„unendlicher Beginn“

Vernissage und Interview mit dem Künstler

Im Rahmen der Veranstaltung "unendlicher Beginn. Werke von Bernd Zimmer – Vernissage", 19.01.2017

Bernd Zimmer

Florian Schuller: Herr Zimmer, Sie machen es vor allem unseren Referentinnen und Referenten der kommenden Monate sehr schwer. Wie können sich die Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Vortrag konzentrierten, wenn sie dauernd Ihre starken Bilder vor Augen haben? Ein echter Härtetest. Ich beginne gleich einmal mit einem Zitat: „Der Maler ist einer, der der Welt etwas hinzufügt. Ich (Bernd Zimmer) verstehe Malerei als Kommunikationsmittel. Mein Denken hänge ich an die Wand, und die Kommunikation beginnt.“ Herr Zimmer, was ist das „etwas“, das der Maler der Welt hinzufügt, und bei der „Kommunikation“, die dann beginnt – wer kommuniziert da mit wem über was?

 

Bernd Zimmer: Als Maler versucht man immer ein vollkommen neues Bild zu malen, fügt der Welt etwas Neues hinzu. Die Sprache der Malerei ist die Farbe, und mit ihr versucht man, eine Geschichte zu erzählen. Die Bilder, die hier hängen, sind zwischen den Jahren 2004 und 2007 entstanden. In dieser Zeit habe ich mich neu orientiert und nach meinen „Cosmos-Bildern“ und „Wüstenbildern“ versucht Bilder zur Genesis, also Bilder über Ursprungsmythen zu malen. Besonders bei diesem großen Bild, das an der Stirnwand des Saals hängt, sieht man das wunderbar. Die Chemie, die in diesen Bildern zu sehen ist, stellt eine Zeit vor ungefähr drei Milliarden Jahren dar. Am Anfang war wahrscheinlich alles gasförmig. Dann trennten sich die Schwermetalle und andere Metalle, und die Metalle trennten sich von der Flüssigkeit, es tauchen große Wasserflächen auf.

Dieser Mythos geht durch alle Weltreligionen. Der Anfang ist immer die Trennung zwischen Schwerem und Leichtem, oder zwischen Flüssigem und Hartem. Es sind die ersten vier Tage der Genesis, die ich versucht habe, in Bilder zu verarbeiten.

 

Florian Schuller: Man könnte vielleicht sagen, bei Bernd Zimmer finden wir unwahrscheinliche Dynamik und Power, und zwar nicht nur in den Bildern, sondern auch in seinem Leben. 1948 in Planegg geboren, aber schon bald als 68er-Nachzügler, vermute ich, über Bremen nach Berlin gekommen. Planegg – Berlin, das ist eine gewisse Spannung. Angefangen haben Sie bei Hanser als Verlagsbuchhändler, später dann umgesattelt auf „Herstellungsassistent für grafische Gestaltung“, schließlich dann doch noch in Berlin studiert. Anscheinend vorher ganz bewusst: Während jener Zeit jobben Sie in Berlin als Koch in einem Edelrestaurant, malen als Autodidakt, gehören zu den „Jungen Wilden“, zur „heftigen Malerei“. Also, da steckt schon sehr viel Dynamik und Power drin. Und Sie waren irgendwann einmal sogar Deutscher Meister im Segeln. Was haben Sie denn beim Segeln für Ihr Leben und Ihr Malen gelernt?

 

Bernd Zimmer: In den Segelsport bin ich 1965 hineingerutscht, irgendwie war ich für diesen Sport begabt und konnte mein Boot gut beherrschen und schnell lenken. Es geht dabei um „competition“. Man versucht, die Gegner auszutricksen, und zwar durch aufmerksame Naturbeobachtung: wie das Wasser sich kräuselt, in welche Richtung es sich bewegt, wie die nächste Wind-Böe auf das Wasser trifft. Man muss die nahegelegene Landschaft beobachten, zum Beispiel einen Baum am Ufer, wie er sich bewegt. Daraus zieht man seine Schlüsse und sollte dann rasch reagieren um den Wind richtig anzusegeln. Also, Segeln ist Naturbeobachtung pur. Man muss sehr konzentriert sein mit dem Blick auf die Natur im großen Umfeld. Eine spannende Geschichte. Man lernt sehr viel darüber, was sich bei verschiedener Witterung wie in der Natur bewegt.

