit festhalten, Dialog mit Empathie und Verstand auch und gerade aufgrund des religiösen Denkens. Aus dem Qur`an entnommen ist der Ort der Vernunft in der islamischen Tradition im Herzen. Im religiösen Denken und Handeln bedingen sich Vernunft und Herz. Wenn man tief und wahrhaftig glaubt, ist es nur folgerichtig, dass man andere wertschätzt und offen für Begegnung ist.

Gott ändert an einem Volk nichts, ehe es nicht ändert, was in den Seelen ist (Sure 13:11). Gott traut uns zu, unsere Geisteshaltung zu ändern, und es liegt an uns, wie wir unser Leben und unsere Welt gestalten wollen. Religionen brauchen gerade in unserer Zeit ein gutes Selbstbewusstsein, um daraus die Offenheit für die selbstkritische Betrachtung und für den Dialog zu gewinnen.

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