Martin Wöhrl: Domino

Vernissage of the exhibition with works by Martin Wöhrl

As part of the event "Martin Wöhrl - Domino", 04.05.2017

Domino lautet der Name eines Legespieles, bei dem Spielsteine in unzähligen Kombinationen abgelegt werden können. Domino aber ist auch eine Deklinationsform von lateinisch Dominus für Gott, der Herr. Als Dativ- oder Ablativform hieße es dem oder mit dem Herrn, und würde somit eine Besitz- oder eine Ortsangabe beschreiben. Im Falle der Katholischen Akademie als Ausstellungsort könnte beides zutreffen, die vielzähligen Kombinationsmöglichkeiten der Exponate gibt ebenfalls der anderen Bedeutung Raum.

Martin Wöhrl zeigt in seiner Ausstellung „Domino“ insgesamt sieben Werkgruppen aus den Jahren 2009 bis 2017, in denen er sich mit einem sakralen Kontext auseinandersetzt.

Fünf überdimensionierte Weizenähren („Feld“, 2015) stehen in einer lockeren Gruppe auf dem Rasen. Die etwa vier Meter hohen Ähren sind individuell gestaltet und verschieden farbig gefasst. Auf dem domestizierten Rasen in direkter Nachbarschaft zum Schlösschen Suresnes wirken sie zunächst fremd. Gleichzeitig geht von den künstlichen Ähren aber auch eine Selbstverständlichkeit aus, wachsen sie doch scheinbar unmittelbar aus dem Boden heraus und handelt es sich bei ihnen um von heimischen Getreidefeldern bekannte Pflanzen. Es werden unwillkürlich Assoziationen mit der christlichen Symbolik wach: Reife Ähren als Symbol des Segens und Bild für von Gott geschenkten Reichtum sowie der Weizen für Tod und Auferstehung. Martin Wöhrl adaptiert die natürliche Gestalt der Ähren, aber er definiert die Ähre als autonome Skulptur. Er löst das traditionelle Bildmotiv der Ähre von ihrer Funktion als Beiwerk und Schmuck für sakrales Gerät, indem er die Ähre an sich darstellt. Die Ähren von Martin Wöhrl haben sich als farbige Großskulptur von ihrem natürlichen und von ihrem sakralen Vorbild emanzipiert und erhalten durch ihre Kontextverschiebung und künstlerische Inszenierung neue Inhalte. Dabei ist den Arbeiten eine Dialektik von Handwerk und Kunstwerk inhärent. Als Naturpflanze und als Motiv des religiösen Brauchtums haben Ähren auf die Lebensweise von Menschen Einfluss genommen.

„DJ Strohhalm“ (2009) und „Spooky“ (2009) sind die Namen von zwei mächtigen Engelsfiguren. Martin Wöhrl hat diese überlebensgroßen geflügelten Figuren geschaffen, abstrahierte Darstellungen der himmlischen Wesen wie sie auch von Weihnachtsdekorationen bekannt sind. Es handelt sich um die aus gebogenen Metallstangen hergestellte überdimensionierte Kopie des beliebten, aus Strohhalmen in Handarbeit gefertigten Engelsschmucks. Martin Wöhrl zitiert damit einen kunsthandwerklichen Gegenstand, indem er ihn erneut in Material und Größe verändert. Er adaptiert dabei die häufig verwendete Gestalt des Engels, die selbst eine abstrahierte Darstellung dieses überirdischen Wesens bildet.

Auch in diesen Skulpturen thematisiert Martin Wöhrl die Verknüpfung von Gestalt und Oberfläche mit ihren Vorstellungswelten. Immer wieder zitiert er Gegenstände und Objekte, denen er durch formale Veränderungen in Größe, Materialität oder Gestalt eine neue Funktion und Inhaltlichkeit verleiht, und diese Umsetzung ist bei all ihrer Präzision und Ernsthaftigkeit doch immer auch von ironischer Leichtigkeit geprägt.

Martin Wöhrl verwendet für seine Arbeiten häufig einfache Hölzer wie Pressspan, Furnierhölzer oder Resthölzer. Seine Buchstabenarbeit „A & O“ (2009) ist aus alten Türblättern entwickelt. Das an einem Gestell angebrachte und  frei stehende Motiv in gotisierender Schrift erinnert an Reklameschilder. Der Schrift-Anachronismus steht für Traditionsreichtum und bleibende Werte und bildet eine adäquate Folie für seine inhaltliche Bedeutung des Allumfassenden.

Eine weitere Gruppe, die sich mit Dekorum beschäftigt, bilden die großformatigen strahlenförmigen Wandobjekte, die Martin Wöhrl mit „Gloriole“ (2016) oder „Sternla“ (2006-2017) betitelt. Der Begriff Gloriole bezeichnet einen Strahlenkranz, und tatsächlich erscheinen die aus Holzresten gefertigten und unterschiedlich farbig gefassten Objekte wie überdimensionierte Strahlenkränze, wie sie im Barock in Goldfassung hinter den Köpfen von Heiligen befestigt wurden.

„Cover“ (2017) ist eine Serie von quadratischen abstrakten Bildern. Bei genauem Hinsehen erkennt man alte Plattenhüllen, deren Bildern und Texte von Martin Wöhrl übermalt und bearbeitet wurden. Es entstanden gleichsam „Hommages to the Sqare“, die an Minimal Art oder Neo Geo erinnern.

Ein anderes Quadrat von Martin Wöhrl ist seine Betonarbeit „Ohne Titel“ (2017). Wie vier aneinandergefügte Kacheln ergibt sich eine Wandarbeit, deren Fugen ein Kreuz bilden. Das Material Beton ist eine logische Weiterführung der von Martin Wöhrl benutzen poveren Baumaterialien und bildet gleichermaßen Verweise auf künstlerische Vorbilder.

Immer haben die Arbeiten von Martin Wöhrl zu tun mit den Inhalten von Kunst und Alltag, Stil und Wert, Form und Oberfläche sowie Intention und Projektion. Betrachtet man die Gesamtheit seiner Arbeiten, dann erkennt man ihren Facettenreichtum, aber auch ihre Stringenz im Prozess: die Dekonstruktion, Re-Inszenierung und Kontextverschiebung.

Martin Wöhrl ist interessiert an Lebensbedingungen und -zusammenhängen, die immer auch bestimmt sind von Kultur, Architektur, Mobiliar, Kunst, Film oder Musik. Er analysiert und benennt in seinen Arbeiten diese Kontexte und Traditionen und führt den Rezipienten visuelle und atmosphärische Bestandteile ihres eigenen Lebensraumes vor.

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