Florian Schuller: Pater Balleis, Sie sind in einem kleinen Bauerndorf in der Nähe von Augsburg geboren. Die Priesterweihe war dann aber in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Wie kam es, dass sich Ihr Leben von Augsburg in Richtung Harare entwickelt hat?
P. Peter Balleis: 1976, kurz vor dem Abitur, hatte ich Gelegenheit, mit einem Benediktinerpater von St. Ottilien im Westen von Kenia einen Missionar zu besuchen. Da ist die Welt in meinem Kopf explodiert. Die kulturelle Verschiedenheit, auch die Armut, haben viele Fragen angestoßen, die dann den Prozess einer Berufung vorangetrieben haben. Schließlich bin ich in den Jesuitenorden eingetreten, um in die Mission zu gehen. So kam ich 1984 nach Simbabwe.
Florian Schuller: Und warum nicht zu den Benediktinern, nach St. Ottilien?
P. Peter Balleis: Vielleicht bin ich doch nicht so der Mensch für einen stabilen Ort, sondern brauche einen größeren Rahmen.
Florian Schuller: Frau Manske, Sie waren drei Jahre bei Vodafone, sind Mitglied mehrerer Institutionen, unter anderem auch bei einer, die ich bisher nicht kannte, „Think Tank 30“: Auf der Homepage findet man lauter junge Leute, alles „Digital Natives“. Sie haben hier in München an der LMU studiert, und in Mexiko Stadt. Wenn Sie die Kommilitoninnen und Kommilitonen von München und von Mexiko Stadt vergleichen, welche Ähnlichkeiten, welche Unterschiede haben Sie da vor Augen?
Julia Manske: Den großen Unterschied macht die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Das hat mich immer sehr bewegt. Auch der „Think Tank 30“ ist eine junge Organisation des „Club of Rome Deutschland“, die sich den Fragen von sozialer Nachhaltigkeit widmet. Um auf Mexiko einzugehen: Es ist ein Land mit unglaublichen Ungleichheiten, die es sehr schwierig machen, soziale Mobilität zu fördern. Meine Hoffnung ist, und so bin ich auch zum Digitalisierungsthema gekommen, dass gerade im lateinamerikanischen Raum die Digitalisierung im besten Fall dazu beiträgt, mehr Chancen zu schaffen.
Florian Schuller: Deshalb noch einmal die Rückfrage: Die Studierenden in München und Mexiko Stadt, unterscheiden die sich fundamental? Oder haben sie eine ähnliche optimistische oder pessimistische Wahrnehmung der Wirklichkeit?
Julia Manske: Ich habe in Mexiko an der UNAM, der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, studiert. Die UNAM ist eine öffentliche Universität, die unterscheidet sich stark von den privaten Universitäten im lateinamerikanischen Raum. Dort gab es starke Impulse, politisch etwas bewegen zu wollen, sich auch gegen das System zu wehren oder die Korruption zu bekämpfen. Das sind Themen, mit denen sich ein Münchner Student normalerweise nicht auseinandersetzen muss. Aber generell ist meine Generation eine Generation, bei der es sehr viel Harmonisierung gibt. Die Leute hören ähnliche Musik, bekommen durch die sozialen Medien eine sehr ähnliche Vorstellung von der Welt.
Florian Schuller: Prinz Ludwig, wenn man an das Haus Wittelsbach denkt, denkt man an großes Engagement für Kunst oder an die Liebe zu Griechenland. Aber Wittelsbach und Afrika, wie geht das zusammen? Einer Ihrer Onkel ist Missionsbenediktiner von St. Ottilien und leitet eine riesige Pfarrei im Norden Kenias. Gibt es doch so etwas wie ein Afrika-Gen im Hause Wittelsbach?
Prinz Ludwig: Wenn, dann ist es ein schlummerndes Gen; denn sehr viele machen immer wieder die Erfahrung, und ich bin da sicher nicht der Einzige: Wer einmal diesen Kontinent betreten hat, kann leicht daran kleben bleiben. So war es ganz sicher bei meinem Onkel Pater Florian, der dort sein ganzes Leben verbracht hat und nun seit über 20 Jahren mit einem richtigen Nomadenstamm zusammenlebt.
Bei mir war es so, dass ich erst über kleine Reisen für den Hilfsverein Nymphenburg, eine gemeinnützige Organisation, die meine Familie ins Leben gerufen hat, immer öfter nach Kenia gefahren bin. Ich habe dann gemerkt, dass ich in diesen abgeschiedenen Regionen, wo es fast keine Chancen gibt, wirklich viel erreichen kann. Das in Kombination mit der Liebe zum Kontinent Afrika hat mich dazu gebracht, für zumindest eine Lebensphase dort sehr intensiv zu sein.
Florian Schuller: Wir wollen uns drei Themenblöcke vornehmen. Erster Block: Wie ist die Situation der Digitalisierung, welche Chancen gibt es, welche Gefahren? Dann die beiden Projekte von Ihnen, Pater Balleis und Prinz Ludwig, und in einem dritten Bereich, die Konsequenzen für Politik bei uns und weltweit.
I.
Florian Schuller: Wie ist die Situation von Digitalisierung der Länder in Entwicklung, gibt es Ungleichzeitigkeiten, kann man irgendwelche Trends festmachen? Sie sind in der entsprechenden Forschung ziemlich weit, Frau Manske.
Julia Manske: Wir erinnern uns alle noch gut an den „Arabischen Frühling“. Damals gab es viel Euphorie, weil die Aufstände vor allem über soziale Medien organisiert wurden, und es gab die große Hoffnung, dass mit diesen Technologien auch große Fortschritte im Entwicklungskontext erreicht werden können. Ernüchterung ist eingetreten, vielleicht auch einfach mehr Realismus. Wir haben verstanden, dass Technologie bestehende Systeme befördern und behindern kann, genauso wie jedes andere Instrument auch.
Mit der Digitalisierung tun sich viele Chancen auf im Bildungsbereich, in der Landwirtschaft, bei der Verbesserung von Regierungssystemen mit einem sogenannten „E-Government“. Gleichzeitig ergibt sich aber auch eine Vielzahl von Risiken, und die Chancen werden teilweise schon wieder durch die Risiken minimiert; denn von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren unterschiedliche Akteure, und die Verteilung ist sehr ungleich. Nicht nur kontinentale Unterschiede, auch die Verteilung zwischen Mann und Frau, das Alter spielt eine große Rolle. Dann besonders die Diskrepanz zwischen Stadt und Land. Wer zum Beispiel Nairobi kennt und dann eine Stunde hinausfährt, wird sehen, dass Digitalisierung in 40 Kilometer Entfernung doch noch einmal anders aussieht. Nach dem jüngsten Weltbankbericht von Anfang des Jahres haben 60 Prozent der Weltbevölkerung immer noch keinen Zugang zum Internet.
