Warum bleibt mir die Tankstelle, als wäre sie von Michelangelo?

Ausstellung mit Bildern von Martin Gensbaur

As part of the event "Martin Gensbaur – Vernissage", 13.09.2016

Thomas Raff: Meine Damen und Herren, ich bin ganz gerührt, wie viele Besucher gekommen sind. So viele, dass nicht einmal die Stühle gereicht haben. Das ist bei Ausstellungseröffnungen nicht so regelmäßig der Fall; sagen wir es einmal so. Ich freue mich umso mehr. Ich freue mich auch für Martin Gensbaur, dass so viele Menschen Interesse an seiner Kunst haben. Diese Ausstellung hat einen sehr schönen Titel: „Warum bleibt mir die Tankstelle, als wäre sie von Michelangelo?“ Ihnen wird dieser Vers, vermute ich, bis dahin unbekannt gewesen sein. Ich will meine Unbildung nicht zum Maßstab Ihrer Bildung machen, aber ich habe davon nie gehört. Es hat mich auch ein bisschen gewundert, weil ich Martin Walser eigentlich nicht als Dichter kenne, sondern als Prosaiker. Ich habe mir gedacht, ich lese Ihnen dieses Gedicht vor. Es ist nicht sehr lang und es hat, glaube ich, mehr als diese eine Zeile mit den Arbeiten von Martin Gensbaur zu tun. Das Gedicht heißt „Heimweh nach Amerika“ und lautet:

 

„Wer erklärt mir mein Heimweh nach Amerika?

Wie muss der Ton beschaffen sein,

der von hier bis Texas reicht und so lange hält

wie dort der schöne Himmel?

Wohin mit den zierlichen Eichen, den Zedern, den unzähligen,

die mir im Kopfe nachgewachsen sind?

Warum bleibt mir die Tankstelle,

als wäre sie von Michelangelo?

 

War es die entschiedene Hitze?

Waren es die immer zum Horizont reichenden Straßen?

Waren es die gelben Schmetterlinge, die am Sonntag

den Feldweg besetzt hielten in Vermont?

War es die Orange aus dem Texas-Tal?

Das Pfannkuchen-Haus an der Autobahn

oder der Dampflaut der Lokomotive?

 

Vielleicht bin ich anfällig für schönes Wetter.

Vielleicht bin ich im faltenreichen Gewand der Freiheitsfigur

auf den sonnigsten Bug gerutscht.

Vielleicht hat das meiste die Entfernung von hier getan.

 

Amerika ist, glaube ich, wo sich sonst noch keiner gewiss ist.

Denk, Amerikaner kann man werden.

Europa ist, glaube ich, eine sich überschätzende Bildungskultur.

Könnte mein Heimweh nach Amerika ein Heimweh sein

nach der Zukunft?“

 

Soweit Martin Walser mit dem Gedicht, aus dem die Zeile stammt, die den Titel dieser Ausstellung bildet.

Ich kenne den Maler Martin Gensbaur schon sehr lange. Und wenn ich überlege, was wir an Ausstellungen zusammen gemacht haben, fällt mir eine Regelmäßigkeit auf, die mich geradezu verblüfft. Es hat immer etwas mit Dezennien zu tun: Meine erste Ausstellungseröffnungsrede für ihn habe ich 1996 in Dießen am Ammersee gehalten, als er noch gar nicht in Dießen gewohnt hat. Meine zweite Ausstellung mit ihm war 2005 in Dießen, wohin die Familie Gensbaur inzwischen gezogen ist, und nun 2016 in München, wo Martin Gensbaur geboren ist, wo er Kunsterzieher ist und wo er Kunstlehrer ausbildet. Eine merkwürdige Regelmäßigkeit, wie wenn wir es abgesprochen hätten; was wir übrigens nicht getan haben. Und diese Regelmäßigkeit – sonst würde ich sie vielleicht gar nicht erwähnen – passt tatsächlich sehr gut zu Martin Gensbaur, in dessen Leben Regelmäßigkeit eine ganz unglaubliche Rolle spielt. Sehr eindrucksvoll, sehr konsequent, sehr wenig abgelenkt vom Wirbel der Zeiten. Das Schicksal hat ihm manchmal ein bisschen dazwischengewirbelt, aber insgesamt hat er sich doch sehr bemüht, das Gleichmäßige zu tun. Das bringt sein Beruf und seine Familie auch ein bisschen mit sich, aber in seiner Arbeit zeigt sich das auch. Diese Arbeit ist unglaublich konsequent und mühselig in ihrer Regelmäßigkeit. Darauf kommen wir nachher im Gespräch noch zu sprechen.