 

Florian Schuller: Und diese starke Naturbeobachtung hat sich bei Ihnen durchgehalten?

 

Bernd Zimmer: Ja, die Resultate der Beobachtung konnte und kann ich bis heute gut gebrauchen. Segeln ist ein toller, hochkomplexer Sport. Er hat mich damals abgehalten, in der Schule gut mitzuarbeiten. Deswegen konnte ich nicht gleich, sondern erst nach einer Lehre im Verlag studieren; ich musste erst das Begabtenabitur nachholen …

 

Florian Schuller: … in Berlin …

 

Bernd Zimmer: … nein, in Bremen. Das Abitur konnte ich in Bayern nicht so einfach nachmachen. Später habe ich in Berlin ganz normal an der Freien Universität studiert, neben meinem Beruf. Dafür habe ich mir pro Woche an drei Tagen jeweils einen halben Tag frei genommen. Ein Student muss ja nicht acht Stunden in den Vorlesungen herumsitzen. Ich konnte das Studium leider nicht abschließen, ich wollte das für die Abschlussprüfungen nötige kleine Latinum nicht nachmachen. Ich war bereits Maler und musste das Studium auch deshalb nicht beenden.

 

Florian Schuller: Warum hatten Sie sich aber gerade Philosophie und Religionswissenschaft als Studienrichtung ausgesucht, was reizte Sie an diesen beiden Fächern?

 

Bernd Zimmer: Ich bin als Protestant in Bayern aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich war – gefühlsmäßig – fast so isoliert wie ein Muslim heute. Bei über 30 Schülern in der Klasse war ich der einzige Protestant und so der Außenseiter. Das war nicht einfach und hat sich bei mir negativ eingeprägt und festgesetzt. Deshalb habe ich viel über Religion gelesen und nachgedacht, und später hat das wohl zum Studium der Religionswissenschaften geführt. Da lernt man, welche mythologischen Figuren in verschiedenen Religionen welche Funktion haben. Ein superspannendes Studium, vor allem bei den vergleichenden Studien der Entstehungsmythen der Welt. Das sitzt bei mir tief und interessiert mich heute noch.

 

Florian Schuller: Das heißt, Sie haben nicht aufgehört, weil Ihnen das Studium keinen Spaß mehr machte, sondern weil die andere Leidenschaft zu groß geworden war. Und wenn man die Dynamik Ihres Lebens sieht, kommt man auf das, was Sie ganz wesentlich auszeichnet, Ihre Reiseleidenschaft. Ein weiteres Zitat: „Wenn ich über längere Zeit an einem Ort klebe, im Atelier festhänge, stoße ich an Grenzen. Ich formalisiere meine Bilder, gerate in den Strudel der Kunst. An diesem Punkt merke ich, dass ich meinen Wahrnehmungstank neu auffüllen muss. Ich muss den nächsten Schritt machen, sonst ersticke ich an meiner eigenen Ästhetik. Wenn sich dieser Zustand einstellt, ist eine Reise fällig, um meine Wahrnehmung zu stärken. Ich gerate in neue Zusammenhänge.“

Wenn man die Liste Ihrer Reisen anschaut, von 1969 angefangen Marokko, Spanien, dann immer wieder der Ferne Osten, Lateinamerika, bis zur zweiten großen Indien-Reise 2016, fällt etwas auf. Bei einem Künstler würde man ja zunächst vermuten, der fährt nach Italien. Aber dann waren Sie doch ein Jahr als Stipendiat der Villa Massimo in Rom und sind anschließend ein weiteres Jahr geblieben. Was hat Sie als Planegger Protestant an Rom fasziniert?

 

Bernd Zimmer: Rom ist der deutsche Fluchtort, der Sehnsuchtsort, wo Goethe eine Zeit verbrachte und wo die große Kultur sichtbar wird, wo die großen Kirchen stehen, wo sehr viel Geschichte angesiedelt ist und sichtbar wird. Und es war mir auch lieb, aus Berlin wegzukommen. Berlin wurde mir einfach zu eng, dort habe ich elf Jahre gelebt. Dann wurde mir das große Rom-Stipendium, der Aufenthalt in der Villa Massimo, zugesprochen. In Rom habe ich eigentlich den ersten wirklichen Sprung gemacht, auch in meiner Malerei; ich fühlte mich befreit. Wenn Sie sich aus Berlin entfernen mit all dem Underground, der Szene, den Jungen Wilden, wie wir uns genannt haben, von Punk Rock und nächtlichen Abstürzen und finden sich in Rom wieder, werden Sie konfrontiert mit vollkommen neuer Lebensfreude und neuen sozialen Bedingungen. Das war wirklich sehr spannend. Damals bin ich als Maler erwachsen geworden. Ich musste mich mit mir, auch als Künstler auseinandersetzen.