Was heißt es überhaupt, Zugang zum Internet zu haben? Zum Beispiel unser Zugang zum Internet über Desktop, der findet in den meisten Ländern so nicht statt. Häufig gibt es ausschließlich den Zugang über Telefon. Das muss nicht schlecht sein, hat aber zur Folge, dass Dienstleistungen oder Angebote angepasst werden müssen. Das Andere ist, dass die Digitalisierung ganz neue Kompetenzen erfordert und eine neue Herausforderung für den Arbeitsmarkt darstellt. Gleichzeitig sehen wir, dass im Moment vor allem immer noch die Eliten profitieren, die sowieso einen guten Bildungsstand haben.
Aber letztlich birgt jede neue Dienstleistung große Chancen, gerade im Bereich der IT-Systeme. Umgekehrt können es gerade digitale Technologien im Zweifelsfall auch erleichtern, dass undemokratische Staaten zusätzliche Macht über ihre Bürger ausüben.
Florian Schuller: Manchmal wird ja von Kenia als dem „Silicon Savannah“ gesprochen. Wie schaut es dort wirklich aus mit der Digitalisierung?
Prinz Ludwig: „Silicon Savannah“ – ich weiß nicht, ob wir wirklich so weit sind. Tatsächlich entwickelt sich gerade Nairobi zu so etwas wie einem Schwerpunkt für junge IT-Unternehmen in Ostafrika. Google zum Beispiel unterstützt dort kleine Inkubatoren. In vielen Zentren kann man sich treffen und austauschen zu digitalen Themen. Und es gibt eine Reihe von Firmen, die für den lokalen Markt alle möglichen digitalen Dienstleistungen anbieten. Recht neu haben jetzt die ersten Firmen angefangen, Dienstleistungen nach Kenia outzusourcen. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, das sich „Samasource“ nennt; ein anderes nennt sich DDD, „Digital Divide Data“, wo es darum geht, ganz einfache Tätigkeiten, statt sie an billige Arbeitskräfte in Indien zu geben, an solche in Afrika zu vermitteln. Aber insgesamt hat das Ganze noch keine allzu großen Zahlen und große Wirtschaftskraft erreicht.
Florian Schuller: Andererseits gibt es ja da dieses hochinteressante Bezahlsystem, viel weiter entwickelt als bei uns.
Prinz Ludwig: Ja, dass Menschen in ihrem alltäglichen Leben die digitale Welt nutzen, ist sehr stark ausgeprägt, und zwar nicht nur in Nairobi, sondern in ganz Kenia. Erstaunlicherweise auch in Regionen, die vollkommen unterentwickelt sind, wo es keine Straßen gibt, wo die Leute teilweise noch nicht einmal einen Fernseher gesehen haben, selbst dort gibt es großflächig 3G-Empfang, also mobiles Internet. Es wird immer mal wieder gemunkelt, dass teilweise in der Wüste Ostafrikas der mobile Internetausbau besser sei als in Bayern.
Florian Schuller: Und wie funktioniert diese Finanzierungsmöglichkeit?
Prinz Ludwig: Überall wo es Netzempfang gibt, haben fast alle Leute ein Telefon. Nicht immer ein Smartphone, aber zumindest ein Telefon. Sehr verbreitet sind die alten Nokia-Handys –
Florian Schuller: – die Knochen!? –
Prinz Ludwig: Genau, das sind tolle Dinger, die Batterie hält drei Wochen lang, ohne dass man nachladen muss, und Sie können telefonieren oder SMS schreiben. In Kenia wurde nun ein System entwickelt, wie man über SMS ein vollständiges Banking-System hat. Das Ganze nennt sich „m-Pesa“ und wird unglaublich gut angenommen. Kein Mensch hat dort ein Bankkonto, aber jeder hat einen „m-Pesa-account“, das heißt, er hat sein Geld im Mobiltelefon. Man findet dann tatsächlich irgendwo im Norden Kenias zwei Nomaden, die ein Kamel oder eine Ziege verkaufen. Die ziehen beide ihr Handy und bezahlen dann mit „m-Pesa“ das Kamel. Der eine schickt einen Code, und der andere kriegt eine SMS, dass das Geld angekommen ist, damit ist das Kamel verkauft.
P. Peter Balleis: Man spricht ja vom digitalen Graben, und der ist besorgniserregend. Ich kenne eine Afrikakarte zur Verkabelung Afrikas, da gehen die Kabel um Afrika herum und an den Küstenländern hinein, aber es gibt Bereiche in Afrika, da findet man kein einziges Kabel. Das war eine unserer Herausforderungen, auch in Kenia: Wie bringen wir das Internet in ein Flüchtlingslager 600 Kilometer nördlich von Nairobi? Mit safari.com über Radio-Transmitter ist es uns dann gelungen.
Prinz Ludwig: Das Problem löst sich momentan rapide. Sie haben gerade über das Flüchtlingslager Karkuma gesprochen. Dort braucht man jetzt nicht mehr eine Richtantenne; es gibt inzwischen ganz normalen 3G-Empfang. Und jede Woche gibt es eine weitere Antenne, ein weiterer riesiger Block auf dem Gelände hat dann eben auch Internet. Es kommt schnell in Gegenden, für die man sich nicht vorstellen kann, dass sich das lohnt. Aber es lohnt sich; es sind keine NGOs, sondern Wirtschaftsunternehmen, die Sendemasten aufstellen.
Florian Schuller: Wer bezahlt das, und wie funktioniert das wirtschaftlich?
Prinz Ludwig: Es rechnet sich. Es leben einfach viele Menschen in diesen Gegenden, und das Handy, in manchen Fällen ein Smartphone, ist das einzige Medium, das diese Menschen verwenden. Alle diese kleinen Anrufe, auch wenn es nur winzige Beträge sind, addieren sich so, dass es wirtschaftlich lohnend ist, Sendemasten hinzustellen. Manchmal auch nur, um der Platzhirsch zu sein, um als Unternehmen die beste Abdeckung zu haben, weil man weiß, dass es sich dann in fünf Jahren lohnt.
P. Peter Balleis: Das stimmt. Aber in Ländern wie Zentralafrika, Ost-Tschad gibt es kein Internet, oder es ist sehr schwierig, Zugang zu bekommen.
Florian Schuller: Wie sieht es dann in Asien aus?
P. Peter Balleis: Viele der Technologien werden ja in Asien entwickelt. Ich kann aber nur von den Ländern reden, wo wir arbeiten, in Afghanistan, in Herat und in Bamiyan. Unser Interesse ist dort, das Internet zu benützen, um Bildungsprojekte voranzutreiben.