Martin Gensbaur ist sehr gut in der Lage, über seine Kunst zu sprechen. Er hat darin sehr viel Routine, so viel, dass ich mir gedacht habe, es wäre vielleicht geschickter, mit ihm zu reden als über ihn. Das habe ich jetzt vor und bitte dich, lieber Martin, an diese Mikrophone. Zuerst zum titelgebenden Zitat. Wie ist es denn zu diesem Titel gekommen?

 

Martin Gensbaur: Wir hatten im November letzten Jahres eine Ausstellung bei uns. Wir haben eine kleine „Galerie“, also eigentlich meine Werkstatt, als Vorstellungsraum …

 

Thomas Raff: … sehr empfehlenswert …

 

Martin Gensbaur: … genutzt. Da kam Bärbel Holländer, die heute auch da ist, in die Ausstellung und hat gesagt, sie kenne da ein Gedicht, das passe einfach zu meinen Bildern! Ich war sofort angetan, und du, liebe Bärbel, hast dir sogar die Mühe gemacht, das abzuschreiben. Das hing dann eine ganze Weile bei uns in der Küche und ist uns dann zugewachsen als Titel für diese – ja, die Ausstellung war damals noch nicht geplant –, für diese Bilder.

 

Thomas Raff: Unglaublich toller Satz. Man kann sich denken, dass der Name Michelangelo in diesem Zusammenhang nicht deshalb fällt, weil die Bilder ausschauen, als wären sie von Michelangelo gemalt. Man muss sich wohl eher fragen: Wofür steht der Name Michelangelo im Zusammenhang mit diesem Gedicht, aber auch vielleicht ohne Zusammenhang mit diesem Gedicht? Das Gedicht selber bietet die Antwort, nämlich, dass Michelangelo für die sich überschätzende Bildungskultur in Europa steht. Wahrscheinlich gar nicht er selber, sondern seine Rezeption. Die Frage ist, wie sähe eine Tankstelle aus, wenn Michelangelo sie gemalt oder gar gebaut hätte? Er wusste ja nicht, was eine Tankstelle ist. Eher wäre die Frage interessant, was Michelangelo über echte Tankstellen oder auch über gemalte gesagt hätte. Hast du Vorstellungen, wie Michelangelo reagieren würde, wenn er vor diesen Bildern stehen würde?

 

Martin Gensbaur: Du fragst mich jetzt Sachen… Dass ich natürlich ein starkes Verhältnis zur italienischen Kunst habe, das merkt man, glaube ich, und ich finde es sagenhaft, dass Sigrid Braunfels-Esche hier ist. Ohne das wunderbare Buch ihres Mannes Wolfgang Braunfels hätte ich die italienische Kunst nie so verstanden, wie ich sie verstehe. Ich meine, das heißt noch lange nicht, dass ich jetzt die Zeit zurückdrehen und mir vorstellen könnte, wie eine Michelangelo-Tankstelle ausschauen würde. Sicher, das Motiv des Atlanten finden wir auch in der Renaissance, und ich glaube, Michelangelo wäre da sehr offen gewesen. Ich denke…

 

Thomas Raff: … ich will dich nicht in Verlegenheit bringen …

 

Martin Gensbaur: … nein, nein, ich denke einfach …

 

Thomas Raff: … die Frage hat etwas Blödes, aber es steckt schon ein Gedanke dahinter …

 

Martin Gensbaur: … ich glaube, es hätte ihn interessiert.

 

Thomas Raff: Die Frage nach dem Schönen im Hässlichen ist ja eine, die sich sehr stark durch die gesamte westliche Kultur zieht, und da stehst du, glaube ich, in einer klassischen Tradition. Es ist ja erstaunlich, was bildende Künstler, namentlich Maler, vor allem Maler, alles für darstellungswürdig empfunden haben, und was wir im Rückblick auch alles als schön empfinden, wenn wir es gemalt sehen: aufgeschlitzte tote Ochsen, würfelspielende Bettelkinder, banale Stillleben mit kaputten Büchern, gemarterte Heilige, Gekreuzigte. Das sind alles keine schönen Themen. Aber wir sind es gewöhnt, in unserer Kultur diese Kunstwerke mit zweierlei Blick zu sehen, nämlich den Blick auf die Sache, die gemalt ist, und den zweiten Blick auf die Kunst, wie es gemalt ist. Und da, glaube ich, sind wir dann doch, Michelangelo oder nicht, sehr nahe bei deinen Bildern. Denn es sind sich ja wahrscheinlich alle weitgehend einig hier, der Künstler inklusive: So wahnsinnig schön sind solche Tankstellen nicht. Das ist wohl nicht das Auswahlkriterium gewesen, aber du darfst auch widersprechen.