Denn Maler zu sein ist ein sehr mönchischer Beruf. Man arbeitet in einer zurückgezogenen Situation, und in dieser Einsamkeit denkt und arbeitet man etwas aus, was dann in der Öffentlichkeit funktionieren muss. Es war sehr spannend, mich zwei Jahre in einer fremden großen Stadt als Künstler durchzusetzen, obwohl ich bereits Geld und Erfolg hatte, Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz, eine Ausstellung für New York war in Vorbereitung.

 

Florian Schuller: War das in Rom eher der Kontakt zum Beispiel mit einem Caravaggio in San Luigi dei Francesi oder eher der Austausch mit zeitgenössischen italienischen Künstlern?

 

Bernd Zimmer: In Rom lebten und arbeiteten ja auch Amerikaner, Schweizer und österreichische Künstler, auch Engländer. Rom ist eben eine richtig internationale Stadt. Und obwohl die Stadt gefühlsmäßig manchmal auch ein wenig wie ein Dorf war, hat man das Dorf gemeinsam genossen mit den anderen Künstlern. Zu der Zeit war Cy Twombly, der ebenfalls in Rom lebte, noch kein Star, Italiener wie Enzo Cucchi, Sandro Chia, die damals auch gerade berühmt wurden, lebten ebenfalls in Rom. Es herrschte ein großer internationaler Zusammenhang, sehr spannend.

 

Florian Schuller: Sie hatten vorhin vom mönchischen Malen gesprochen. Damit wären wir beim Thema „Atelier“. Nicht ganz schlau geworden bin ich, wie das bei Ihnen funktioniert. Sie sagen immer wieder, dass Sie bei den vielen Reisen, die wahrscheinlich zum Teil auch sehr abenteuerlich waren, nicht malen, sondern diese Reiseerfahrungen müssten durch den „Filter der Erinnerung“. Sie malen dann im Atelier. Ich habe von einem Atelier in Polling gelesen, einem in Oberhausen, einem Atelier bei Rapallo und einem in Warthe in der Uckermarck. Haben Sie die nebeneinander, oder wird das eine geschlossen, und Sie gehen ins nächste, weil Sie sich gerade woanders wohlfühlen?

 

Bernd Zimmer: Mein Hauptatelier, meine Zentrale, ist in der Nähe von Polling, einem sehr schönen Klosterort, in Oberhausen, einem kleinen Dorf angesiedelt. Es beherbergte vor mir eine Strickerei, bestehend aus einer Halle aus den 1960er Jahren. Das ist meine Zentralwerkstatt. Und in Italien, meinem weiteren Atelierort, ist schon früher Frühling, und man genießt, dass die Blumen in einem anderen zeitlichen Zusammenhang blühen als bei uns. Es ist einfach schön. Ich muss für meine Inspiration und Arbeit immer wieder den Ort wechseln. Zwischendurch ist mir das schöne, saubere Bayern etwas auf den Geist gegangen. Auf einer Besuchsreise zu einem Freund in Brandenburg habe ich gesehen: da gibt es ja noch wirkliche, echte Wildnis. Es hat mich an meine Kindheit erinnert, mit den Sandwegen und all der Einfachheit. So habe ich mir In Warthe, in der Uckermark, vor zehn Jahren ein Atelier aufgebaut. Damals hatte ich eine Krise, lebte in meinen Bildern weit weg im ungegenständlichen Cosmos-Bereich und fragte mich, wie ich jemals wieder auf die Erde zurückkomme. Ich bin viel gewandert und habe mich nachts draußen aufgehalten. Irgendwann habe ich mit großer Klarheit gesehen, vor mir im See liegt der Himmel. Der Mond, die Sterne, alles reflektiert sich im See, auf der windstillen Wasserfläche. So konnte ich als Maler den Kosmos in den See legen, ich war wieder auf der Erde gelandet, über die intensive Wahrnehmung einer Wasseroberfläche. Das hat meine Malerei noch einmal erweitert und bereichert. Ich brauche immer wieder einen Wechsel, um auf etwas Neues zu kommen.

