Das missionarische Wirken des Jesuitenordens außerhalb von Europa – vor allem in dem Zeitraum, den wir als die Frühe Neuzeit bezeichnen – hat immer wieder dazu animiert, sich diesen historischen Ereignissen künstlerisch zu nähern. Denken wir etwa an Tilman Spengler und seinen Roman „Der Maler von Peking“, den mit Robert de Niro und Jeremy Irons hochkarätig besetzten Film „The Mission“ von 1986 oder Fritz Hochwälders Schauspiel „Das heilige Experiment“.
Es ist sicherlich zum einen der Reiz der Exotik und die Konfrontation mit dem Fremden, welche diesen Stoff der Missionsgeschichte so interessant für eine literarische oder filmische Umsetzung machen. Zum anderen spielt aber sicher auch die innere Dramaturgie der jesuitischen Missionsversuche eine Rolle, sei es in China, Paraguay oder Japan. Die Geschichte der jesuitischen Missionen – so scheint es – bewegt sich oft genug zwischen real gewordener Utopie und tragischem Scheitern. Das gilt für den Versuch einer friedlichen Christianisierung in Südamerika in Abgrenzung von der Kolonialgesellschaft, dem berühmten „Jesuitenstaat“, genauso wie für die mit großem dialogischen Fingerspitzengefühl durchgeführte Asienmission, wo innovative theologische Positionen im Hinblick auf das Verhältnis von europäisch geprägtem Christentum und asiatischer Kultur entwickelt worden waren. Es war dann jeweils eine Mischung aus allgemeinen, ökonomischen, politischen, auch innerkirchlichen Problemen, aber auch theologische Ignoranz, die trotz zahlreicher vorweisbarer Erfolge, die jeweiligen Missionsprojekte wieder zum Scheitern brachten. Nicht anders verhält es sich auch im Falle der Japanmission, deren historischen Rahmen ich Ihnen nun kurz vorstellen möchte.
Man kann das erste Jahrhundert der Japan-Mission in drei Perioden einteilen. Die Jahre von 1549 bis 1587 bilden die Zeit eines hoffnungsvollen Aufstiegs. Träger der Mission waren in diesen Jahrzehnten ausschließlich die Jesuiten. In einer zweiten Periode von 1587 bis 1614 nahm der Einfluss des Christentums zwar immer noch zu, aber die einheimischen Herrscher begegneten ihm mit wachsendem Misstrauen. Dieses erhielt Nahrung aus den politischen Rivalitäten der europäischen Kolonialmächte; denn außer den Portugiesen fanden jetzt auch Spanier, Holländer und Engländer den Weg in die japanischen Häfen. Da sich nun neben den Jesuiten auch Franziskaner spanischer Herkunft am Aufbau der jungen Kirche beteiligten, kam es zu methodischen Streitigkeiten, nationalen Gegensätzen und menschlichen Eifersüchteleien. Im dritten Abschnitt der Missionsgeschichte spielen sich die Ereignisse ab, die wir gleich auch im Film sehen werden: Vom Jahre 1614 an begann eine systematische, zunehmend grausame Verfolgung mit zahllosen Martyrien einerseits und der scharenweisen Abkehr vom christlichen Glauben andererseits, so dass um 1649 scheinbar alles christliche Leben in Japan erloschen war.
Die Zeit des Willkommens
Alles begann am Fest Mariä Himmelfahrt des Jahres 1549. Der Mitbegründer des Jesuitenordens Francisco Xavier – bei Ihnen in München besser als Franz Xaver bekannt – betrat zusammen mit zwei anderen Jesuiten in Kagoshima japanischen Boden. Nur 50 Jahre später zählte Japan nach vorsichtigen Schätzungen 250.000 Christen. Heute leben in Japan etwa 400.000 Katholiken bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 127 Millionen Menschen. Ende des 16. Jahrhunderts hingegen zählte Japan erst 25 Millionen Einwohner.