 

Martin Gensbaur: Man muss dazu sagen, dass ich vor dem Motiv arbeite. Also, ich mache das nicht nach Fotos, sondern ich gehe wirklich an den Ort. Das sind jetzt keine Stellen, an denen der normale Tourist einen Liegestuhl auspacken und seinen Urlaub verbringen würde, und trotzdem ist noch nie jemand an meiner Staffelei vorbeigegangen und hat nicht gesagt, dass diese Bilder schön sind. Gerade die Italiener sagen, „bello“, was mich manchmal verblüfft.

 

Thomas Raff: Ja, das ist eben das Witzige, da sagen sie „bello“, weil sie es auf dem Bild sehen, obwohl sie sich wahrscheinlich die Tankstelle unter dem ästhetischen Aspekt noch nie angeschaut haben.

 

Martin Gensbaur: Wahrscheinlich nie!

 

Thomas Raff: Und gibt es eine Frage, die hat Martin Gensbaur auch schon selber schriftlich gestellt. Die wird, glaube ich, demnächst auch als Buch herauskommen: Warum muss man so etwas malen? Die Frage ist ein bisschen wie: Es passieren Dinge im Leben, aber muss man die dann auch noch malen? Das ist natürlich eine Frage, zu der du schon aufgefordert bist, eine Antwort zu geben.

 

Martin Gensbaur: Ich hoffe, dass die Bilder eine Antwort geben.

 

Thomas Raff: Jetzt mach’s dir aber nicht zu einfach, weil man sonst gleich sagen kann, wir brauchen nichts reden, man sieht die Bilder, und man soll über Kunst nicht reden, sondern sie anschauen.

 

Martin Gensbaur: Vielleicht kann ich es doch einmal kurz erklären. Ich fahre regelmäßig und seit langem in die Toskana – und Toskana und Malerei, da gibt es ganz schnell den Vorwurf, dass man Ansichtskarten malt, oder dass man irgendwie in einem Klischee hängen bleibt. Und jetzt muss ich sagen, dass es vielleicht wirklich der Trotz ist, dass ich dagegen ankämpfe, dass ich sage, ich will jetzt garantiert nicht die Toskana liefern, die man sich wünscht.

 

Thomas Raff: Das ist schon interessant: quasi eine Toskana-Verhinderungsmethode.

 

Martin Gensbaur: Das könnte vielleicht sein.

 

Thomas Raff: Ich empfinde übrigens Trotz als einen ganz wesentlichen Impuls, Kunst zu machen. Das war vielleicht bei Michelangelo auch so, denn einige seiner Werke waren doch sehr trotzig gegen die damalige Ästhetik.

 

Martin Gensbaur: Na ja, im Unterschied zu mir hatte er Auftraggeber und zwar ziemlich potente …

 

Thomas Raff: … aber mühselige!

 

Martin Gensbaur: Heutzutage malt der Maler zunächst einmal für seinen Schrank zuhause.

 

Thomas Raff: Ja, vor allem der Maler Martin Gensbaur. Es ist nicht ganz leicht, von ihm ein Bild zu erwerben, muss ich sagen. Sie stehen schon zum Verkauf, aber es ist ein bisschen wie der Kampf mit dem Engel, bis man das Bild wirklich kriegt.

 

Martin Gensbaur: Dann freut man sich umso mehr!

 

Thomas Raff: Ich möchte noch betonen wie mühselig so ein Gemälde entsteht. Wahrscheinlich würde jeder naive Betrachter – und naiv würde ich jeden nennen, der sich nicht mit dem Künstler speziell befasst hat – sagen: Na ja gut, da hat er ein Foto gemacht, und dann ist er ins Atelier gegangen und hat das Foto abgemalt. Dem ist aber nicht so. Der Mann sitzt, nein, er steht mit seiner Staffelei vor dem Motiv. Diese Tankstellen wirken alle völlig einsam, verlassen. Sie sind aber gar nicht verlassen, sondern nur das Bild zeigt sie verlassen. Hinter ihnen brausen die Lastwagen vorbei, einer fährt den Künstler auch ab und zu fast um, weil er tanken will. Das lässt Martin Gensbaur alles weg auf seinen Bildern. Was er aber braucht – das macht man sich heute gar nicht mehr klar – er braucht immer das gleiche Licht. Er kann also nicht einen ganzen Tag da stehen, denn im Lauf des Tages hat diese Tankstelle völlig unterschiedlichen Schattenwurf. Das bedeutet, er geht da jeden Tag wieder hin, ungefähr um die gleiche Zeit, und er malt. Kann man sagen, wie lange das Malen der Bilder dauert?