 

Florian Schuller: Nochmals kurz zurück zu Ihrer Leidenschaft für den Fernes Osten. Was hat Sie angezogen, dass Sie immer wieder dorthin gereist sind, nach Burma, Laos, Thailand, Vietnam, Peking?

 

Bernd Zimmer: Asien ist vollkommen anders als unsere europäische Heimat. Wenn man sich zum Beispiel den Hinduismus in Indien anschaut: Den kann man zwar als Religion bezeichnen, er ist aber keine Religion in unserem Sinn, sondern eher eine Verabredung, wie man miteinander leben kann. Dafür wurden mythologische Figuren geschaffen, die etwas vorleben, und das Volk lebt es nach. Sie müssen anders leben, weil sie ein anderes Selbstverständnis haben.

Im buddhistischen Thailand war ich 1973. Die Reise glich in diesen Jahren noch einer Expedition; es war die Zeit des Vietnamkriegs. Wir hier in Deutschland protestierten gegen diesen Krieg, und dann reist man in die Länder des Geschehens und sieht, wie es wirklich ist. Nicht wie im Bayerischen Wald, wo man sich Scharmützel mit der Polizei liefert, sondern reale Bombardements von riesigen, unbekannten Dschungel-Gebieten. Es war grausig und die Reise durch unbekannte neue Länder war zugleich wahnsinnig spannend. Ich war fast vier Monate in Südostasien und habe viel gelernt, auch wie man anders leben und so die Welt nochmals anders und neu denken kann.

 

Florian Schuller: Kommen wir zu den Bildern unserer Ausstellung hier. „Ich male mir ein Bild, meine Vorstellung von kosmischen Phänomenen, welche wir nie sehen werden, nie erreichen werden.“ Was malen Sie hier wie?

 

Bernd Zimmer: Um 2000 wurden die ersten Hubble-Fotografien publiziert, die Bilder waren neu und für mich unheimlich aufregend. Da sah man plötzlich Sternennebel, rote Nebel, alles wunderbar in unheimlichen Farben. Eine Seherfahrung wie in der Sahara oder der Südsee – über einem diese gigantischen Sternenkonstellationen, man kann sie ohne Fremdlichteinfluss ansehen und verspürt die Ausmaße des Kosmos. Und da ich ein Naturmaler bin oder Landschaftsmaler – eigentlich eher Naturmaler –, gehört dieser Außenraum zwingend zu unserem Naturverständnis. Wir leben auf einem sehr privilegierten Planeten, eigentlich in der privilegiertesten Situation, die man sich denken kann. Man muss dieses Außen mit einbeziehen in den Zusammenhang, in dem wir schweben – auf dem Mond gibt es kein Leben, er ist viel zu kalt, auf dem Mars ist es zu trocken. Wenn ich Natur male, muss ich auch den Kosmos malen. Nicht nur die Hubble-Fotografien haben mich beeinflusst. Auch die religiösen Vorstellungen unserer abrahamitischen Religionen sind in Wüsten entstanden. Das hat mit dem Oben, mit dem unendlichen Himmel, dem Kosmos zu tun, mit Sternkonstellationen.

 

Florian Schuller: Alle monotheistischen Religionen sind in der Wüste entstanden, die klassische Erkenntnis. Warum schreiben Sie übrigens Cosmos-Bilder mit „C“ und nicht mit „K“?

 

Bernd Zimmer: Na ja, weil Kosmos mit K, das war der Name eines DDR-Technik-Spielzeugs. Das wäre zu reduziert. „Cosmos“ mit C ist international, hat etwas Kosmopolitisches, ist größer, umfassender gedacht. Es soll auch andeuten: Da geht es um etwas viel Größeres, als wir uns vorstellen können.

Ich habe zu Beginn der Cosmos-Bilder versucht, Sternkonstellationen zu malen wie jene, die auf Hubble-Fotografien festgehalten waren. Dann bin ich dahintergekommen, dass diese Daten – das sind ja keine Fotografien – künstlich eingefärbt sind. Ich habe mich entschieden, bevor ich versuche, diese zu interpretieren, male ich ohne Vorlagen zu benutzen und erfinde mir meinen eigenen Kosmos. Es gibt Myriaden von Sternen, Monden und Sonnen draußen im All, und wir blicken meist in eine Richtung, die Milchstraße. Ich habe also versucht, so zu malen, wie mir das Thema am nächsten kommt. Das Ergebnis ist reine malerische Intuition oder Fantasie. Das funktioniert nur, wenn die Leinwand auf dem Boden liegt, und mit wässrigen Farben, die man fließen lassen kann, bearbeitet wird. Es gleicht nahezu einem natürlichen, naturalistischen Zugriff, da die Gase und Nebel im All ja auch – je nach chemischer Zusammensetzung – im Raum frei wabern und fließen.