Wie war Franz Xaver auf die Idee gekommen, nach Japan zu reisen, woher wusste er von dem Land? Seit 1542 war er als apostolischer Nuntius im Rahmen der portugiesischen Indienfahrten nach Ostasien vorgestoßen und hatte hier unermüdlich gepredigt und getauft. Im Dezember 1547 begegnete er dann in Malakka zum ersten Mal einem Japaner. Er hieß Anjirô, gehörte zur Kaste der Samurai und war vor einer drohenden Mordanklage aus seiner Heimat geflohen. Anjirô beherrschte gut Portugiesisch und erzählte Xaver ausführlich von seiner Heimat. Aufgrund dieser Informationen beschloss Xaver, selbst nach Japan zu reisen. Zunächst jedoch fuhr er nach Goa zurück und nahm dorthin den Japaner und zwei von dessen Landsleuten mit. Am Pfingstfest 1548 wurden die drei feierlich getauft und stellten sich in den Dienst der Mission. Im folgenden Jahr trafen sie gemeinsam mit drei Jesuiten in Japan ein.
Kagoshima war damals die Hauptstadt des Fürstentums Satsuma. Hier regierte die Fürstenfamilie Shimazu. Der dortige Daimyô – so lautete der Fürstentitel – begrüßte den Fremdling freundlich und wies ihm einen Wohnsitz im Zentrum der Stadt an. Xaver blieb ein Jahr in Kagoshima und baute Kontakte zu Menschen aller Kreise auf. Die ersten Eindrücke von seinem neuen Arbeitsfeld teilte er in einem langen Brief vom 5. November 1549 an die Jesuiten in Goa mit: „Von Japan schreibe ich euch nach der Erfahrung, die wir von dem Land haben…. Vor allem das Volk, mit dem wir bisher verkehrt haben, ist das Beste, das bisher entdeckt worden ist, und mir scheint, unter Ungläubigen wird man kein anderes finden, das die Japaner übertrifft. Es sind Leute von sehr guten Umgangsformen, gewöhnlich gut und nicht böswillig; ein Volk, das ganz erstaunlich auf Ehre hält. Die Ehre schätzen sie höher als irgendeine andere Sache […]. Sie sind mäßig im Essen, wenn sie auch im Trinken ein wenig weitherziger sind […]. Ein großer Teil des Volkes kann lesen und schreiben, ein großes Hilfsmittel, um in Kürze die Gebete und die Dinge Gottes zu erlernen […]. Es ist ein Land, in dem es wenig Diebe gibt, und zwar wegen der strengen Justiz, die sie an denen üben, die sie als solche ertappen, denn keinem schenken sie das Leben. Sie haben einen großen Abscheu vor dem Laster des Stehlens. Es sind sehr gut gesinnte Leute, sehr umgänglich und wissbegierig. Sie lieben es, von den Dingen Gottes zu hören, besonders wenn sie dieselben verstehen. Sie hören gern Dinge, die der Vernunft entsprechen.“
Japan befand sich Mitte des 16. Jahrhunderts in einer Phase des politischen Überganges. Bereits seit langem hatte der Kaiser lediglich eine zeremoniell-religiöse Rolle. Aber auch der an seiner Stelle regierende Oberbefehlshaber und oberste Lehnsherr, der „Shogun“, hatte keine Macht mehr. Die maßgebliche Regierungsgewalt lag vielmehr bei den Landesfürsten der „66 Reiche“, den Daimyôs, welchen eine nach strengem Feudalprinzip organisierte Gefolgschaft von Samurai zur Verfügung stand. Blutige Fehden zwischen diesen Regionalfürsten um größere Macht kamen oft vor.
Japan kam damals zum ersten Mal mit der europäischen Zivilisation in Berührung. Unbekannte Dinge wie Brillen und Uhren reizten die Neugierde der Bevölkerung und machten sie auch für die Lehre der Glaubensboten aufgeschlossen. Diese erschienen ihnen zudem als geeignete Vermittler zu den portugiesischen Kaufleuten, die begehrte Waren wie Seide, Pulver und Gewehre ins Land brachten.