 

Martin Gensbaur: Das hängt davon ab. Manchmal ist auch auf der Leinwand schon ein anderes Bild drunter, das ich dann übermale.

 

Thomas Raff: Schön für spätere Restauratoren.

 

Martin Gensbaur: Sagen wir einmal, über den Daumen gepeilt, eine Woche. Aber das kann man nicht so pauschal sagen. Es geht manchmal schneller, und manchmal dauert es länger.

 

Thomas Raff: Ich weiß nicht, ob ich mich mit so einer Stelle, die ich schon nicht besonders anheimelnd finde, und die dann auch noch so umbraust ist von Verkehr und anderen unangenehmen Dingen, so intensiv auseinandersetzen würde, wie man das in der früheren Kunst auch gemacht hat, wie man den Objekten, an denen man monatelang saß, um zum Beispiel irgendein großes Schlachtenbild zu malen. Denn: So eine lange Schlacht gibt es gar nicht, wie der Maler braucht, sie zu malen. Ich glaube und hoffe, dass es beim genaueren Betrachten dieser Bilder auch herüberkommt, dass es keine Schnappschüsse sind, sondern das pure Gegenteil. Es sind – jetzt darfst du mir auch wieder widersprechen, wenn du Lust hast –Meditationen vor Hinterlassenschaften des Menschen, über deren Schönheit man sehr geteilter Meinung sein kann.

 

Martin Gensbaur: Ich bin mit diesem, wie Cézanne es genannt hat, „sur le motif“ mittlerweile gar nicht mehr so alleine. Zum Beispiel hat David Hockney vor kurzem erst eine ganze Serie ausgestellt, in der er riesige Leinwände in seinen „Van“ einlädt und wirklich vor dem Motiv malt, wo man sich auch fragt, warum macht er das. Es ist tatsächlich so: Heute gibt es junge Maler, jüngere als ich, die zugeben, sie brauchen diese Herausforderung vor dem Motiv.

 

Thomas Raff: Also, die Idee, dass der Neue Realismus im Jahr 2011 erfunden worden ist, hat etwas Rührendes, wenn wir dieses Denkmal des Realismus hier vor uns stehen sehen. Martin Gensbaur hat, wenn ich mich recht erinnere, nie gegenstandslos gemalt, oder?

 

Martin Gensbaur: Kann ich nicht.

 

Thomas Raff: Kann er nicht, das muss man sich einmal vorstellen… Kann er nicht! Also, es ist nicht so, dass er sein Leben lang, oder auch nur die letzten 30 Jahre lang nur Tankstellen gemalt hätte. Es gab aber immer Serien, immer ein Thema, so dass er ganze Ausstellungen damit gefüllt hat. Ich glaube, die erste, die ich eröffnet habe, zeigte nur Bäume, Baumstämme genauer gesagt. Dann gab es eine mit schlichter Architektur in Naturumgebung, was ich dann auf meinen Reisen immer wieder gesehen habe: Oh, ein gebauter Gensbaur, schau hin! Und dann kamen eben diese „Piazze d’Italia“. Hier im Saal an der Stirnwand hängen zwei Beispiele, wie man eben in Italien heute baut, wenn man Wohnraum schaffen will: Man lässt die alten Häuser verfallen – das hat er nicht gemalt -, man baut neue, und die werden gerne rot angestrichen. Es gab die Serie, die hieß wohl auch so …

 

Martin Gensbaur: … ja, „Palazzi Rossi“.

 

Thomas Raff: Und wie er die in den Blick nimmt, gegen viele Regeln! Gegen alle, will ich nicht sagen. Martin Gensbaur kennt die Regeln der europäischen Malerei ziemlich gut, aber er übersieht auch manche.

 

Martin Gensbaur: Ja, meine Besucher haben oft etwas mit dem Vordergrund zu kämpfen…

 

Thomas Raff: … genau …

 

Martin Gensbaur: … ich weiß es, das weiß ich.