Julia Manske: Der Unterschied besteht zwischen einem Zugang zur Mobilfunktechnologie einerseits und andererseits zum Internet, und dann je nachdem noch einmal, welche Geschwindigkeit man beim Internet hat. Ein Land wie Äthiopien, das flächendeckend Mobilfunktechnologie bietet, hat aber nur zwei Prozent Zugang zum Internet. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, weil man sich auch über Mobilfunktechnologie Dienstleistungen anbieten lassen kann, aber natürlich bleibt es eine Einschränkung. Man muss schon fragen, welche Länder überhaupt langfristig mitgenommen werden können. Und als letzter Punkt: In vielen Ländern gibt es vielleicht Zugang zum Internet, der ist aber so unglaublich teuer, dass ihn sich die meisten noch nicht leisten können.
Florian Schuller: Gibt es also Gefahren einer Monopolisierung?
Prinz Ludwig: Der Hinweis war richtig. Die Kosten beim Internet sind in Afrika an „bundles“ festzumachen, die kosten Geld. Das eine ist, Zugang zum Internet zu haben, der für ein Zahlungssystem ausreicht, oder eine E-Mail zu schreiben, aber dann fehlt häufig eben der Zugang zu komplexen Inhalten oder Lernmaterialien; Lernvideos sind datenintensiv. Während hier in Deutschland jeder eine Flatrate hat, sind Flatrates dort eher unüblich und zu teuer, man zahlt etwa ein Cent für ein Megabyte. Wenn man ein Grundeinkommen von weniger als ein Dollar hat, wie viele Leute dort, kann man sich eben nicht sehr viele Megabyte leisten. Gerade, wenn wir über Lernen durch Internet reden, brauchen wir aber Videos.
Es gibt allerdings innovative Lösungen. Zum Beispiel öffnet in Nairobi eine meiner Partnerorganisationen gerade ein System, das für den gesamten Slum Lerninhalte über lokale Server anbietet. Das ist quasi ein riesiges Wi-Fi-Netz, auf dem unglaublich viele Lernvideos, Lernquizze, Lernprogramme verfügbar sind, und wo sich jeder über ein Wi-Fi mit seinem Smartphone, wenn er eines hat, einloggen kann. Und dann gibt es international noch einige größere Initiativen. Facebook hat gerade etwas gestartet, auch für Lerninhalte.
II.
Florian Schuller: Damit kommen wir zu unserem nächsten Themenbereich: E-Learning. Pater Balleis, wie funktioniert denn Ihre Online-Universität für Flüchtlinge?
P. Peter Balleis: Der Begriff „Online-Universität“ stimmt nicht ganz. Das ist nämlich eine Zusammenarbeit von Universitäten, die via online Lerninhalte und höhere Bildung anbieten, also die Universität dorthin bringen, wo die Leute sind, an den Rändern – „marginalized“, „at the margin“, so ist der Untertitel – und auch zu Bevölkerungen, die keinen Zugang haben zu Internet und Computer. Deshalb richten wir im Flüchtlingslager Karkuma, in Saleka, in Afghanistan, an verschiedenen Plätzen Lernzentren ein, Computerlabors, wo die Leute studieren können …
Florian Schuller: … und real beieinander sind?!
P. Pater Balleis: Man weiß, die universitäre Landschaft wird sich rapide verändern, das wissen auch die Universitätsdirektoren. Man dachte vor zwei, drei Jahren, die großen MOOCs, die Massive Open Online Courses, führten zu einer Revolution. Die Realität ist aber, dass 90 Prozent der Teilnehmer diese Kurse nie fertigmachen. Erstens ist es nicht so stimulierend, allein mit einem Computer zu studieren, im eigenen Wohnzimmer, sondern es geschieht einfach mehr, wenn Köpfe zusammen sind, also ein Stück des alten, klassischen Modells. Zweitens bekommen die dafür auch gar keinen Abschlussnachweis, es sei denn, die zahlen Harvard oder dem MIT einen Haufen Geld dafür; und Arme haben kein Geld.
Unser Modell verleiht den Abschluss einer amerikanischen Universität, der Regis University in Denver/Colorado, eröffnet den Zugang zum Internet und schafft eine „learning community“ auch im virtuellen Klassenzimmer, eine weltweite Gemeinschaft von Lernenden. Wir stellen die Klassen, so zusammen, dass Leute im Flüchtlingslager in Karkuma, Kongolesen mit Afghanen, mit Syrern in Amman, und Leuten in Myanmar zusammen lernen, sich mit demselben Lerninhalt auseinandersetzen. Die Vision ist, eine globale Kommunität zu schaffen, in der Menschen zusammen denken; denn jeder kann auch etwas beitragen. Da geht es nicht darum, einen Lerninhalt herunterzuladen, sondern darum, zusammen zu lernen und zu denken. Darum ist unser Grundstudium „Liberal Arts“ ein geisteswissenschaftlicher Kurs, an dessen Ende die Leute ein Diplom bekommen, und dann können sie in andere Studiengänge wechseln. Im Grunde ist es ein gemischtes Modell: das Beste vom alten Modell und mit neuer Technologie, um eine globale Gemeinschaft von Lernenden zu schaffen.
Prinz Ludwig: Ein paar Kommentare dazu. Einmal: ganz wichtig, dass die Leute nicht isoliert vor ihrem Computer sitzen, denn dann machen sie Facebook und ähnliches, surfen ein bisschen auf Youtube, wenn sie die „bundles“ haben, werden aber nicht regelmäßig und zuverlässig einen Kurs absolvieren. Wenn man Menschen dagegen mit einem Ziel zusammenbringt, passiert plötzlich wahnsinnig viel. Ob es immer gleich ein Universitätsabschluss sein muss, da habe ich persönlich Zweifel. Ich habe in Kenia sehr viele Leute aus der IT-Branche interviewt und festgestellt, dass deren Abschlüsse nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt waren. Es ist nach wie vor ein korruptes Land; man kann sich einen Abschluss auch kaufen. Die fähigen Leute haben aber meistens nicht das Geld, die Gebühren zu bezahlen, um die Ausbildung bis zum Ende zu führen.
Entscheidender ist, was die Leute tatsächlich können. Gerade die digitale Welt ist eine sehr kreative Welt und viel weniger theoretisch, als sich das viele vorstellen. Sie liegt näher am Handwerk als an der Wissenschaft. Man muss wegkommen davon, zu viele Abschlüsse zu sammeln, und mehr dahin, wie kann ich die digitale Welt nützen, um ein Einkommen zu verdienen. Oft ist es sogar eine Gefahr, dass die Leute einen Abschluss nach dem anderen anstreben, aber nie anfangen, das Ganze umzusetzen. Es gibt wenige Arbeitsplätze, deswegen machen viel zu wenige Leute Praktika, oder werden eingestellt nach ihrem Abschluss. Dann verkümmert dieses Halbwissen, das sie mit dem Abschluss erworben haben, noch mehr, als es ursprünglich war.