Mit Japan lernte Franz Xaver ein hochzivilisiertes Land kennen, das eine eigene Kultur ohne jegliche westliche Einflüsse ausgebildet hatte. Diese Erfahrung veranlasste ihn, seine in Indien erprobte Missionsmethode zu ändern. Dort hatte er sich zuerst die christlichen Grundgebete in die einfache Volkssprache übersetzen lassen; dann versammelte er die Menschen und lehrte sie, diese Texte nachzusprechen. Er ging also davon aus, dass bereits die zustimmende Wiederholung der Glaubenssätze ausreiche, das Christentum im Taufbewerber zu verankern. Diese Vorgehensweise war für die Verhältnisse in Japan ungeeignet, denn die Japaner erwiesen sich als selbstbewusste und kritisch denkende Dialogpartner.
1551 reiste Franz Xaver nach Kyôto, um den Kaiser, dessen politische Ohnmacht ihm noch nicht bewusst war, zu besuchen. Nachdem er dort nicht vorgelassen wurde, machte er sich nach Yamaguchi auf, eine der damaligen Hauptstädte Westjapans. Die Stadt war auch das Kultzentrum der Region – es gab dort mehr als 100 buddhistische Tempel. In Yamaguchi trat Franz Xaver mit Hilfe seiner portugiesischen Freunde in feierlichem Aufzug vor den dortigen Daimyô und überreichte diesem die Geschenke und Empfehlungsschreiben, die eigentlich für den Kaiser bestimmt gewesen waren. Der an die Landessitten angepasste Auftritt blieb nicht ohne Wirkung; der Daimyô gestattete die freie Predigt, und die Jesuiten konnten in Yamaguchi eine Residenz beziehen.
Im September 1551 wurde Xaver an den Hof des Daimyô von Bungo auf der Südinsel Kyûshû eingeladen. In der dortigen Hauptstadt Funay entstand die bald bedeutendste Christengemeinde Japans. Der Daimyô war dem Christentum sehr gewogen, wiewohl er erst 27 Jahre nach dem Besuch Xavers die Taufe empfing. 1588 sollte Funay Sitz des ersten in Japan errichteten Bistums werden. Während Xavers Abwesenheit von Yamaguchi suchten dort die Vertreter der verschiedenen buddhistischen Richtungen die Auseinandersetzung mit den beiden an Ort verbliebenden Jesuiten. Sie fanden in Pater Cosme de Torres (1510-1570) einen hochintelligenten Diskussionspartner. Bruder Juan Fernández hat über die Debatten ein schriftliches Protokoll angefertigt. Es ist ein sehr interessanter Text, der erstmals das Aufeinanderprallen von westlicher und östlicher Philosophie spiegelt. Die Jesuiten erwiesen sich als Meister der aristotelisch-scholastischen Philosophie. Die Japaner waren einem Weltverständnis verpflichtet, das von der Einheit des Kosmos ausgeht. Es war schwierig, ihnen den Dualismus zwischen Materie und Geist sowie ein personales Gottes- und Menschenbild zu erklären. Der folgende Text gibt einen Einblick in dieses interreligiöse Gespräch:
„Sie fragten, welche Farbe und welche Art der Anwesenheit die Seele habe? Wir antworteten ihnen, sie habe weder Farbe noch Körper; denn nur die Elemente, Himmel, Sonne, Mond und Sterne hätten einen Körper. Sie antworteten, wenn die Seele weder Körper noch Farbe habe, dann sei sie also nichts. Wir fragten sie, ob es Wind gebe in der Welt? Sie sagten: „Ja.“ Wir fragten sie, ob der Wind Ort und Farbe habe? Sie sagten: „Nein.“ Da sagten wir ihnen: ‚Wenn die Luft, die ein körperliches Ding ist, da ist, ohne Ort oder Farbe zu besitzen, wie wird es mit der Seele sein, die in sich kein körperliches Element hat, und die ein lebendes Ding ist, obwohl sie keinen Körper besitzt?‘ Sie antworteten, wir hätten recht.“
Am 20. November 1551 verließ Xaver nach zweieinhalbjährigem Aufenthalt das Land, um von Goa aus Nachschub für die japanische Mission zu organisieren. Ihm war klar, dass nur ausgesuchte, asketisch und wissenschaftlich hervorragende Kräfte den dortigen Aufgaben gewachsen sein würden. Sie würden völlig fremde, harte Lebensbedingungen ertragen müssen. Sie würden ständig beansprucht sein, auf Fragen zu antworten. Die Japaner seien fordernd, vor allem gegenüber Fremden, so schrieb er an Ignatius. Für Japan wären Flamen oder Deutsche gut, denn die könnten die zu erwartenden körperlichen Beschwerden ertragen. Insbesondere müssten die Missionare geschulte Philosophen sein, damit sie in den Diskussionen die Widersprüche ihrer Gesprächspartner erfassen könnten.