 

Thomas Raff: Der Blick in die Tiefe ist ein klassische Motiv. Es gehört dazu, wie das Amen in der Kirche, dass dieser Blick umrahmt wird durch zwei Vordergrundstaffagen, seien es Menschen, aber vor allem Bäume …

 

Martin Gensbaur: … Claude Lorrain …

 

Thomas Raff: … ja, Claude Lorrain, sagt man immer. Das ist der Namhafteste, aber er hat Maßstäbe gesetzt, die so heftig waren, dass man hinterher Parks neu angelegt hat, damit sie ausschauen wie Bilder von Claude Lorrain.

 

Martin Gensbaur: Jetzt muss ich dich unterbrechen. Eine Freundin hat mir aus Follonica geschrieben: Martin, du musst kommen, sie bauen die Stadt jetzt nach deinen Bildern um! Das hat …

 

Thomas Raff: …super! Was die Kunst kann!

 

Martin Gensbaur: … das hat mir echt gefallen.

 

Thomas Raff: Es ist natürlich eine Absicht hinter seiner Technik. Der Vordergrund ist dermaßen öde, dass man jede Lust verliert, dort hinzugehen, weil man sagt, ich komme überhaupt nie an. Und das ist ja genau der Grund, warum die Vordergrundstaffagen da sind, nämlich um den Betrachter in das Bild hineinzuführen: Da sind schon welche. Auch bei Caspar David Friedrich steht schon einer, der schaut schon so …

 

Martin Gensbaur: Darf ich dich noch einmal unterbrechen?

 

Thomas Raff: Aber immer!

 

Martin Gensbaur: Da vorne rechts bei den „Palazzi rossi“ sind die „bidoni“, die Mülltonnen. Die wollte ich weglassen.

 

Thomas Raff: Aber auch diese Tankstellen, die wir jetzt vor uns haben, sind ja sehr konstruiert. Wo ist der Blickpunkt, der Augenpunkt des Malers? Das sucht er sich ja heraus. Er kann sich zwar nicht überall hinsetzen, weil der Verkehr rauscht, aber es gibt natürlich schon mehrere Möglichkeiten, so eine Tankstelle ins Bild zu setzen. Was wären da Kriterien? Es wird ja nicht ganz von jetzt auf nachher gehen, wenn man dann tagelang sitzt.

 

Martin Gensbaur: Da musst du mal die Ulli, meine Frau fragen. Also, ich trag die Bilder halbfertig heim. Dann stehen sie auf dem Balkon und müssen trocknen. Und dann wird geschoben. Es ist nicht so, dass das sofort feststeht. Das ist schon ein Ringen, bei dem ich etwas nach oben schiebe oder auch nach unten, oder versetze. Das ist ein Modellieren, ein Herausmodellieren, und insofern steht der Betrachter-Standpunkt immer erst hinterher fest.

 

Thomas Raff: Was mir noch aufgefallen ist: Menschen gibt es auf den Bildern nicht, aber Martin Gensbaur hat auch Menschen gemalt. An ganz eindrucksvolle Badende erinnere ich mich gerade. Menschen sieht man auf diesen Bildern also nicht. Das ist natürlich eine Aussage, denn es sind ja alles Funktionsgebäude, die von Menschen und für Menschen gebaut worden sind, aber irgendwie sind die Menschen noch nicht einmal durch ihr Auto vertreten, was ja bei einer Tankstelle naheliegend wäre: Das Auto steht an der Tankstelle, der Autofahrer zahlt gerade und schaut, dass ihm die Reifen nicht geklaut werden inzwischen. Das ist ja in Italien ein spannendes Thema. Aber was zu sehen ist, entspricht das der Wirklichkeit dieser Tankstelle? Die Landschaft drückt oft erstaunlich klassisch in diese Tankstellen hinein, Schirmpinien oder Palmen, übrigens auch kaputtgegangene Palmen, sehr eindrucksvoll, auch eine Pinie, die mit dem Dach dieser Tankstelle geradezu kämpft. Jeder Fotograf würde einen anderen Blickpunkt suchen, damit man die Schirmpinie besser sieht. Immer die Landschaft, mit diesem realistischen Gebäude, das ist keine Erfindung. Aber es erinnert uns plötzlich an die antiken Aquädukte oder ans Kolosseum und steht farblich in diesem spannenden Kontrast zu der Tankstelle. Alle Tankstellen liegen mehr oder weniger in der Umgebung von eurem italienischen Wohnsitz …

 

Martin Gensbaur: … ja, genau…

 