P. Peter Balleis: Vielleicht muss ich noch ein bisschen besser erklären, worum es uns geht. Wir haben Flüchtlinge, die konnten ihre Ausbildung nicht beenden. Weniger als ein Prozent haben Zugang zu einem Universitätsstudium. Und dass man denen einen ersten Schritt ermöglicht, ist schon wichtig. Wir machen „skill trainings“, auch nach dem Bologna-System, und bieten Englisch-Kurse an. Uns ist klar, dass die Leute mehr brauchen. Aber: Wenn sich nicht das Denken in manchen Kulturen und Ländern ändert, wenn nicht neue Führungskräfte herabgebildet werden, dann kann man so viele Jobs schaffen, wie man will, die werden nie angewandt werden, weil die Rahmenbedingungen so schlecht sind, dass nichts funktioniert, und weil die Korruption immer wieder alles kaputtmacht.
Es geht uns schon darum, durch Geisteswissenschaft Menschen zum Denken auszubilden. Ich komme eben von Kurdistan zurück und habe das auch dem dortigen Ministerium für höhere Bildung erklärt. Einige haben mir gesagt, genau das brauchen wir, Leute auszubilden, die eigenständig denken. Denn es gibt Kulturen, da ist vom Kindergarten bis zur Universität das Auswendiglernen Hauptkriterium der Bildung, und nicht das eigenständige, kritische Denken. Und in manchen Kulturen und Situationen ist genau das wichtig. Wir wollen Menschen anregen, die die Katastrophe einer falschen Politik erlebt haben, in Afrika, Afghanistan und vielen anderen Ländern. Das ist zumindest unsere Vision.
Florian Schuller: Ein echt jesuitischer Gedanke.
P. Peter Balleis: Ja. Wir wollen verändern durch neues Denken.
Florian Schuller: Können sie noch die konkrete Struktur Ihrer Online-Universitäten erläutern: Wie ist das Ganze organisiert, wie wird es finanziert, was kann man bei Ihnen studieren, was sind die Voraussetzungen, muss ich irgendwie eine Hochschulbefähigung mitbringen?
P. Peter Balleis: Wir nehmen Studierende nur nach einem rigorosen Testverfahren auf. Das können auch Ältere sein, auch Frauen, die verheiratet sind und Kinder haben; wir legen uns nicht fest auf die 20-Jährigen. Dann, was wir augenblicklich anbieten können, ist das Diplom in „Liberal Arts“ der Regis University in Denver. Das Studium von „Management System“ läuft über die Georgetown University/Washington, D.C. Viele Jesuitenuniversitäten helfen uns. In der Startphase waren es jene in den USA, und jetzt erweitern wir die Zusammenarbeit. Der Jesuitenorden hat 180 Universitäten weltweit: Wenn da jede etwas hineinsteckt, können wir sehr viel für die Armen tun.
Unsere Leiterin ist dort die Chefin, wo ihr Computer steht. Aber irgendwo braucht man doch ein paar fixere „knots“, zum Beispiel ein Büro hier in München. Wir brauchen ja auch Lerninhalte von Europa, und deshalb braucht man auch irgendwo einen Akademiker, der Lerninhalte entwickelt, zum Beispiel für einen Umweltkurs für Umwelttechniker.
Wir haben vor Ort immer einen lokalen Partner. In Erbil/Irak ist es die Katholische Universität, die ganz am Anfang steht. Oder NGOs oder der Jesuitenflüchtlingsdienst, der auch in Nordkurdistan arbeitet. Aber wir arbeiten nicht nur im Flüchtlingsbereich, sondern auch in Mosambik oder Sri Lanka usw. Das Modell entwickelt sich weiter.
Und wie finanziert es sich? Wir haben keinen Business Plan, sondern einen Service Plan; denn wer mit den Armen arbeitet, kann keinen Profit machen. Wir brauchen Institutionen wie Missio, Misereor, hoffentlich auch Gelder vom bayerischen Staat und von Bundesministerien, dazu Spender oder eine Stiftung. Wir verlangen aber auch von unseren Studenten, dass sie sich in ihrer eigenen Community engagieren. Zum Auswahlverfahren: Eine Frage im Interview lautet immer: Was machst du in deiner eigenen Community?
Auch die Professoren erhalten nur ein Drittel des gewohnten Gehalts. Jeder trägt ein Stück bei, macht es „gratuitously“, als „in-kind contribution“, um dieses Projekt für die „margins“ aufzubauen.
Julia Manske: Mich würde interessieren, inwiefern Wissen auch aus den einzelnen Communities und Ländern wieder in das Curriculum zurückfließt.
P. Peter Balleis: Wir hatten am Anfang natürlich universitäre Curricula. Dann haben wir nach drei Jahren ein eigenes globales Curriculum für das Diplom in „humanities“ entwickelt. Aber noch entscheidender ist: Wenn die Studenten zusammen studieren und gegenseitig die Aufsätze kommentieren, wird sehr viel Wissen beigesteuert. Darum nennen wir das nicht mehr Erziehung, sondern globales Lernen.
Florian Schuller: Nochmals zu den Dozenten: Kommen die alle aus den Partneruniversitäten und machen das nebenher?
P. Peter Balleis: Die sind nicht im klassischen Sinn Unterrichtende. Denn wenn ich einmal einen Kurs im Online-Format aufbereitet habe, dann steht der in guter Qualität. Aber man braucht jemanden, der eine Gruppe von Studenten ein Stück begleitet, sie auch bewertet: Hat der Aufsatz auch Qualität, so dass man am Ende das Zertifikat vergeben kann? Es geht ja nicht darum, Zertifikate anzusammeln, sondern man muss den Menschen Anerkennung geben, wenn sie etwas geleistet haben. Wir machen es nicht billiger, weil sie Flüchtlinge sind oder Afrikaner oder Asiaten. Die haben keine Zeit, in Facebook zu schauen, weil sie jeden Tag sechs Stunden studieren müssen, damit sie das leisten können, was verlangt wird. Viele arbeiten nebenbei.
Florian Schuller: Verstehe ich die „liberal arts“, von denen Sie gesprochen haben, als so etwas wie ein Studium generale?
P. Peter Balleis: Das stimmt. Es gibt in den ersten zwei Jahren Philosophie, Logik, Vergleichende Religionswissenschaft, Leadership, Politisches Denken. Im dritten Jahr spezialisiert es sich dann auf Pädagogik, Sozialarbeit oder Sozialwissenschaften und Business. Woran wir jetzt denken: einen Kurs zu entwickeln für interkulturelles Lernen. Das wird immer wichtiger. Auch Firmen erklären mir: Die Computer kann jeder bedienen, aber wenn sich ein Team nicht versteht, weil sie Inder sind und nach Kastensystem funktionieren, dann können die gescheitesten Leute nichts produzieren.
Florian Schuller: Ich kann also mit dem Abschluss, den ich bei Ihnen bekomme, beruflich nicht direkt etwas anfangen, sondern bin als Mensch gereift?
P. Peter Balleis: 25 Prozent unserer Studenten und Absolventen gehen weiter im Studium an anderen Universitäten; denn der Abschluss ist anerkannt – in den USA, in Australien, in Finnland usw. Ein bisschen schwierig ist es mit dem deutschen System. Deshalb überlegen wir, ob wir nicht ein amerikanisches Diplom verleihen können, damit sie dann ohne Abitur ins deutsche Universitätssystem kommen.