In den Diskussionen mit den buddhistischen Bonzen war Franz Xaver aufgegangen, dass Japan geistig unter dem Einfluss der älteren Kultur Chinas stand. Mitte April 1552 brach Franz Xaver von Goa deshalb zu seiner Reise nach China auf. Ende August traf er auf der Insel Sanchuan ein; hier aber fand er niemand, der ihn zum Festland herüberfahren wollte. Ausländern war der Zutritt aufs strengste untersagt. Zuletzt hoffte er, dass ihn ein chinesischer Schmuggler nach Kanton bringen würde. Er wartete vergeblich. Dann erkrankte er plötzlich und heftig. Franz Xaver starb am frühen Morgen des 3. Dezembers 1552 auf Sanchuan.
Unterdessen schritt die Arbeit der Missionare in Japan rasch voran. Zwischen 1563 und 1570 traten verschiedene Daimyô’s im südlichen Japan zum Christentum über. Bald darauf gelang es P. Vilela und dem ersten japanischen Jesuiten, dem blinden Laienbruder Laurentius, in Kyôto eine Niederlassung der Gesellschaft Jesu zu gründen; damit fand das Christentum Zugang in den wichtigsten Teil des Landes. In den 1570er Jahren entwickelte sich das Fischerdorf Nagasaki, in dem die Jesuiten erstmals 1568 missioniert hatten, zum Anlaufpunkt der von Macao aus verkehrenden portugiesischen Schiffe.
Ein Ereignis von großer Bedeutung für die Entwicklung der Mission war die Ankunft des Ordensvisitators Alessandro Valignano (1533-1600) im Jahre 1579. Die japanische Kirche zählte damals bereits 150.000 Getaufte, die sich auf etwa 200 Kirchen verteilten. Die Visitation Valignanos brachte weiteren Aufschwung. Der Visitator bejahte eine weitgehende Anpassung der Missionare an die Landessitten und bestimmte Bräuche der einheimischen Zen-Meister. Er sorgte dafür, dass zwei Schulen für vornehme Japaner gegründet wurden, und zeigte sich damit um die Heranbildung eines einheimischen Klerus besorgt.
Bei seiner Abfahrt hatte Valignano die Absicht, nach Rom zurückzukehren, um dort persönlich über die zukünftige Organisation der Japan-Mission zu. Mit ihm reisten vier junge japanische Prinzen aus christlich gewordenen Adelsfamilien, denen er das Abendland zeigen wollte. Valignano wurde dann aber durch die Ernennung zum Provinzial der indischen Mission in Goa zurückgehalten. Die vier Japaner freilich setzten ihre Reise in den Westen fort. In Europa gaben ihnen Philipp II. von Spanien und Papst Gregor XIII. in Rom sowie andere Fürsten glänzende Empfänge. Dieser erste Besuch aus dem unbekannten fernöstlichen Land in Europa war ein höfisches Ereignis ersten Ranges und weckte großes wissenschaftliches Interesse am Fernen Osten. 1590 kehrte die Delegation, reich ausgestattet mit wissenschaftlicher Literatur und technischen Instrumenten, nach Japan zurück.
Wachstum, Zwist und Misstrauen
Seit 1582 gelang es dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Militär Toyotomi Hideyoshi schrittweise die japanischen Kleinreiche unter sich zu vereinen. Seine Einstellung zum Christentum war anfangs positiv, änderte sich jedoch sehr plötzlich. Wahrscheinlich war der Grund, dass der Vizeprovinzial der Jesuiten, Coelho, der sich bei Hideyoshi für die Unterstützung der christlichen Daimyô bedankt hatte, ihm das prächtig ausgerüstete portugiesische Schiff nicht überließ, mit dem er Hideyoshi in Hakata besuchte. Zudem wurde der Sklavenhandel der portugiesischen Kaufleute den Missionaren zum Vorwurf gemacht. Hideyoshi erließ am 24. Juli 1587 ein Verbannungsedikt für alle Missionare; sie sollten sich in Hirado auf Kyûshû sammeln und binnen 20 Tagen das Land verlassen. Die Frist wurde dann auf sechs Monate ausgedehnt und schließlich vergessen. Doch in Arima und Omura wurden auf Weisung Hideyoshis Kirchen zerstört, und die Kirchen von Osaka, Kyōtô und Sakai wurden konfisziert.