 

Florian Schuller: Gehört da die Spannung dazu zwischen dem, was zufällig entsteht, und dem, was man bewusst anzielt?

 

Bernd Zimmer: Diesen Zufall kann man einfach und gut lenken. Die einzelnen Läufer kann man mit Wasser vormalen, dann läuft die Farbe genau in den vorgenäßten Linien. Also, man kann zwar lenken, aber der Zufall bleibt natürlich ein ganz großer Freund dieser Bilder. Draußen im entfernten All können wir ja auch nicht lenken. Wir können nichts ändern oder Einfluss nehmen.

 

Florian Schuller: Haben Sie sich eigentlich auch bewusst auf ersten Sätze des Buches Genesis bezogen, des ersten Buches im Alten Testament?

 

Bernd Zimmer: Ja. Das sind nicht allzu viele Zeilen, die man dazu lesen muss. Die ersten sieben Tage entstehen ja sehr zügig. Auf diese Sätze beziehen sich die Bilder. Ich habe einmal alle sieben Tage gemalt, aber der vierte Tag war sehr schwierig, wenn die Lampions in den Himmel gehängt werden. Dieser Tag, dieses Bild müsste oder sollte am Anfang stehen. Aber die physikalischen Vorstellungen waren noch nicht gegeben.

 

Florian Schuller: Die Bilder, die wir hier sehen, werden jeweils von einer Farbe geprägt. Wie kommt es dazu?

 

Bernd Zimmer: Das sind rein malerische Überlegungen. Auf einem Bild spielt Gelb die Hauptrolle, das nächste wird vom Orange dominiert. Die Bilder wurden in verschiedenen Jahren gemalt. Einmal habe ich mich mehr mit Grün beschäftigt, dann wieder mehr mit Rot. Das ist ungefähr so, wie wenn jemand eine Novelle oder ein Gedicht schreibt. Beim Gedicht, der Poesie, müssen bestimmte Worte einen Klang erzeugen, und beim Malen muss es einmal das Rot und ein anderes Mal ein Grün sein. Unsere Sprache ist die Farbe, die entscheidet, ob das gewollte Bild am Ende ein Bild wird, der freie Umgang mit der Farbe ist entscheidend.

 

Florian Schuller: Damit sind wir beim Thema „reine Farbmalerei versus gegenständliche Malerei“. Ich habe von Ihnen zwei unterschiedliche Zitate gefunden. Zitat eins: „Ich übertrage Gesehenes, besser, Erlebtes, in Abstraktion und Fiktion. Dahinter steckt der Wunsch, das erlebnisorientierte Bild von der Gegenständlichkeit zu befreien.“ Und Zitat zwei: „Ich bin der Überzeugung, dass die gegenständliche Malerei, und ich sehe mich in dieser Tradition, immer noch die große Möglichkeit hat, wirklich neue Bilder zu erfinden. Der gegenständliche Bezug ist wichtig, eigentlich unumgänglich.“

 

Bernd Zimmer: Meine Malerei ist letztlich immer große Abstraktion. Sie enthält einen gegenständlichen Anlass, der die Erzählung des Bildes nachvollziehbar macht. Wenn man zum Beispiel eine horizontale Linie sieht, denkt man, aha, da ist eine Wasserlinie, eine Trennung, das kann man nachvollziehen. Es gibt dafür einen Grund, durch den sich das Bild auch beruhigt und einen festen Stand erreicht. Wenn ich die Linie weglasse, bleibt das Bild vollkommen abstrakt, allerdings nur im übertragenen Sinn. Es ist abstrakt, ob ich die Linie hineinmale oder nicht. Die Erzählung bleibt fast gleich.