Prinz Ludwig: Gibt es auch Zahlen, wie viele es danach in eine Anstellung schaffen?
P. Peter Balleis: Viele der Flüchtlinge arbeiten mit NGOs, andere ergreifen eigenständig Initiative. Unsere Datenerhebung ist noch nicht so perfekt, dass man allem schon über Jahre hinweg nachgehen könnte. Aber große Auswirkungen zeigen sich jetzt schon: Schauen Sie in ein Flüchtlingslager mit 20.000 Leuten. Die Leute können nicht heraus in Dzaleka, weil der malawische Staat den Leuten nicht die Erlaubnis gibt, zu arbeiten. Dann sitzen die jungen Leute frustriert da, zum Teil sind sie schon dort geboren. Wenn Sie aber 300 Menschen haben, die jeden Tag an eine Universität gehen, etwas Vernünftiges lernen, und wenn andere ein Diplom erwerben, dann gehen die heim und haben etwas Neues gelernt und erzählen davon. Es verändert sich die Atmosphäre im Lager. Ein Kind in der Grundschule sieht, ich kann danach noch etwas anderes machen. Die werden nicht alle studieren, aber sie sind inspiriert. Die spirituelle Dimension Hoffnung in Bildung ist unheimlich wichtig, um auch in der Situation, wo alles kaputt gegangen ist, etwas zu erreichen.
Florian Schuller: Prinz Ludwig, Sie haben vorhin schon das Hohelied des Handwerkers, der Handwerkerin gesungen, der konkreten, praktischen Ausbildung. Was treibt Sie um in Kenia?
Prinz Ludwig: Noch einmal: Ich stelle überhaupt nicht in Abrede, dass ein Studium generale unglaublich wichtig ist, und dass wir unbedingt Leute brauchen, die den vollen Bildungsweg nehmen. Aber es kann nicht der Weg für alle sein. Ich arbeite schon seit 2011 mit jungen Menschen im Norden Kenias, und alle erzählen mir, sie wollen studieren und dann am liebsten nach Amerika, manche auch nach Europa, und dort große Karriere machen und dann vielleicht zurückkommen, aber eh nur nach Nairobi und da in einen ganz großen „office job“ im Anzug. In 95 Prozent der Fälle, wahrscheinlich sogar 99 Prozent, ist das nicht realistisch.
Mich hat immer sehr bewegt, wenn man mit jungen Menschen arbeitet, die Träume haben, muss man ihnen helfen, diese Träume zu verwirklichen. Bei vielen der Entwicklungsprojekte, die wir machen, und die an sich gut sind, wenn wir zum Beispiel Leuten beibringen, wie man Körbe flechtet, ist das tolle Entwicklungshilfe. Wir helfen den Menschen, dass sie sich ernähren können, aber es ist schwer, einem jungen Menschen, der vielleicht sogar schon auf der Schule war, zu erklären, jetzt flechte einmal Körbe, denn damit kannst du Geld verdienen und deine Familie ein bisschen ernähren. Nein, die wollen wirklich etwas aus sich machen.
Mein Gedanke war dann: Wie können wir für Menschen in ganz entfernten Regionen, wo es noch nicht einmal Straßen gibt, wo einfach kein Geld da ist, um irgendwie an einen Abschluss zu kommen, wenn man nicht zufällig das Glück hat, in ein Programm aufgenommen zu werden, und wo man auch, wenn man dann seinen Abschluss hätte, eigentlich keine Chance hat, einen Job zu finden – wie können wir für die etwas aufbauen? Wir haben deshalb eine Organisation gegründet, die einen neuen Weg verfolgt. Wir sagen, auch in einer Gegend, in der es keine Infrastruktur gibt, in der es noch nicht einmal Wasser gibt, so dass man gar nichts anpflanzen kann, gibt es, und zwar plötzlich oder seit ein paar Jahren, in manchen Fällen erst seit ein paar Wochen, Internet-Zugang. Und wo es Internet-Zugang gibt, und intelligente Menschen, dort kann man einen Laptop hinstellen, eine Solarzelle aufstellen – man braucht noch nicht einmal Netzstrom oder so etwas – und kann damit genauso erfolgreich arbeiten wie jemand in seinem Büro am Broadway, wenn er dasselbe Talent oder dieselben Werkzeuge hat wie der Mensch, der eben in New York sitzt.
Dorthin wollen wir die Leute bringen. Wir wollen jungen Menschen beibringen, mit einem Laptop Geld zu verdienen. Das ist das Ganze. Und zwar nicht für den lokalen Markt, denn den gibt es in vielen Gegenden Afrikas nicht. In Nairobi gibt es vielleicht einen lokalen Markt für Digitales. Aber wenn Sie draußen in der Wüste wohnen, dann werden Sie dort keinen Kunden für eine Website finden. Doch es gibt einen riesigen globalen Markt. Ein einigermaßen talentierter Webdesigner hier in Deutschland hat einen Stundensatz von wahrscheinlich um die 60 Euro im Schnitt. Das ist dort schon fast ein Monatslohn. Auf die Qualität eines mittelmäßigen deutschen Designers kann man schneller kommen, als man denkt – wenn man jemanden findet, der ein Talent hat, ein gutes Auge und einen wachen Geist, und ihm einen Computer und die richtigen Lernmaterialien zur Verfügung stellt. Das ist sogar schon möglich in drei, vier Monaten.
Es gibt eine neue Mode auf der ganzen Welt, die „coding bootcamps“ oder „coding schools“, wo man wirklich in Schnellkursen von drei, vier Monaten lernt, auch wenn man vorher sehr wenig mit Computern zu tun hatte, wie man zum Beispiel als Webdesigner arbeiten kann. Warum sollte man das nicht auch in Afrika organisieren? Das war unser Gedanke, und das setzen wir im Moment um. Ich habe eine Organisation mitgegründet, die nennt sich „Learning Lions“, also die „Lernlöwen“.
Florian Schuller: Der Löwe ist vielleicht wieder eine Erinnerung an Bayern.
Prinz Ludwig: Ja, der Löwe ist nicht nur Bayerns Wappentier. Wahrscheinlich haben dort mehr Leute einen Löwen gesehen als wir. Er ist ein Symbol der Stärke, und darum ging es uns. Wir wollen, dass die Leute stark werden. Sie kriegen in einem Crash-Kurs während drei Monaten vermittelt, wie sie zum Beispiel eine komplette Internetseite marktfähig designen können, nach den Vorgaben eines Kunden. Wir bilden die Leute in Gruppen von 30 Leuten aus, und zwar immer so, dass die Lehrer aus dem Kurs des Vorjahres kommen. Es ist viel leichter für jemanden, von einem in derselben Altersgruppe zu lernen, der auch denselben Dialekt spricht, als von irgendeinem Professor, der aus Deutschland kommen würde. Wir arbeiten natürlich auch mit viel Onlinematerial, also mit fertigen Kursen, aber das eigentliche Lernen ist „learning by doing“, zielgerichtet auf Produktentwicklung und genau diese Art von Arbeit, die man im Internet findet. Die Lehrer zeigen, ich kann tatsächlich eine Website verkaufen, an der ich eine Woche gearbeitet habe, und bekomme dafür 400 Dollar. Das ist dort unglaublich viel Geld. Das muss man erst mal mit Körbeflechten erreichen; ungefähr 400 Körbe, daran sitzt man länger als eine Woche.