Dem Visitationsbericht Valignanos zufolge befürchteten die Jesuiten, dass andere Missionare Fehler wiederholen könnten, die sie auch selbst am Anfang begangen hatten, und dass die japanischen Christen irritiert würden, wenn sie unter den katholischen Priestern ähnlich verschiedene Auffassungen beobachteten, wie sie sie von den Buddhisten kannten, wo jede Gruppierung ihren eigenen Weg für den richtigen hielt. Deshalb hielten sie die Einreise anderer Orden nach Japan für falsch. Sie sahen die Zukunft der japanischen Kirche in der raschen Heranbildung eines einheimischen Klerus, weil die europäischen Missionare immer sprachlich beeinträchtigt sein würden und sich nie voll den Lebensbedingungen in Japan würden anpassen können. 1587 gab es schon 47 japanische Laienbrüder, und in der Folgezeit sind etwa 50 einheimische Priester geweiht worden.
Die Arbeit der Jesuiten in Japan wurde aber seit 1592 durch das Auftreten von Franziskanern, die von den spanischen Philippinen kamen, erschwert. Dem ganzen ging die Herstellung diplomatischer Kontakte zwischen dem Hof Hideyoshis in Kyôto und dem spanischen Gouverneur auf den Philippinen voraus. Handelsinteressen schwangen dabei mit. Die Mendikanten, die sich von 1592 an in Kyôto, Osaka und Nagasaki ansiedelten, hielten sich nicht an die Missionsmethoden der portugiesischen Jesuiten, sondern suchten die Nähe der einfachen Leute und erzielten hier auch große Wirkung, z. B. durch Gründung eines Leprahospitals in Kyôto. Die Franziskaner warfen den Jesuiten vor, sie verstärkten die Vorurteile des japanischen Adels gegen die Armen. Die Jesuiten kritisierten die Franziskaner wegen ihres Übereifers und ihres Mangels an Klugheit. Neben den unterschiedlichen Ordensidealen waren bei den Rivalitäten auch spanisch-portugiesische Ressentiments im Spiel.
Hideyoshi stand der Ankunft der Franziskaner positiv gegenüber; er versprach sich davon eine Verstärkung der Kontakte mit Manila. Indessen kam es 1596 zu einer politischen Krise, als vor Shikoku ein spanisches Schiff namens „San Felipe“ gestrandet war und die Ladung nach japanischem Recht beschlagnahmt wurde. Der Lotse des Schiffes setzte sich zur Wehr und breitete zu dem Zweck eine Weltkarte aus, um das Reich Philipps II. von Spanien zu zeigen und so die japanischen Autoritäten einzuschüchtern. Auf die Frage, ob die Missionare ins Land kämen, um die politische Eroberung durch Spanien vorzubereiten, scheint der Lotse verhängnisvoller Weise mit „ja“ geantwortet zu haben. Das änderte abrupt die Christentums-Politik von Hideyoshi. Als Folge dieses Ereignisses wurden die sechs Franziskaner von Kyôto mit ihren siebzehn japanischen Missionshelfern und irrtümlich auch drei Jesuiten-Brüder, Paul Miki und zwei weitere Japaner, insgesamt 26, zum Tod durch Kreuzigung verurteilt. Die Hinrichtung in Nagasaki am 5. Februar 1597 wurde mit dem nun zehn Jahre alten Edikt Hideyoshis begründet. Sicher hätte die Entwicklung sich damals schon zur allgemeinen Christenverfolgung zugespitzt, wenn ihr nicht der Tod Hideyoshis 1598 zunächst ein Ende gesetzt hätte. Schnell verbreitete sich die Verehrung der 26 Märtyrer in Japan wie auf den Philippinen, in Mexiko und in allen spanischen und portugiesischen Territorien. 1627 wurden sie von Papst Urban VIII. (1623-1644) seliggesprochen; 1862 erfolgte durch Pius IX. (1846-1878) die Heiligsprechung.