Über was wir eingangs gesprochen haben war also der gegenständliche Anlass, warum ich diese Bilder malte. Wenn er fehlt, weiß ich nicht, was ich wie malen soll. Dann bin ich hilflos, verliere mich in der Malerei und scheinbarer Ästhetik. Es ist letztlich eine innere Erzählung, eine Art Selbstgespräch, die mit Farben und deren Behandlung stattfindet. Die Bilder dieser Ausstellung erzählen Geschichten von Explosionen, der Entstehung der Welt und Chemie, die sich mischt und zu neuen Formen zusammenwächst, von Sternen, die aus Wirbeln entstehen, der Entstehung unseres Sonnensystems, unserer Lebensgrundlage.

 

Florian Schuller: Erfahrung, die den Impuls gibt, und Malerei, die die Farbe gibt. Dann kommt ein dritter Punkt dazu. Beat Wyss hat einmal geschrieben: „Er (Zimmer) kann und will seine intellektuelle Herkunft nicht verleugnen.“ Welche Rolle spielt bei Ihnen der Verstand, die Vernunft, der Intellekt?

 

Bernd Zimmer: Das ist der gegenständliche Anlass, wenn ich zum Beispiel die Genesis gelesen habe oder mir andere Entstehungsmythen vor Augen führe. Dann versuche ich, diesen Anlass, die Erzählung, im Bild mit meiner Malerei nachvollziehbar zu machen. Die Malerei selber befreit sich von der Erzählung und wird zur freien, reinen Malerei. Anlass ist, dass der Kosmos gemalt wird!

 

Florian Schuller: Ein spannender Satz, „dass der Kosmos gemalt werden muss“. Der führt zu einem letzten Thema, einer religiösen Annäherung an Ihr Malen. Zu Beginn haben Sie Ihre Leidensgeschichte als evangelischer Schüler im damals katholischen Planegg formuliert. Aber Sie scheinen noch eine andere Leidensgeschichte durchgestanden zu haben: „Brav sein, ordentlich sein, alles lernen, egal ob man Interesse daran hatte oder nicht, das war für mich die Konfirmation. Dabei ging es mir in diesem Alter um ganz anderes, um Spielen und Erleben“, haben Sie mal geschrieben.

Und an anderer Stelle habe ich von Ihnen gelesen: „Ich war mit dem christlichen Glauben nicht einverstanden, mit seiner gänzlichen Ablehnung aber auch nicht. Ich kann vieles nicht glauben, also interessiere ich mich für das, was wir glauben sollen. Ich habe eine kritische Einstellung gegenüber kirchlichen Institutionen, aber in mir lebt ein Amalgam von Religiosität.“ Den Begriff „Amalgam von Religiosität“ merke ich mir für meine nächste Predigt.

 

Bernd Zimmer: Christentum ist eine Glaubensreligion. Als Christ muss man bestimmte Begebenheiten – wie zum Beispiel die Auferstehung – glauben. Im Gegensatz zu den Muslimen, die eine eher juristische Religion haben. Als Muslim muss man bestimmte Verhaltensregeln, die alle aufgeschrieben stehen, befolgen, um seinem Glauben und seinem Gott gerecht zu werden. Im asiatischen Bereich sind die Religionen eher Lebensübereinkünfte, die aber auch eine Form des Katechismus beinhalten. Wenn man das Mahābhārata liest, steht im Zentrum ein Abschnitt, der unserem christlichen Katechismus sehr nahe kommt: Da heißt es zum Beispiel „Du darfst nicht töten“. Es werden einfache Verbotssätze oder besser, Verhaltensregeln aufgestellt.

Ich bin sehr religiös erzogen worden, aber der christliche Glaube selber ist mir schwer gefallen. Vielleicht hörte ich auch den falschen Pfarrer, irgendetwas hat einfach nicht gepasst. Und dann dieses Aufeinandertreffen, besser Aneinandergeraten mit den Katholiken in der Schule, das hat mich schwer zum Zweifeln angeregt …

 

Florian Schuller: … und nicht an der Kirche, sondern am christlichen Glauben …

 

Bernd Zimmer: … genau, am christlichen Glauben. Er war mir unheimlich. Also, Liebe, das ist sowohl eine umfassend gute Idee als auch eine Aussage. Und die Auferstehungsgeschichte ist großartig. Es fällt mir aber schwer, diesen Glauben intellektuell nachzuvollziehen. Da fehlt mir wohl der Heilige Geist. Wenn der in mir wäre, dann könnte ich glauben.