Thomas Raff: …das muss man sich vorstellen: Der Mann grast die Gegend ab nach hässlichen Tankstellen, die er dann zu schönen Kunstwerken verarbeitet. Das muss man erst einmal schaffen. Die Frage, warum man das malen muss, hat ja zwei Richtungen. Die eine sozusagen an den Maler, warum musst du das malen, und die andere an den Betrachter: Was habe ich davon, wenn er das malt? Das erste musst du selber beantworten. Ich fange mit dem zweiten an, weil es mir auf der Seele liegt. Was haben wir von solchen Bildern? Ich habe davon, dass ich, seitdem ich Bilder von Martin Gensbaur sehe, Einfahrten in Städte oder andere missliche Situationen anders wahrnehme. Es ist wirklich so. Ich komme ganz oft wohin und sage, ah, das tät jetzt der Martin malen. Das heißt dann zugleich, die Stelle ist ziemlich hässlich, aber aus der ließe sich etwas machen. Und das empfinde ich schon als eine große Bereicherung.

Achten Sie einmal darauf, wenn Sie in eine fremde oder fast noch mehr in die eigene Stadt fahren, was Sie alles mit Absicht oder so halbabsichtlich übersehen, weil es so hässlich ist, und sich einfach auf die Frauentürme am Horizont konzentrieren. Es ist ja vernünftig, dass wir ganz viel von dem, was wir sehen, übersehen, denn sonst werden wir ja verrückt, und uns bewusst oder halbbewusst heraussuchen, was wir sehen wollen. Und diese Bilder von Martin Gensbaur haben mir eben gezeigt: Stellen, an denen man sonst eigentlich nur verzweifelt und sagt nix wie weg, werden anders gesehen. Das finde ich übrigens sehr oft: Kunst hat mich gelehrt, meine eigene Wirklichkeit anders zu sehen. Dafür bin ich dankbar. Noch kein Schlusswort! Jetzt kommt nämlich: Was hat der Künstler davon?

 

Martin Gensbaur: Es geht genau um das, was du sagst, und ich bin froh, dass du das so siehst. Es geht um das Einblenden. Nicht um das Ausblenden, sondern um das Einblenden. Ich meine, dass man das Anliegen hat, sehen zu lehren. Das ist sicher auch ein Auftrag, den die Malerei, sofern dieses Medium überhaupt eine Zukunft hat, in Zukunft hat.

 

Thomas Raff: Ja. Ja, das war jetzt so in Klammern gesagt. Es ist ja schon auffällig: Wenn Sie auf die Biennale in Venedig gehen, müssen Sie lange suchen, bis Sie ein Gemälde finden. Alles Mögliche findet man da … Aber, was mich noch interessieren würde: Könnte man versuchen, deine Bilder quasi als gegenstandslos zu sehen? Also, sie zeigen Gegenstände, die aber weitgehend in Formen aufgelöst sind. Siehst du da drin sowas? Nein?

 

Martin Gensbaur: Nein…

 

Thomas Raff: Wahnsinn. Ich dachte, dass man sagen könnte, dass der Gegenstand durch die Hintertüre wieder hereinkommt.

 

Martin Gensbaur: Nein. Also, für mich ist es wirklich gegenständlich. Ich sehe da eine Tankstelle, ich mache da nicht eine weiße Fläche.

 

Thomas Raff: Ja, und er macht auch nichts dazu, sondern er lässt höchstens etwas weg.

 

Martin Gensbaur: Ich vereinheitliche, ich fasse zusammen. Ich muss nicht alles sagen und alles malen, aber ich kann nicht ohne das Gegenüber arbeiten.

 

Thomas Raff: Das finde ich eben das Spannende, dass ein Künstler sagt, ich brauche ein Gegenüber. Cézanne hat das in extremer Form gesagt: Sonst fällt mir nichts ein; nur aus meinem eigenen Kopf kann und will ich nicht.

 

Martin Gensbaur: Du weißt ja, „von der Wirklichkeit ermöglichte Erfindungen“, wie Martin Walser im Vorwort zu seinen Ehen in Philippsburg sagt. Von der Wirklichkeit ermöglichte Erfindungen“ ist der Titel der z.Zt. im Venio gezeigten Ausstellung meiner Arbeiten mit Fotografie von Myriam Tirler (Paris) und auch Titel der Schriftenreihe DAS KUNSTFENSTER Nr.2. Ohne Wirklichkeit geht es bei mir nicht.

 

Thomas Raff: Ja. Ich möchte es eigentlich dabei belassen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und genießen Sie die Ausstellung.

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