Verfolgung und Unterdrückung
Im Zuge seiner Einigungspolitik verbot der neue starke Mann Japans, Tokugawa Jeyasu, der 1603 das Shogunat an sich gerissen und es 1605 seinem Sohn Hidetada anvertraut hatte, den Übertritt von Daimyôs zum Christentum. Seit die Holländer 1609 die Erlaubnis erhielten, in Hirado im Westen von Kyûshû eine Faktorei zu eröffnen, so dass Japans Europa-Handel von Macao und den Portugiesen unabhängig wurde, begann die Kirche, Boden zu verlieren. Fünf Jahre später, am 27. Januar 1614, erließ Jeyasu ein Edikt, das alle Missionare verbannte und die Zerstörung der christlichen Gotteshäuser anordnete. Er war zum betonten Anhänger des Buddhismus geworden und warf dem Christentum vor, seine Gläubigen mehr auf die Priester als auf die weltliche Obrigkeit zu verpflichten. Unmittelbarer Auslöser des Ediktes war das unkluge Verhalten des spanischen Franziskaners Luis Sotelo, der 1613 eine Gesandtschaft des Daimyô von Sendai an König Philipp III. von Spanien organisiert hatte.
In Japan war zu diesem Zeitpunkt bereits eine allgemeine Christenverfolgung in Gang gekommen. Gerade zu dieser Zeit, am 16. Februar 1614, starb der zweite Bischof von Funay, Luis Cerqueira. Die von ihm geweihten sieben japanischen Weltpriester wählten den Provinzial der Jesuiten, P. Carvalho, zum Administrator. Die Gültigkeit dieser Wahl wurde in höchst unkluger Weise von einigen Franziskanern und Dominikanern zu einer Zeit angegriffen, da größte Einigkeit in der Kirche Japans hätte herrschen sollen. Auf Verlangen Jeyasus mussten sich alle Missionare in Nagasaki versammeln und wurden von dort nach Macao oder Manila abtransportiert. Nach Macao emigrierten 33 Priester, 29 Fratres und 55 japanische Katechisten. 30 Jesuiten, je sechs Franziskaner, Dominikaner und Weltpriester sowie ein Augustiner blieben heimlich in Japan zurück. Nach dem Tode Jeyasus (1616) übernahm dessen Sohn Hidetada die Regierung. Er führte die fremdenfeindliche Politik seines Vaters fort und intensivierte die Maßnahmen gegen die „Südbarbaren“. Bis auf Nagasaki und Hirado wurden alle Häfen fremden Schiffen verschlossen. Trotzdem gelang es noch einzelnen verkleideten Missionaren, das Inselreich zu betreten und die Seelsorge unter den treu gebliebenen Christen fortzusetzen.
Der nächste Shogun, Tokugawa Jemitsu, verschärfte die Verfolgung nochmals. Er ersann perfide Todesarten, um die Christen zum Abfall zu bringen. Durch Spione und Geldprämien wurden sie überall aufgespürt. Mindestens 4.000 Gläubige erlitten das Martyrium durch Verbrühen in kochenden Schwefelquellen oder durch Aufhängen an den Füßen in einer Grube, wo der Blutandrang im Kopf ein bis zu einer Woche sich hinziehendes, qualvolles Sterben bewirkte; in bequemer Reichweite hing ein Glöckchen, dessen Ziehen, gleichbedeutend mit Abfall vom Christentum, genügte, um von der Folter befreit zu werden. Verbunden mit hermetischer Abschließung nach außen – auf Einfuhr christlicher Bücher stand die Todesstrafe; auf der Südinsel Kyûshû wurden Tag und Nacht die Küsten von Kontrollstationen überwacht – war ein konsequentes Spitzelsystem im Innern: Häuserblocks zu je fünf Familien hatten sich gegenseitig zu überwachen. Wurde in einem Block ein Christ entdeckt, ohne dass die Anzeige vom Block ausging, wurden alle Bewohner zum Tode verurteilt. Seit 1640 musste jeder Japaner an einem Tempel des Landes registriert sein. Speziell in Nagasaki, dem früheren katholischen Zentrum, hatte die gesamte Bevölkerung jährlich einen Schmähritus zu vollziehen, und zwar ein Kreuz bzw. Bilder von Christus und Maria mit Füßen zu treten, das sogenannte Fumie.