Florian Schuller: Und woher weiß der globale Markt, dass es diese Designer gibt?
Prinz Ludwig: Da muss man, Gott sei Dank, das Rad nicht neu erfinden, denn der Markt regelt sich sehr gut selber. Eine Entwicklung der letzten Jahre beschreibt man bekanntlich als „outsourcing platforms“. Es kursiert auch der Begriff „microtasking platforms“. Große Namen sind darunter, zum Beispiel „Upwork“, „Fiverr“, „Freelance“. Im Prinzip ist alles dasselbe. Zum Beispiel, Sie wollen heiraten und deshalb eine Hochzeitseinladung designed haben, wollen aber nicht eine deutsche Designagentur beauftragen, wo sie 200 Euro dafür zahlen müssen, sondern wollen maximal 20 oder 10 Euro zahlen. Dann können Sie auf eine dieser Plattformen gehen, setzen diesen Auftrag drauf oder suchen umgekehrt nach jemandem, der Design von Hochzeitskarten anbietet, bestellen das, und einen Tag später haben Sie Ihre individualisierte Hochzeitskarte. Und irgendjemand, der in Indien sitzt oder in Mexiko oder in Osteuropa, hat 10 Euro verdient. Der kann genauso in der weitesten Wüste in Afrika sitzen. Und Leute, die sich darauf spezialisieren, zum Beispiel jemand, der Vollzeit für so eine Plattform arbeitet und gut ist, verdient zwischen 1.000 und 3.000 Euro im Monat, egal, wo er sitzt. Das ist dort ein utopisch hohes Gehalt.
Julia Manske: Ich bin ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite gibt es natürlich dieses „learning by doing“. Zu merken, was man für Fähigkeiten hat, und dass diese Fähigkeiten auch gebraucht werden, kann sehr aktivierend sein. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, gerade in Kenia, dass die jungen Leute dort technologieaffin sind. Ich glaube auch gar nicht, genau wie Sie, dass es einen Universitätsabschluss braucht, sondern dass es eher um die Kompetenzen geht.
Andererseits aber hat das, global gesehen, arbeitsmarktpolitische Konsequenzen. Diese Plattformen, von denen Sie sprachen, werfen die üblichen Fragen auf, die Outsourcing früher auch schon aufgeworfen hat. Was heißt das für unseren Arbeitsmarkt und für jenen in anderen Ländern mit dem Blick auf Nachhaltigkeit? Inwiefern können sich überhaupt langfristig nachhaltige Strukturen entwickeln? Wenn wir nur auf die technischen Skills setzen, besteht die Gefahr, dass sich keine guten Systeme entwickeln können, in denen nicht nur der Einzelne profitiert, sondern gesamtgesellschaftlich eine Entwicklung stattfindet.
Prinz Ludwig: Das Schöne am digitalen Markt ist gerade seine Breite und Weite. Es gibt ja nicht nur die Möglichkeit, eine Website im Internet zu programmieren, sondern man kann digital inzwischen fast jede beliebige Dienstleistung anbieten. Gut, vielleicht nicht Haare schneiden; das wird, bis es entsprechend ferngesteuerte Roboter gibt, noch ein bisschen schwierig sein. Aber ganz ehrlich: Was findet denn heutzutage nicht mehr am Computer statt? Die Welt wird immer digitaler.
Florian Schuller: Gibt es Bereiche jenseits von Webdesign, in denen Ihre Absolventen arbeiten?
Prinz Ludwig: Wir stehen noch sehr am Anfang. Aber letztes Jahr haben wir einen Kurs mit fünf verschiedenen Gruppen angefangen. Eine Gruppe hat digitale Musikproduktionen gemacht, eine andere Film, sowohl die Aufnahmen, aber auch Postproduktion. Das zum Beispiel ist auch ein Feld für Outsourcing, allerdings sehr „bundle“-intensiv; da werden große Datenpakete herumgeschickt. In einer dritten Gruppe haben Leute einfach nur digital zeichnen gelernt haben. Dafür gibt es einen immensen Markt. Wir wollten auch eine Gruppe für 3D-Modellierungen anbieten; da hatten wir allerdings im ersten Anlauf noch keinen großen Erfolg gehabt, aber jetzt im zweiten Anlauf sieht es schon sehr viel besser aus.
Die Musikproduktion zum Beispiel hat wunderbar geklappt, und selbst dafür gibt es einen Markt. Viele verwenden gerne rechtefreie Musik, um damit ihre eigenen Internetvideos zu hinterlegen. Und jemand mit Begabung kann, ohne je ein echtes Instrument in der Hand gehalten zu haben, die tollsten Musikstücke mit einfachem Computerprogramm produzieren.
Florian Schuller: Pater Balleis, sehen Sie Schnittmengen zu Ihrem Engagement?
P. Peter Balleis: Ich glaube, der Ansatz ist etwas verschieden. Sie nützen die digitale Technologie für Jobs. Das ist gut so. Wir nützen es einfach für die Vermittlung von Wissen. Das ist unsere Anwendung der digitalen Welt. Darüber machen sich auch viele andere Gedanken. Unser Projekt ist auch ein Experiment, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Nicht zuletzt deshalb ist die Georgetown University sehr an uns interessiert. Dann versuchen wir, digital die Kosten herunterzubringen. Die Universitätsbildung kann sich ja fast keiner mehr leisten, in den USA vor allem mit ihren Privatuniversitäten. Man muss wieder ökonomische Möglichkeiten finden, Wissen zu vermitteln, um Leute auszubilden.
Florian Schuller: Und Ihre Kosten, Prinz Ludwig? Wie hoch liegen die?
Prinz Ludwig: Ein Computer, auf dem man vernünftig arbeiten kann, kostet ungefähr 300, 400 Euro. Dann braucht man noch Stromversorgung. Das sind erstmal die Kosten für einen Arbeitsplatz. Unsere Lehrer sind sehr günstig, weil wir eben ehemalige Studenten nehmen: Den Kursteilnehmern bieten wir „full board“, alles kostenfrei, damit sie sich eben diese drei Monate über nichts anderes Sorgen machen müssen.
Florian Schuller: Wohnen die auch dann zusammen? Haben Sie eine Art Internat oder Studentenwohnheim?