 

Florian Schuller: Ich sehe in der Runde hier P. Cyrill von St. Ottilien. Dort durfte ich 2005 eine Ausstellung Ihres Kreuzwegs „Lema Sabachtani“ eröffnen. 2006 haben Sie dann in der Sakramentskapelle des Mainzer Doms ein Bild gestaltet. Also, so weit weg sind Sie gar nicht. Zu „Lema Sabachtani“: Ohne kirchlichen Auftrag hatten Sie die Möglichkeit bekommen, in vier Berliner U-Bahn-Stationen die Schaukästen zu bestücken. Was macht Bernd Zimmer? Er, der kritische evangelische Christ sagt: „Ich konnte machen, was ich wollte, und ich entschied mich sofort für den Kreuzweg“. Sie gestalten einen höchst beeindruckenden Kreuzweg für Menschen, von denen wohl 95 Prozent gedacht haben, wenn sie „Lema Sabachtani“ lasen, dass diese Bilder von einer gewissen Frau Lema Sabachtani stammen.

 

Bernd Zimmer: Luther hat den Kreuzweg aus dem Kirchenraum verbannt. Er gehört auch ursprünglich nach draußen, man sollte ihn erwandern. Deswegen ist mir der Kreuzweg für Berlin eingefallen. Es war natürlich erschütternd mitzubekommen, dass in Berlin die meisten Einwohner Nichtchristen sind. Wer sollte dann einen Kreuzweg verstehen? Ich habe auf den Boden vor, unterhalb jeder Kreuzwegstation geschrieben, um welche es sich handelt; wollte aber mit dieser Arbeit nicht missionieren. Ich habe es einfach gewagt, weil es mich schon immer gereizt hatte, einen Kreuzweg zu gestalten. Die Situation, in Leuchtkästen der U-Bahnstationen den Kreuzweg von hinten durchleuchten zu lassen, war besonders reizvoll. Die 14 Stationen sind ein spannender Ablauf. Ich finde auch das Leben Christi sehr spannend. Mich interessiert sehr, ab wann wird Glauben christlicher Glauben, wie und wann findet die Transformation statt.

 

Florian Schuller: Wenn wir die Mikrofone ausgeschaltet haben, würde ich gerne weiterfragen, wie es in Ihrem Herzen ausschaut. Aber kommen wir einmal zu etwas Unverfänglicherem. Wenn sich unser Papst Franziskus einen Künstler aussuchen sollte, wäre er bei Ihnen genau an der richtigen Stelle. Seine Enzyklika zum Thema Umwelt, Nachhaltigkeit, Schöpfung Laudato si‘ trägt den  Untertitel „Von der Sorge für das gemeinsame Haus“. Ihre Cosmos-Bilder rufen ja geradezu Leidenschaft und Begeisterung hervor für die Natur, für das All, den Kosmos. Damit gehen Sie und Papst Franziskus genau in der gleichen Richtung. Würden Sie der also dazugesellen?

 

Bernd Zimmer: Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Uns auf die Natur zurück zu beziehen und über die Natur nachzudenken – wir sind ja selber ein Teil der Natur – ist mit das wichtigste Anliegen und ich hoffe der Funke springt von meinen Bildern auf die Betrachter über.

 

Florian Schuller: Aber Sie machen eben keine direkt-politische Malerei, sondern steigen ein paar Stufen tiefer.

 

Bernd Zimmer: Wenn man sich auf diese Bilder einlässt, fängt man an, anders über Natur und unser Leben nachzudenken. Die Bilder sind politisch wie sie sind, weil sie so frei sind. Eine Äußerung von Freiheit ist immer politisch. Wenn sich Menschen, die Betrachter vor den Bildern darauf einlassen, über die Welt nochmal anders, neu nachzudenken, wird klar: Bilder sind Zwitterwesen. Das Bild an der Wand hat eine „message“ in sich als Bild, als ästhetisches Gebilde und trägt darüber hinaus eine Geschichte in sich. Und wenn das Bild verschwindet, ist die Geschichte verschwunden. Das tut niemandem weh. Wenn man sich aber auf das Bild einlässt oder versucht, hinter die Geschichte zu kommen, warum jemand so etwas malt, ist man auf dem richtigen Weg. Ich kann mir vorstellen, dass das zu positiven Gedanken führt, die im Leben nachwirken.

 

Florian Schuller: Herr Zimmer, schließen möchte ich mit einem Satz von Ihnen, der zusammenfassen kann, was wir miteinander diskutiert haben: „Das Transzendente ist das Spannende. Es ist das, was Malerei sichtbar machen kann.“

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