Durch Verfolgung und ungerechte Steuern zur Verzweiflung getrieben, flüchteten die Christen der Halbinsel Shimabara im Westen von Kyûshû, etwa 37.000 Personen, nach Hara, um sich bewaffnet gegen ihre Unterdrücker zu verteidigen. Den Christen schlossen sich verarmte Bauern und heruntergekommene Samurais an. Das Zentrum des Aufstandes, die Burg von Shimabara, konnte von der Shogunatsarmee erst erobert werden, als man allen Nicht-Christen unter den Aufständischen eine Amnestie zusagte. Nach langer Belagerung erfolgte im April 1638 der Generalsturm der Soldaten des Shoguns. Es folgte ein Massaker. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder, die nicht abschwören wollten, wurden niedergemetzelt. Seit diesem Massaker spielten die Christen im öffentlichen Leben Japans keine Rolle mehr.
Japan schloss sich nun hermetisch von der Außenwelt ab. Schon 1623 waren die Spanier und Engländer vom Handel in den letzten offenen Häfen verdrängt worden. 1639 erhielten auch die Portugiesen ein Handelsverbot. Nur die Holländer durften in Deshima bei Nagasaki unter strengsten Auflagen auch weiterhin Waren austauschen. Überall im Lande ging unterdessen die totale Ausrottung der letzten überlebenden Gläubigen weiter; noch in den 60er Jahren wurden in Bungo und in Higo Christen aufgespürt. Was damals geschah, war letztlich eine zutiefst misstrauische Reaktion gegen die europäische Kultur. Japan vergewisserte sich seiner Identität als Land der „Kami“, der Götter des Shintoismus und des Gesetzes des Buddha.
Trotzdem, als nach der erzwungenen Öffnung des Inselreiches seit Mitte des 19. Jahrhunderts französische Missionare wieder nach Nagasaki kamen, begegneten sie im Laufe der Zeit fast 20.000 Christen, die ihren Glauben heimlich behalten hatten und deren Gemeinden von drei Laienämtern zusammengehalten worden waren: Ältesten, Täufern und Katechisten. Skulpturen der „Kannon“, der buddhistischen „Göttin der Barmherzigkeit“, hatten sie als Ersatz für die ihnen verbotenen Marienstatuen verehrt. Meist hatten sie dann auf dem Boden oder der Rückseite der Figur ein kleines Kreuz eingeritzt, um so aus einer buddhistischen „Kannon“, der „Großen Mutter“, eine christliche „Maria“ zu machen, die gütige Frau und Beschützerin, die ihnen in der Zeit der Verfolgung als Patronin zur Seite stand. Über 250 Jahre lang haben sie im Untergrund in der Marienverehrung Halt gefunden.
Es gab unter den Christen eine Prophetie, dass in der siebten Generation nach Beginn der Verfolgung vom Papst gesandte Priester mit einer Marienstatue nach Nagasaki kommen würden und die Verfolgung dann ein Ende hätte. Am 17. März 1865 wagten einige christliche Frauen aus dem Untergrund zum ersten Mal, das von den ins Land gekommenen französischen Missionaren errichtete Gotteshaus in Urakami bei Nagasaki zu betreten. Sie vergewisserten sich, tatsächlich eine katholische Kirche gefunden zu haben, indem sie nach der Marienstatue Ausschau hielten. Erst dann gaben sie sich als Christen zu erkennen, indem sie dem Priester sagten: „Unser aller Herz ist eins mit dir.“
Ausführlich zum Thema: Johannes Meier: „Bis an die Ränder der Welt. Wege des Katholizismus im Zeitalter der Reformation und des Barock“. Münster 2017