Prinz Ludwig: Wir haben momentan eine nicht benutzte Schule von der Regierung zur Verfügung gestellt bekommen. Gern würden wir unseren eigenen Campus bauen, an dem die Leute nicht nur lernen, sondern in Zukunft auch ihre Unternehmen aufbauen sollten. Wenn Menschen im richtigen Umfeld zusammen sind, ergeben sich ganz tolle Sachen. Aber das kostet viel Geld, und das müssen wir erst einmal zusammenbekommen.
Florian Schuller: Vielleicht wird Pater Balleis einmal für sein Onlinematerial bei Ihnen die Designer holen. Das wäre doch eine gute Kombination.
P. Peter Balleis: Das können wir gerne machen. Das Design der Onlinekurse wird augenblicklich zwar von einem Team in den USA gemacht. Aber in Zukunft kann man das genauso in Afrika oder Asien machen; die Talente sind überall. Vielleicht kann ich zum Vergleich sagen, was bei uns ein „credit“ kostet. Der kommt auf 67 Dollar. Das sind ungefähr drei, vier Wochen Studienlernzeit. Wenn man einen Diplomstudenten nimmt, der 45 „credits“ enthält, kostet er uns insgesamt 3.000 Dollar für die drei Jahre Studium. Dazu kommen Kosten der lokalen Partner.
Florian Schuller: Wie erreichen Sie überhaupt ihre potentiellen Studierenden oder Auszubildenden?
P. Peter Balleis: In der Anfangsphase gingen wir in die Flüchtlingslager. Aber es ist immer besser, Kriege zu vermeiden, vorher die Leute auszubilden und nicht nachher zu kommen, wenn sie schon auf der Flucht sind. Im Nordirak hatte ich ein Gespräch mit einer Gruppe, in der viel mehr Mädchen waren als Jungs. Ein Mann hat erklärt: ihre Brüder sind alle schon nach Deutschland gegangen, weil man bei den Jungs eher riskiert, dass sie diesen gefährlichen Weg machen. Aber wenn sich hier nichts tut, gehen auch unsere Töchter weg. Oder ich denke an zwei junge Christen in Erbil: Die hatten schon in Mossul studiert, das Studium dann unterbrochen wegen des Einmarsches der IS. Die würden ganz gern bleiben, aber sie brauchen eine Perspektive.
Florian Schuller: Da sind Sie beide in ähnlicher Richtung unterwegs.
Prinz Ludwig: Absolut. Man muss den Leuten vor Ort Perspektiven geben. Wir haben das als internationale Gemeinschaft bisher viel zu wenig getan. Wir waren großartig darin, tonnenweise Essen in diese Gegenden zu schaffen, immer wenn wir im Fernsehen Bilder von hungernden Kindern sahen. Wir haben uns viel zu wenig Gedanken gemacht, was mit diesen Kindern, nachdem sie dieses Essen bekommen, weiter passiert. Und da ist Bildung der erste, unglaublich wichtige Weg mit vielen Auswirkungen, weil Bildung unter anderem auch der einzige Weg ist, die Bevölkerungsexplosion dauerhaft zurückzuführen. Es ist ganz einfach so, dass Eltern, die zur Schule gegangen sind, weniger Kinder haben als eine Familie, aus der die Eltern nicht zur Schule gegangen sind.
Aber nach der Bildung versagen wir immer noch, da wir gerade außerhalb der Hauptstädte viel zu wenig dafür tun, Arbeitsplätze zu schaffen, damit gerade auch die mit einem gewissen Bildungslevel bleiben wollen. Ansonsten droht extreme Landflucht in die Städte, weil es den Menschen vor Ort nach wie vor schlecht geht, die Familien unglaublich wachsen, und das Problem immer größer wird.
P. Peter Balleis: Sie, Herr Schuller, haben vorhin nach Schnittmengen gefragt. In diesem Punkt haben wir viele Schnittmengen. Die Digitalisierung ermöglicht es, Arbeitsplätze dorthin zu bringen, wo die Menschen leben, und es ist möglich, auch Bildung in diese Regionen zu tragen. Sie müssen nicht mehr wegziehen in die großen Städte, das heißt in die Slums. Die Welt kann sich auch dadurch verändern, dass die massive Abwanderung in die Städte gestoppt wird.
III.
Florian Schuller: Damit sind wir beim dritten Themenbereich: den Konsequenzen aus der jetzigen Situation. Frau Manske, eines Ihrer Ziele ist, den digitalen Graben zu schließen. Pater Balleis, Sie sagen, es sei einfacher geworden, Menschen zur Bildung zu bringen, und Sie, Prinz Ludwig, zeigen, wie es einfacher wird, Menschen in einen Beruf zu bringen. Welche Konsequenzen für die Entwicklungspolitik Deutschlands ergeben sich daraus?
Prinz Ludwig: Kurze Korrektur: Einfach ist es nicht! Das ist Knochenarbeit, sage ich immer. Aber es ist möglich.
Julia Manske: Damit hätte ich auch angefangen. Natürlich ist es jetzt theoretisch leichter. Aber nur weil ein Kurs da ist, heißt das noch lange nicht, dass sich etwas verändert. Das erkennen jetzt auch die entwicklungspolitischen Akteure. Früher gab es so etwas wie „Projektitis“, es sind sehr viele kleine Projekte überall entstanden. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass man sich vorher erst einmal umschauen muss, was machen andere Akteure.
Das andere ist, es fehlt noch an Erfahrungswissen. Natürlich gibt es die großen Beispiele wie „M-Pesa“, das wirklich ein toller Erfolg ist, vielen Menschen das Leben erleichtert und etliche Folgeinnovationen zeitigt. Aber bei anderen Projekten wird deutlich, die digitalen Technologien führen am Ende doch nicht zu mehr Erfolg, wie wir vielleicht zu Beginn gedacht hatten.
Drittens, nur weil man jetzt mit neuen Technologien arbeitet, sollten wir nicht bisherige Werte über Bord werfen, gerade um menschenrechtliche Standards einzuhalten. Das macht die Entwicklungspolitik in vielen anderen Bereichen sehr konsequent, aber im Digitalisierungsbereich – ich arbeite viel zum Thema Datenschutz und Schutz der Privatsphäre – sehen wir, dass das sehr viele Akteure auf einmal völlig ausblenden – frei nach dem Motto: Wir sind in einem afrikanischen Land, deswegen müssen wir uns nicht an die Standards halten, die wir in unserem eigenen Land anwenden würden. Das kann aus meiner Sicht nicht das richtige Maß sein. Im Gegenteil; wenn wir entwicklungspolitisch aktiv sind, dann haben wir noch eine viel größere Verantwortung. Das heißt, wenn ich an die Sammlung von Daten beispielsweise von Flüchtlingen denke, ergibt das noch einmal ganz andere Implikationen. Oder wenn ich Daten über ethnische Zuordnung sammle. Da wacht der entwicklungspolitische Apparat gerade auf.
Und noch als vierten Punkt, den haben wir nur kurz angerissen mit dem Engagement von Facebook: Es gibt natürlich große globale Trends der Digitalisierung, die Deutschland genauso betreffen wie jedes andere Land. Wenn Google und Facebook in Ländern des globalen Südens besonders aktiv werden, wollen sie natürlich einen Markt erschließen, auch wenn sie unter Umständen einen Teil davon auch aus philanthropischen Gründen machen sollten. Deshalb müssen wir jetzt vor allen Dingen mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten und überlegen, wie wir die neuen Entwicklungen gemeinsam gestalten sollten, damit am Ende alle davon profitieren und nicht nur Facebook und Google.
Florian Schuller: Prinz Ludwig, Sie arbeiten konkret bei Design zusammen. Erleben Sie auch, dass hier Facebook oder Google in Richtung eines Monopols gehen?
Prinz Ludwig: Das wäre jetzt kein afrikanisches Problem. Wir haben eben einige Riesen, die natürlich ihren Markt mit Händen und Füßen verteidigen und gerne auch einmal die Ellbogen einsetzen. Man sollte sich allerdings nicht die Suppe zu sehr versalzen lassen, denn diese „tools“, die da angeboten werden, sind meistens vom Nutzen her einfach auch toll. Wenn Google ein neues Zentrum eröffnet, in dem wirklich Austausch zwischen jungen Menschen passiert und Google-Clubs gegründet werden, wollen sie die alle natürlich dauerhaft als Kunden haben. Aber erst einmal haben sie etwas Tolles geschaffen, und das sollte man deswegen auch nicht ganz in Abrede stellen.
Wenn man die Frage entwicklungspolitisch betrachtet, muss man zu recht etwas vorsichtig sein. Man sollte nicht alle deutschen Entwicklungsgelder in ein Google-Projekt stecken, oder nur in ein Facebook-Projekt, sondern verschiedene Initiativen unterstützen. Deutsche Entwicklungspolitik schaut immer von sehr weit weg auf die Projekte. Es gibt zwar Kontaktpersonen vor Ort, aber trotzdem werden nur große Projekte gefördert. Ich selber habe immer nur mit kleinen Organisationen gearbeitet, und zwar mit vielen. Für die war es fast unmöglich, an deutsche Entwicklungsgelder zu kommen, weil meist unter einer Million gar nicht hingeschaut wird. Wobei die tollsten Sachen, die ich gesehen habe, ganz klein anfingen und am Anfang die Hilfe am meisten gebraucht hätten. Der Ansatz wäre also, stärker der Zivilgesellschaft zu vertrauen.
Florian Schuller: Eben wurde der Datenschutz angesprochen. Pater Balleis, Wenn Sie in Flüchtlingslagern arbeiten, können Sie da entsprechende Sicherheiten einbauen?
P. Peter Balleis: Klar. Unser „student management system“, die Datenbank, ist mit dem „student management system“ der Georgetown University vernetzt, und das erfüllt alle Standards. Wir sind also weder mit Google oder Facebook im Geschäft.
Florian Schuller: Zur Schlussrunde möchte ich bei Ihnen beginnen, Frau Manske. Sie haben am 23. Mai dieses Jahres bei einer Veranstaltung gesprochen über: „Wer ist smart in der smarten Stadt?“ Das Wort „smart“ kann „edel“ heißen, „geschickt“, „aufgeregt“, aber auch „hinterfotzig“, „gerissen“, „diplomatisch“. Wie smart ist IT in unserer immer smarter werdenden Welt?
Julia Manske: Mein Vortrag war eine sehr kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungen vor allem in Transformationsländern. In Brasilien und in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, aber eben auch in Nairobi, gibt es Bestrebungen, die Städte möglichst „smart“ zu machen. Mir gefällt der Begriff nicht, aber ich wünsche mir natürlich eher smarte Gesellschaften und smarte Bürger als smarte Technologien, und zwar Bürger, die in der Lage sind, diese Technologien für sich zu nutzen und für die Gestaltung einer besseren Gesellschaft. Deswegen hoffe ich, dass gerade bei Bildung nicht nur technische „skills“ forciert werden, sondern dass wir uns wirklich als Gestalter dieser digitalen Welt erfahren können, und dass wir verstehen, was dann passiert. Das heißt auch, unsere Werte von der Welt weiterhin zu leben, und dass die Technologien am Ende im besten Fall ein Instrument sind.
Florian Schuller: Pater Balleis, Von Ihrem Ordensgründer Ignatius von Loyola wird der Spruch überliefert, man solle so handeln, als ob alles von einem selber abhinge, aber darauf vertrauen, dass alles von Gott abhängt. In welchen Situationen, wenn Sie an Ihre augenblickliche Aufgabe denken, kommt vor allem immer der zweite Teil dieses Gedankens zum Tragen? Mit anderen Worten, was sind die kritischen Situationen, wo Sie selber keinen Ausweg mehr wissen?
P. Peter Balleis: Also, wenn Sie damit übereinstimmen, dass man Gottes Angesicht im Nächsten erkennt, dann sind es immer die Menschen, die Flüchtlinge, die Armen. Wenn man die trifft, mit denen redet, und wenn man dann sieht, die wollen lernen, das ist die positive Energie, die uns vorantreibt. Und alle andere Schwierigkeiten, wie man es finanziert, und die Bedenkenträger und die Kritiker und sonst was, das ist alles sekundär. Man trifft den Herrn, wenn wir den Leuten ins Gesicht schauen, und wir bringen es voran, denn die Menschen wollen es.
Florian Schuller: Prinz Ludwig, Sie sind Träger eines sehr traditionsreichen Namens. Bei Ihrem Vornamen denkt man nicht nur an Ludwig II., sondern vor allem auch an Ludwig I., und der hat ja in Bayern aufgrund seiner Begeisterung für Griechenland das Ypsilon eingeführt. Meine Frage an Sie: Was würden sie gern aufgrund Ihrer Erfahrungen in Afrika in Bayern einführen?
Prinz Ludwig: Ich glaube, beim Ypsilon bleiben wir; das „ai“ wollen wir nicht zurück. Am Münchner Flughafen habe ich immer ein Schild gesehen: „Willkommen im Himmel auf Erden“. Wenn ich aus Kenia wieder zurück ins schöne Bayern komme, wird mir deutlich, wie schön wir es hier eigentlich haben. Ich glaube, viel mehr als probieren, uns hier noch mehr zu verbessern, sollten wir uns einfach öffnen der anderen Welt, den Menschen zeigen, was wir richtig machen, und sie dabei inspirieren, es auch richtig zu machen.
Florian Schuller: Prinz Ludwig, Frau Manske, P. Balleis, herzlichen Dank für diese inspirierenden eineinhalb Stunden. Wir haben erlebt – es war nicht umsonst, dass Sie alle drei sich von so weit her auf den Weg gemacht haben und heute hierhergekommen sind.